Aktuelle Themen:

Corona-müde? bild: shutterstock

SwissCovid ist ein Intelligenztest – und die Zwischenresultate sind, nun ja...

Wie überzeugt man Menschen, etwas freiwillig zu tun, von dem sie fälschlicherweise glauben, es bringe ihnen keinen Nutzen? Und was braucht es, damit Jung und Alt in Krisenzeiten solidarisch sind?

Publiziert: 06.08.20, 12:07 Aktualisiert: 12.08.20, 08:23

Die Corona-Krise spaltet das Land. Und lässt viele kalt.

Wie sonst ist zu erklären, dass Millionen Bürgerinnen und Bürger bewusst auf die nationale Warn-App verzichten, die zur Eindämmung der Seuche lanciert wurde?

Erhebungen des Bundes zeigen, dass die im Juni lancierte SwissCovid-App inzwischen auf 1,2 Millionen Smartphones läuft. Das ist wenig für ein aufgeklärtes, wohlhabendes Land mit über 6 Millionen kompatiblen iPhones und Android-Smartphones. Viel zu wenig.

Dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Herausgeberin der App ist es bislang nicht gelungen, die breite Bevölkerung zu überzeugen. Der digitale Graben zieht sich quer durch die Sprachregionen, Kantone und Altersgruppen. Er reicht von Schaffhausen über die Innerschweiz bis ins Wallis und betrifft Junge, Mittelalterliche und Senioren-Influencer.

Woran das wohl liegt?

Corona und Aids

Covid-19 ist eine Gefahr für die Gesundheit und unsere Gesellschaft. Aber wie gross ist das persönliche Risiko? Und wie weit sind wir bereit, andere zu schützen?

Der Psycho­analytiker und Satiriker Peter Schneider erklärte einem Republik-Journalisten, warum die Risikoabwägung bei Covid-19 völlig anders sei als bei Aids.

Schneider meinte:

«Die individuelle aktuelle Bedrohung durch Corona ist nicht gross genug. Auf HIV stand lange Zeit die Todes­strafe, nach ungeschütztem Geschlechts­verkehr war man in Panik. Also etablierte sich die Konvention des Kondoms. Corona bedroht jüngere Leute nicht so drastisch – und es gibt noch genügend Spital­betten. Es gibt reale Gründe, das eigene Risiko als vertretbar zu betrachten.»

quelle: republik.ch

Für junge User: In den 1980er-Jahren verunsicherten Berichte über die Ausbreitung der unheilbaren Immunerkrankung die hiesige Bevölkerung. Das HI-Virus wurde zum Schreckgespenst. Mütter kochten die Blockflöten ihrer Kinder aus. Und öffentliche WCs galten als Gefahrenzone.

Damals herrschte übertriebene Angst. Und heute?

Heute nerven wir uns über – zugegeben – üble Kommunikations-Pannen beim Bund, Versäumnisse der Kantone und das Fehlverhalten Dritter. Und wir verlieren uns in Diskussionen über Corona-Detailfragen, statt beim eigenen Verhalten anzusetzen und konsequent zu sein bei den von den Fachleuten empfohlenen Vorsichtsmassnahmen.

Welche Massnahme gegen Covid-19 hältst du persönlich für unnötig?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Wie viele Schweizerinnen und Schweizer glauben, dass ihnen SwissCovid keinen echten Nutzen bringt? Oder schlimmer noch, sie befürchten deswegen Nachteile?

SwissCovid funktioniert. Wie viele Warnhinweise angezeigt werden aufgrund der eingegebenen Covidcodes (durch User, die positiv getestet wurden) ist nicht bekannt. screenshot: bfs.admin.ch

Warum soll man sich freiwillig eine App «ins Haus» holen, deren Wirksamkeit nicht geklärt ist?

Gegenfrage: Warum sollte man auf ein einfaches Hilfsmittel verzichten, das nichts kostet und vergleichsweise sehr sicher ist, wie IT-Experten übereinstimmend sagen?

Das Problematische bei den App-Verweigerern ist, dass sie einer selbsterfüllenden Prophezeiung Vorschub leisten: Die vorgesehene Durchschlagskraft erreicht die App erst, wenn sie von vielen genutzt wird. Läuft SwissCovid hingegen weiterhin auf relativ wenigen Geräten, hält sich der gesellschaftliche Nutzen in Grenzen. Und damit sehen sich die Zweifler bestätigt: «Die App bringt nichts. Haben wir ja gesagt!»

Wird das noch was oder kann das weg?

Die entscheidende Frage zu SwissCovid, nämlich die Wirksamkeit der neuartigen Technik, lässt sich bislang nicht beantworten. Wir stecken noch mitten in der Pandemie und ein Ende ist nicht in Sicht, auch wenn wir Corona-müde sind und am liebsten gar nichts mehr davon hören möchten.

Fakt ist: Bundesbern kann und wird uns nicht vor Covid-19 bewahren. Wir alle sind gefordert – und stehen in der Pflicht. Die Zauberworte für das erfolgreiche Bewältigen der Corona-Krise lauten Eigenverantwortung und Selbstdisziplin.

