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Nuklearphysik (Symbolbild)

Komplexe Materie: Fachaufsätze in Nuklearphysik sind für Laien in der Regel unverständlich.  bild: Shutterstock

iOS-Autocomplete schreibt Nuklearphysik-Aufsatz – und alle glauben's

Ein neuseeländischer Wissenschaftler hat mit der Autocomplete-Funktion von iOS ein Nonsense-Paper geschrieben, das für eine Fachkonferenz zugelassen wurde.

Adrian Lobe



Fachaufsätze lesen sich häufig wie dröge Abhandlungen: vollgespickt mit komplexen Zahlen und Formeln, abstrakten Formulierungen und kryptischen Kürzeln, die selbst für Wissenschaftler verwandter Fachdisziplinen zuweilen unverständlich sind. Das Paper von Christoph Bartneck, Professor am Human Interface Technology Labor der University of Canterbury in Neuseeland, macht da keine Ausnahme.

«Da ich selbst praktisch kein Wissen über Nuklearphysik habe, wandte ich mich an die Autovervollständigungs-Funktion von iOS, um das Paper zu schreiben.»

Christoph Bartneck

Das Besondere war jedoch, dass er das Paper über Atomenergie nicht selbst abfasste, sondern Apples Autocomplete-Funktion damit betraute. Die Funktion vervollständigt Eingaben mithilfe künstlicher Intelligenz.

Christoph Bartneck, Hit Lab, photographed in the studio for marketing.

Computer- und Robotik-Spezialist Bartneck. Bild: bartneck.de

Die Autokorrektur liefert den Text, Wikipedia die Grafik

Bartneck, von Haus aus Computer- und Robotik-Spezialist, hatte von dem Thema keine Ahnung. «Da ich selbst praktisch kein Wissen über Nuklearphysik habe, wandte ich mich an die Autovervollständigungsfunktion von iOS, um das Paper zu schreiben», notierte er – ganz manuell – in einem Blogeintrag. Die Software als Wissenschaftler. «Ich begann einen Satz mit ‹Atom› oder ‹Nuklear› und drückte dann per Zufall auf die Vorschläge der Autokorrektur.»

Heraus kam ein ziemlich diffuser und inkonsistenter Text, der überhaupt keinen Sinn ergab. Ein Satz klingt so: «Die Atome eines besseren Universums werden dasselbe Recht wie du haben in der Weise, wie wir ein grossartiger Ort für eine grossartige Zeit sein sollen, um den Tag zu geniessen, du bist eine wundervolle Person für eine wundervolle Welt, um Spass zu haben (…)»

Bartneck hübschte das Paper mit einer Wikipedia-Grafik von Kernteilchen auf und reichte es unter falschem Namen – als fiktive Atomphysikerin Iris Pear von der Umbria Polytech University (weder das Institut noch die Wissenschaftlerin existieren) – bei der International Conference on Atomic and Nuclear Physics ein.

Drei Stunden später wurde das Paper akzeptiert. Per Mail teilte die Gesellschaft der «lieben Frau Pear» mit, dass sie zu einer mündlichen Präsentation des Papers auf einer Konferenz in Atlanta eingeladen sei. 

Bild

Die Antwort der International Conference on Atomic and Nuclear Physics.  Bild: Bartneck.de

Das wirft natürlich alles andere als ein gutes Licht auf die Atom-Konferenz und ihren Review-Prozess. Entweder die Gutachter verstehen ihr Handwerk nicht. Oder sie haben das Paper nicht gelesen – sonst wäre ihnen der automatisiert erzeugte Nonsense aufgefallen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Nonsense-Paper akzeptiert wurde

Dass ein Fachfremder mit der Autokorrektur von iOS einen Fachaufsatz tippt und von der Thematik nichts versteht, ist kein Ruhmesblatt für die Forschungsgesellschaft. Normalerweise wird ein Aufsatz in einem mehrstufigen Verfahren (sogenannte Peer-Review-Journals) von mehreren Gutachtern geprüft, ehe er zum Abdruck akzeptiert wird. 

