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SRF-Journalistin Luzia Tschirky nach Festnahme in Minsk wieder frei

Publiziert: 31.01.21, 18:05 Aktualisiert: 31.01.21, 18:05

SRF-TV-Korrespondentin Luzia Tschirky ist am Sonntag in der belarussischen Hauptstadt Minsk von der Polizei für mehrere Stunden festgenommen worden. Der Grund war zunächst unklar. Laut eigenen Angaben war sie mit Bekannten in der Stadt unterwegs und von drei maskierten Sonderpolizisten in einen Minibus gezogen worden.

Die 29-Jährige war laut eigenen Angaben mit einer Bekannten und deren Mann zu Fuss unterwegs auf dem Weg in ein Café. An einer Ampel habe ein Minibus gestoppt. Drei maskierte Männer einer Sondereinheit hätten sie daraufhin in das Fahrzeug gezerrt, schilderte Tschirky ihre Festnahme nach der Freilassung in einem Interview auf «srf.ch».

Tschirky wurde rund drei Stunden lang festgehalten, wie ein Sprecher des Schweizer Aussendepartements (EDA) auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Nach ihrer Freilassung begab sie sich auf die Schweizer Botschaft. Der Grund für die Festnahme war unklar. Von belarussischer Seite lag zunächst keine Stellungnahme vor.

«Sie haben uns nichts erklärt», sagte Tschirky im Interview. «Es hiess nur, man wolle unsere Identitäten überprüfen.» Sie vermutete Willkür. Seit den Präsidentschaftswahlen im August habe es regelmässig an Sonntagen Demonstrationen gegen die Regierung gegeben. So hätten sich Menschen in kleinen Gruppen in Innenhöfen getroffen, um zu demonstrieren. «Vielleicht vermutete man, dass wir uns mit anderen treffen wollten.»

Cassis erleichtert

Laut SRF hält sich Tschirky mit einer gültigen Akkreditierung in Belarus auf. Ihre Bekannte und deren Mann wurden den Angaben zufolge zunächst weiter festgehalten.

Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis reagierte erleichtert auf die Freilassung. «Ich bin erleichtert und danke allen, die sich für eine rasche Lösung eingesetzt haben», teilte Cassis auf Twitter mit.

Zuvor hatte das Schweizer Aussendepartement beim belarussischen Aussenministerium interveniert. Der Schweizer Botschafter in Minsk, Claude Altermatt, veröffentlichte nach der Freilassung ein Foto mutmasslich aus der Schweizer Vertretung, das ihn mit Tschirky beim Anstossen zeigt.

Das Schweizer Fernsehen SRF kritisierte die mehrstündige Festnahme heftig. «Wir sind befremdet, dass unsere Korrespondentin auf offener Strasse und ohne Grund verhaftet worden ist und verurteilen dieses Vorgehen der Behörden von Belarus aufs Schärfste», liess sich der Leiter der SRF-TV-Auslandredaktion, Reto Gerber, in einer Stellungnahme auf der SRF-Internetseite zitieren.

Kritik am Regime

Tschirky ist seit Frühjahr 2019 TV-Korrespondentin von SRF in Russland. Sie hatte am Sonntag vor ihrer Verhaftung von Minsk aus über die Anti-Regierungsdemonstrationen in Russland berichtet. Dabei äusserte sie auch Kritik an der belarussischen Regierung unter Langzeit-Machthaber Alexander Lukaschenko.

Luzia Tschirky ist für SRF in Russland im Einsatz.

«Hier schaut man heute genau nach Russland und wie die Sondereinheiten mit Demonstranten umgehen», erklärte Tschirky auf Twitter. «Das Absperren der Moskauer Innenstadt: Ein Zeichen, dass der Kreml Strategien von Lukaschenko übernimmt. Dessen Strategie kennt nur eine Richtung: Repression.»

Die Schweiz hatte Mitte Dezember wegen der Gewalt nach den umstrittenen Präsidentenwahlen in Belarus Sanktionen gegenüber Lukaschenko erlassen. Für ihn und 14 weitere Personen gelten seitdem Finanzsanktionen und ein Einreiseverbot.

«Letzter Diktator Europas»

Der 66-jährige Alexander Lukaschenko gilt als «letzter Diktator Europas». Er hatte sich nach der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Wahl mit 80,1 Prozent zum Sieger erklären lassen. Bei Protesten gegen die Regierung gab es mehrere Tote, Hunderte Verletzte und rund 30'000 Festnahmen.

Alexander Lukaschenko regiert mit eiserner Hand. Bild: sda

Im Dezember war eine schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin aus St. Gallen in Minsk zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden. Die 51-Jährige war bei einer Frauen-Kundgebung am 19. September in Minsk festgenommen worden.

