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Die Swiss in Turbulenzen: «Der Bund muss sich mit Worst-Case-Szenarien beschäftigen»

Die Lufthansa-Tochter leidet wie alle Fluggesellschaften massiv unter den Folgen der Corona-Krise. Ein Branchenexperte fordert die Schweizer Regierung nun auf, sich auf die Frage vorzubereiten: Was passiert mit der Swiss, wenn der Lufthansa das Geld ausginge?

Publiziert: 13.03.20, 06:01 Aktualisiert: 13.03.20, 09:22
Benjamin Weinmann / ch media

Die Luftfahrtbranche steht vor einer ungewissen Zukunft. Nach der Ausweitung der Corona-Krise haben die USA einen Einreisestopp für Europa-Passagiere verhängt. Andreas Wittmer, Leiter des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen, sagt im Interview, weshalb vor allem die US-Flüge für europäische Airlines wichtig sind, weshalb er mit Groundings rechnet und welche Fragen sich der Bund für die Zukunft der Swiss stellen muss.

Bereits vor der Ankündigung der USA, ein Einreise-Stopp für Europa-Passagiere zu verhängen, hatte die Swiss ihre Flugkapazitäten um bis zu 50 Prozent gesenkt. Bild: KEYSTONE

Wie stark trifft der US-Einreisestopp für Europa die Luftfahrtindustrie?
Andreas Wittmer:
Die Branche war vorher schon enorm unter Druck mit den Flugabsagen nach Asien und innerhalb Europas. Der Entscheid aus den USA ist ein zusätzlicher, brutaler Schlag. Denn auf den Transatlantik-Flügen sind die Erträge überdurchschnittlich gut, dort können die Airlines noch Geld verdienen.

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Was bedeutet dies für eine Airline wie die Swiss?
Auch für sie wird es enorm schwierig. Sie bedient zahlreiche US-Destinationen wie San Francisco, Los Angeles, Chicago oder New York, zum Teil mehrmals täglich. Sie hat grosse Flugzeuge, die nun unbenutzt am Boden stehen. Diese Flugzeuge kosten zusammen Milliarden von Franken, und sie sollten Kapital erwirtschaften. Doch nun verursachen sie bloss Kosten.

Andreas Wittmer, Leiter des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen Bild: pd

Wie lange kann eine Airline eine solche Krise überbrücken?
Das ist ganz unterschiedlich. Die Swiss hat in den vergangenen Jahren sehr gut gewirtschaftet, da sollte einiges an Reserven vorhanden sein. Auch die Lufthansa ist ein solider Konzern. Andere Airlines stehen auf deutlich wackligeren Beinen. Viele von ihnen dürften diese Krise nicht überleben.

Und die Swiss?
Schwierig zu beurteilen. Dauert die Krise drei bis sechs Monate an, dann sollte sie dies überbrücken können. Dann geht 2020 einfach als miserables Geschäftsjahr in die Geschichtsbücher.

Und wenn es länger dauert?
Dann wird es für jede Fluggesellschaft eng, vor allem wenn auch das Sommergeschäft flöten geht.

Was, wenn plötzlich die Lufthansa in Schieflage gerät: Wäre es möglich, dass sie versuchen würde, die Swiss zu verkaufen?
Das ist zurzeit reine Spekulation …

… und dennoch sprechen wir heute über ein solches Szenario, was vor wenigen Tagen noch völlig haarsträubend gewesen wäre.
Wichtig ist deshalb, dass auch der Bund sich mit Worst-Case-Szenarien wie diesem beschäftigt. Er muss sich unangenehme Fragen stellen. Der Bund muss sich grundsätzlich über das Aufrechterhalten der internationalen Mobilität Gedanken machen. Die Luftfahrt ist nun mal Teil des öffentlichen Verkehrs eines Landes und sie ist relevant für die Wirtschaft. Die Schweizer Wirtschaft braucht eine gute, globale Anbindung.

Konkret: Müsste der Bund die Swiss retten?
Auch das ist derzeit reine Spekulation, da will ich mich nicht äussern. Aber sollte die Corona-Krise wider meines Erwartens länger anhalten, würden alle Staaten wohl ihren nationalen Airlines, die für die Wirtschaft relevant sind, unter die Arme greifen.

Ist es in einer solchen Situation ein Vorteil, dass die Swiss Teil des Lufthansa-Konzerns ist? Oder droht sie im Konzern unter die Räder zu geraten?
Dass die Swiss zur Lufthansa gehört ist insgesamt ein Vorteil. Ohne sie, wäre die Swiss nie so gross geworden, wie sie es heute ist, und sie hätte nie derart grosse Gewinne geschrieben.

Coronavirus: Was du wissen musst

Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 geht um die Welt. Was du darüber wissen musst. AP / Zoltan Balogh
Sars-CoV-2 gehört zur gleichen Erregergruppe wie das Sars- und Mers-Virus. EPA / CENTERS FOR DISEASE CONTROL AND
Das neue Virus ist zwar deutlich ansteckender, die Sterberate ist jedoch deutlich tiefer als bei Sars und Mers. EPA / NIAID- RML/NATIONAL INSTITUTES O
Ende 2019 waren vier Fälle bekannt, am 1. März waren es weltweit rund 90'000. EPA / MARK R. CRISTINO
Das erste Opfer in Europa starb am 21. Februar in Norditalien. EPA / JAN HETFLEISCH
Das grösste Risiko, an Covid-19 – so heisst die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit – zu sterben, haben Menschen über 80 Jahre. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Mortalitätsrate in dieser Altersgruppe bei 14,8 Prozent. EPA / JEROME FAVRE
Patienten mit Herzkrankheiten sind besonders gefährdet, vor den Diabetikern und Personen mit Atemwegserkrankungen und hohem Blutdruck. EPA / TOLGA BOZOGLU
Anzeichen für eine Infektion sind gemäss WHO grippeähnliche Symptome, Atembeschwerden, Atemlosigkeit, Fieber und Husten. AP
Vier von fünf der von der Krankheit betroffenen Patienten leiden an einer gutartigen Ausprägung, wie eine chinesische Studie an 72'000 Personen zeigte. AP / Kerstin Joensson
In schweren Fällen kann das Virus zu Lungenentzündungen, akuten Atembeschwerden, Nierenversagen oder zum Tod führen. EPA / Tamas Soki
Zur Vorbeugung wird empfohlen, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, sich regelmässig die Hände zu waschen, Mund und Nase zu bedecken, wenn man hustet und niest, respektive in die Ellenbeuge zu husten und zu niesen. EPA / MOURAD BALTI TOUATI
Einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gibt es noch nicht. Und das dürfte auch noch dauern. Für das Mers-Virus, das 2012 auf der Arabischen Halbinsel entdeckt wurde und das auch zu den Coronaviren gehört, wird ein Impfstoff erst seit 2018 klinisch geprüft. EPA / NICOLA FOSSELLA
Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben – und damit an mehr als bei einer Grippe (Influenza). Hier ist die Datenlage aber noch unsicher. AP / Piero Cruciatti

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