Der iPhone-Hersteller steht laut Gerüchteküche unter Druck.
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Apple hats mit den neuen iPhones verkackt? Ein Drama in sechs Akten
Hiobsbotschaften rund um den iPhone-Hersteller haben mal wieder Hochkonjunktur. Ob der ganzen Aufregung ist es Zeit, die Fakten zu sortieren.
Update: Laut einem hochrangigen Apple-Manager war das iPhone XR das populärste seit dem Verkaufsstart. Das günstigste der drei neuen Modelle soll sich am besten verkauft haben. Besser als das iPhone XS und XS Max.
Das Drama in 6 Akten
Jeden Herbst, wenn Apple eine neue iPhone-Generation lanciert, findet das gleiche Theater statt: Es schlägt die Stunde der Drama-Queens. Genau genommen handelt es sich um ein Drama in sechs Akten, wobei man – je nach Perspektive – von Trauerspiel oder Komödie sprechen kann ...
- Öffentlicher Aufschrei: Die iPhone-Preise werden als astronomisch, bzw. viel zu hoch kritisiert.
- Negative Gerüchte häufen sich: Unter Bezug auf anonyme und/oder dubiose Quellen wird berichtet, dass sich die neuen iPhones schlecht verkaufen würden.
- Apples Aktienkurs sinkt. Aus welchen Gründen auch immer.
- Nun schlägt die Stunde der Besserwisser: Selbsternannte Apple-Kenner erklären, was alles falsch läuft, beziehungsweise was das Unternehmen ändern müsse.
- Apple gibt die neusten Geschäftszahlen bekannt.
- Schweigen im Walde.
* Disclaimer: Der watson-Redaktor hat sich dieses Jahr in den Chor der Kritiker eingereiht und Apples Preise für das iPhone XS und XS Max als nicht gerechtfertigt bezeichnet.
Aber ist das Unternehmen in Schwierigkeiten?
Die Stunde der Besserwisser hat geschlagen
Ich habe das «Rezept», das viele Klicks verspricht, im vergangenen Februar beschrieben. Da ging es um das iPhone X, das sich angeblich schlecht verkaufte:
Man nehme unbestätigte Gerüchte, missverstehe Prognosen bzw. Vermutungen von Analysten, würze sie mit einer Portion Schadenfreude und zimmere daraus ein «Apple is doomed!»-Szenario.
Später zeigte sich, dass Analysten und Hater falsch gelegen waren. Das iPhone X war das bestverkaufte Modell.
Und damit zurück in die Gegenwart. Und wir stellen fest, dass wir bereits wieder im 4. Akt des Dramas sind.
Nun nehmen Autoren, die persönliche Ressentiments gegenüber Apple-Produkten hegen, den sinkenden Aktienkurs zum Anlass, um ihrem Frust freien Lauf zu lassen.
Ein eindrückliches abschreckendes Beispiel lieferte kürzlich der deutsche Blogger Sascha Lobo, Kolumnist beim watson-Medienpartner Spiegel Online. Der geschätzte Kollege liegt in so vielen Punkten falsch, dass es für einen eigenen Artikel reichen würde. Aber das wäre zu viel der Ehre. Darum in der gebotenen Kürze:
- Dass Lobo ausgerechnet den Albtraum aller Datenschützer lobend hervorhebt, Amazons Wohnzimmerwanze Echo, sagt eigentlich alles.
- Dass er mit der Gesichtserkennung des iPhone X nicht klarkommt und sich den Home-Button zurückwünscht, zeigt, dass er selbst zu den Handy-Neandertalern gehört.
Die automatische 3D-Gesichtserkennung ist dem Fingerabdruck-Scanner auf so vielen Ebenen überlegen, dass dies mittlerweile selbst hartgesottene Android-User einräumen. Etwa beim Huawei Mate 20 Pro, das eine freche, und zugegeben, gute Kopie von Apples Face ID bietet.
Also alles im Lot bei Apple?
Nein, nicht ganz. Und Sascha Lobo könnte mit seiner Face-ID-Kritik versehentlich den wunden Punkt getroffen haben ...
Wo sich Apple vielleicht vertan hat
Aus Japan erreicht uns am Montag die Meldung, dass es beim iPhone XR einen Preisnachlass (100 Dollar) gebe. Aber nur für Geräte, die mit Mobilfunkabo gekauft werden.
Das «Wall Street Journal» hatte letzte Woche prognostiziert, dass der Preis gesenkt werde. Japanische Mobilfunk-Provider würden Subventionen vom Hersteller erhalten, um die Nachfrage nach dem billigsten der drei neuen iPhones nach enttäuschendem Verkaufsstart anzukurbeln.
Bereits ein paar Tage vorher hatte die US-Zeitung behauptet, Apple habe die Produktion für alle drei im September vorgestellten iPhone-Modelle heruntergefahren. Analysten stimmten in den Chor der negativen Stimmen ein.
Eine offizielle Bestätigung liegt nicht vor. Doch wirft die diesjährige Preispolitik tatsächlich Fragen auf.