Weil du bis hierhin gelesen hast (und nicht nur den zugegeben provokativen Story-Titel), will ich ehrlich sein:

Eigentlich müssen wir hoffen, dass SwissCovid auf lange Sicht kein durchschlagender Erfolg wird. Denn viele Leute würden die App wohl erst installieren, falls sich die Lage extrem verschlechtert und eine Überlastung der Spitäler und andere gravierende Konsequenzen drohen.

Dieser «Worst Case» scheint heute weit weg. Und darum versprüht SwissCovid weiterhin den trockenen Charme eines sozialwissenschaftlichen Massenexperiments.

Allerdings ist der Hintergrund todernst. Und wir tun gut daran, herauszufinden, was eine solche Anwendung für uns persönlich und unsere Gesellschaft leisten kann und ob unsere Smartphones zur Seuchenbekämpfung taugen.

Um es in Anlehnung an einen Spruch des legendären Forrest Gump zu sagen: Dumm ist der, der nichts tut.

PS: Die SwissCovid-App muss man nur einmal «zur Hand nehmen», um sie zu aktivieren, und kann sie dann getrost vergessen. Das liegt beim Kondom definitiv nicht drin. 😉

Video: watson

Noch nicht überzeugt?

Was für die SwissCovid-App spricht:

  • Man hilft damit, seine Liebsten zu schützen.
  • Covid-19 wird nicht einfach verschwinden. Das heisst, wir müssen lernen, mit der Gefahr zu leben. Und es wird auch in den nächsten Monaten ein stetiges Ausprobieren sein, welche Massnahmen nötig und sinnvoll sind.
  • Die Wissenschaft erachtet klassisches Contact Tracing übers Telefon als unverzichtbar, um die Seuche unter Kontrolle zu halten und Ausbrüche einzudämmen. Doch in der Praxis klappt das nicht immer zuverlässig (da hohe Fehlerquote) und es dauert manchmal viel zu lang. Zudem sind einige Kantone mit Abklärungen überfordert und der Informationsfluss zum Bund funktioniert schlecht.
  • Um symptomlose Ansteckungen zu bekämpfen, ist es nötig, Betroffene möglichst schnell zu warnen, damit sich diese vorübergehend zurückziehen und testen lassen. Hier hat die SwissCovid-App einen messbaren Einfluss.
  • Die SwissCovid-App wurde nach wissenschaftlichen Standards entwickelt und das System ist von IT-Experten überprüft und für gut befunden worden.
  • Der Datenschutz ist gewährleistet und es gehen keine persönlichen Informationen an den Staat.
  • Die App ist für alle «gratis» und wird durch Steuer- und Spendengelder finanziert.
  • SwissCovid funktioniert und hat mit grosser Wahrscheinlichkeit auch bereits Leben gerettet. (Wir wissen es nicht wegen des hohen Datenschutzes und weil die verhinderten Ansteckungen nicht in den Statistiken auftauchen).
  • Man kann die App jederzeit löschen, falls gravierende Probleme auftreten oder publik gemacht werden. (Dies war aber bislang in keiner Weise der Fall.)
  • Die Nutzung der App ist freiwillig und wird es bleiben. Das ist gesetzlich so festgeschrieben.
  • Ein kleiner Teil der Bevölkerung, der alte Handys nutzt, muss auch in Zukunft ohne SwissCovid auskommen. Das ist kein Problem, wenn im Gegenzug die grosse Mehrheit der Leute mit neueren Smartphones mitmacht. Es war nie einfacher, sich solidarisch zu zeigen mit den Mitmenschen.
  • Wir müssen versuchen, den durch Covid-19 verursachten Schaden so gut wie möglich zu begrenzen. Die Auswirkungen der Krise sind auch so schon gravierend.

Und jetzt du!

Nach dem Abwägen sämtlicher Vor- und Nachteile ist völlig logisch, dass wir es probieren sollten. Oder nicht?

Quellen

Koronavilkku statt SwissCovid: Was die Finnen richtig machen in der Corona-Krise

Diese neue Schweizer App hilft gegen Superspreader – nun ist der Bund gefordert

App-Entwicklerchef: «In den meisten Fällen ist es unnötig, SwissCovid zu deaktivieren»

SwissCovid wird schneller: Labors, Infoline und Apotheken stellen neu Covid-Codes aus

Sicheres Contact-Tracing, Made in Switzerland

Schweizer IT-Experten und Wissenschaftler haben mit Kollegen im In- und Ausland eine Proximity-Tracing-Software entwickelt, die den Datenschutz garantiert. Der folgende Comic erklärt, wie es funktioniert ... KEYSTONE / ALEXANDRA WEY
Der Epidemiologe Marcel Salathé von der EFPL gehört zum DP3T-Team, das eine sichere Tracing-Technik entwickelt hat. Vom paneuropäischen Projekt Pepp-PT hat man sich wegen Datenschutz-Bedenken distanziert. Keystone/CYRIL ZINGARO
Hingegen begrüssen die DP3T-Leute sehr, dass Apple und Google Programmierschnittstellen (API) fürs Contact-Tracing per Bluetooth-Verbindung zur Verfügung stellen.
Die Schweizer Contact-Tracing-App ist Ende Juni 2020 lanciert worden. Der oberste Datenschützer begrüsst den dezentralen Ansatz.

Zu viel am Handy? Dr. Watson weiss, woran du leidest

Video: watson / Knackeboul, Lya Saxer

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz