Aktuelle Themen:

Alle Umweltziele verfehlt: Redet der Bund die Bauern schlecht?

Die Landwirtschaft habe keines der 13 Umweltziele vollständig erreicht, sagt der Bund. Bauernnahe Nationalräte wehren sich gegen diese Aussage. Sie sprechen von einer «fragwürdigen Kommunikation».

Publiziert: 07.10.19, 07:34
Maja Briner / ch media

Bild: KEYSTONE

Die Bauern sind unter Beschuss. Ein Bericht des Bundesamts für Umwelt zeigte diesen Sommer, dass Rückstände von Pestiziden im Grundwasser weit verbreitet sind. Der Befund kommt für die Bauern zu einem heiklen Zeitpunkt: Gleich zwei Initiativen nehmen den Pestizid-Einsatz ins Visier. Beide sind noch im Parlament hängig, der Bauernverband hat jedoch bereits eine Gegenkampagne lanciert.

Ein Argument, das in der Debatte dazu immer wieder fällt: Die Landwirtschaft verfehle alle Umweltziele, daher brauche es weitere Massnahmen. Im Parlament sagte etwa GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy: «Jedes Jahr investieren wir Milliarden von Franken in eine Landwirtschaft, welche kein einziges der Umweltziele erreicht.»

Auch andere Nationalräte zogen mit diesem Argument ins Feld. Sie stützen sich dabei auf den Bund. Die Bundesämter für Umwelt und für Landwirtschaft kamen 2016 im «Statusbericht» zum Schluss, die Landwirtschaft habe bisher keines der dreizehn Umweltziele, die der Bund vorgegeben hat, vollumfänglich erreicht. So steht es auch in der Botschaft zur Trinkwasser-Initiative. Laut Bundesamt für Landwirtschaft gilt die Aussage nach wie vor.

Bauern am Pranger

Nur: Verfehlt die Landwirtschaft tatsächlich alle Umweltziele? Bauernnahe Nationalräte werfen dem Bund vor, er rede die Landwirtschaft schlecht. CVP-Nationalrat Leo Müller prangert in einer Interpellation die «fragwürdige Kommunikation» an. Unterzeichnet wurde sein Vorstoss unter anderem von Markus Ritter (CVP), Präsident des Bauernverbands.

Nationalrat Leo Müller Bild: forms://13/85318

«Es scheint, als wolle man die Bauern in die Pfanne hauen», sagt Müller, der im Vorstand des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands ist. «Die Kommunikation ist nicht fair.» Denn erstens sei die Aussage veraltet. Zweitens sei die Beurteilung hart, denn manche der 39 Unterziele würden durchaus erfüllt.

Ein Beispiel: Beim Phosphorgehalt hält der «Statusbericht 2016» fest, bei vielen grossen Seen sei das Ziel erreicht; bei manchen wie beim Zuger- und Hallwilersee jedoch nicht. Und bei den kleinen Seen fehle eine Übersicht. Das Fazit des Bundes: Das Umweltziel bei Phosphor wird verfehlt.

Insgesamt wurden laut dem Statusbericht sieben der 39 Unterziele erfüllt, bei neun war keine Aussage möglich, wie Müller festhält. Das Bundesamt für Landwirtschaft bestätigt das. Es hält aber daran fest, dass bisher keines der Umweltziele vollständig erreicht ist.

«Als wäre nichts geschehen»

Zudem kritisiert Müller, dass der Statusbericht von 2016 stammt. Seither habe sich einiges getan, etwa mit dem «Aktionsplan Pflanzenschutz». «Der Bund aber kommuniziert die Resultate, als wäre seither nichts geschehen.» Es sei «nicht Aufgabe von einzelnen Bundesämtern, Politik zu betreiben», moniert er.

Seine Kritik zielt auf das Bundesamt für Umwelt. Es hat die Bauern diesen Sommer bereits verärgert, als es die Auswirkungen der Trinkwasser-Initiative als gering beschrieb. Der Bundesrat hingegen warnt vor «weitreichenden, schädlichen Folgen».

