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Gifs: watson

30 Jahre «Tetris»

Alle Firmen reissen sich um «Tetris», das Jahrhundertspiel eines russischen Erfinders. Der geht beinahe leer aus, trotz 425 Millionen verkaufter Exemplare

«In diesem Moment war mir klar, dass «Tetris» ein richtig populäres Game werden würde». Der Erfinder Alexey Pajitnov hat das Potential seines Werks sehr früh erkannt. Bis aus dem rudimentären Klötzchengame aber die heutige Multimilliarden-Geldmaschine wurde, war es ein langer Weg.

Publiziert: 06.06.14, 08:00 Aktualisiert: 07.06.14, 06:44

Alexey Pajitnov wuchs in der ehemaligen Sowjetunion als Sohn zweier Autoren auf. Seine Mutter war Journalistin und nahm ihr Kind regelmässig zu Kinoaufführungen mit. Die Familie wuchs mit der kommunistischen Überzeugung der gemeinsamen Eigentümerschaft auf. Das kapitalistische Denken war ihnen fremd. Etwas, das Pajitnov in seinem späteren Leben zu Gute kommen würde.

Mit Anfang 20 arbeitete er am Dorodnitsyn Computerzentrum, eine Abteilung der russischen Wissenschaftsakademie, im Bereich der künstlichen Intelligenz. Nach seiner Arbeit spielte er regelmässig mit einem alten Spielzeug, das er noch aus Teenager-Zeiten kannte. Pentomino besteht aus sieben Plastikformen, die in der richtigen Anordnung ein Rechteck ergeben. Das Spiel blieb Pajitnov im Hinterkopf, als der Siegeszug der PC-Ära begann, die seiner Meinung nach zu Beginn nicht viel Schlaues hervorbrachte: «Ich bin von der Banalität der Ideen enttäuscht. Die Grafik fasziniert mich, wie bei den Mario-Spielen. Aber sie langweilen mich schnell», wird Pajitnov im Buch «All Your Base Are Belong to Us» zitiert. 

Im Mai 1984 begann Pajitnov schliesslich mit der Entwicklung eines eigenen Spiels. Während zwei Wochen arbeitete er jede freie Minute an seinem alten Elektronika-60-Computer (eine Kopie des damals populären PDP-11 der US-Firma DEC). Bald ertappte er sich dabei, völlig besessen von seinem Werk zu sein. Etwas, das ihm einmal Millionen Menschen gleichtun würden. Das Spiel hiess «Tetris». Der Name rührt von dem altgriechischen Wort tetra (vier) her und bezeichnet die Zahl der Quadrate pro Tetromino-Stein. Anders als in Pentomino verwendete Pajitnov keine fünfteiligen Spielsteine.

Petromino- und Tetromino-Steine

Jeder Pentomino-Stein (links) besteht aus fünf Teilen, Tetrominos (rechts) bestehen aus vier, Triominos aus drei, Dominos aus zwei und ein einzelner Stein nennt sich Monomino. Bild: watson

«Ich gab vor Fehlersuche zu betreiben, aber in Wahrheit war es nur eine Ausrede, um weiter «Tetris» zu spielen», sagt Pajitnov im Interview mit watson. Zu Beginn besass das Spiel weder Timer, Punktestand, Musik oder Farbe. «Aber worin bestehen die Regeln?», soll ihn ein Arbeitskollege gefragt haben, worauf Pajitnov erwiderte: «Es gibt noch keine Regeln. Man schiebt einfach Formen ineinander.» Im Verlauf des kommenden Monats erhielt das Game Soundeffekte, bessere Grafik und eine Punkteanzeige.

Eine undatierte Aufnahme von Alexey Pajitnov. Bild: Zvg

Der Kampf um die Rechte

Nachdem «Tetris» 1985 vom Elektronika 60 auf den IBM-PC portiert wurde, verbreitete es sich auch ausserhalb des Instituts. Weil es in der ehemaligen Sowjetunion keinen Markt für Software gab und das Spiel nicht verkauft werden durfte, kopierte es sich einfach jeder, der es wollte. Es dauerte nicht lange, bis «Tetris» die Landesgrenze überschritt. In Ungarn landete schliesslich eine der zahlreichen Kopien in den Händen von Robert Stein. Der Präsident der Londoner Software-Firma Andromeda zögerte nicht lange und ging Pajitnov für die Verkaufsrechte an. Im Glauben, der Entwickler hätte die Autorität, das Spiel zu vermarkten, verkaufte Stein die Rechte umgehend weiter. Die europäischen Rechte gingen an den britischen Game-Publisher Mirrorsoft und die amerikanischen an Spectrum Holobyte. 

Der Weg der «Tetris»-Rechte

Bild: watson

Im Januar 1988 veröffentlichten beide Unternehmen ihre eigene Version von «Tetris». Stein erhielt einen Monat später die Rechte für eine PC-Version in den westlichen Märkten. Dann begann das grosse Durcheinander. Spectrum Holobyte verkaufte in der Zwischenzeit die Rechte für die Spielautomatenversion an die Japaner. Genauer gesagt an den holländischen Gamedesigner Henk Rogers, der enge Bindungen zu Nintendo besass. Gleichzeitig verkaufte Mirrorsoft die gleichen Rechte an Atari. Atari wiederum verkaufte sie weiter an Sega und die Konsolen- und PC-Rechte an Henk Rogers. Als Stein bemerkte, dass er die entsprechenden Rechte gar nicht besass, flog er in aller Eile nach Moskau, nur um feststellen zu müssen, dass ihm jemand zuvor gekommen war.

«Wenn sie wollen, dass Jungs damit spielen, nehmen sie Mario. Wenn sie wollen, dass jeder damit spielt – Mütter, Väter, Brüder, Schwestern – nehmen sie «Tetris»

Henk Rogers, Gamedesigner

«Super Mario Land» gegen «Tetris»

Henk Rogers, der «Tetris» zum ersten Mal auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas 1988 zu sehen bekam, wusste sofort, dass er ein ganz besonderes Juwel vor sich hatte. Am Ende des selben Jahres traf sich Rogers mit Mino Arakama, dem Präsidenten von Nintendo Amerika. Dieser zeigte ihm ein kleines Gerät, das die Welt im Sturm erobern sollte – der Gameboy. Daraufhin erzählte Rogers von seinem eigenen Fund und dass Arakama «Tetris» zusammen mit dem Gameboy ausliefern sollte. «Warum sollten wir das tun, wenn wir doch Mario haben? Alle Jungs lieben Mario», wird der Japaner im Buch «All Your Base Are Belong to Us» zitiert. «Wenn sie wollen, dass Jungs damit spielen, nehmen sie Mario. Wenn sie wollen, dass jeder damit spielt – Mütter, Väter, Brüder, Schwestern – nehmen sie «Tetris», erwiderte Rogers. Nach kurzer Bedenkpause beauftragte Arakama Rogers damit, nach Moskau zu fliegen und die Rechte zu erstehen. 

Der Beginn einer langen Freundschaft

Ohne einen Termin mit Pajitnov zu vereinbaren, flog der Holländer in die ehemalige Sowjetunion. Beim Computerzentrum traf Rogers schliesslich auf den Vater von «Tetris» und nach ein paar Drinks waren sich die beiden trotz Sprachbarriere sympathisch. An mehreren Treffen nahm Electronorgtechnica (Elorg) teil. Die russische Dienststelle für Wissenschaftler und Techniker war für die Vermarktung von Softwareprodukten verantwortlich. Zu guter Letzt reisten auch Arakawa und Howard Lincoln, Nintendos Anwalt und Berater, nach Moskau. Die Verhandlungen zwischen Nintendo, einem kapitalistisch gesteuerten Konzern und der kommunistischen Sowjet-Behörde sollten ein zähes Unterfangen werden. Elrog verlangte für die «Tetris»-Rechte, dass in Zukunft alle NES-Module- und Konsolen in der Hauptstadt gefertigt würden. Lincoln lehnte alle Forderungen strikt ab. Nach einer durchzechten Nacht und langem hin und her und nicht zuletzt Dank Pajitnovs schlichtendem Gemüt, kamen die beiden gegensätzlichen Parteien doch noch zu einer Übereinkunft. Elrog verkaufte Nintendo die weltweiten Verkaufsrechte an einer Konsolenversion.

V. l. Alexey Pajitnov, Henk Rogers und Mino Arakama, der Präsident von Nintendo Amerika. Bild: Blueplanetfoundation

Das Ergebnis des Deals hatte weitreichende Folgen: Die Gameboy-Version von «Tetris» verkaufte sich weltweit 33 Millionen Mal, der kleine graue Klotz gar 120 Millionen Mal. Wie von Rogers prophezeit, fand sich das Spielzeug nicht nur in den Händen von Jungs wieder, sondern begeisterte Jung und Alt gleichermassen. Zum ersten Mal seit «Pong» und «Pac-Man» wurde ein Spiel auch von gleich vielen Frauen wie Männern gespielt.

Die Freundschaft von Pajitnov und Rogers besteht bis heute. 1996 erloschen die Rechte von Elrog an «Tetris» und gingen zurück an Pajitnov. Zusammen mit Rogers gründete er The Tetris Company, die fortan die Rechte verwaltete. Bis zum heutigen Tag wurde «Tetris» über 425 Millionen Mal alleine auf mobilen Plattformen verkauft. «Tetris» war und ist bis heute ein Massenphänomen.

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