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QAnon-Anhänger glauben, eine «globale Elite» wolle die Bevölkerung dezimieren, etwa mit einer Covid-19-Impfung. Bild: AP

QAnon: Sie glauben an die grosse Weltverschwörung, sie werden mehr und sie sind gefährlich

Anhänger der QAnon-Bewegung glauben an die grosse Weltverschwörung. Dafür werden sie oft als Spinner verspottet. Eine interne Facebook-Untersuchung zeigt nun: Die Gruppen haben einen enormen Zulauf – und gewinnen an politischem Einfluss. Das FBI warnt.

Publiziert: 16.08.20, 15:36 Aktualisiert: 16.08.20, 15:36

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In den USA wächst die Sorge angesichts der sogenannten QAnon-Bewegung, einem Sammelsurium von Verschwörungserzählungen, die im Internet verbreitet werden und zunehmend auch den Präsidentschaftswahlkampf beeinflussen. Die Anhänger von «Q» – einer virtuellen Kunstfigur – können fast ausschliesslich dem Trump-Lager zugeordnet werden. Die Bewegung zeigt extremistische Züge. Terrorexperten warnen davor, dass Verschwörungserzählungen wie QAnon zu einer realen Gefahr werden können.

QAnon: Wie gefährlich kann eine Verschwörungstheorie werden?

Video: YouTube/ZDFheute Nachrichten

Facebook geht von Millionen Anhängern aus

Eine interne, nicht öffentliche Facebook-Untersuchung soll nun Aufschluss darüber geben, wie viele QAnon-Anhänger sich über die Plattform austauschen, wie sie sich organisieren und welche Art von Inhalten sie teilen. Der US-Sender «NBC» konnte die vorläufigen Ergebnisse einsehen und berichtet, dass Facebook von Millionen Nutzern ausgeht, die sich auf tausenden von Seiten und grösstenteils geheimen Gruppen austauschen. Und: Das Netzwerk sieht darin offenbar eine Gefahr.

Allein in den zehn wichtigsten Gruppen seien mehr als eine Millionen Mitglieder organisiert, zitiert «NBC» aus dem Report. Allerdings ist es gut möglich, dass viele QAnon-Anhänger mehreren Gruppen angehören und von der Statistik doppelt gezählt wurden.

Wie will Facebook damit umgehen?

Unklar ist, wie Facebook mit den gewonnenen Erkenntnissen umgehen will – und ob überhaupt Massnahmen geplant sind. In der Corona-Krise ist das Unternehmen ungewöhnlich entschlossen gegen Falschnachrichten vorgegangen, etwa in Bezug auf esoterische Heilsversprechen. Auch Impfgegnergruppen gerieten wegen der Verbreitung von gefährlichen Kampagnen ins Visier der Facebook-Wächter. Zuletzt wurde sogar ein Beitrag von US-Präsident Donald Trump gelöscht. Am Dienstag gab Facebook schliesslich bekannt, dass man die Gangart gegen rassistische und antisemitische Stereotype weiter verschärfe.

Facebook könnte ein Werbeverbot für Anzeigen mit einem Bezug zu QAnon verhängen und seinen Empfehlungsmechanismus so anpassen, dass entsprechende Inhalte und Gruppen sich nicht mehr so leicht viral verbreiten können und weniger sichtbar sind. Twitter hat bereits entsprechende Massnahmen eingeleitet. Auf anderen Plattformen, insbesondere Telegram, bleiben die Verschwörungsideologen unbehelligt. Die WhatsApp-Alternative Telegram aus Russland wird daher immer mehr zum Sammelbecken für «Aluhüte».

QAnon steht schon seit einem Jahr unter Beobachtung

Laut «NBC» beobachtet Facebook die QAnon-Aktivitäten auf den eigenen Seiten schon seit Juni 2019. Damals hiess es, dies sei Teil einer Strategie, die den Fokus auf Gruppen mit einem möglichen Gewaltpotenzial legt.

Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von der Anziehungskraft der Verschwörungserzählungen: Laut den Recherchen eigener Mitarbeiter hat die Plattform etwa 12'000 US-Dollar mit 185 Anzeigen verdient, in denen QAnon «gelobt, unterstützt oder vertreten» wurde. Die Anzeigen wurden allein in den vergangenen 30 Tagen vier Millionen Mal geklickt.

Für einige ihrer prominenteren Vertreter ist die QAnon-Bewegung zu einem Geschäftsmodell geworden: Über Facebook und andere Online-Plattformen vermarkten sie Merchandise-Artikel mit dem Buchstaben «Q» und diversen Insider-Sprüchen, mit denen sich die Anhänger zu erkennen geben.

