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Kontrolle an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz, 1984. ETH Bibliothek, Bildarchiv

Grenzland Schweiz

Seit Urzeiten prägen immaterielle Trennlinien den Alltag der Menschen. Bewusst oder ohne es zu merken, werden sie immer wieder überschritten.

Publiziert: 27.05.20, 19:52
Bernhard Graf / Schweizerisches Nationalmuseum

Die Schweiz ist – wie jeder andere Staat auch – von der Landesgrenze umgeben, an welcher sich Brüche verschiedenster Art vollziehen: das Fensterformat wechselt, Sprache und Schrift auf den Wegweisern ändern, die Essenszeiten sind verschoben und sonntags öffnen die Bäckereien auch auf dem Land ...

Landesgrenzen sind manchmal aber auch Trennlinien, an denen sich Einheimische und Fremde verständnislos gegenüber stehen, kulturelle Unterschiede unüberwindbar zu sein scheinen und sich – schlimmstenfalls – Kriege entzünden. Grenzen müssen in der einen oder anderen Form sichtbar gemacht werden. Dazu dienen beispielsweise Steine oder Pfähle, die mit den Hoheitszeichen jener versehen sind, die sich an der Grenze begegnen. Es sind immer mindestens zwei Nachbarn betroffen, manchmal aber auch deren drei oder vier.

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Immer wieder kam es vor, dass einer der Nachbarn den Namen wechselte oder eine neue (Zwangs-)Ehe einging. Das an die Schweiz grenzende Elsass ist dafür ein gutes Beispiel, war es doch in den letzten 400 Jahren mehrmals Teil des einen oder des anderen Nachbarn am Oberrhein.

1648 wurde es von Louis XIV. kurzerhand ins französische Königreich einverleibt, 1871 eroberte es Deutschland zurück und seit 1919 gehört es wieder zu Frankreich. Jedes Mal musste die neue territoriale Situation auch entlang der Grenze zu den Eidgenössischen Ständen respektive zur Schweiz sichtbar gemacht werden. Auf den in Frage kommenden Grenzsteinen von Basel bis Kleinlützel im Jura hingegen gab es auf der schweizerischen Seite der Steine auch dann nichts zu verändern, als sich der Kanton Basel 1833 in die beiden Halbkantone teilte. Wer fortan dem schwarzen Baselstab begegnete, musste lediglich wissen, dass er nur noch den städtischen Teil des alten Basel repräsentierte ...

Grenzstein aus dem Jahr 1929. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum /

Wenn Grenzen am Schreibtisch gezogen werden ...

Je jünger eine Grenzziehung ist, desto eher kann gesagt werden, wie sie zustande kam. 1952 wurde die Grenze zwischen der Stadtgemeinde Basel und der Gemeinde Riehen in gegenseitigem Einverständnis aus rein praktischen Gründen leicht korrigiert unter Beibehaltung der Flächen der beiden Territorien. Manchmal hat ein Grenzverlauf auch eine ganz simple geografische Erklärung: Östlich von Lucelle im Kanton Jura folgt er dem krummen Flusslauf der Lützel, den die erst im 19. Jahrhundert ausgebaute Strasse ignoriert und folglich mehrere Male das Ufer – und damit das Land! – wechselt.

Auch am Schreibtisch und direkt auf der Landkarte wurden schon Grenzen gezogen, wenn Regionen oder gar Kontinente administrativ eingeteilt wurden; davon gibt es Beispiele etwa in den USA oder im Nahen Osten, wo man solche Grenzen an ihrem schnurgeraden Verlauf erkennt. Was die Schweiz betrifft, so reichen die Gründe für den Grenzverlauf weit in die Geschichte zurück. Grundbesitz im Kleinen wie Grossen sind Ausgangspunkt für Grenzziehungen, und nicht selten hängt damit beispielsweise eine konfessionelle Zugehörigkeit zusammen, welche eine Region trennt. Der Appenzeller Kantonsteilung von 1597 ging die Reformation voraus; ihre Folge war die Entstehung des reformierten Kantonsteils Ausserrhoden und der Verbleib der Katholiken in Innerrhoden.

