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Juri Ganus ist Chef der russischen Antidoping-Agentur. Er fordert ein Umdenken im eigenen Land. Bild: AP/AP

Juri Ganus kämpft gegen Russlands Doping-Sumpf: «Ich wurde auch schon bedroht»

Der neue russische Antidoping-Direktor Juri Ganus stellt sich mutig gegen seine Gegner im Sport und in der russischen Politik.

Publiziert: 07.11.19, 09:23 Aktualisiert: 07.11.19, 16:53
Rainer Sommerhalder, katowice / ch media

Der russische Sport hat in den vergangenen Jahren systematisch betrogen, bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Dopingproben manipuliert, die überführten Athletinnen und Athleten geschützt und jüngst sogar die Analysedaten des Moskauer Antidoping-Labors gefälscht.

Juri Ganus, der neue Chef der russischen Antidoping-Behörde, nimmt derweil die Rolle des Saubermanns ein. Er legt sich selbst mit den Mächtigen der russischen Politik an. Juri Ganus – ein echter Hoffnungsträger für sauberen Sport? Oder vielleicht nur eine inszenierte Figur in einem brillanten strategischen Schachspiel der Russen?

Juri Ganus, Sie sagten, dass man zuerst in Russland ehrlich mit sich selber sein muss, bevor die internationalen Sanktionen aufgehoben werden. Was sieht man, wenn man ehrlich ist?
Juri Ganus:
Wir haben das Antidoping-System in Russland in den vergangenen zwei Jahren auf neue Beine gestellt. Heute ist die russische Antidoping-Agentur unabhängig. Wieso sage ich das? Am Ende des derzeitigen Prozesses der Welt-Antidoping-Agentur wird die Rusada wegen den manipulierten Labordaten wohl wieder ihre Zulassung verlieren. Es gibt Behörden in Russland, die genau das wollen.

«Man wird sehen, dass die neue Rusada den sauberen Sport schützt.»

Wieso?
Weil sie so unsere Unabhängigkeit limitieren können. Es ist verrückt. Die derzeitige Situation in Russland ist eine Tragödie für unseren Sport und unsere zukünftigen Athleten. Nach fünf Jahren Dopingkrise stelle ich fest: Wir haben sie nicht überwunden, sondern stecken tiefer darin als je zuvor.

Was muss passieren?
Wir müssen die Entscheidungsträger und unser Vorgehen stark verändern. Es gibt dazu keine Alternative. Sie haben unseren Sport in die grösste Krise seiner Geschichte geführt.

Wer hat in Russland ein Interesse daran, Ihre Arbeit zu behindern?
Leute, welche die derzeitige russische Position nicht richtig einschätzen. Die nicht verstehen, dass eine unabhängige Antidoping-Agentur dem russischen Sport sehr helfen würde. Nur auf diesem Weg ist eine bessere Beziehung zur internationalen Sportgemeinschaft möglich. Wir versuchen, eine Brücke des Vertrauens zu bilden. Man wird sehen, dass die neue Rusada den sauberen Sport schützt.

Die russische Antidoping-Agentur Rusada ist im eigenen Land auf einer Eisbrecher-Mission. Bild: EPA/EPA

Dagegen kann doch niemand etwas haben?
(lacht) Wir haben saubere Athleten, wir haben gute Coaches und integre Funktionäre. Aber sie sind keine Entscheidungsträger. Das ist das Hauptproblem in Russland. Und meine Message an den russischen Präsidenten und an die mächtigen Staatsbehörden lautet deshalb: Es ist unmöglich, unsere Arbeit weiterzuführen, wenn wir es mit Entscheidungsträgern und ihren schlechten, alten Ansätzen zu tun haben.

«Wir müssen das alte System, dieses alte Denken zerstören.»

Wie wird Ihre Arbeit behindert?
Die Rusada ist auf einer Eisbrecher-Mission. Wir müssen das Eis brechen, das durch die Toleranz von Doping entstanden ist. Doch wir stehen unter «friendly fire». Ich wurde mehrmals bedrängt und auch schon bedroht, weil wir internationale Prinzipien und Werte im Sport vertreten und unsere Unabhängigkeit verteidigen. Es gab zum Beispiel eine Desinformationskampagne gegen die Rusada.

Sie haben den russischen Sportminister Pawel Kolobkow stark kritisiert. Was werfen Sie ihm vor?
Zuerst stellte ich mich mit meiner Kritik gegen die Führung des russischen Leichtathletikverbandes. Zusammen mit der unabhängigen Doping-Abteilung des internationalen Verbandes untersuchen wir deren Treiben. Es darf hier nicht um persönliche Beziehungen gehen, sondern um einen professionellen Blick auf die reelle Situation. Der internationale Sport basiert auf vier Säulen: Integrität, Kooperation, Transparenz und Vertrauen. Wir haben gesehen, wie sich die Führung der russischen Leichtathletik gegen diese Prinzipien gestellt hat. Wir müssen das alte System, dieses alte Denken zerstören. Immer mehr junge Menschen wenden sich deswegen in Russland von der Leichtathletik ab. Aber unser Sportminister schützt die Vertreter des alten Systems.

Dann müsste auch Kolobkow ersetzt werden?
Die Wada hat festgestellt, dass die Labordaten von Moskau manipuliert wurden. Ich war schockiert über die Art und Weise, was da geschah. Es ist ein Problem des Systems, weil es das Eingreifen einer übergeordneten Behörde gab. Der Sportminister garantierte der Wada, dass es sich um die echten Daten handelt. Er trägt die politische Verantwortung.

«In unserem Land gibt es ein Sprichwort: Jener, welcher die schlechte Nachricht überbringt, wird zuerst getötet. Aber ich bleibe dabei: Die alten Entscheidungsträger müssen ersetzt werden.»

Wo liegt das Interesse, die Betrüger zu schützen?
Ich weiss es nicht genau. Die Rusada war nicht involviert in den Prozess der Übergabe von Daten. Wir haben keinen Zugang zum Moskauer Labor. Aber man muss sich fragen, welche Athleten sollen hier genau geschützt werden: frühere Sportler, die heute in einer Machtposition sind.

Sie kritisierten sogar Ihren Präsidenten Wladimir Putin, weil er den Fokus zu wenig auf die gegenwärtige Doping­Situation lege.
Heute verstehe ich, wieso Präsident Putin nicht über diesen Prozess im Bilde war. Der Sport hatte in den letzten Monaten wegen der Ukraine- und Syrien-Krise für ihn nicht erste Priorität. Und es sah ja im Sport lange danach aus, als gäbe es positive Tendenzen zur Überwindung der Krise.

Wie gross ist das Interesse von Wladimir Putin an der Arbeit der Rusada? Bild: EPA

Aber Sie möchten Putin gerne treffen, um mit ihm über die aktuellen Probleme im russischen Sport zu sprechen.
Es ist sehr wichtig, dass die präsidiale Kraft den Kampf gegen Doping unterstützt. Die Arbeit der Rusada ist im nationalen Interesse. Aber nicht alle sehen das so. Als ich mich im Dezember an Präsident Putin gewandt hatte, bekam ich darauf auf indirektem Weg Drohungen. Ich solle mein Anliegen unverzüglich zurückziehen. Ich fragte mich, wieso sind Leute so nervös, wenn ich den Kontakt zu Putin suche.

Und wie lautet Ihre Antwort?
Man will, dass über das, was geschehen ist, auf diesem hohen politischen Level Schweigen herrscht. In unserem Land gibt es ein Sprichwort: Jener, welcher die schlechte Nachricht überbringt, wird zuerst getötet. Aber ich bleibe dabei: Die alten Entscheidungsträger müssen ersetzt werden.

«Die russische Olympiamannschaft wird wohl nur begrenzt an den Spielen in Tokio teilnehmen können. Und ich befürchte, dass dies auch 2022 so sein wird.»

Haben Sie manchmal Angst?
Ich habe nicht mehr Angst als jeder andere normale Mensch. Ich hoffe, dass die seriösen Entscheidungsträger verstehen, dass die Rusada eine unabhängige Position einnehmen muss und dass unser Land wirkliche Veränderungen im Sport braucht. Aber ich weiss auch, dass es gerade in Russland manchmal sehr gefährlich ist, Politik zu betreiben.

Es gibt auch die Diskussionen, dass Sie diesen Good Guy in einem strategischen Spiel Russlands nur spielen, damit der Sportgerichtshof am Schluss weder die Rusada noch einen russischen Olympiaausschluss verhängen kann.
Nein, nein, nein! Diese Leute kennen mich nicht. Ich habe immer die Interessen der Unternehmen vertreten, für die ich gearbeitet habe. Ich würde mit einem solchen Spiel meinen guten Ruf verlieren, den ich mir in meinem Leben aufgebaut habe. Ich habe Prinzipien, für die ich einstehe. Und meine Tätigkeit für die Rusada ist keine normale Arbeit, es ist eine Mission.

Man wartet gespannt auf die Reaktion der Wada zu den gefälschten Labordaten. Mit welcher Bestrafung rechnen Sie?
Der Entscheid wird sehr schmerzhaft für den russischen Sport sein. Die russische Olympiamannschaft wird wohl nur begrenzt an den Spielen in Tokio teilnehmen können. Und ich befürchte, dass dies auch 2022 so sein wird.

Die Chronik im russischen Doping-Skandal

3. Dezember 2014: Der ARD-Dokumentarfilm «Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht» enthüllt dank der Whistleblower Julia Stepanowa und Witali Stepanow, dass die Erfolge der russischen Leichtathleten offenbar Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption waren.
9. November 2015: Die unabhängige Kommission der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) um Richard Pound und Richard McLaren liefert in ihrem ersten Bericht Nachweise für umfassende Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik. X90072 / DENIS BALIBOUSE
13. November 2015: Der Leichtathletik-Weltverband IAAF suspendiert Russlands Verband. AP/AP / Pavel Golovkin
17. Juni 2016: Die IAAF bestätigt die Sperre für die russischen Leichtathleten und damit den Olympia-Ausschluss in Rio. Nur einzelne Athleten könnten unter neutraler Flagge teilnehmen, sofern sie glaubhaft machen können, nicht ins Doping-System Russlands involviert zu sein. EPA/DPA FILE / HANNIBAL HANSCHKE
18. Juli 2016: Im ersten Bericht von WADA-Chefermittler McLaren wird belegt, dass es eine Verwicklung auch des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Doping-Fällen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gab. Auslöser der Untersuchung waren die Vorwürfe von Gregori Rodschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Er hatte Vertuschungspraktiken in seinem Labor zusammen mit der russischen Anti-Doping-Agentur (RUSADA) enthüllt. AP/CP / Frank Gunn
24. Juli 2016: Das Internationale Olympische Komitee entscheidet, dass die russische Mannschaft trotz der Doping-Vorwürfe nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen wird. Das IOC überträgt den internationalen Sportverbänden den Entscheid, welche russische Athleten antreten dürfen. Am Ende werden rund 280 Russen zugelassen. X00856 / PILAR OLIVARES
9. Dezember 2016: Mehr als 1000 russische Sportler seien zwischen 2011 und 2015 Teil einer grossangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen, teilt McLaren in seinem zweiten Bericht mit. Es habe sich um eine «institutionelle Verschwörung» über mehrere Jahre und sportliche Grossereignisse hinweg gehandelt. Es seien auch Beweise gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien. AP/AP / Alexander Zemlianichenko

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