Dieses Bild gehört in der Schweizer Clubszene seit Ende Juni 2021 dazu: Covid-Zertifikatsüberprüfung am Eingang.
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Warum Schweizer Bars freiwillig über eine Covid-Zertifikatspflicht nachdenken
Während der Bundesrat mit der Ausweitung des Covid-Zertifikats abwartet, ist die Schweizer Clubszene schon gut auf die Überprüfung eingespielt. Die Akzeptanz des Zertifikats sei gross, heisst es aus der Branche.
Weil sich die Zahl der Neuansteckungen mit dem Coronavirus auf einem hohen Niveau stabilisiert hat, verzichtete der Bundesrat am Mittwoch vorerst darauf, die Covid-Zertifikatspflicht auszuweiten.
Die Regierung wartet ab. Das, obwohl sich viele Kantone und Branchen in der vorgängigen Konsultation für eine Ausweitung ausgesprochen haben.
Erbitterte Gegner der Covid-Zertifikatspflicht sind insbesondere der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter Verband und Gastrosuisse. Sie fürchten sich vor enormen Umsatzeinbussen und wütenden Gästen.
Anders sieht es in der Bar- und Clubszene aus. Dort wird das Covid-Zertifikat an vielen Orten bereits seit Ende Juni eingesetzt. Mit nachhaltigem Erfolg, wie diverse Stimmen watson gegenüber bestätigen.
Grosse Akzeptanz in Zürich
Nebst den Clubs, für die die Überprüfung des Zertifikats sozusagen Pflicht ist (sonst darf nicht getanzt werden), springen vermehrt auch Bars auf den Zug auf. «Das Covid-Zertifikat bietet die Möglichkeit, Barkultur wieder zu erleben. Denn auch in einer Bar wollen die Leute im Stehen etwas trinken, sich austauschen oder tanzen», so Alexander Bücheli von der Zürcher Bar- und Clubkommission (BCK).
Die Kontrolle des Zertifikats sei zwar mit personellem Aufwand verbunden, aber die Akzeptanz beim Zürcher Partypublikum sei gross. «Die Mehrheit der Gäste ist bereits geimpft.» Die Ungeimpften, die einen Test benötigen, würden im Schnitt 10 bis 20 Prozent ausmachen. «Das sehen wir auch daran, dass die Auslastung der Testzentren, mit denen die Bars und Clubs zusammenarbeiten, abnimmt.»
St.Galler Bars warten noch ab mit Zertifikaten
Ähnlich klingt es auch aus St.Gallen. Zwar ist dort die Impfquote rund 10 Prozent tiefer als in Zürich (55,6% sind vollständig geimpft), das Covid-Zertifikat in den Clubs aber nicht weniger akzeptiert. Anders als in Zürich seien die Ostschweizer Barbetreibenden noch etwas zurückhaltender, heisst es von Marc Frischknecht, Vorstandsmitglied von Nachtgallen. «Viele Bars denken aber darüber nach, das Covid-Zertifikat freiwillig am Eingang zu überprüfen.» So würden im Innenbereich die Schutzvorkehrungen wegfallen und die Gäste könnten entspannter ihr Bier geniessen, sagt Frischknecht. «Das ist aber immer auch eine Personalkostenfrage.»
In Basel sei man auf das Covid-Zertifikat ebenfalls gut eingespielt, so Jean-Marc Lüthy vom Verein Kultur & Gastronomie . «Für die Nachtschwärmer ist es eine Erleichterung, wenn die restlichen Schutzvorkehrungen wegfallen», sagt Lüthy.
Gemischte Gefühle für den Herbst
Trotz der positiven Erfahrungen mit dem Zertifikat blickt man dem 1. Oktober mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn ab dann muss zahlen, wer sich per Test ein Covid-Zertifikat besorgen will. «Die kostenpflichtigen Tests sind die grosse Unbekannte», sagt Bücheli. Frischknecht aus St.Gallen ergänzt: «Es ist eine wirtschaftliche Frage. Verlieren wir Gäste durch die kostenpflichtigen Tests, könnte es schwierig werden. Denn unsere Branche ist nicht auf Rosen gebettet.»
Laut Bücheli sei die Kostenfrage entscheidend: «Wenn ein einzelner Test 50 Franken kostet, macht das niemand mit.» Aktuell versuche man deshalb herauszufinden, ob mit einer Konzentration auf ein bis zwei grösseren Testzentren Kosten gesenkt werden könnten. Dass die Tests durch die Musikclubs mitgetragen werden, sei aufgrund der jetzt schon infolge der Pandemie prekären finanziellen Situation ausgeschlossen, sagt Bücheli.
Mehr zum Covid-Zertifikat:
Trotz des Mehraufwands und der grossen Unbekannten im Herbst spricht sich die Clubszene für die Zertifikatslösung aus. «Sie ist sinnvoll, funktioniert und kurbelt hoffentlich die Impfbereitschaft an. Denn Impfen ist nicht nur Selbstschutz, sondern auch ein Zeichen der Liebe zur Nacht», sagt Bücheli aus Zürich.
