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Wie fest beschäftigen Nati-Coack Patrick Fischer seine Torhüter? Bild: EPA/KEYSTONE

«It’s the Goalie, stupid!» – So einfach ist das Problem unserer Nationalmannschaft

Die Lösung des grossen Problems der Schweizer ist 100 Kilometer nördlich zu finden. Es geht nachdem 2:3 gegen Tschechien – wieder einmal – um die Torhüterfrage.

klaus zaugg, helsinki

Überrascht, überfordert, überfahren. So lässt sich die Leistung der Schweizer gegen Tschechien auf drei Worte reduzieren.

Vom Tempo überrascht, dann überfordert (was sich in der Strafenstatistik niederschlug) und schliesslich überfahren. Bereits nach 26 Sekunden kassiert Chris Baltisberger eine Strafe, bereits im ersten Powerplay fällt das 0:1. Auch der zweite und dritte Gegentreffer kassieren die Schweizer in Unterzahl. Am Ende stehen acht Zweiminutenausschlüsse gegen die Schweiz und nur vier gegen Tschechien. Wer in den meisten Situationen hinterherfährt, begeht mehr Fouls.

Gegen die Kanadier hütete noch Jonas Hiller das Tor. Bild: KEYSTONE

Nationaltrainer Patrick Fischer monierte den verschlafenen Start, das ungenügende Boxplay und ein Mangel an Disziplin. Alles verursacht durch das hohe Tempo. Der Nationaltrainer sagt: «Deshalb sind diese Spiele für uns so wichtig und so wertvoll. Jedem wird wieder klar, was es auf diesem Niveau braucht.»

Der Karjala Cup als Ausnahme

Eine Vertiefung dieser Ausführungen können wir uns sparen. So ist es jedes Jahr im Herbst. Die Nationalmannschaft durchläuft einen Angewöhnungsprozess ans höhere internationale Niveau mit schnellerem, intensiverem Spiel und strengerer Regelauslegung der Schiedsrichter.

Gegen Titanen wie Kanada, Tschechien oder Russland verläuft dieser Prozess schmerzhafter als in Operetten-Testspielen gegen die Slowakei und Deutschland. In diesem Jahr dürfen wir ausnahmsweise beim Karjala Cup in Helsinki testen und müssen nicht zum Deutschland Cup reisen.

Erst in der intensiven Phase der WM-Vorbereitung gelingt es dann im Frühjahr internationales Niveau zu erreichen und den Grossen auf Augenhöhe zu begegnen.

Zu schwache Schweizer Torhüter

Was wir am Mittwoch und Biel gegen Kanada und nun am Freitag in Helsinki gegen Tschechien gesehen haben, dieser phasenweise Rückfall auf das Niveau von «Pausenplatz-Hockey» gegen Tschechien, ist also kein Grund zur Panik oder gar Polemik. Es ist ganz einfach das, was wir seit Jahren von unserer Nationalmannschaft sehen, wenn die Blätter von den Bäumen fallen.

Und doch gibt es einen Hinweis auf ein Problem, das uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Die Torhüter. Bill Clinton gewann seinen ersten Wahlkampf um die US-Präsidentschaft mit dem Slogan «It’s the economy, stupid!» («Alles dreht sich um die Wirtschaft, Idiot!»). Bei der Beurteilung unserer Nationalmannschaft können wir allen Kritikern, Zweiflern und Polemikern sagen: «It’s the goalie, stupid!» («Alles dreht sich um den Torhüter, Idiot!»)

Er hat's schon vor über 20 Jahren gesagt: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton. Bild: AP/AP

Auf internationalem Niveau können wir Spiele nur mit aussergewöhnlichen Torhüterleistungen gewinnen. Auch dann, wenn die Feldspieler in besserer Verfassung sind als jetzt im Herbst. Die Finnen, Tschechen, Russen, Schweden, Amerikaner und Kanadier sind offensiv stark genug, um auch mal mit einem durchschnittlichen Torhüter eine Partie zu gewinnen. Wir sind es nicht. Jonas Hiller (90,32 Prozent Fangquote gegen Kanada) und Gilles Senn (88,46 Prozent gegen Tschechien) waren gute, aber keine grossen Torhüter. Ein grosser Torhüter hätte beide Partien für die Schweiz gewinnen können. Zweimal ein 2:1 wäre möglich gewesen.

Statistisch grosse Torhüter stoppen mindestens 93 Prozent der Schüsse. Jahrelang hatten wir gleich mehrere grosse Torhüter. Reto Pavoni, David Aebischer, Martin Gerber, Jonas Hiller, Reto Berra und Leonardo Genoni. Sie alle haben internationale Heldentaten vollbracht.

Inzwischen ist nur noch Leonardo Genoni ein grosser Torhüter – und er ist schon 30. Reto Pavoni, David Aebischer und Martin Gerber sind nicht mehr aktiv. WM-Silberheld Reto Berra hat das WM-Niveau von 2013 nie mehr erreicht, Tobias Stephan und Robert Mayer haben nicht das Charisma zu einer Nummer eins bei einem Titelturnier. Jonas Hiller ist kein grosser internationaler Goalie mehr und Gilles Senn ist noch keiner. Ob er einer wird, ist fraglich.

Akira Schmid – unsere Hoffnung?

Das Gesprächsthema bei den NHL-Scouts hier in Helsinki ist ein helvetischer Torhüter. Die meisten waren am Mittwoch nach Häämenlinna gefahren, 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Dort hat unsere U18-Nationalmannschaft sensationell die Amerikaner 3:2 nach Penaltys besiegt. Bei einem Schussverhältnis von 17:36 stoppte Akira Schmid 94,40 Prozent der Pucks, die auf ihn prasselten und hexte den Sieg gegen den Weltmeister schliesslich im Penaltyschiessen heraus.

Zum ersten Mal waren die NHL-Talentsucher an der letzten U18-WM in Poprad (Slowakei) im Viertelfinal gegen die Amerikaner auf Langnaus grösstes Goalietalent aller Zeiten aufmerksam geworden. Bei der 2:4-Niederlage hielt er 43 von 47 Schüssen.

Gilles Senn kann ein weiteres Gegentor gegen Tschechien nicht verhindern. Bild: EPA/COMPIC

Der 17-jährige Langnauer hat alles, was es für die grosse Karriere braucht: Eine ruhige Art, eine Grösse von 192 Zentimeter und eine erstaunliche Stilsicherheit – nun braucht er auch noch das Glück, das jeder für eine grosse Karriere benötigt. Er ist sozusagen unsere Goalie-Antwort auf Nico Hischier. Im Erwachsenenhockey hat er erst einen einzigen Teileinsatz im Schweizer Cup gegen die Aargovia Stars hinter sich. Zahlreiche NHL-Scouts haben nun angekündigt, in den nächsten Wochen bei den Partien der Langnauer Elitejunioren das Wunderkund zu beobachten.

In fünf bis sieben Jahren kann Akira Schmid unser Nationaltorhüter und der Nachfolger von Leonardo Genoni sein. Unser nächster Goalie, der für uns Spiele auf internationalem Niveau gewinnen kann.

Marcel Kull als Retter

Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer wiederspricht solchen Prognosen nicht, warnt aber vor zu grossen Erwartungen und gibt zu bedenken, wie viele Faktoren die Entwicklung eines jungen Spielers beeinflussen können. Und er hat Hoffnungen, dass nicht erst Akira Schmid der Nachfolger von Leonardo Genoni wird. «Marcel Kull bringt auch Gilles Senn und Joren van Pottelberghe auf internationales Niveau.» Marcel Kull ist der beste Torhütertrainer der Schweiz. Er hat beim HCD u.a. bereits Jonas Hiller, Reto Berra und Leonardo Genoni ausgebildet. Nun arbeitet er mit Gilles Senn (21) und Joren van Pottelberghe (20). Raeto Raffainer sagt: «Für das, was er für unser Hockey leistet, müssten wir ihm eigentlich ein Denkmal errichten.»

Wäre es da nicht wünschenswert, dass sich Marcel Kull auch um die Ausbildung von Akira Schmid kümmert? Dass unser Torhüter-Jahrzehnttalent von Langnau nach Davos zügelt? Raeto Raffainer sagt: «Wenn Sie das schreiben, dann dürfen Sie sich in Langnau nie mehr blicken lassen …»

Corsin wäre im Hockeystadion wohl eher unwohl: «Hör auf zu lüften! Es ist sch**sskalt!»

Video: watson/Corsin Manser, Emily Engkent

Die Schweizer in der NHL und AHL 2017/18

Nico Hischier (New Jersey Devils): Stürmer, Vertrag bis 2020, Jahreslohn: 3,78 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,93 Mio.).
Roman Josi (Nashville Predators): Verteidiger, Vertrag bis 2020, Jahreslohn: 4 Millionen Dollar (Cap Hit: 4 Mio.). PETER SCHNEIDER
Nino Niederreiter (Minnesota Wild): Stürmer, Vertrag bis 2022, Jahressalär: 5,25 Millionen Dollar (Cap Hit: 5,25 Mio.). Andy Clayton-King
Luca Sbisa (Vegas Golden Knights): Verteidiger, Vertrag bis 2018, Jahressalär: 3,6 Millionen Dollar (Cap Hit: 3,6 Mio.). DARRYL DYCK
Sven Bärtschi (Vancouver Canucks): Stürmer, Vertrag bis 2018, Jahressalär: 1,85 Millionen Dollar (Cap Hit: 1,85 Mio.). Darryl Dyck
Sven Andrighetto (Colorado Avalanche): Stürmer, Vertrag bis 2019, NHL-Jahressalär: 1,4 Millionen Dollar (Cap Hit: 1,4 Mio.). David Zalubowski
Kevin Fiala (Nashville Predators): Stürmer, Vertrag bis 2019, Jahressalär: 1,36 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,86 Mio.). David Zalubowski
Yannick Weber (Nashville Predators): Verteidiger, Vertrag bis 2018, Jahressalär: 0,65 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,65 Mio.). PETER SCHNEIDER
Mirco Müller (New Jersey Devils): Verteidiger, Vertrag bis 2019, NHL-Jahressalär: 0,85 Millionen Dollar (Salary Cap: 0,85 Mio.). CHRISTIAN BEUTLER
Denis Malgin (Florida Panthers): Stürmer, Vertrag bis 2019, NHL-Jahressalär: 0,69 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,69 Mio.). Mel Evans
Timo Meier (San Jose Sharks): Stürmer, Vertrag bis 2019, NHL-Jahressalär: 1,64 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,89 Mio.). Marcio Jose Sanchez
[strongReto Berra (Anaheim Ducks):[/strong] Torhüter, Vertrag bis 2018, NHL-Jahressalär: 0,7 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,7 Mio.). CHRISTIAN BEUTLER
AHL – Calvin Thürkauf (Cleveland Monsters/Columbus Blue Jackets): Stürmer, Vertrag bis 2020, NHL-Jahressalär: 0,72 Millionen Dollar (Cap Hit 0,72 Mio.).
AHL – Jonas Siegenthaler (Hershey Bears/Washington Capitals): Verteidiger, Vertrag bis 2020, NHL-Jahressalär: 0,89 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,71 Mio.). THOMAS DELLEY
AHL – Dean Kukan (Cleveland Monsters/Columbus Blue Jackets): Verteidiger, Vertrag bis 2018, NHL-Jahressalär: 0,7 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,7 Mio.). Gary Wiepert
AHL – Christoph Bertschy (Iowa Wild/Minnesota Wild): Stürmer, Vertrag bis 2018, NHL-Jahressalär: 0,93 Millionen Dollar (Cap Hit: 0,78 Mio.).
WHL (Junioren) – Justin Sigrist (Kamloops Blazers): Stürmer, Ausbildungsklub: ZSC Lions. Kamloops Blazers
WHL (Junioren) – Gillian Kohler (Kootenay Ice): Stürmer, Ausbildungsklub: EHC Biel. youtube
OHL (Junioren) – Nico Gross (Oshawa Generals): Verteidiger, Ausbildungsklub: EV Zug. evz academy
QMJHL (Junioren) – Philipp Kurashev (Québéc Remparts): Stürmer, Ausbildungsklub: SC Bern.
QMJHL (Junioren) – Simon Le Coultre (Moncton Wildcats): Verteidiger, Ausbildungsklub: Lausanne HC.
QMJHL (Junioren) – Marco Cavalleri (Victoriaville Tigers): Stürmer, Ausbildungsklub: Gatineau L'Intrépide (Kanada). Marco Cavalleri
OHL(Junioren) – Stéphane Patry (Erie Otters): Stürmer, Ausbildungsklub: Genf-Servette. Claire Binder

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

31.03.2009: Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweizer Nati gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

02.05.2000: In St. Petersburg schreibt ein SMS Hockeygeschichte

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte