Zürich

Was stört in diesem Bild? Bild: KEYSTONE

Kommentar zum Bundesgerichtsentscheid

«Was ist der Unterschied zwischen einer Zwangsenteignung in China und einer Zwangsumsiedlung in der Schweiz?»

In Zürich weigerte sich ein Hausbesitzer, sein altes Haus nur deshalb abzureissen, damit die Strasse nicht einen Bogen darum herum machen muss. Das Bundesgericht zwingt ihn nun dazu. 

26.09.14, 13:01 30.09.14, 10:57

Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Hier der Glasturm Primetower, dort das Luxushotel Renaissance und dazwischen eingeklemmt ein hundertfünfzig Jahre altes Häuschen. 

Dieses Haus in Zürich-West muss abgerissen werden. Bild: KEYSTONE

Das Haus wäre längst weg, wenn sich die Mieter und Besitzer nicht dagegen gewehrt hätten. Jetzt hat das Bundesgericht entschieden, dass es endgültig abgerissen werden muss.

Wenn sich Bewohner und Hausbesitzer gegen den Abriss ihrer Liegenschaft wehren, dann wird diese «Nagelhaus» genannt. Der Begriff kommt daher, weil das Haus oft alleine und verloren – wie ein Nagel – in einer Baugrube oder wie in diesem Fall, in einer Neubaulandschaft steht.

Das weltweit wohl bekannteste Nagelhaus stand in China. Bilder davon gingen um die ganze Welt und es wurde als Ikone des Protestes gegen Zwangsenteignungen und -umsiedlungen gefeiert.

Das bekannteste Nagelhaus der Welt stand in China. Bild: EPA

Dieses Nagelhaus war derart bekannt, dass der Künstler Thomas Demand vor vier Jahren eine Kopie davon auf den Zürcher Escher-Wyss-Platz stellen wollte. Der Stadtrat war begeistert und budgetierte dafür 5.9 Millionen Franken. Einzig das Stimmvolk verhinderte den Bau.

Die zuständige Stadträtin präsentierte 2010 das Kunstprojekt «Nagelhaus», das die Stadt Zürich 5.9 Mio. Franken gekostet hätte. Bild: KEYSTONE

Der Zufall will nun, dass ein paar Jahre später und keine fünfhundert Meter davon entfernt, ein echtes Zürcher Nagelhaus steht. Es wäre also ein einfaches, jetzt doch noch und ganz umsonst zu einem authentischen Kunstwerk zu kommen. Aber das Tiefbauamt der Stadt Zürich, das damals für das Kunstprojekt Pate stand, unterstützte den Kanton bei der Enteignung.

War das damalige Kunstprojekt reine Effekthascherei, bei der der Protest nur als billiger Kitsch herhalten musste? Ist die Stadtregierung und Verwaltung nur fähig, sich mit Protesten zu identifizieren, die weit weg stattfinden?

«Was ist der Unterschied zwischen einer Zwangsenteignung in China und einer ebensolchen in der Schweiz?»

Diese Fragen werden nur deshalb aufgeworfen, weil die Stadtverwaltung damals den Nachbau eines Nagelhauses auf den Escher-Wyss-Platz stellen wollte. Die Förderung dieser Diskussion ist ihr deshalb zu Gute zu halten.

Wenn damals jedoch nur ein Funken hehre Absichten hinter dem Kunstprojekt steckte, dann sollte sich die Stadt beim Zürcher Nagelhaus viel stärker um eine gütliche Beilegung des Konfliktes bemühen.

Aus Zürich-West soll weder ein Freilichtmuseum Ballenberg noch ein Retortenquartier werden. Dies beweist die Stadt – mehr oder weniger gelungen – bei der Integration von Industriebauten ins Quartierbild (zum Beispiel beim Schiffbau und Puls5). Aber gegen den Willen der Besitzer ein altes Wohnhaus zu schleifen und dies, nur um eine Zufahrtstrasse zu bauen, kann nicht angehen.

Wieso kann sich die Stadt nicht darum bemühen, die Klassierung der Pfingstweidstrasse zu ändern? Sie wird wohl nicht auf immer und ewig der Autobahnzubringer bleiben, der sie heute ist.