«Kritik von links: Handeln statt hadern»

Kein Verständnis für Müllers Vorstoss hat die St. Galler SP-Nationalrätin Claudia Friedl. Statt die Kommunikation zu kritisieren, müsse man handeln, fordert die Umweltnaturwissenschafterin: «Wir hören fast täglich Nachrichten über das Insektensterben, den Verlust von Biodiversität und Pestizide in Gewässern.» Die Frage sei daher vielmehr, ob die Bauern weitere Instrumente bräuchten, damit die Umweltziele erreicht werden.

Nationalrätin Claudia Friedl Bild: KEYSTONE

Dass es zum Teil Verbesserungen gab, streitet Friedl nicht ab. Auch gebe es Unterschiede zwischen den einzelnen Bauern. «Aber im Ganzen muss man feststellen: Die Umweltziele werden nicht erreicht.» Die Bevölkerung dürfe erwarten, dass sich dies bessere.

Das wird verschwiegen

Müller weist den Vorwurf, es werde zu wenig gemacht, zurück. Die Landwirtschaft handle sehr wohl, zum Beispiel mit dem «Aktionsplan Pflanzenschutz», aber auch etwa beim Einsatz von Antibiotika, dessen Verbrauch sich in den letzten zehn Jahren halbiert habe. «Das alles wird verschwiegen», so Müller. Und: Es brauche Zeit. Der Luzerner fügt an:

«Die Bauern arbeiten mit der Natur, nicht mit einer Maschine, bei der man einfach den Schalter umlegen kann.»

(aargauerzeitung.ch)

Aufforstungs-Potential in der Schweiz und weltweit

In der Schweiz befinden sich die für Aufforstung geeigneten Flächen vornehmlich im Mittelland, in den Voralpen und im Jura. Das zeigt sich deutlich in diesen Screenshots der Landesteile. Hier ist die Nordostschweiz zu sehen. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Die Südostschweiz. Hier gibt es vergleichsweise wenig geeignete Flächen. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Der Südwesten. Grüne Flächen finden sich mehrheitlich im Mittelland, dagegen kaum in den Alpen. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Der Nordwesten mit Mittelland und Jura. Hier sind am meisten grüne Flächen zu finden. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Europa im Überblick. Die Schweiz weist – neben Grossbritannien und Irland – ein grosses Aufforstungspotential auf. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Die USA und Kanada. Beide Länder verfügen zusammen über rund 180 Millionen Hektar potentieller Aufforstungsfläche. Die Great Plains dürften wohl aufgrund ihrer Bedeutung für die Landwirtschaft nicht grün gefärbt sein. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Mittel- und nördliches Südamerika. Bei den grünen Flächen im Amazonasgebiet könnte es sich zum Teil um abgeholzten Regenwald handeln. Brasilien hat etwa 50 Millionen Hektar potentielles Aufforstungsfläche. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Südliches Südamerika. Viel Aufforstungspotential gibt es in Paraguay, Argentinien und im südlichen Chile. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Nördliches Afrika und Arabische Halbinsel. Seltsam die grünen Flächen im Südosten Algeriens, also mitten in der Sahara, und in den Wüsten Saudi-Arabiens. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Südliches Afrika. Das grösste Aufforstungspotential findet sich südlich des Kongobeckens. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Zentrales und südliches Asien. Hier sind vergleichsweise nur wenige Flächen grün gefärbt. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Südostasien mit Indonesien und Neuguinea. Ausgerechnet die dicht besiedelte indonesische Hauptinsel Java ist am stärksten grün gefärbt. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Australien und Neuseeland. Viel grün vor allem entlang der australischen Ostküste. Das Land verfügt über knapp 60 Millionen Hektar potentieller Aufforstungsfläche. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Russland, das mit Abstand grösste Land der Welt, verfügt auch über das grösste Aufforstungpotential: Es sind 151 Millionen Hektar. Hier ist der europäische Teil des Landes zusammen mit dem westlichen Teil Sibiriens zu sehen. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Das zentrale und östliche Sibirien. Gut zu sehen ist übrigens, wie die Merkator-Projektion der Karte die Flächen gegen die Pole hin stark vergrössert. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich
Der äusserste Osten Russlands und Alaska. Das Aufforstungspotential in Alaska ist deutlich höher. (karte: crowther lab / eth zürich) Crowther Lab / ETH Zürich

Nachhaltiges Gemüse aus dem Untergrund

Video: SRF / Roberto Krone

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben