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«Lord of the Flies» in echt – wie 6 Jungen 15 Monate auf einer winzigen Insel überlebten

Publiziert: 31.05.20, 13:35

1954 veröffentlichte der englische Schriftsteller William Golding seinen ersten und erfolgreichsten Roman, «Lord of the Flies» («Herr der Fliegen»). Die Geschichte einer Gruppe von sechs- bis zwölfjährigen Jungen, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Südseeinsel ohne Erwachsene zu überleben versuchen, endet in einem gewalttätigen Desaster. Unter dem Firnis der Zivilisation, so sagt es uns Goldings Roman, lauert das animalische Böse, das hervorbricht, sobald es keine kontrollierende Instanz mehr gibt.

«Lord of the Flies» ist Fiktion. Keine Erzählung, sondern eine Begebenheit, die sich tatsächlich zugetragen hat, ist die Geschichte von sechs Jungen aus Tonga, die 1965 schiffbrüchig wurden und auf einem unbewohnten Eiland im Pazifik überlebten. Als sie nach 15 Monaten entdeckt und gerettet wurden, war dies Stoff für Zeitungsartikel und einen Dokumentarfilm, in dem die Jungen ihre Erlebnisse selbst darstellten. Danach geriet die Geschichte allmählich in Vergessenheit.

Szene aus der Verfilmung (1963) von Goldings Roman «Lord of the Flies». Bild: RONALD GRANT/NONE

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, hat sie der Historiker und Autor Rutger Bregman wieder ausgegraben. Der Niederländer ist kein Unbekannter; er sorgte 2019 weltweit für Aufsehen, als er am WEF medienwirksam eine «gerechte Besteuerung für Reiche» forderte. Bregman stiess auf einen Zeitungsartikel über die schiffbrüchigen Jungen – zufällig, aber nicht ohne Absicht. Er war auf der Suche nach einem Beispiel für Kinder, die auf sich allein gestellt mit einer Notsituation fertig werden mussten. Bregman suchte, wie er in einem Artikel im «Guardian» darlegt, nach einer wirklichen «Lord of the Flies»-Story.

Bregman, der damals an seinem Buch «Humankind» («Menschheit») schrieb, beabsichtigte, dem negativen Menschenbild, wie es Golding in seinem Roman exemplarisch darstellt, ein positives Beispiel aus der Wirklichkeit entgegenzustellen. Mit den schiffbrüchigen Jungen aus Tonga glaubte er, dieses Beispiel gefunden zu haben – in seinem «Guardian»-Artikel schrieb er:

«Es wird Zeit, dass wir eine andere Art von Geschichte erzählen. Der wahre ‹Lord of the Flies› ist eine Geschichte über Freundschaft und Loyalität, eine, die zeigt, wie viel stärker wir sind, wenn wir uns aufeinander verlassen können.»

Bregman gelang es, einen der Überlebenden und ihren Retter in Australien aufzuspüren und ihm ihre Geschichte erzählen zu lassen.

Peter Warner (l.) und «Mano» Sione Filipe Totau im Artikel des «Daily Mercury».

Das unfreiwillige Abenteuer der sechs Jungen aus Tonga begann wie so manches andere auch: Es war ihnen langweilig. Um der Langeweile in ihrem strengen katholischen Internat in Nuku'alofa, der Hauptstadt Tongas, zu entkommen, fassten Sione Fataua (16), «Stephen» Tevita Fatai Latu (16), «David» Tevita Fifita Siolaʻa (14), Kolo Fekitoa (16), «Mano» Sione Filipe Totau (15) und Luke Veikoso (15) einen kühnen Plan: Sie würden mit einem Boot nach Fidschi segeln – 800 Kilometer über das offene Meer.

Da keiner von ihnen ein Boot hatte, liehen sie sich eins von dem Fischer Taniela Uhila aus, allerdings ohne vorher zu fragen – vermutlich, weil sie ihn alle nicht leiden konnten. Mehr als zwei Säcke mit Bananen, ein paar Kokosnüssen und einen kleinen Gasbrenner nahmen sie nicht mit. Eine Karte oder einen Kompass hatten sie nicht dabei.

Das Wetter war gut, als sie gegen Abend in See stachen. Doch in der Nacht – sie waren alle eingeschlafen – brach ein Unwetter über sie herein. Das Ankertau riss, das Ruder brach, das Segel zerriss. Acht Tage lang trieb das Boot über die Wasserwüste. Die Jungen versuchten, Fische zu fangen; sie fingen mit Kokosnuss-Schalen Regenwasser auf, das sie rationieren mussten.

«Mano» Totau.

Doch dann tauchte eine Insel am Horizont auf. Es war 'Ata, ein unbewohntes Eiland, rund 160 Kilometer südwestlich von Tongatapu, der Hauptinsel Tongas, gelegen. Die Insel war einst bewohnt, doch nachdem 1863 beinahe die Hälfte der etwa 350 Einwohner gekidnappt wurden, um sie als Fremdarbeiter auf die peruanischen Guano-Inseln zu verschleppen, liess der König von Tonga die verbliebenen Inselbewohner auf die näher bei Tongatapu gelegene Insel 'Eua bringen.

'Ata und 'Eua im Tonga-Archipel. Karte: Wikimedia/Eric Gaba / Bearbeitung: watson

Die entkräfteten Jungen sprangen ins Wasser und schwammen mit Planken ihres Boots als Schwimmhilfe auf die Insel zu. Sie konnten nur mit Mühe an Land gehen – 'Ata ist ein 2,3 km2 grosses Eiland mit felsigen Stränden und steilen Klippen, die schroff aus dem Meer steigen. Der grösste Teil der ungastlichen Insel besteht aus einem bewaldeten Hochplateau.

Der höchste Punkt von 'Ata liegt 355 Meter über Meer. Die Insel ist grösstenteils bewaldet. Bild: GoogleMaps

Der Speisezettel der jungen Tongaer war zu Beginn eher mager: Sie assen, was ihnen in die Finger kam; Fisch, Kokosnüsse, Eier von Seevögeln und die Vögel selbst, deren Blut sie zudem tranken. Später, als sie das Hochplateau erkundeten, verbesserte sich ihr Nahrungsangebot: Sie stiessen auf eine zerfallene, von den Inselbewohnern verlassene Siedlung. Dort fanden sie wilden Taro, Bananen und verwilderte Hühner.

Die Insel 'Ata.

15 Monate lang überlebten die Jungen auf der kargen Insel. Sie legten einen Gemüsegarten an, sammelten Regenwasser in ausgehöhlten Baumstämmen, hielten Hühner in Gehegen und unterhielten ein Feuer, das sie nicht ausgehen liessen. Daneben richteten sie sich eine Art Sportplatz und ein Badminton-Feld ein und bauten eine improvisierte Gitarre – all dies nur mit ihren Händen und einem Messer. Vor allem aber überstanden sie diese Zeit ohne grössere, zerstörerische Konflikte.

Der unfreiwillige Aufenthalt der sechs Tongaer auf 'Ata endete am 11. September 1966. An diesem Tag nahm der australische Kapitän Peter Warner mit seinem Fischerboot «Just David» Kurs auf 'Ata, weil er aus der Ferne merkwürdige Stellen von verbranntem Gras entdeckt hatte. Als sich sein Boot der Küste näherte, nahm Warner einige nackte, langhaarige Gestalten wahr, die aufgeregt umherhüpften. Schliesslich sprangen sie ins Wasser und schwammen auf die «Just David» zu. Die Robinsonade war zu Ende.

Zeitungsbericht über die Rettung der Schiffbrüchigen, Oktober 1966. Bild: nla.gov.au

Warner brachte die Schiffbrüchigen nach Nuku'alofa, wo sie – obwohl man sie inzwischen für tot erklärt und Trauerfeierlichkeiten für sie abgehalten hatte – prompt verhaftet wurden. Uhila, dessen Boot sie «ausgeliehen» hatten, hatte sie angezeigt. Warner half den Jungen aus der Patsche und bezahlte Uhila 150 Pfund für das Boot. Dies tat er nicht ohne Hintergedanken: Als Sohn des Politikers und TV-Unternehmers Sir Arthur Warner, in dessen Firma er arbeitete, erkannte er das Potenzial des Schiffbruch-Abenteuers als Stoff für einen Film. Er überzeugte die Jungen, in einem Dokumentarfilm mitzuwirken. Tatsächlich erschien wenige Tage später ein Team des australischen TV-Senders «Channel 7» auf Tongatapu. Der Film wurde im Oktober 1966 ausgestrahlt.

Fotos aus dem Dokumentarfilm von 1966.

Als die sechs Schiffbrüchigen nach ihrer Freilassung auf ihre Heimatinsel Ha'afeva zurückkehrten, wurden sie jubelnd empfangen. Fast alle 900 Einwohner versammelten sich, um sie zu empfangen. Kapitän Warner erhielt eine Nachricht von König Taufa'ahau Tupou IV. höchstpersönlich: «Danke für die Rettung von sechs meiner Untertanen. Kann ich etwas für Sie tun?» Warner ergriff die Gelegenheit und ersuchte um Erlaubnis, in den Gewässern von Tonga Hummer zu fischen.

