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Dieses Milchgesicht verdient Millionen – mit Nachhilfe

Nachhilfelehrer werden in Hongkong wie Popstars verehrt, Arbeitgeber umwerben sie. Nun bot ein Institut einem 28-jährigen Pädagogen ein Jahresgehalt von 10.5 Millionen Franken. Er lehnte ab.

29.10.15, 07:16

Ulrike Putz

Ein Artikel von

Mit Yat-Yan Lams Gesicht liesse sich chinesische Popmusik bestens vermarkten: Der 28-Jährige hat ein sympathisches Lächeln, einen modischen Fransenhaarschnitt, makellose Babyhaut. Tatsächlich verdient der Hongkonger sein Geld mit seiner Stimme – doch nicht etwa, indem er singt, sondern indem er Nachhilfeschülern Mandarin und Kantonesisch eintrichtert.

Lam ist als Nachhilfelehrer steinreich geworden. Umgerechnet 4.4 Millionen Franken Jahresgehalt macht der Junglehrer bei der Beacon Group, eine der prestigeträchtigsten Nachhilfeschulen in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Und weil Tutoren dort wie Popstars von treuen Fans verehrt und gefeiert werden, ist er nun zum Objekt eines dekadent anmutenden Bieterstreits geworden.

Yat-Yan Lam: modischer Fransen-Schnitt, makellose Babyhaut.
bild: Yat Yan Lam/ Facebook

Anfang Oktober veröffentlichte die ebenfalls als erstklassig geltende Nachhilfeschule Modern Education einen ganzseitigen offenen Brief in einer lokalen Zeitung. Darin bot das Institut Lam ein Jahresgehalt von umgerechnet 10.5 Millionen Franken, wenn er seinen Job bei Beacon an den Nagel hänge und bei Modern Education anheuere.

Nachhilfestunden sind in der Finanzmetropole Hongkong nicht etwa etwas für Schulversager, sie gehören zum guten Ton: Eltern, die auf sich halten, schicken ihre Sprösslinge zu privaten Instituten, in denen die sogenannten Tutoren den Gymnasiasten den Lernstoff noch mal näher bringen. Hintergrund ist ein knallharter Wettbewerb um die Plätze in den besten Colleges und Universitäten. Nur Schüler mit Bestnoten haben eine Chance, also wird auch in der Freizeit gebüffelt.

Für die Eltern ist das teuer, für die Anbieter von Tutorien ein Bombengeschäft: Die etwa 900 Nachmittagsschulen haben im vergangenen Jahr zusammen über 100 Millionen Franken Gewinn gemacht, ermittelte das Marktforschungsinstitut Euromonitor. Die South China Morning Post wetterte jüngst gegen das «parasitäre Geschäft», das von der Ineffizienz des Schulsystems lebe und die Unsicherheiten von jungen Schülern und Eltern ausschlachte.

17.4 Franken für eine Stunde Nachhilfe per Video

Langfristig aber scheint die Branche schweren Zeiten entgegenzugehen: Immer weniger Kinder im schulpflichtigen Alter leben in Hongkong, die Institute verzeichnen einen spürbaren Rückgang der Schülerzahlen. Ein Überlebenskampf hat begonnen, bei dem es vor allem um Stars wie Lam geht.

Dessen pädagogische Fähigkeiten schlachtet Beacon kräftig aus: Jede Stunde, die Lam gibt, wird aufgezeichnet und vor bis zu 18 weiteren Klassen ausgestrahlt, beschreibt die Financial Times das System. Schüler, die den Tutor nur als Video zu sehen bekämen, erhielten nur Nachlass von umgerechnet 2.50 Franken auf den Preis von 73 Franken für vier Stunden Live-Lam.

Yat-Yan Lams Dienste sind Gold wert.
bild: yat yan lam/ facebook

Der 28-Jährige erreicht dank der Mehrfachverwertung etwa 25'000 Schüler – jeden sechsten Gymnasiasten der Stadt. Lam allein soll im vergangenen Jahr für Beacon über 14 Millionen Euro, etwa 40 Prozent seines Ertrags, erwirtschaftet haben, berichtet die «South China Morning Post».

Lam und seine Kollegen sind in ihrer Heimatstadt allgegenwärtig: Die Bilder der durch die Bank blendend aussehenden jungen Männer und Frauen prangen auf Plakatwänden und auf U-Bahn-Wagen. Werbeclips, in denen sie auftreten, laufen im Fernsehen. Modern Education setzte mit seinem Abwerbeversuch darauf, dass ein Grossteil von Lams Schülern mit ihm zur Konkurrenz wechseln würden. Gleichzeitig sollte der offene Brief vor einem geplanten Börsengang das Vertrauen in Beacon erschüttern.

Vorerst scheint die Gefahr für Hongkongs grösste akademische Kaderschmiede gebannt. Lam lehnte das Angebot nach nur kurzer Bedenkzeit ab. Auf Facebook wandte er sich an seine etwa 60'000 Follower: «Ich glaube, dass ich mich und meine Familie ernähren kann. Es macht also keinen Unterschied, ob ich 50 Millionen oder 80 Millionen Hongkong-Dollar mehr habe», schrieb er. Beacon kann durchatmen, zumindest bis zum nächsten Sommer. Dann läuft Lams Vertrag aus, und es muss neu verhandelt werden.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • nordkapper28 29.10.2015 10:05
    Highlight wtf... ich werde diese Kultur wohl nie verstehen.
    6 0 Melden
    • atomschlaf 29.10.2015 13:10
      Highlight Ich verstehe diese Kultur sehr gut und ich verstehe auch, weshalb diese noch eine grosse Zukunft vor sich haben wird - ganz im Gegensatz zu uns wohlstandsverfetteten Europäern.
      2 3 Melden

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