Video: watson/leb

Die eigenen Mitarbeiter sind zunehmend besorgt

Facebook geht nach eigenen Angaben «routinemässig» gegen Beiträge von QAnon-Anhängern vor, wenn diese gegen die Community-Regeln verstossen. Laut einem Sprecher wurde vergangene Woche eine grössere QAnon-Gruppe mit 200'000 Mitgliedern wegen «unauthentischen Verhaltens» geschlossen. Das ist Facebook-Sprech für «Spam» oder gezielter Kampagnenführung durch Fake-Accounts. Konkret hätten die Mitglieder die Grenzen zu Mobbing und Belästigung, Hassrede und falschen Informationen überschritten.

Einigen Mitarbeitern geht das offenbar nicht weit genug: Gegenüber «NBC» äusserte ein Mitarbeiter anonym Bedenken, dass sich die Unternehmensführung weigern könnte, entschlossener gegen Verschwörungstheorien vorzugehen. Er gehe fest davon aus, dass die meisten QAnon-Gruppen gegen bestehende Richtlinien des Netzwerks bezüglich der Verbreitung von Fehlinformationen und Extremismus verstossen. In der Belegschaft wachse die Sorge, dass der Präsidentschaftswahlkampf 2020 ähnlich wie schon die Wahl Donald Trumps vor vier Jahren von Lügen und Manipulationsversuchen geprägt sein könnte.

Das Weltbild der QAnon-Anhänger zusammengefasst

QAnon-Anhänger glauben, dass Trump ihren Kampf gegen eine «globale Elite» anführt – einer Gruppe von überwiegend linksliberalen Politikern, Geschäftsleuten und Promis, die heimlich das Weltgeschehen lenken. Ihre zentralen Thesen spinnen sie sich aus angeblichen Insider-Informationen eines hochrangigen Mitarbeiters im Weissen Haus zusammen, dem viel zitierten «Q». In Internetforen kursieren unzählige Gerüchte, die sich auf angebliche Aussagen von Q berufen. Die Vorwürfe gegen den politischen Gegner reichen von Satanismus bis Kindesmissbrauch. Auch die «Pizzagate»-Erzählung lebt in der QAnon-Bewegung fort. 2016 wurde im US-Präsidentschaftswahlkampf von Trump-Anhängern die Verschwörungstheorie gestreut, wonach in einer Pizzeria in Washington ein Kinderpornoring agiere, in den auch die Kandidatin Hillary Clinton verwickelt sei.

QAnon-Anhänger glauben, weltweit würden Kinder in Gefangenschaft gehalten, um aus ihrem Blut für eine satanistische Elite eine angebliche «Verjüngungsdroge» zu gewinnen. Politiker, Konzernchefs und Promis würden in unterirdischen Tunnelsystemen Kinder missbrauchen, sie essen und ihr Blut trinken. Das Kinderhilfswerk Unicef versorge sie dabei mit Kindern.

Prominente wie der deutsche Vegan-Koch Attila Hildmann, Sänger Xavier Naidoo oder zuletzt Robbie Williams verbreiten die teils antisemitische QAnon-Propaganda auch in Europa. Es erstaunt nicht, dass auch in der Schweiz und in Deutschland an Corona-Demonstrationen QAnon-Symbole zu sehen sind. Bei uns ist die Bewegung derzeit noch ein Sammelbecken für radikale Impfgegner, Esoteriker, Libertäre und Rechtsradikale. Über Plattformen wie Facebook, YouTube, WhatsApp und Telegram diffundieren die Verschwörungsmythen aber in die Gesellschaft. Ausgerechnet Menschen, die seit Jahren vor einer Pandemie warnten, etwa Microsoft-Mitgründer Bill Gates, wurden so für die QAnon-Anhänger zum Feindbild.

FBI warnt vor «potentieller Terrorismusgefahr»

Selbst das FBI kam 2019 zu dem Schluss, dass von der Gruppierung eine «potentielle Terrorismusgefahr im Inland» ausgeht. Es werden bereits mehrere Gewalttaten und mindestens zwei Morde auf den Einfluss der Verschwörungserzählungen zurückgeführt.

