Zürich
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Das Nagelhaus in Zuerich West, unten links, aufgenommen am Donnerstag, 30. Mai 2013, in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Was stört in diesem Bild? Bild: KEYSTONE

Kommentar zum Bundesgerichtsentscheid

«Was ist der Unterschied zwischen einer Zwangsenteignung in China und einer Zwangsumsiedlung in der Schweiz?»

In Zürich weigerte sich ein Hausbesitzer, sein altes Haus nur deshalb abzureissen, damit die Strasse nicht einen Bogen darum herum machen muss. Das Bundesgericht zwingt ihn nun dazu. 

Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Hier der Glasturm Primetower, dort das Luxushotel Renaissance und dazwischen eingeklemmt ein hundertfünfzig Jahre altes Häuschen. 

Das Nagelhaus in Zuerich West, links, aufgenommen am Freitag, 9. Dezember 2011. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Dieses Haus in Zürich-West muss abgerissen werden. Bild: KEYSTONE

Das Haus wäre längst weg, wenn sich die Mieter und Besitzer nicht dagegen gewehrt hätten. Jetzt hat das Bundesgericht entschieden, dass es endgültig abgerissen werden muss.

Wenn sich Bewohner und Hausbesitzer gegen den Abriss ihrer Liegenschaft wehren, dann wird diese «Nagelhaus» genannt. Der Begriff kommt daher, weil das Haus oft alleine und verloren – wie ein Nagel – in einer Baugrube oder wie in diesem Fall, in einer Neubaulandschaft steht.

Das weltweit wohl bekannteste Nagelhaus stand in China. Bilder davon gingen um die ganze Welt und es wurde als Ikone des Protestes gegen Zwangsenteignungen und -umsiedlungen gefeiert.

epa00957742 A single house stands untouched in the middle of a construction site after the proprietary rejected the developer's offer, who continued with the scheduled construction around it, in China's southwestern city of Chongqing, Wednesday 14 March 2007. China's parliament overwhelmingly approved a landmark property law Friday 16 March 2007, which stipulates that 'the property of the state, the collective, the individual and other obliges is protected by law, and no units or individuals may infringe upon it.'  EPA/DIEGO AZUBEL DATES CORRECT IN CAPTION

Das bekannteste Nagelhaus der Welt stand in China. Bild: EPA

Dieses Nagelhaus war derart bekannt, dass der Künstler Thomas Demand vor vier Jahren eine Kopie davon auf den Zürcher Escher-Wyss-Platz stellen wollte. Der Stadtrat war begeistert und budgetierte dafür 5.9 Millionen Franken. Einzig das Stimmvolk verhinderte den Bau.

Christoph Rothenhoefer, Amt fuer Hochbauten und Projektausschussdelegierter, Stadtraetin Ruth Genner und Christoph Doswald, Vorsitzender Arbeitsgruppe Kunst im oeffentlichen Raum, von links, informieren am Montag, 23. August 2010 in Zuerich. Der Escher-Wyss-Platz wird vom reinen Verkehrsknotenpunkt zu einem Platz mit Aufenthaltsmoeglichkeiten. Diese neue Qualitaet soll das Kunstprojekt

Die zuständige Stadträtin präsentierte 2010 das Kunstprojekt «Nagelhaus», das die Stadt Zürich 5.9 Mio. Franken gekostet hätte. Bild: KEYSTONE

Der Zufall will nun, dass ein paar Jahre später und keine fünfhundert Meter davon entfernt, ein echtes Zürcher Nagelhaus steht. Es wäre also ein einfaches, jetzt doch noch und ganz umsonst zu einem authentischen Kunstwerk zu kommen. Aber das Tiefbauamt der Stadt Zürich, das damals für das Kunstprojekt Pate stand, unterstützte den Kanton bei der Enteignung.

War das damalige Kunstprojekt reine Effekthascherei, bei der der Protest nur als billiger Kitsch herhalten musste? Ist die Stadtregierung und Verwaltung nur fähig, sich mit Protesten zu identifizieren, die weit weg stattfinden?

«Was ist der Unterschied zwischen einer Zwangsenteignung in China und einer ebensolchen in der Schweiz?»

Diese Fragen werden nur deshalb aufgeworfen, weil die Stadtverwaltung damals den Nachbau eines Nagelhauses auf den Escher-Wyss-Platz stellen wollte. Die Förderung dieser Diskussion ist ihr deshalb zu Gute zu halten.

Wenn damals jedoch nur ein Funken hehre Absichten hinter dem Kunstprojekt steckte, dann sollte sich die Stadt beim Zürcher Nagelhaus viel stärker um eine gütliche Beilegung des Konfliktes bemühen.

Aus Zürich-West soll weder ein Freilichtmuseum Ballenberg noch ein Retortenquartier werden. Dies beweist die Stadt – mehr oder weniger gelungen – bei der Integration von Industriebauten ins Quartierbild (zum Beispiel beim Schiffbau und Puls5). Aber gegen den Willen der Besitzer ein altes Wohnhaus zu schleifen und dies, nur um eine Zufahrtstrasse zu bauen, kann nicht angehen.

Wieso kann sich die Stadt nicht darum bemühen, die Klassierung der Pfingstweidstrasse zu ändern? Sie wird wohl nicht auf immer und ewig der Autobahnzubringer bleiben, der sie heute ist.

Wieso kann die Stadt dieses Nagelhaus nicht abbauen – da es nun definitiv weg muss – und auf dem Escher-Wyss-Platz wieder aufbauen? Gut möglich, dass das Zürcher Stimmvolk dieser lokalen Protest-Ikone mehr Goodwill entgegen bringen würde, als einer Kopie aus China.

Es wäre wohl das gescheiteste, wenn wir die betreffenden Stellen mit diesen Fragen konfrontieren. Stay tuned...

Transparenzbox

Ich kenne weder die Bewohner noch die Besitzer des Nagelhauses und war ein engagierter Befürworter des Kunstprojektes «Nagelhaus» 
auf dem Escher-Wyss-Platz.
Ein grosser Teil der Gegner aus dem Kunstmilieu, die das Projekt damals an der Urne massgeblich zum Scheitern brachten, führten genau diese Scheinheiligkeit ins Feld, die nun zu Tage tritt. 

Vielleicht ist dieser Kommentar ein Ansatz, wie Journalismus «verflüssigt» werden kann. Im Prinzip macht er den Gedankengang transparent, der der Auslöser einer Recherche sein könnte.

Was ist eine Transparenzbox? Dieser lange und wilde Artikel war die Geburtsstunde der Transparenzbox. 



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