Dazu würden die Meldungen passen, wonach das derzeit meistverkaufte iPhone im Apple-Land Japan das Vorjahresmodell sei, das iPhone 8, respektive iPhone 8 Plus.
Es ist nicht auszuschliessen, dass Apple wie schon beim 2013 lancierten iPhone 5C die Nachfrage nach einem etwas weniger teuren Modell aus Plastik überschätzt hat.
Mit einem Einstiegspreis von 880 Franken ist das iPhone XR alles andere als ein Budget-Smartphone. Und der «Muss ich haben»-Reflex dürfte auch beim mehreren hundert Franken teureren iPhone XS und XS Max ausbleiben. Es handelt sich ja nur um Optimierungen des letztjährigen iPhone X.
Warten viele iPhone-Fans (wie bei Twitter und Co. angedroht) mit dem Kauf eines neuen Modells, weil sie auf den nächsten Knaller im Herbst 2019 hoffen? Kann gut sein.
Dazu würde passen, dass es auch am Cyber Monday in den USA das iPhone XR zum Spezialpreis gab.
John Gruber, ein echter Apple-Kenner und Tech-Blogger, hat eine eigene Theorie formuliert, warum sich das iPhone XR wohl nicht zum ultimativen Kassenschlager entwickelt. Er erinnert an das iPhone SE, das nach der Lancierung deutlich populärer war, als von Apple erwartet. Der Grund?
«Ein Teil der überraschenden Popularität des SE ergab sich daraus, dass es kleiner war, Punkt. Und einige Leute bevorzugen wirklich kleinere Handys. Aber ein Teil könnte erklärt werden, weil die kleinere Grösse vertrauter war, und einige Leute, die tatsächlich ein grösseres iPhone 6 oder 6S bevorzugt hätten, kauften, was sie bereits kannten.»
Ziehen viele User den bekannten Home-Button der ihnen unbekannten Gesichtserkennung vor, auch wenn die neue biometrische Technik in fast allen Belangen besser ist? Dann hätte Sascha Lobo ungewollt ins Schwarze getroffen ...
Was Fans, Hater und Journalisten wissen müssen
Bleiben wir bei den Fakten:
- Negative Schlagzeilen zum reichsten Unternehmen der Welt verkaufen sich gut. Ob wahr oder nicht.
- Wer es schafft, den Kurs der Apple-Aktie durch Gerüchte zu manipulieren, kann sehr viel Geld verdienen.
- Der Börsenwert eines Unternehmens wie Apple hat wenig bis gar nichts mit der tatsächlichen Wirtschaftsleistung, bzw. der Wertschöpfung, zu tun. Die Spekulanten spekulieren, und Apple tut, was es immer tut: Neue Hardware verkaufen, gekoppelt mit eigener Software und (zum Teil) kostenpflichtigen Dienstleistungen.
- Im Januar wird Apple seine neusten Geschäftszahlen präsentieren. Dann erfahren wir offiziell, wie das wichtige Weihnachtsgeschäft gelaufen ist.
- Erstmals wird Apple dann keine iPhone-Verkaufszahlen nennen. Der US-Konzern passt seine für die Börsianer wichtige Kommunikation an die Konkurrenz an. Die verrät nämlich seit Jahren keine genauen Zahlen.
- Wenn die Hersteller weniger Smartphones verkaufen, respektive die User (in gesättigten Märkten) länger warten, bis sie ein neues Modell anschaffen, hat dies aus Konsumentensicht positive Folgen. Der Konkurrenzkampf wächst, die Preise geraten mittelfristig unter Druck.
- Das Interesse an Apple-Produkten ist ungebrochen: Dies zeigte der Black Friday. Beim Online-Händler Digitec gehörten Macbooks und die Ohrstöpsel AirPods zu den «Aktionen», die am schnellsten ausverkauft waren.
An der Einschätzung des Redaktors, dass Apple mit dem iPhone das beste Gesamtpaket an Hardware und Software bietet, hat sich nichts geändert. Die Benutzerfreundlichkeit ist unerreicht hoch, und der Hersteller gewährleistet mit einer konkurrenzlosen Update-Politik, dass alte Geräte funktionstüchtig, sicher und damit wertvoll bleiben.
Mit den 2018er-Preisen hat Apple hoch gepokert – und scheint sich dessen bewusst zu sein: Für das Weihnachtsquartal stellt Finanzchef Luca Maestri ein Umsatzplus von maximal gut fünf Prozent auf 93 Milliarden Dollar in Aussicht. Er lag in der Vergangenheit höchst selten daneben.