Das Schweizer Covid-Zertifikat auf dem Smartphone
Die Pilotphase für das Schweizer Covid-Zertifikat hat begonnen. In dieser Bildstrecke erfährst du alles Wichtige ... KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Dirk Lindemann, Direktor des Bundesamts für Informatik und Telekommunikation (BIT), und Bundesrat Ueli Maurer präsentierten am 4. Juni 2021 das Covid-Zertifikat. Seit Montag ist die App verfügbar... keystone / ANTHONY ANEX
Die iPhone-Version der Schweizer Covid-Zertifikats-App kann seit dem 7. Juni im App Store von Apple heruntergeladen und installiert werden. Die Android-Version tauchte wenig später im Google Play Store auf. watson
Ebenfalls neu im App Store ist die iPhone-App «COVID Certificate Check». Mit dieser App sollen sich die vom Staat ausgestellten Covid-Zertifikate überprüfen lassen. Der Einsatzbereich ist noch nicht gesetzlich geregelt. watson
Wo die Zertifikate innerhalb der Schweiz überall eingesetzt werden sollen, wird zwischen dem Bund und den Kantonen geklärt. Was bereits sicher ist: Schweizerinnen und Schweizer sollen dank der Zertifikate (in der App oder auf Papier) einfacher ins europäische Ausland reisen können. keystone / Karl A.Ritter
Doch zurück zur Schweizer Zertifikats-App: Das bekommen iPhone-Nutzer beim erstmaligen Öffnen der App zu Gesicht. watson
Die App ermöglicht es, vom Staat ausgestellte und mit einer Signatur geschützte Covid-Zertifikate (in Form eines QR-Codes) auf dem Smartphone zu speichern. watson
Und man kann ein Covid-Zertifikat in Form eines QR-Codes vorweisen. Zum Beispiel bei Grenzkontrollen, wenn man ins Ausland reisen will. watson
Noch ist das aber Zukunftsmusik. Die Pilotphase hat erst begonnen. Und auch in der EU sind die politischen Prozesse noch am Laufen. Bis Ende Juni soll die App dann offiziell starten und in ganz Europa verwendet werden können. watson
Vorläufig kann man nur an der Pilotphase teilnehmen, wenn man ein entsprechendes Zertifikat erhalten hat und dieses mit der App einscannt. Wobei sich der Nutzen sehr in Grenzen hält, weil ja damit im Inland bislang keine Erleichterungen/Vorteile verbunden sind. watson
Offizielle Herausgeberin der App ist – wie bei SwissCovid – das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Für die Entwicklung und den Betrieb ist das Bundesamt für Informatik und Technologie (BIT) verantwortlich. watson
Um ein Zertifikat (auf Papier) einlesen zu können, muss man der App den Zugriff auf die Kamera gestatten. watson
In der App gibt es auch (offizielle) Antworten auf die wichtigsten Fragen. Dort erfährt man auch, dass man per Knopfdruck herausfinden kann, ob ein eingescanntes Zertifikat (noch) gültig ist. watson
Die Pilotphase ist öffentlich, und das Interesse seitens der Kantone sei riesig, sagten Vertreter des Bundesamts für Informatik und und Technologie (BIT) am Montag. Das BIT ist für die technische Umsetzung verantwortlich und betreibt auch die sichere Server-Infrastruktur für die digitale Signatur.
Der QR-Code, den man mit der App einscannt oder zu einem späteren Zeitpunkt gleich in digitaler Form erhält, wird durch eine elektronische Signatur geschützt. Dadurch gelten die Zertifikate als praktisch fälschungssicher. keystone / GIAN EHRENZELLER
In der «COVID Certificate App», so der offizielle Name, lassen sich mehrere Zertifikate speichern, wie zum Beispiel auch die von Familienmitgliedern, die ebenfalls geimpft wurden. Jedes Zertifikat sei aber nur in Kombination mit einem Ausweisdokument (des Zertifikatinhabers) gültig, heisst es. keystone / MARCEL BIERI
In der App selbst wird angezeigt, wann ein bestimmtes Covid-Zertifikat in der Schweiz abläuft, bzw. bis wann es gültig ist. Per Knopfdruck kann man laut BIT überprüfen, ob es aktuell noch gültig sei. keystone / GEORGIOS KEFALAS
Ob geimpft, genesen oder mit negativem PCR-Test: Die persönlichen Daten der App-Nutzer bleiben lokal auf dem Smartphone gespeichert und werden nicht an einen Server des Bundes übermittelt. keystone / PETER KLAUNZER
Die Schweizer Zertifikats-App wird man auch im europäischen Ausland verwenden können. Diese Woche wird ein erster Testlauf durchgeführt mit der Europäischen Union (EU), wie das BIT am Montag sagte.
keystone / ALESSANDRO DELLA VALLE
Ab Ende Juni soll das Schweizer Zertifikat in praktisch allen EU-Mitgliedstaaten verwenden werden können. Die Details definieren die einzelnen Länder. keystone / Stephanie Lecocq
So sieht die Schweizer «COVID Certificate Check» fürs iPhone aus. Noch Fragen? Dann schreib watson via Kommentarfunktion oder per E-Mail. watson
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