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Afrikanische Migranten in einem Aufnahmezentrum in der Hafenstadt Misrata. Bild: GORAN TOMASEVIC/REUTERS

Libyen nach Gaddafi: Ein Land im Chaos und ein Paradies für Menschenhändler

Die meisten Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa wollen, starten ihre gefährliche Überfahrt in Libyen. Wegen des Machtvakuums können die Schlepper fast ungehindert operieren.

Publiziert: 21.04.15, 15:19 Aktualisiert: 25.05.20, 20:30

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat am Sonntag ein neues Schockvideo veröffentlicht. Es soll die Ermordung von rund 30 äthiopischen Christen an einem Strand sowie in einer wüstenähnlichen Gegend in Libyen zeigen. Der libysche IS-Ableger hatte bereits im Februar ein Video veröffentlicht, das die Enthauptung von 21 koptischen Christen an einem Strand nahe der Hauptstadt Tripolis zeigen soll. Ägypten bombardierte daraufhin als Vergeltung mehrere Lager und Stellungen des IS in Libyen.

Was hat der IS-Terror mit den Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer zu tun? Beides sind Symptome eines instabilen Landes, das manche bereits als gescheiterten Staat bezeichnen. Vier Jahre nach dem Aufstand gegen den Langzeit-Diktator Muammar Gaddafi herrscht in Libyen ein Machtvakuum. Die international anerkannte Regierung und das Parlament sind nach Tobruk im Osten des Landes geflüchtet. In Tripolis haben die Islamisten der «libyschen Morgenröte» die Macht ergriffen und eine Gegenregierung installiert.

Mit der Islamisten-Regierung in Tripolis verbündete Milizionäre kämpfen in der Stadt Sirte gegen den IS. Bild: STR/EPA/KEYSTONE

Im Machtkampf mischen bewaffnete Gruppierungen mit. Die mächtige Miliz aus der Hafenstadt Misrata, die monatelang gegen die Truppen Gaddafis gekämpft hatte, bildet das militärische Rückgrat der Islamisten in Tripolis. Die Regierung in Tobruk wiederum stützt sich auf die «Nationale Armee Libyens» des ehemaligen Generals Chalifa Haftar. Die bürgerkriegsähnliche Situation bildet ein ideales Feld für Menschenhändler, die Flüchtlinge nach Europa schleusen.

Bis einer Million Flüchtlinge zur Abfahrt bereit

Die Europäische Union geht davon aus, dass rund 70 Prozent aller Migranten, die auf dem Seeweg nach Europa wollen, aus Libyen kommen. Dort sollen zwischen 500'000 und einer Million Menschen aus Syrien und Afrika zur Abfahrt nach Italien bereit sein, so die Staatsanwaltschaft von Palermo. Für die Schlepper ist dies ein lukratives Geschäft. Sie knöpfen den Flüchtlinge bis 2000 Dollar für eine Fahrt in den oft schrottreifen Booten ab. Ein UNO-Bericht vom Februar schätzt die Einnahmen aus dem libyschen Menschenhandel auf rund 170 Millionen Dollar im Jahr 2014.

Zivile Schiffe als Retter im Mittelmeer

Ein Handelsschiff des Hamburger Reeders Christopher E.O. Opielok trifft am 12. April 2015 im Mittelmeer auf ein sinkendes Flüchtlingsboot. EPA/dpa / Opielok Offshore Carriers / Opielok Offshore Carriers
«Manche Flüchtlinge erfrieren innerhalb von Minuten an Deck, nachdem wir sie unterkühlt aus dem Wasser gezogen haben», berichtet der Reeder. EPA/dpa / Opielok Offshore Carriers / Opielok Offshore Carriers
Auch am 17. Januar 2015 traf ein Opielok-Handelsschiff auf ein Flüchtlingsboot. EPA/dpa / Opielok Offshore Carriers / Opielok Offshore Carriers
«Wir sind auf die Rettungseinsätze nicht eingerichtet», sagt Opielok. Die Schiffe fahren mit zwölf Mann Besatzung und nehmen teils mehrere 100 Flüchtlinge auf. EPA/dpa / Opielok Offshore Carriers / Opielok Offshore Carriers
Seit Dezember haben die Schiffe des Reeders bei mehr als einem Dutzend Rettungseinsätzen rund 1500 Flüchtlinge aus untergehenden Booten gerettet. EPA/dpa / Opielok Offshore Carriers / Opielok Offshore Carriers

Die Schlepper haben leichtes Spiel. «Für beide libysche Regierungen hat das Flüchtlingsthema zurzeit keine Priorität», sagte Ahmed Shebani, Gründer der demokratischen Partei Libyens, der NZZ. Sowohl Tobruk wie Tripolis glaubten, «mit dieser zynischen Politik für sich einen Nutzen herausholen zu können». Sie wüssten, dass Europa zur Eindämmung der Flüchtlingsströme auf die Zusammenarbeit mit dem libyschen Staat angewiesen sei. Dies erinnert an Gaddafi, der Europa wiederholt mit der Drohung zu erpressen versuchte, die Flüchtlinge «loszuschicken».

