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epa03488906 A tourist takes a picture in a flooded San Marco Square, Venice, Italy, 28 November 2012. In Venice, authorities were cautiously hopeful that the high water, which had reached 103 centimetres, will be lower than earlier forecast. Waters were flooding about 10 per cent of the historic city's centre, lifted higher still by the force of sirocco winds. Italy has set up weather alerts in Tuscany and in other areas of northern Italy.  EPA/ANDREA MEROLA

Venedig ist der Klassiker unter den sinkenden Städten, doch viele andere Metropolen kämpfen ebenfalls gegen das Absacken.  Bild: EPA

Metropolen versinken

Folgen der Erdgas- und Wasserförderung: Diese Städte drohen zu sinken

Shanghai, New Orleans, Athen – viele Metropolen versinken langsam im Erdboden, manche kippen regelrecht ins Meer. Auch Mitteleuropa ist betroffen. Und schuld ist oft der Mensch. 

29.04.14, 10:32 29.04.14, 10:56

Ein Artikel von

Axel Bojanowski, Spiegel Online, Wien

Hurrikan Katrina habe New Orleans sicherer gemacht, so glauben die Bewohner der US-Stadt an der Küste im Golf von Mexiko. Nachdem der Sturm vor neun Jahren meterhohe Fluten in die Strassen gedrückt hatte, wurden neue Deiche gebaut. 

Satellitendaten zeigen nun, dass die Hoffnung trügen könnte. An manchen Stellen senken sich die Schutzbauten. Mehr noch: New Orleans insgesamt sackt ab – manche Stadtteile um das Zehnfache schneller als der Rest. Stehen Deiche in den Extremzonen, drohen neue Fluten. 

New Orleans sackt ab – manche Stadtteile um das Zehnfache schneller als der Rest. Bild: Getty Images North America

Metropolen weltweit erleben ein ähnliches Schicksal, berichten Forscher auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien. «Zahlreiche Städte sind auf dem Weg nach unten», sagt Gilles Erkens von der Universität Utrecht in den Niederlanden. 

Ganze Regionen drohen einzusacken

Oftmals sind Menschen dafür verantwortlich. Vor allem die Förderung von Erdgas, Öl und Grundwasser lasse ganze Regionen einsacken. Dort erhöhe weniger der steigende Meeresspiegel die Hochwassergefahr, sondern vor allem der absinkende Boden, berichtet Erkens. Manche Städte setzen sich zehnmal schneller ab, als die Ozeane anschwellen. 

Auch dem Küstenschutz im Nordosten der Niederlande wird der Boden entzogen. Dort höhlt die Gasförderung den Boden förmlich aus. Seit 1959 pumpen Firmen vor Groningen Gas aus einem der grössten Reservoire Europas. Die entleerten Gesteinsporen halten dem Druck nicht stand, sie sacken zusammen – der Boden gibt nach, seit den siebziger Jahren um bis zu 30 Zentimeter. Ein Ende des Abwärtstrends ist nicht erkennbar. In den nächsten 40 Jahren könnte sich die Region Groningen um weitere 30 Zentimeter setzen, prophezeit das niederländische Institut für Wassermanagement RIZA. 

Am Wattenmeer: Die Niederlande sind schon ein tiefes Land – die Rohstoffförderung macht es noch tiefer.   Bild: EPA

Die Erschliessung mehrerer Gasfelder im Wattenmeer ist zwar bereits untersagt worden, um Setzungen zu verhindern. Die Gasförderung bei Groningen jedoch soll noch Jahrzehnte aufrechterhalten werden. Das Reservoir deckt einen Gutteil des Energiebedarfs der Niederlande. Und etwa ein Fünftel des niederländischen Erdgases wird nach Deutschland exportiert. 

Auch im benachbarten Niedersachsen hat sich der Boden nach jahrzehntelanger Gasförderung um einige Zentimeter abgesenkt, weite Mulden zieren die Landschaft. Gravierende Probleme für den Küstenschutz oder Gebäudeschäden sind in Deutschland aber nicht zu befürchten. Die Gasfelder in Niedersachsen sind etwa hundertmal kleiner als die bei Groningen. 

Im Osten Chinas ist Alarmstufe rot

Mit Radarsatelliten kommen Wissenschaftler solchen Veränderungen auf die Spur. Sie vergleichen Bodenaufnahmen, die Satelliten im Laufe der Jahre gemacht haben. Die Radare senden elektromagnetische Strahlen zur Erde. Senkt sich die Erde, sind die Strahlen länger unterwegs. Auch GPS-Navigationssensoren zeigen die Veränderungen. 