Der Bundesrat äusserte sich damals erneut «sehr besorgt» über die angespannte Lage in dem osteuropäischen Binnenstaat. Er rief in einer Mitteilung zum Dialog zwischen der Regierung und der Zivilgesellschaft auf, und er forderte Belarus auf, internationale Menschenrechtsverpflichtungen einzuhalten. (cma/rst/sda)

Proteste in Belarus gehen weiter

Belarus kommt nicht zur Ruhe. Seit dem Präsidentschaftswahlen am 9. August wird im Land protestiert. Dmitri Lovetsky
Amtsinhaber Alexander Lukaschenko gewann die Wahlen von Belarus nach offiziellen Angaben mit 80 Prozent der Stimmen. Von Oppositionellen wird dieses Ergebnis in Frage gestellt. Ihm wird Wahlbetrug vorgeworfen. Dmitri Lovetsky
Swetlana Tichanowskaja kandidierte gegen den amtierenden Präsidenten. Gemäss offiziellen Zahlen verlor sie die Wahl mit nur 10 Prozent Stimmanteil. Sie verliess das Land unter unklaren Umständen und flüchtete nach Litauen. Sergei Grits
Dieses angebliche Wahlergebnis löste in Belarus viele Proteste aus. Täglich wird in vielen weissrussischen Städten demonstriert. Dmitri Lovetsky
Lukaschenko schickte Polizisten los, um die Demonstrationen unter Kontrolle zu bringen.
Die Sicherheitskräfte gingen mit grosser Härte gegen die Protestierenden vor, was noch mehr Demonstrationen auslöste. Tausende Protestierende wurden verhaftet.
Am 14. August lassen die Behörden mehr als 2000 Gefangene frei. Viele zeigten danach schwere Verletzungen: Blutergüsse, blutigen Striemen auf dem Rücken, Platzwunden am Kopf und Verbrennungen von Blendgranaten. Sergei Grits
In diesem Bild hält eine belarussische Frau ein Bild eines Mannes hoch, der Berichten zufolge in Polizeihaft übel zugerichtet wurde. TATYANA ZENKOVICH
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sah auch Hinweise auf Folter. Die Behörden wiesen ungeachtet unzähliger Foto- und Videobeweise die Vorwürfe von Misshandlungen zurück. In diesem Bild zeigt der Demonstrant Artem Pronin seine Blutergüsse, die er nach eigenen Angaben zufolge in Polizeihaft erlitten hatte. TATYANA ZENKOVICH
Diese Gedenkstätte in Minsk wurde für Aleksandra Viktor und Aleksandar Trajkovski errichtet. Die beiden starben während Demonstrationen. STR
Nach Darstellung der Opposition befinden sich noch immer 4000 Menschen in Haft. Medien zufolge werden rund 80 Menschen noch vermisst. MARTIN DIVISEK
Bei den grössten Protesten bisher überhaupt waren im ganzen Land nach Schätzungen von Aktivisten mehr als eine halbe Million Menschen auf den Beinen. Allein in der Hauptstadt Minsk waren es Hunderttausende. Proteste in dieser Grössenordnung in Belarus gelten als historisch. Sie verliefen friedlich. Sergei Grits
Die Polizei schritt Anfangs letzter Woche nicht mehr ein. Die Lage ist gespannt, weil die Behörden die Proteste für illegal erklärt haben. Es stehen auch Militärfahrzeuge bereit, wie auf Fotos im Nachrichtenkanal Telegram zu sehen ist. YAUHEN YERCHAK
Die Sonderpolizei OMON ist während den Protesten stark präsent. Gegen Ende letzter Woche wurden wieder vermehrt Menschen festgenommen, darunter auch Dutzende Journalisten. Dmitri Lovetsky
Im Machtkampf in Belarus ist Russland bereit, seinem Nachbarn und Verbündeten bei einer weiteren Zuspitzung der Lage mit Einsatzkräften zu helfen. Es sei eine eigene Reserve für den Fall eines Eingreifens gebildet worden, sagte Kremlchef Wladimir Putin. Tatyana Zenkovich
In Minsk sind letzten Sonntag trotz dem erhöhten Aufgebot von Sicherheitskräften und Putins Drohung erneut Zehntausende auf die Strasse gegangen.
Zwar erreichen die Bürger diesmal nicht den Unabhängigkeitsplatz in Minsk. Er ist mit Metallgittern abgesperrt. STRINGER
Aber an vielen Stellen der Stadt versammeln sich Tausende Menschen – und stellen sich mutig den Uniformierten entgegen. «Uchodi!» – «Hau ab!» – skandiert die Menge. Und «Lukaschenko w Awtosak» – «Lukaschenko in den Gefangenentransporter».

Belarus – Lukaschenko zeigt sich mit Sturmgewehr

Video: watson / een

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