In der Südschweiz entstand die italienische Enklave von Campione 1803 aus dem Wunsch von deren Bewohnern heraus, auch trotz der Entstehung des Kantons Tessin die jahrhundertealte Verbindung zu Como nicht zu beenden, die seit der Landschenkung eines Campionesen an den Bischof von Como im 9. nachchristlichen Jahrhundert bestand. Erst der italienische Ministerpräsidnet Benito Mussolini übrigens liess 1933 zu Campione «d’Italia» hinzusetzen; er war es auch, der unverhohlen festhielt, dass Italien eigentlich auf dem Gotthard-Pass an die Schweiz grenze.

Campione d'Italia (links), aufgenommen 1997. ETH Bibliothek, Bildarchiv

Das Territorium von Campione war bis 1861 grösser und reichte bis ans gegenüberliegende Seeufer am Fuss des San Salvatore. Wer von Lugano südwärts Richtung Melide die Strasse benutzte, musste also über italienisches Gebiet. Bis 1804 stand dort weithin sichtbar «la forca» – der Galgen – von Lugano. Heute hingegen geniessen Touristen die herrliche Aussicht über den See ostwärts nach Porlezza in Italien. Sie kamen mit dem Auto und entgingen so der Gefahr des vielen Verkehrs, vor dem bereits 1927 Karl Baedeker die zu Fuss Reisenden warnte.

Habsburger wollten ein Dorf behalten

Im Falle der von den Kantonen Schaffhausen und Thurgau umgebenen deutschen Ortschaft Büsingen handelt es sich um den 1723 nicht ganz geglückten Schaffhauser Rückkauf von an Österreich verlorenen Dörfern, bei dem das Habsburgerreich diese Gemeinde – im Gegensatz zu anderen in der Umgebung – behalten wollte. Die bei Österreich verbliebenen Territorien kamen 1805 zu Deutschland, weshalb der Staatsvertrag mit der Schweiz, welcher alle Büsingen betreffenden Details regelt, 1967 von der Regierung in Bonn unterzeichnet wurde.

Die deutsche Enklave Büsingen bei Schaffhausen. ETH Bibliothek, Bildarchiv

In vielen Fällen sind heute gültige Grenzen im Mittelalter oder sogar noch früher gezogen worden. Aber selbst im 20. Jahrhundert kam es – rund um die Loslösung des jurassischen Teils des Kantons Bern und in deren Folge – zu neuen Grenzen. Deshalb kann man bei einer Wanderung im Laufental auf Grenzsteine stossen, die noch den Berner Bär zeigen, obschon dieses Gebiet seit 1994 zum Kanton Basel-Landschaft gehört.

Sprachgrenzen und Wort-Immigranten

Auch Sprachen haben ihre Territorien und es gibt folglich Sprachgrenzen; Wort-Immigranten werden als Fremdwörter bezeichnet. Nicht immer merkt man ihnen die Herkunft sogleich an, wie zum Beispiel im Fall des Wortes «Grenze», das auf den ersten Blick reichlich deutsch klingt. Aber der Schein trügt! Das Wort ist ein Import aus dem Polnischen, wo es mit der gleichen Bedeutung «granica» heisst. Bereits im frühen Mittelalter hat es sich westwärts aufgemacht als Import heimkehrender Deutscher aus dem Nordosten Europas.

Umgekehrt betrachtet finden sich in der Sprache Spuren von Grenzsituationen: Das römische Kastell Ad Fines (Pfyn TG), der Fluss Murg in Frauenfeld, der Bezirk March im Kanton Schwyz und der Ort Murg am Walensee sind entlang der Grenze zwischen der römischen Provinz Maxima Saequanorum (im Westen ) und Rätia (im Osten) aufgereiht. Die drei Namen stehen für «Ende» (Ad Fines) oder «Grenze» (March, Murg).

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Grenzland Schweiz» erschien am 20. Mai.
blog.nationalmuseum.ch/2020/05/grenzland-schweiz/

Der Grenzzaun ist Geschichte

Video: srf/SDA SRF

Die Mauern dieser Erde

Berlin, am frühen Morgen des 10. Novembers 1989: Berlinerinnen und Berliner aus dem westlichen Stadtteilen bieten den Leuten aus der DDR die Hand. Es ist inzwischen fast drei Jahrzehnte her, seit die Berliner Mauer gefallen ist – die Idee, Menschen durch künstliche Grenzen zu separieren, lebt jedoch immer noch. AP / JOCKEL FINCK
Rot eingefärbt sind fertig gebaute Grenzanlagen oder solche, die sich zurzeit im Bau befinden. In Grün sind sämtliche Grenzmauer-Projekte ersichtlich. Bei den Ländern in Grau handelt es sich um die Staaten, von denen die Grenzanlagen ausgehen. Zur ganzen Story gelangst du hier. watson
Seit sich Donald Trump als Politiker zeigt, ist sie das Politikum schlecht hin: Die «Tortilla Wall», wie sie manche Amerikaner abschätzig nennen, ist der Schutzwall an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. 3141 Kilometer misst die Grenze zwischen Nord und Mittelamerika. Bereits jetzt erstreckt sich über 1126 Kilometer eine polizeiliche Schutzanlage. Getty Images South America / John Moore
Die Anlage wird nicht nur durch Mauern und Stacheldrahtzäune, sondern auch mit Video- und Infrarotkameras, Nachtsichtgeräten, Bewegungsmeldern, Flugdrohnen und Wärmesensoren im Boden gesichert. Insgesamt 18'500 Grenzpolizisten sind für die Bewachung der Anlage verantwortlich. Laut Präsident Trump soll diese Grenzsicherung in den kommenden Jahren massiv ausgebaut werden. Mehr Infos dazu findest du hier. X03746 / JOSE LUIS GONZALEZ
Nicht entlang einer Nationalgrenze, sondern mitten durch mutmasslich eigenes Land verläuft der marokkanische Schutzwall, der im Arabischen «Berm» genannt wird. Es handelt sich dabei um einen 2700 Kilometer langen mit Steinen befestigten Sandwall, der grösstenteils mit Stacheldraht und Landmienen bestückt ist und von über 150'000 marokkanischen Soldaten bewacht wird. quelle: sahara-overland
Der Wall soll die von Marokko besetzten Gebiete in der Westsahara vom Eindringen der Polisario-Rebellen schützen. Seit 1975 haben sich die Polisario in den Wüstengebieten Mauretaniens angesiedelt, wo sie die nur teilweise anerkannte «Demokratische Republik Sahara» gegründet haben. AP / ODED BALILTY
Im Norden Marokkos, zwischen Rif-Gebirge und Mittelmeer, befinden sich die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Für aus Afrika flüchtende Menschen sind diese zwei kleinen «Europa-Flecken» besonders interessant, da sie ohne ein Meer zu überqueren auf europäischem Boden Asyl beantragen können. AP / SANTIAGO LYON
In den 1990er Jahren kesselte man die zwei europäischen Exklaven je mit einem sechs Meter hohen Dreifachzaun ein. X80002 / STRINGER
Die Zäune sind mit dem sogenanntem «Nato-Draht», einer Stacheldrahtart, die besonders tiefe Schnittwunden verursacht, ausgestattet. Trotzdem versuchen viele flüchtende Afrikanerinnen und Afrikaner immer wieder über die Absperrungen hinüberzuklettern. X80002 / STRINGER
Um eine Eskalation zwischen dem ehemals griechischen Zypern und dem von der Türkei besetzten Teil der Insel zu verhindern, schufen UN-Friedenstruppen 1974 eine verbarrikadierte Pufferzone. X02954 / NEIL HALL
Auch heute ist die Insel noch immer in zwei Hälften geteilt. Während sich im Südteil der Insel die Republik Zypern und im Norden die Türkische Republik Nordzypern formierte, blieb die Pufferzone aus dem Jahr 1974 stehen. KEYSTONE / THOMAS HODEL
Als Reaktion auf die Flüchtlingswelle begann Bulgarien 2014 mit dem Bau eines Stacheldrahtzauns entlang der türkischen Grenze. Seit Juni 2016 bauscht sich nun über 146 Kilometer engmaschicher «Nato-Draht» an der EU-Aussengrenze auf. X01507 / STOYAN NENOV
Rund 1500 Kilometer weiter südlich macht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auch mit seinen Mauerplänen ernst. Zurzeit entsteht an der türkisch-syrischen Grenze eine 900 Kilometer lange Betonmauer, die türkischen Medien zufolge mit automatischen Schussanlagen ausgestattet wird. quelle: youtube/video-news
Auch in Westeuropa gibt es Mauern. Ein sehr absurdes Beispiel dafür sind die «Peace Lines» in mehreren nordirischen Städten. Sie entstanden ab 1969 während des Nordirlandkonflikts. Ihre Aufgabe ist es, eine Eskalation zwischen pro-irischen Republikanern und pro-britischen Unionisten zu verhindern, indem sie Städte in separate Zonen einteilt. AP NY / PETER DEJONG
Der französische Hafen in Calais ist der Ausgangspunkt der meisten Schiffe, die den Ärmelkanal in Richtung Grossbritannien verlassen. 2014 wurde er grossräumige abgesperrt, um der illegalen Verschiffung von Migranten vorzubeugen. X00234 / PASCAL ROSSIGNOL
Der Staat Israel riegelt sich mittels Zäunen und Mauern gegenüber drei verschiedenen Parteien ab. AP / ODED BALILTY
Die «Separation Wall» soll mit ihren bis zu acht Meter hohen Stahlbeton-Elementen die Grenze zwischen Israel und dem mehrheitlich palästinensischen Westjordanland sichern. Die Mauer, mit deren Bau man im Sommer 2002 begonnen hatte, soll bis zur ihrer Fertigstellung 759 Kilometer lang sein. Die «Seperation Wall» ist höchst umstritten. Während die meisten Israelis die Notwendigkeit der Mauer mit der Gefahr vor Terroranschlägen begründen, sehen viele Palästinenser und Menschenrechtsaktivisten darin eine ein Symbol der Unterdrückung. quelle: shutterstock
In Richtung des Gazastreifens schirmt sich Israel mit Stacheldraht und Mienenfeldern ab. AP / ODED BALILTY
Und auch auf weiten Strecken der israelisch-ägyptischen Grenze sind entsprechende Anlagen angebracht. AP/AP / Ariel Schalit
An der 248 Kilometer langen Grenze zwischen Nord- und Südkorea verläuft eine hochgerüstete Befestigungsanlage, gesichert mit Stacheldraht, Wachtürmen, Scheinwerfern und mehr als einer Million Minen. Im Korea-Krieg zwischen 1950 und 1953 verloren fast vier Millionen Menschen ihr Leben. X90027 / DAMIR SAGOLJ
Im Anschluss des brutalen Krieges wurde Korea in das kommunistische Nordkorea und in das westlich orientierte Südkorea geteilt. Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag zwischen den beiden Staaten. Im Bild liest eine Frau die unzählig bunten Zettel, die bei einer politischen Aktion an die militärischen Grenzzäune angebracht wurden. Auf fast allen dieser Zettel ist der Wunsch nach einer Wiedervereinigung der beiden Koreas festgehalten. AP / Lee Jin-man
Der Kashmir ist ein Gebirgszug, der sich über Nordindien und Pakistan erstreckt. Über die Aufteilung dieser Gebirgskette streiten sich die beiden Nationen schon seit über 80 Jahren. Die sogenannten «Line of Control», mit der Indien seine Ländereien klar signalisiert, steht trotz eines stillen Abkommens noch heute.
Sie besteht aus 550 Kilometer Stacheldraht, die teilweise sogar unter Strom stehen. 2014 kündigte die indische Regierung zudem an, sie wolle einen 40 Meter breiten und 10 Meter tiefen Graben auf ihrer Seite des Zauns errichten. EPA/EPA / JAIPAL SINGH
An der Grenze zu Bangladesh verfügt Indien zudem über die grösste Grenzanlage der Welt. Die «Nullinie» ist eine Wand aus Stacheldraht, die sich über 4000 Kilometer erstreckt. quelle: wikimedia
Sie wird von ca. 50'000 Soldaten bewacht und kann zusätzlich unter Strom gesetzt werden. Der Grenzübergang zwischen Bangladesh und Indien gilt als der gefährlichste weltweit. Gemäss «Spiegel Online» töteten indische Soldaten zwischen 2000 und 2011 mindestens 976 Bangladescher an dieser «Nullinie». AP / TARUN DAS

Eine Hochzeit auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA

Video: SRF / Roberto Krone

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