Es ist nicht das erste Mal, dass Forscher Fachjournale mit Nonsense-Artikeln brüskieren. 2014 reichte der Computerwissenschaftler Peter Vamplew von der Federation University in Victoria einen «Aufsatz», der mit dem vulgären Titel «Get Me Off Your Fucking Mailing List» («Nimm mich von deiner scheissverdammten Mailing-Liste») überschrieben war, beim International Journal of Advanced Computer Technology ein. Das Paper bestand aus nichts mehr als diesen sieben Wörtern, die einfach wiederholt und in einem Flussdiagramm aufgedröselt wurden, was nach elaborierter Sprachanalyse aussehen sollte, aber einfach nur banal war.

Die Gutachter störte das offensichtlich wenig: Vamplews Wortverhau wurde wenig später zum Abdruck akzeptiert. Was natürlich Zweifel an der Seriosität des Open-Access-Journals weckte. Die Publikation war diskreditiert.

Um sich und der Gesellschaft weitere Peinlichkeiten zu ersparen, verzichtete Forscher Bartneck auf die Einladung. Die Organisatoren hätten einen stolzen Teilnehmerbeitrag von 1099 US-Dollar (anstelle eines Vortragshonorars) verlangt – was seine Heimatuniversität wohl nicht bezahlt hätte.

Worüber hätte er auch reden sollen? Vermutlich wäre es ihm so ergangen wie in Michael Frayns Verwechslungskomödie «Willkommen auf Skios», wo der Hochstapler Oliver Fox einen Vortrag bei der Fred-Toppler-Stiftung über «Das Versprechen der Szientometrie» halten sollte.

Bartneck beschränkte sich darauf, ein kleines Erklärvideo auf seinem Blog zu posten, wie man mit Apples Autocomplete-Funktion ein Paper schreibt.

Bartnecks Erklärvideo

abspielen

«Using iOS's auto-complete to write scientific paper». Video: YouTube/Christoph Bartneck

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sharklaser 19.11.2016 16:32
    Highlight Highlight Nächstes mal bitte etwas weniger Bildli und mehr Hintergrund.
    Die Beweggründe, warum Bartneck das getan hat, liest man besser anderswo, zB auf theguardian.com
    Der Veranstalter des Kongresses, Omics Publishing Group, ist bekannt für seine unwissenschaftlichen Geschäftspraktiken (s. wikipedia).
  • John Smith (2) 19.11.2016 16:02
    Highlight Highlight Der Autor vermischt wieder mal drei völlig verschiedene Dinge. In anerkannten Fachpublikationen durchlaufen Beiträge einen sehr aufwändigen Peer-Review, das Renommee der Publikation steht und fällt damit. Dann gibt es zwielichtige Publikationen, die nehmen mehr oder weniger alles. Entsprechend (un)ernst werden sie in Fachkreisen genommen. Und schliesslich gibt es Konferenzen. Da gibt es nur eine rudimentäre Vorprüfung, denn der Vortragende stellt sich persönlich einem Fachpublikum. Wenn er da Schrott erzählt, dann wird sein Beitrag von ebendiesem vor Ort in der Luft zerrissen.
  • Gsnosn. 19.11.2016 15:20
    Highlight Highlight Das ist ein schöner Zeitvertreib für den Fall dass ich nicht so viel Geld für den Fall einer Verurteilung zu Hause... So sieht es bei mir aus mit der Autokorrektur
  • Olaf44512 19.11.2016 14:56
    Highlight Highlight Gibt da so ein Tool, falls man sich auch mal als Mathematikprofessor ausgeben will 😀

    http://thatsmathematics.com/mathgen/
  • Oiproll 19.11.2016 13:45
    Highlight Highlight Nukular... das wort heisst NUKULAR!
    • exeswiss 19.11.2016 15:57
      Highlight Highlight mit nukular hätte wohl iOS's vervollständigunssystem mühe gehabt. :D
  • Zing1973 19.11.2016 12:49
    Highlight Highlight Selten habe ich über einen Beitrag soooo lachen müssen, wie über den hier.😂😂😂😂
    Einfach lustig 😃
  • zwan33 19.11.2016 11:46
    Highlight Highlight Die Veranstalter dachten sich wohl, zur Auflockerung zwischendurch ein lustiger non-sense Vortrag könne der Konferenz nicht schaden...
  • herschweizer 19.11.2016 11:23
    Highlight Highlight Ja das paper wurde nicht geprüft. Wahrscheinlich wäre Goethes Faust auch durchgekommen.

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