Mit der Erlaubnis des Königs in der Tasche kehrte Warner nach Sydney zurück und ging mit einem neuen Boot namens «Ata» auf Fischfang. Als Crew-Mitglieder heuerte er die sechs Jungen an, die er gerettet hatte. So gab er ihnen, wie Bregman schreibt, das, womit alles begonnen hatte: eine Gelegenheit, die Welt ausserhalb von Tonga zu sehen.

Warner mit seiner Crew.

Land verschwindet wegen Klimaerwärmung

Video: srf/Roberto Krone

Roy Sullivan, der Mann, der 8 mal vom Blitz getroffen wurde

Menschlicher Gewitter-Magnet: In seiner 36-jährigen Dienstzeit als Ranger im Shenandoah-Nationalpark wurde Roy C. Sullivan sechs Mal vom Blitz getroffen. Und auch als Rentner sollte ihn seine sonderbare Pechsträhne weiterverfolgen - doch immer überlebte er nur leichtverletzt. Seinen Hut, in den ein Blitzschlag ein Loch gebrannt hatte, trug Sullivan wie eine Trophäe mit sich herum. Der Amerikaner steht bis heute im «Guinness-Buch der Rekorde» als der Mensch, der am häufigsten vom Blitz getroffen wurde.
Unglückselige Werbefigur: 2010 erzählte das schwedische Verpackungsunternehmen Tetra Pack die skurrile Leidensgeschichte des Rangers Roy Sullivan in einem Werbespot. Hier ist etwa eine nachgestellte Szene des Einschlages aus dem April 1942 zu sehen, als Sullivan auf einem Feuerturm von einem Gewitter überrascht wurde. Der Turm war so neu, dass noch keine Blitzableiter installiert worden waren.
Rekordverdächtiges Pech: Auch Sullivans unglücklicher Blitzschlag in einem fahrenden Auto wird in der Tetra-Pak-Werbung nachgestellt. Eigentlich wäre Sullivan in dem Fahrzeug völlig sicher gewesen – doch ein unglückliches Detail lieferte ihn dem Stromschlag aus.
Elektrisiert: Comic-Zeichner C.M. Butzer verewigte Roy Sullivans ersten Blitzschlag während seiner Dienstzeit als Naturpark-Ranger in einem Comic. Was der Comic auslässt: Als Sullivan im April 1942 bemerkte, dass ein Gewitter näherkam, versuchte er noch, vor den Blitzen zu fliehen – doch er kam nicht weit.
Berufsrisiko Blitzschlag: Mehrfach wurde Sullivan während seiner Arbeit auf dem Skyline Drive, einer Panoramastrasse im Shenandoah-Nationalpark, vom Blitz getroffen. Im Sommer 1973 versuchte er sogar, im Auto vor einer Gewitterwolke zu fliehen – allerdings erfolglos. Corbis / Cameron Davidson
Statistischer Ausreisser: Die Auflistung zeigt die Anzahl Opfer in den USA, die seit 2007 durch einen Blitzschlag getötet wurden. Roy Sullivan wurde entgegen aller Wahrscheinlichkeiten im Laufe seines Lebens gleich acht Mal getroffen – und überlebte jeden Schlag.
Blitzopfer in der Schweiz: Eine detaillierte Auswertung von Todesfällen auf Grund Naturgefahren hat ergeben, dass zwischen 1946 und 2016 insgesamt 164 Menschen in der Schweiz durch Blitzschläge getötet wurden. Die Erhebung hat die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) durchgeführt und im Januar 2017 veröffentlicht.
Gefährliche Idylle? Eine Wanderin blickt über die Wälder in den Blue Ridge Mountains, Virginia. Das Berggebiet wird häufig von Gewittern heimgesucht, selbst wenn in den umliegenden Regionen Sonnenschein herrscht. Dennoch bleibt die aussergewöhnliche Häufung von Blitzschlägen, die Sullivan sein Leben lang erlitt, rätselhaft. Corbis / 167
Blitzkarriere: Als Sullivan 1972 zum fünften Mal vom Blitz getroffen wurde, wurden die Medien auf ihn aufmerksam – und machten das Schicksal des Rangers bekannt. Die Band «I hate myself» widmete dem vom Unglück Verfolgten 2005 das Lied «Roy Sullivan, By Lightning Loved».
Tragisches Ende: Der Tod von Roy Sullivan ist bis heute nicht genau geklärt. Offiziell war es Suizid, aber das Motiv blieb unklar: Angst vor weiteren Blitzschlägen? Oder, wie gemunkelt wurde, Liebeskummer?
Und wie konnte es sein, dass Sullivans Frau seinen Tod erst Stunden später bemerkt haben wollte – obwohl sie direkt neben ihm gelegen hatte? Auch diese Frage bleibt ungeklärt.

Von der einsamen Trauminsel im Pazifik zur Müllkippe

Video: watson / Lya Saxer

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