Shanghai im Osten Chinas: Bis zu zwölf Zentimeter pro Jahr kann sich in dieser Region der Boden senken.   Bild: Getty Images AsiaPac

Satellitenbilder aus dem Osten Chinas etwa leuchten vielerorts knallrot: Um bis zu zwölf Zentimeter pro Jahr senke sich dort der Boden, berichtet Zhenhong Li von der University of Newcastle auf der EGU-Tagung. Ursache sei die Wasserförderung. Obwohl in der Region viel Regen falle, sei der Grundwasserspiegel in den neunziger Jahren in nur zehn Jahren von zwei Meter auf fünf Meter Tiefe gefallen. 

Die Hauptverursacher können mit Satellitenaufnahmen überführt werden: Extreme Senkungszonen liegen oft neben Kraftwerken oder Fabriken, die viel Wasser benötigten. Doch es gibt Hoffnung: Die chinesische Regierung hat im Jahr 2000 die exzessive Grundwasserförderung in manchen Regionen verboten. Mancherorts hebe sich nun der Boden. 

Bild: Getty Images AsiaPac

Anderswo in China geht es gerade erst abwärts. Shenzen etwa ist in nur 30 Jahren vom 30.000-Einwohner-Städtchen zur Zehn-Millionen-Metropole angeschwollen. Die Folgen liessen sich nun überall besichtigen, erzählt Peng Liu von der örtlichen Universität: Zahlreiche Gebäude würden von tiefen Rissen durchzogen. Radardaten zeigten, dass sich ganze Stadtteile um fünf Millimeter im Jahr senkten. 

Städte drohen ins Meer zu kippen

Dramatisch ist die Lage in der indonesischen Hafenstadt Semarang. Die Millionenstadt kippt regelrecht ins Meer. Bis zu 15 Zentimeter pro Jahr senken sich küstennahe Stadtviertel, haben Forscher der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR in Hannover berechnet. Das Wasser drücke in die Stadt. Ganze Wohngebiete und Industrieanlagen werden im Zuge der Gezeiten täglich geflutet. Manche Strassenzüge der Millionenstadt sind bereits im Meer versunken. 

Die unkontrollierte Förderung von Grundwasser zieht Semarang bustäblich den Boden unter den Füssen weg. Bild: Getty Images AsiaPac

Anwohner legen Ziegelsteine auf die Strasse, um trockenen Fusses voranzukommen. Strassen werden mit Erde und Schutt erhöht, um sie über dem Meeresspiegel zu halten. An manchen Orten ragen nur noch die Häusergiebel über den Strassenrand. Ursache des Desasters ist auch dort die unkontrollierte Förderung von Grundwasser. Die Entleerung der Bodenschichten lasse den Untergrund absacken. Zudem führe die Wasserentnahme dazu, dass Tonschichten austrocknen. Dadurch schrumpfe das Erdreich. 

Forscher rufen zu Früherkennung auf

Indonesien habe spät auf die Gefahr reagiert, sagt Erkens. Obwohl auch Teile der Hauptstadt Jakarta mehrere Zentimeter im Jahr absacken, brauchte es ein extremes Hochwasser vor sieben Jahren, bis Konsequenzen beschlossen wurden. Forscher wurden beauftragt, das Risiko zu untersuchen und Massnahmen vorzuschlagen. 

Die chinesische Stadt Shanghai kommt dem Meeresspiegel gefährlich nahe. Bild: Getty Images AsiaPac

In Lissabon, Bangkok, und Athen hat die Grundwasserförderung ähnliche Folgen. Das Einsinken von Teilen von Sankt Petersburg hingegen führen Forscher auf die Last der Gebäude zurück. Auch Shanghai kommt dem Meeresspiegel vielerorts bereits gefährlich nahe. Das Gewicht Tausender Hochhäuser beschleunigt den Niedergang, der weiche Marschboden unter Shanghai sackt zusammen. U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse. 

Bild: AP

Gestoppt ist der Abwärtsgang in Tokio. Die Stadt hatte sich Mitte des 20. Jahrhunderts um vier Meter gesenkt. Dann wurde die Grundwasserförderung drastisch eingeschränkt. Seit den siebziger Jahren scheint sich die Metropole stabilisiert zu haben. 

Von rätselhaften Phänomenen unseres Planeten erzählt Axel Bojanowski in seinem neuen Buch «Die Erde hat ein Leck» (DVA, 192 Seiten, 19,99 Euro). Dieser Artikel stammt nicht aus dem Buch. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Florian Sticher 29.04.2014 15:11
    Highlight Kompliment für diese Bildauswahl..
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