Wieso kann die Stadt dieses Nagelhaus nicht abbauen – da es nun definitiv weg muss – und auf dem Escher-Wyss-Platz wieder aufbauen? Gut möglich, dass das Zürcher Stimmvolk dieser lokalen Protest-Ikone mehr Goodwill entgegen bringen würde, als einer Kopie aus China.

Es wäre wohl das gescheiteste, wenn wir die betreffenden Stellen mit diesen Fragen konfrontieren. Stay tuned...

Transparenzbox

Ich kenne weder die Bewohner noch die Besitzer des Nagelhauses und war ein engagierter Befürworter des Kunstprojektes «Nagelhaus» 
auf dem Escher-Wyss-Platz.
Ein grosser Teil der Gegner aus dem Kunstmilieu, die das Projekt damals an der Urne massgeblich zum Scheitern brachten, führten genau diese Scheinheiligkeit ins Feld, die nun zu Tage tritt. 

Vielleicht ist dieser Kommentar ein Ansatz, wie Journalismus «verflüssigt» werden kann. Im Prinzip macht er den Gedankengang transparent, der der Auslöser einer Recherche sein könnte.

Was ist eine Transparenzbox? Dieser lange und wilde Artikel war die Geburtsstunde der Transparenzbox. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 27.09.2014 13:08
    Highlight In den USA wäre ein derartig krasser Gerichtsentscheid gegen die Eigentumsordnung ganz unmöglich, wie ein weltberühmtes Beispiel aus dem Finanzdistrikt in Manhatten zeigt.

    3 0 Melden
  • Azrag 26.09.2014 22:01
    Highlight Spannender Kommentar, aber hast du keine passenden GIFs gefunden?
    4 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.09.2014 15:21
    Highlight Nun, die frage ist wie immer wen nutzt s. Wer gewinnt dabei.

    Eine enteignung ist dann +- rechtens wenn der nutzen fuer die allgemeinheit groesser zu bewerten als der nutzen fuer den/die eigentuemer. Kann dem eigentuemer ein realersatz geboten werden so darf sicher darueber disskutiert werden. Durch enteignung aber einfach "eine guenstige gelegenheit" zu schaffen ist verwerflich.

    Wenn das haus weg, die strasse gerade entsteht eine nette landreserve die dann bebaut werden kann. Wer gewinnt ? Als naechstes dann die gartenanlagen ?.Sich dort aufzuhalten, bzw. das gewachsene zu essen kann ja kaum gesund sein ;)
    5 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.09.2014 15:10
    Highlight Auf dem Land sind die Neinsager Bünzlis, in der Stadt sind sie Revoluzzer welche die Nation braucht. Gut lebt der Besitzer in der Stadt.

    Ich glaube die Stadt Zürich hat ein Verkehrskonzept, welches durchdacht ist. Da klassiert man nicht mal schnell Strassen um, nur damit jemand sein Haus behalten kann. Manchmal muss man sich dem Gesamtinteresse halt unterordnen, gerade in einer Stadt, wo vieles auf so engem Raum passiert.

    Dieser Kommentar ist nicht Auslöser einer Recherche, er ist der Versuch, kalten Kaffe lauwarm zu machen. Wie sähe Zürich ohne Zwangsenteignungen wohl aus heute?
    3 22 Melden
    • manhunt 27.09.2014 00:54
      Highlight bloss hätte die strasse, wie sie von einem der bewohner des hauses entworfen, wurde genauso funktioniert. und das haus hätte stehen bleiben können. und nützen diese strasse der "allgemeinheit" genau sowenig. weil es für die allgemeinheit gänzlich unbedeutend ist, welche führung eine zubringerstrasse hat. zumal ihre funktion genauso gewährleistet gewesen wäre, hätte man sie wie vorgeschlagen um das bestehende gebäude herumgebaut. der renaissance tower und das geschäftshaus 501 sind genauso liegenschaften in privatbesitz. also kann in diesem fall auch nicht mit dem allgemeininteressen argumentiert werden.
      18 1 Melden

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