Zuwara als Drehscheibe

Wichtigste Drehscheibe für die Überfahrt nach Europa ist laut Ahmed Shebani die Küstenstadt Zuwara westlich von Tripolis. Von dort sind es nur knapp 300 Kilometer bis nach Italien. Vor der Abreise würden die Flüchtlinge oft monatelang in Häuser, Scheunen oder Hallen interniert, schreibt «Die Welt». Zuwara befinde sich im Einflussbereich der Islamisten-Regierung in Tripolis, so Shebani in der NZZ. Diese aber wolle keinen Konflikt mit den Schleppern.

Das kleinere Übel? Der gestürzte Diktator Muammar Gaddafi mit Frankreiches Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Bild: AP

In dieser beinahe ausweglosen Lage wirkt Muammar Gaddafi, mit dem die Schweiz mehr als unliebsame Erfahrungen gemacht hat, für manche wie das kleinere Übel: «Gaddafi war ein Diktator und kein Freund der Menschenrechte», sagte der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger am Montag «Er hat aber in unserem Sinne dort gewisse Regeln organisiert und hat Verfahren dort abgewickelt. Jetzt haben wir ein Chaos mit Milizen.»

Friedensgespräche in Marokko

In Marokko finden Friedensgespräche zwischen den Konfliktparteien in Libyen statt, unter Vermittlung der UNO. Dabei wird die Bildung einer Einheitsregierung angestrebt, um die Spaltung des Landes zu beenden. Bislang kommen die Verhandlungen kaum vom Fleck. Die EU wirkt ratlos im Umgang mit dem libyschen Chaos. Italien setzt auf einen verstärkten Kampf gegen den Menschenhandel, wie Ministerpräsident Matteo Renzi am Montag erklärte. Einen Militäreinsatz in Libyen schloss er jedoch aus: «Das wäre ein zu grosses Risiko.»

Auf absehbare Zeit dürfte Libyen ein Hort der Instabilität bleiben. Ein Ende der Flüchtlingsströme ist nicht in Sicht. Davon auch profitiert die Terrormiliz IS, die nach Syrien und Irak in einem weiteren arabischen «Wackelstaat» Fuss fassen will. Sie hat gedroht, die Flüchtlinge zu infiltrieren und ihre Kämpfer so nach Europa zu schleusen.

Die Flucht übers Mittelmeer

Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, spricht mit Überlebenden des verheerenden Schiffsunglücks vom 3. Oktober 2013. EPA/ANSA / FRANCO LANNINO
Damals kamen 360 Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia vor der Küste Lampedusas ums Leben. AFP / ALBERTO PIZZOLI
25. August 2014: Flüchtlinge werden vor der sizilianischen Küste aufgegriffen. Derzeit befinden sich weltweit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. AP/Italian Navy
Flüchtlinge in Libyen. Neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) leben in Entwicklungsländern, da die meisten Flüchtlinge lediglich in ein angrenzendes Nachbarland fliehen. AFP / F NASRI
33,3 Millionen Flüchtlinge sind sogenannte Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons – IDP). Sie fliehen innerhalb ihres eigenen Landes, ohne dabei internationale Landesgrenzen zu überschreiten. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI
Flüchtlingsboot vor Lampedusa: Die Zahl der Staatenlosen wächst stetig. Ihre grundlegenden Menschenrechte sind häufig gefährdet. EPA/ANSA / ITALIAN NAVY / ITALIAN NAVY / HANDOUT
Für das Jahr 2013 gab UNHCR die Zahl der Staatenlosen weltweit mit 3,5 Millionen an. Die tatsächliche Zahl wird jedoch auf rund 10 Millionen geschätzt. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI
Unter den Top-10-Herkunftsländern befinden sich insgesamt sechs Staaten, in denen momentan Krieg oder Gewalt herrscht: Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Irak und Pakistan. EPA/ANSA / ETTORE FERRARI

Der Syrienkrieg und die Flüchtlingsströme

Das Elend der syrischen Flüchtlinge endet nicht, wenn sie die Grenze zu einem Nachbarland passiert haben. EPA/EPA / ERDEM SAHIN
Die Sicht von oben auf das Flüchtlingslager Bab Al-Salam zeigt die Dimesnionen, die die Camps angenommen haben. X03349 / HOSAM KATAN
Ein Flüchtling aus Kobane. AP/AP / Vadim Ghirda
In Berlin haben sich hohe Vertreter verschiedener Nationen getroffen um das Flüchtlingsproblem in Syrien zu besprechen. Für die Schweiz nahm Bundespräsident Didier Burkhalter teil. EPA/DPA / TIM BRAKEMEIER
In den Flüchtlingslagern herrschen zum Teil prekäre Verhältnisse. AP/AP / Vadim Ghirda
Syrische Kinder im Flüchtlingscamp von Bab Al-Salam in der Türkei bekommen Unterricht. X03349 / HOSAM KATAN

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