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Generalmajor Chris Donahue betritt ein C-17 Transportflugzeug. Er war laut US-Angaben der letzte US-Soldat in Afghanistan. Bild: keystone

Amerikas längster Krieg ist vorbei: Er ist der letzte US-Soldat, der Afghanistan verlässt

Publiziert: 31.08.21, 06:40 Aktualisiert: 31.08.21, 15:30

Es ist eine ungewöhnliche Art und Weise, das Ende von Amerikas längstem Krieg zu verkünden. Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, Präsident Joe Biden, tat das am Montag nicht selbst, sondern schickte einen seiner Top-Generäle vor. In einer knappen Videoschalte mit Journalisten im Pentagon sagte General Kenneth McKenzie, der zuständige US-Kommandeur für die Region, am Montagnachmittag Washingtoner Zeit jenen folgenreichen Satz: «Ich bin hier, um die Vollendung unseres Abzugs aus Afghanistan zu verkünden.» Damit ist der verlustreiche Militäreinsatz der USA und ihrer Verbündeten in dem Krisenland nach fast 20 Jahren beendet – und auch die militärische Evakuierungsmission der vergangenen gut zwei Wochen.

Vollzugsmeldung per Video-Schalte: General Kenneth McKenzie. Bild: keystone

Afghanistan steuert nun einmal mehr auf eine ungewisse Zukunft zu. Und es ist unklar, was aus jenen wird, die keinen Platz in einem der militärischen Evakuierungsflieger ergattern konnten.

Was ist passiert?

Um eine Minute vor Mitternacht Kabuler Zeit am späten Montag hob laut McKenzie das letzte US-Militärflugzeug vom Typ C-17 vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul ab. Die Amerikaner hatten zuvor dazu geschwiegen, wie genau der sicherheitstechnisch heikle Rückzug ihrer allerletzten Soldaten ablaufen würde. Die Sicherheitslage war bis zum Schluss prekär: Kurz vor dem Abzug hatte der afghanische Ableger der Terrormiliz IS Raketen auf den Kabuler Flughafen abgefeuert.

Generalmajor Chris Donahue. Bild: us army

Erst nachdem die letzte Maschine des US-Militärs den afghanischen Luftraum verlassen hatte, veröffentlichte das Pentagon ein Bild des «letzten amerikanischen Soldaten», der Afghanistan verlässt. Auf dem Foto ist – aufgenommen mit einem Nachtsichtgerät – zu sehen, wie Generalmajor Chris Donahue jene letzte C-17 besteigt (siehe oben). Donahue ist Kommandeur der 82. Luftlandedivision der US-Armee.

Was sagen die Taliban?

Die Taliban reagierten mit Jubel auf den Abzug der Amerikaner. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid schrieb auf Twitter, das Land habe jetzt völlige Unabhängigkeit erreicht. Das hochrangige Taliban-Mitglied Anas Hakkani twitterte: «Wir schreiben wieder Geschichte. Die 20-jährige Besetzung Afghanistans durch die USA und die Nato endete heute Abend. Gott ist gross.»

In sozialen Medien beglückwünschten sich Taliban-Anhänger gegenseitig. «Gratulationen an alle», hiess es, «Afghanistan ist frei». Andere schrieben, der Mythos der amerikanischen Unbesiegbarkeit sei in Afghanistan zerschlagen worden. Und: «Ihr hattet die Uhren, aber wir hatten die Zeit.»

Haben die Amerikaner alle Menschen in Sicherheit gebracht, die sie wollten?

Nein. McKenzie betonte, es sei nun zwar kein einziger US-Soldat mehr in Afghanistan. Er räumte aber ein, es sei nicht gelungen, alle Menschen, die man in Sicherheit habe bringen wollen, auszufliegen. «Wir haben nicht alle rausgeholt, die wir rausholen wollten.» Man habe bis zum letzten Moment die Möglichkeit gehabt, weitere US-Bürger zu evakuieren. Aber einige hätten es nicht zum Flughafen geschafft.

Wie viele Amerikaner sind noch im Land?

Nach Einschätzung des US-Aussenministeriums sind noch zwischen 100 und 200 Amerikaner in Afghanistan, die das Land verlassen wollen. Biden hatte allen ausreisewilligen US-Bürgern versprochen, sie aus Afghanistan herauszuholen. Der Präsident und sein Aussenminister Antony Blinken versicherten nach dem Abschluss des Truppenabzugs, die US-Regierung werde weiter alles daran setzen, zurückgebliebene Amerikaner, aber auch andere Ausländer und schutzbedürftige Afghanen aus dem Land zu holen – nun eben mit diplomatischen statt mit militärischen Mitteln. Doch wie genau das geschehen soll, ist unklar.

Wie viele Menschen wurden denn ausgeflogen?

McKenzie sagte, seit Mitte August habe allein das US-Militär mehr als 79'000 Zivilisten aus Kabul ausgeflogen, darunter rund 6000 Amerikaner. Die USA und ihre Verbündeten hätten gemeinsam insgesamt mehr als 123'000 Menschen ausser Landes gebracht. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen – bei den meisten davon handelt es sich um Afghanen.

Wie geht es jetzt weiter?

Blinken betonte: «Die Militärmission ist beendet. Ein neue diplomatische Mission hat begonnen.» Diese wird jedoch aus der Ferne zu steuern sein. Denn mit dem Abzug der US-Truppen gaben die Amerikaner auch ihre diplomatische Präsenz in Afghanistan auf. An Bord der letzten Militärmaschine war Ross Wilson, der bisherige US-Botschafter in Afghanistan. Blinken sagte, die USA hätten ihre diplomatischen Aktivitäten nun in Katars Hauptstadt Doha verlegt.

Und der US-Präsident?

Bild: keystone

Joe Biden äusserte sich zunächst nur in einer schriftlichen Stellungnahme, in der er seine umstrittene Abzugsentscheidung erneut verteidigte. Erst für diesen Dienstag kündigte der Präsident eine Ansprache an die Nation an. Dass der Oberbefehlshaber einen derart historischen Moment – das Ende eines für die USA höchst schmerzhaften Einsatzes, der sich über die Amtszeiten von vier Präsidenten erstreckte – nicht selbst verkündet, ist bezeichnend. Biden ist angesichts des chaotischen Abzuges heftiger Kritik ausgesetzt. Das Afghanistan-Debakel ist die bislang grösste aussenpolitische Krise seiner Präsidentschaft.

Der Demokrat hatte im April angekündigt, alle US-Soldaten spätestens bis zum 11. September bedingungslos aus Afghanistan abzuziehen – dem 20. Jahrestag der Anschläge von 2001 also. Nach Bidens Ansage kündigte die Nato an, den gesamten internationalen Einsatz in Afghanistan zu beenden. Im Juli zog Biden das Datum für den vollständigen Abzug schliesslich auf den 31. August vor. (sda/dpa/mlu)

Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

Kabul 1972: Studentinnen in Miniröcken sind im Neubauviertel Shar-e-Naü unterwegs. Eine dünne städtische Oberschicht in Afghanistan übernahm westlichen Lebensstil und westliche Kleidung. Laurence BRUN /Gamma-Rapho via Getty Images
Ebenfalls Kabul im Jahr 1972: Diese Frauen tragen die Burka, die traditionelle afghanische Ganzkörperverschleierung. Laurence BRUN/Gamma-Rapho via Getty Images
Afghanische Frauen 1967 in westlicher Kleidung vor dem Flughafen Kabul. Dieser Aufzug war nicht ungefährlich; es kam vor, dass religiöse Fanatiker Säure auf die nackten Beine der Frauen spritzten. Getty Images
Westlich gekleidete Frauen 1968 in Afghanistan. Twitter
Nicht alle westlich Gekleideten waren Einheimische: In den 60er- und 70er-Jahren kamen jedes Jahr zehntausende von Hippies nach Kabul – wie diese Hippie-Familie 1971. Die Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt auf dem sogenannten Hippie-Trail von Europa nach Südasien. A family of hippies in Afghanistan, 1971. (Photo by Anwar Hussein/Getty Images)
Strassenszene in Kabul 1979. In diesem Jahr marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, um das kommunistische Regime an der Macht zu halten. Twitter/SeyranAtes
Kabul im selben Jahr: Frauen in Burka vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei. Francois LOCHON/Gamma-Rapho via Getty Images
Junge Leute beider Geschlechter flanieren im Park, Kabul 1988. In diesem Jahr begann der Abzug der sowjetischen Truppen; ein Jahr später herrschte Bürgerkrieg. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Kabul im selben Jahr: Eine Frau in Burka geht an Friseuren vorbei, die ihrem Geschäft auf der Strasse nachgehen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Bewaffnete Frau an einer Demonstration der Kommunistischen Partei Afghanistans während des sowjetischen Truppenabzugs 1989. Das kommunistische Regime konnte sich noch bis 1992 halten, dann fiel Kabul an die Mudschaheddin – die sich sofort in einem nächsten Bürgerkrieg zerfleischten, bis schliesslich die Taliban 1996 die Macht übernahmen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Nach der Machtübernahme der Taliban war es endgültig vorbei mit westlicher Kleidung für Frauen. Und nicht nur damit: Frauen wurde die Erwerbsarbeit verboten und Mädchenschulen wurden geschlossen. Robert Nickelsberg/Getty Images

«Ich habe meine Mutter begraben» – Noori musste wegen den Taliban in die Schweiz flüchten

Video: watson / Aya Baalbaki

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