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Merci auch, Neandertaler! Dein Erbgut macht uns anfälliger für Sucht und Depression

Liebeleien zwischen Mensch und Neandertaler hinterliessen Spuren im Erbgut moderner Europäer. Heute macht die Fremd-DNA manchen anfälliger für eine Nikotinsucht oder Depressionen, berichten Forscher.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Viel ist es nicht, was der Neandertaler in unserem Erbgut hinterlassen hat – das wenige aber hat es in sich. Das Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, werde ebenso von Neandertaler-Erbgut beeinflusst wie das für Depressionen, berichten Forscher im Fachmagazin «Science».

Die originalgetreue Nachbildung eines Neandertaler-Skeletts, rechts, und das Knochengeruest eines modernen Menschen zeigt das 'Museum of Natural History' in New York am 8. Jan. 2003. Die vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler sind einer Studie zufolge schneller gewachsen als moderne Menschen. Die Ureinwohner Europas seien bereits mit 15 Jahren ausgewachsen gewesen, erklaerte Fernando Ramirez Rozzi vom Pariser Forschungsinstitut CNRS, wie am Mittwoch, 28. April 2004, gemeldet wurde. (AP Photo/Frank Franklin II)

Im Hintergrund die Nachbildung des Skeletts eines modernen Menschen, im Vordergrund das eines Neandertalers im Museum of Natural History in New York.
Bild: AP

Corinne Simonti von der Vanderbilt University in Nashville haben Erbgut- und Krankheitsdaten von 28'000 Patienten europäischer Herkunft analysiert, die für das Electronic Medical Records and Genomics (eMERGE) Network in den USA erfasst wurden.

Bei jedem einzelnen Patienten untersuchten die Forscher, wie viel und welche Teile seines Erbguts auf Neandertaler-DNA zurückgehen. Anschliessend glichen sie ab, welche dieser Abschnitte mit welchen Krankheiten in Verbindung stehen könnten.

Erhöhtes Risiko für Nikotinsucht

«Unsere Haupterkenntnis ist, dass die Neandertaler-DNA klinisch relevante Merkmale des modernen Menschen beeinflusst», erklärt Seniorautor John Capra. Verbindungen seien unter anderem zu Krankheiten von Immunsystem, Haut oder auch Nerven und Gehirn gefunden worden.

Einige Ergebnisse bestätigten vorherige Annahmen – etwa, dass Neandertaler-Erbgut die Haut des Menschen undurchlässiger für UV-Licht und Erreger werden liess. Die Analyse habe aber auch Überraschungen geliefert, schreiben die Autoren.

Zwischenstadien in der Nachbildung des Kopfes eines vierjaehrigen Neandertalkindes, basierend auf einer computerunterstuetzten Rekonstruktion des Schaedels zeigt ein undatiertes Handout des Anthropologischen Instituts der Universitaet Zuerich. Im August 1856 stiessen bei Sprengungen im Neandertal in der Naehe von Duesseldorf Arbeiter auf das Skelett eines Eiszeitmenschen. Auf einer Pressekonferenz in Leipzig wollen internationale Forscher des Max-Planck-Instituts fuer evolutionaere Anthropologie am Donnerstag, 12. Februar 2009, Details ihrer Arbeit an der Sequenzierung des Neandertaler Genoms vorstellen. Mittels speziell fuer dieses Projekt entwickelter Methoden konnten die Forscher in den vergangenen drei Jahren mehr als eine Milliarde DNA-Fragmente sequenzieren, die aus drei verschiedenen kroatischen Neandertaler-Fossilien extrahiert wurden. (AP Photo/Anthropologischen Instituts der Universitaet Zuerich, Philippe Plailly) * NO SALES * EDITORIAL USE ONLY * MANDATORY CREDIT * --- ** FILE ** In this undated photo provided by the Anthropological Institute of the University Zurich, Switzerland, in 1999 phases of the reconstruction of a Neanderthal Man child are seen. At a news conference in Leipzig, Germany, on Thursday, Feb. 12, 2009 scientists plan to report on the results of their three-year-long research to sequence the genome of the Neanderthal Man. By especially designed methods the international research team of the Max-Planck-Institute for evolutionary Anthropology said it has extracted more than a billion DNA fragments from three Croatian Neanderthal fossils.  (AP Photo/ Anthropological Institute of the University Zurich, Philippe Plailly) * NO SALES * EDITORIAL USE ONLY * MANDATORY CREDIT *

Nachgebildeter Kopf eines vierjährigen Neandertalers vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich.
Bild: AP Antropological Institut Zh

So steigere ein bestimmter Schnipsel Neandertaler-Erbgut offenbar das Risiko für eine Nikotinabhängigkeit. Gefunden wurde zudem eine Reihe von Varianten, die das Risiko für Depressionen positiv oder negativ beeinflussen. Insgesamt sei eine überraschend grosse Zahl der Abschnitte mit psychiatrischen oder neurologischen Effekten verbunden.

Früher ein Vorteil, heute ein Nachteil

Für das Überleben hätten die Abschnitte wahrscheinlich einst Vorteile gebracht und seien darum im Erbgut erhalten geblieben, als der moderne Mensch sich nach dem Verlassen Afrikas vor etwa 50'000 Jahren mit dem weiter nördlich lebenden Neandertaler mischte, erläutern die Forscher.

Denkbar seien etwa Anpassungen an die Erreger in den neu besiedelten Gegenden und die andere Sonneneinstrahlung dort. «Eine Nacht mit einem Neandertaler war ein kleiner Preis, um Tausende Jahre Adaption zu gewinnen», kommentiert Capra.

In der Umwelt heute brächten viele genetische Hinterlassenschaften möglicherweise keine Vorteile mehr, so die Forscher. Als ein Beispiel nennen sie eine vom Neandertaler stammende Erbgutvariante, die zu verstärkter Blutgerinnung führt.

Einst habe das vielleicht geholfen, Wunden rascher zu verschliessen und so vor dem Eindringen von Erregern zu schützen. Heute aber seien die Folgen eher negativ, da dadurch das Risiko für Schlaganfälle, Embolien und Schwangerschaftskomplikationen erhöht werde.

Anpassung an kühlere Umgebung

«Das sind sehr interessante Ergebnisse», sagt Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der selbst nicht an der neuen Analyse beteiligt war. Wofür etwa die nun mit Nikotin-Abhängigkeit verbundenen Erbgutschnipsel einst gedient hätten, lasse sich nicht sagen. Interessant wäre aus seiner Sicht ein Vergleich mit Krankheitshäufigkeiten von Menschen ohne Neandertaler-Erbgut – etwa Afrikanern. «Dafür gibt es leider nicht so gute Datensätze wie den für die Studie verwendeten.»

Dass der moderne Europäer ein bis vier Prozent seines Erbguts dem Neandertaler verdankt, ist seit einigen Jahren bekannt. Die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen hatten hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging.

jme/dpa

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