QAnon wird zur Weltbewegung: QAnon-Anhänger demonstrieren in Bukarest (Rumänien) gegen Corona-Schutzmassnahmen. Bild: keystone

In konservativen Kreisen zählt QAnon hingegen fast zum Mainstream. Auf Pro-Trump-Wahlkampfveranstaltungen gehören T-Shirts und Flaggen mit QAnon-Schriftzug zum Bild. Mittlerweile erhält die Bewegung aber auch die offizielle Unterstützung von republikanischer Seite. Laut der Medienseite «Media Matters» haben mindestens 70 republikanische Politiker öffentlich zu verstehen gegeben, dass sie Teile der QAnon-Ideologie für richtig halten. Das deutet darauf hin, dass die Republikaner hier ein grosses Wählerpotenzial sehen, das es auszuschöpfen gilt.

Am Mittwoch bekundete Trump auf Twitter offen seine Unterstützung für eine QAnon-Anhängerin, die für die Republikaner für den Kongress kandidiert. Das Problem. Die Politikerin ist nicht nur Verschwörungsideologin, sie ist auch Rassistin und Antisemitin.

(oli/str/t-online.de)

Bilder der Corona-Demo in Berlin

Knapp 20'000 Personen forderten am 1. August in Berlin ein Ende der «Corona-Diktatur». keystone / FELIPE TRUEBA
Veranstalter hatten zunächst 500'000 Teilnehmer angekündigt. Laut Polizei sind 17'000 gekommen. keystone / FELIPE TRUEBA
Darunter radikale Impfgegner, Esoteriker und Verschwörungserzähler wie auch Antisemiten und Rechtsextremisten. keystone / FELIPE TRUEBA
Menschen mit Mund-Nasen-Schutz wurde aus dem Protestzug «Masken weg» entgegengerufen. keystone / Markus Schreiber
Am Nachmittag wurde auf der Kundgebungsbühne erst von 800'000, dann von 1,3 Millionen Menschen gesprochen. keystone / Markus Schreiber
Die Polizei ging «in der Spitze» von etwa 17'000 Teilnehmenden aus. Bei einer anschliessenden Kundgebung sollen rund 20'000 Personen teilgenommen haben. keystone / Markus Schreiber
Die Corona-Demonstrierenden verbreiteten mit Fake-Bildern die Falschmeldung, in Berlin hätten über eine Million Menschen gegen Corona-Massnahmen demonstriert. Hier ist nicht Berlin, sondern die Street Parade in Zürich zu sehen.
Im Internet wurden die Fake-News der Corona-Leugner schnell entlarvt.
Auch Parolen wie «Die grösste Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie» waren zu hören. keystone / Paul Zinken
Das Motto der Demonstration lautete «Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit». Den Titel «Tag der Freiheit» trägt auch ein Propagandafilm der Nazi-Ikone Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935. keystone / Paul Zinken
Gegendemonstranten unter dem Motto «Omas gegen rechts» riefen dem Zug «Nazis raus» entgegen keystone / Christoph Soeder
Angela Merkel ist das Feindbild der Corona-Demonstrierenden. keystone / Christoph Soeder
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier plädiert für härtere Strafen bei Verstössen gegen die Corona-Regeln. «Wer andere absichtlich gefährdet, muss damit rechnen, dass dies für ihn gravierende Folgen hat», sagte der CDU-Politiker. keystone / FELIPE TRUEBA
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat das Demonstrationsrecht unterstrichen, zugleich aber harsche Kritik am Berliner Protestzug gegen staatliche Corona-Beschränkungen geäussert. keystone / Christoph Soeder
«Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so», schrieb der CDU-Politiker auf Twitter. keystone / FELIPE TRUEBA
Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmasken dienten dem Schutz aller. Die Pandemie sei nur «mit Vernunft, Ausdauer und Teamgeist» zu meistern. keystone / Markus Schreiber
Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken schrieb auf Twitter: «Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als «die zweite Welle», ohne Abstand, ohne Maske. Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Unverantwortlich!» keystone / FELIPE TRUEBA
Brandenburgs CDU-Landtagsfraktionschef Jan Redmann schrieb auf Twitter: «Wieder 1000 Neuinfektionen/Tag und in Berlin wird gegen Coronaauflagen demonstriert? Diesen gefährlichen Blödsinn können wir uns nicht mehr leisten.» sda / Christoph Soeder
Laut Polizei wurden die Hygieneregeln während der Demo nicht eingehalten. keystone / FELIPE TRUEBA
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keystone / Markus Schreiber
keystone / FELIPE TRUEBA
keystone / FELIPE TRUEBA

Maskenpflicht: «Masken haben nicht die Fähigkeit, deine Sauerstoffaufnahme zu reduzieren»

Video: watson / Lino Haltinner

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