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Wie Apple Geschichte schrieb
Apple hat der Computerbranche in den letzten vier Jahrzehnten immer wieder die Richtung vorgegeben. Das sind die wichtigsten Meilensteine ... AP/AP / Marcio Jose Sanchez
1976: Die Firmengründer Steve Jobs und Steve Wozniak (l.) bauen in einer Garage die ersten Apple-Computer. Die Geräte, die sie für 666.66 Dollar verkaufen, bestehen nur aus der Hauptplatine, ohne Gehäuse oder Tastatur. Mit Apple beginnt die Ära der Personal Computer, während meist noch Grossrechner verwendet werden. DPA APPLE / STR
2066 Crist Drive, Los Altos, Kalifornien. In diesem Haus wuchs Steve Jobs bei seinen Adoptiveltern auf. AP / JEFF CHIU
1977: Mit dem Apple II bringt das Unternehmen einen fertigen PC im Plastikgehäuse und mit einer Farbgrafikkarte auf den Markt, der sich bis 1993 über zwei Millionen Mal verkaufte. AP / ERIC RISBERG
1980: Apple geht an die Börse und verkauft 4.6 Millionen Aktien zu einem Preis von 22 Dollar. Schon am ersten Tag steigt der Aktienkurs auf 29 Dollar, womit das Unternehmen einen Marktwert von knapp 1.8 Milliarden Dollar aufwies. EPA / JUSTIN LANE
1984: Jobs stellt den Macintosh-Computer vor, mit dem eine grafische Benutzeroberfläche und die Bedienung per Maus populär werden. APPLE / STR
1985: Jobs wird in einem Machtkampf aus dem Unternehmen gedrängt. Er gründet danach die Computer Firma Next und führt das Animations-Studio Pixar. AP NY / RICHARD DREW
Unter Steve Jobs wurden die Pixar-Filme «Findet Nemo» und «Die Unglaublichen – The Incredibles» mit je einem Oscar in der seit 2002 bestehenden Kategorie Bester animierter Spielfilm ausgezeichnet. AP, WALT DISNEY PICTURES, PIXAR / STR
1991: Apple bringt seinen ersten erfolgreichen Laptop auf den Markt, das PowerBook 100.
1993: Der Apple Newton wird vorgestellt, der PDA (Personal Digital Assistan) verkauft sich aber nur schlecht, weil viele der visionären Konzepte wie die Handschriftenerkennung in der Praxis nur mässig funktionieren.
1997: Apple steht finanziell mit dem Rücken zur Wand und holt Jobs zurück. Mit dem Kauf von Next für über 400 Millionen Dollar wird das bei Next entwickelte Betriebssystem zur Grundlage des Mac-Systems OS X, dass heute noch eingesetzt wird. AP / PAUL SAKUMA
1998: Der iMac, ein kompakter Computer mit buntem Plastikgehäuse, läutet die Wiedergeburt von Apple ein. Er wurde von Designer Jony Ive entworfen, der fortan das Aussehen der Apple-Geräte bestimmt. AP / PAUL SAKUMA
Apples Chef-Designer Jony Ive (links) und Jon Rubinstein, Senior Vice President of Engineering, posieren 1999 mit den knallbunten Rechnern. AP / Susan Ragan
2001: Apple steigt mit dem iPod ins Geschäft mit Musik-Playern ein. Das Gerät wird von Kritikern zunächst als zu teuer abgetan – wird aber zum Marktführer und die weissen Ohrstöpsel erlangen Kultstatus.
2003: Der iTunes Store wird gestartet, über den sich der Online-Verkauf von zunächst Musik und dann auch Apps etabliert. Im Bild: Werbung für die neue Vertriebsplattform in einem Apple-Verkaufsgeschäft in Palo Alto. AP / PAUL SAKUMA
2007: Mit dem iPhone gibt Apple die Richtung für den Smartphone-Markt vor. Zum Standard werden ein grosser berührungsempfindlicher Bildschirm und die Idee, das Telefon für Apps zu öffnen. AP / Paul Sakuma
2008: Apple stellt das besonders dünne Notebook Macbook Air aus Aluminium vor. Es löst den Trend zu kompakteren Laptops aus. Getty Images North America / David Paul Morris
2010: Mit dem iPad kann Apple den totgeglaubten Markt für Tablet-Computer wiederbeleben, an dem sich andere Hersteller zuvor die Zähne ausgebissen haben. Links im Bild: ein uralter Macintosh Classic. X00910 / CHRISTIAN CHARISIUS
2011: Jobs stirbt an den Folgen einer Krebserkrankung im Alter von 56 Jahren. Die Führung des Unternehmens übertrug er wenige Wochen davor an Tim Cook. Getty Images North America / Andrew Burton
2015: Mit der Computer-Uhr Apple Watch stösst der Konzern erstmals seit Jobs' Tod eine neue Produktkategorie vor und wird auf Anhieb zum Marktführer. EPA/EPA / ANDREW COWIE
2016: Apple wehrt sich öffentlich gegen Druckversuche des FBI. Die US-Bundespolizei verlangt vom iPhone-Hersteller, eine Software zu entwickeln, die das Knacken eines Terroristen-Handys ermöglicht. EPA/EPA / JUSTIN LANE
2017: Zehn Jahre nach dem Ur-iPhone lanciert Apple ein Jubiläumsmodell mit innovativer Gesichtserkennungs-Technologie (Face ID). Das iPhone X hat keinen Home-Button mehr. EPA/EPA / SASCHA STEINBACH
2018: Apple erreicht als erstes Unternehmen der Welt einen Börsenwert von mehr als 1 Billion US-Dollar. EPA/EPA / ERDEM SAHIN
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