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Andrea Pirlo war ein Weltklasse-Spieler – wird er auch ein Weltklasse-Trainer? Bild: keystone

Zwischen Vorschusslorbeeren und Skepsis: Juventus wagt das Experiment Pirlo

Am Samstag entliess Juventus Turin Trainer Maurizio Sarri. Sein Nachfolger wird Andrea Pirlo. Der ehemalige Weltklasse-Mittelfeldspieler gilt als grosses Trainer-Talent – trotzdem sind bei weitem nicht alle Fans zufrieden.

Publiziert: 09.08.20, 14:24 Aktualisiert: 10.08.20, 08:32
Dario Bulleri

Als Andrea Pirlo Ende Juli als Trainer der U23 zu Juventus Turin zurückkehrte, war allen klar: Der Weltmeister von 2006 sollte mehr als nur ein Nachwuchstrainer sein. Pirlo wurde im Gegensatz zu seinen Vorgängern bei einer Pressekonferenz vorgestellt, sogar Präsident Andrea Agnelli war vor Ort – er, der bei der Medienkonferenz nach der Ankunft von Maurizio Sarri ein Jahr zuvor noch gefehlt hatte.

Und Agnelli machte kein Geheimnis daraus, dass er Pirlo als zukünftigen Trainer für die erste Mannschaft zurückgeholt hat. «Das ist das Ziel, ja», erklärte der Präsident damals. «Es ist ein Weg, den er sich verdienen muss. Und das ist die erste Etappe.»

Der Plan war klar: Pirlo sollte in der U23 ein, zwei Jahre erste Erfahrungen sammeln, um dann die erste Mannschaft zu übernehmen. Wie einst Pep Guardiola und Zinédine Zidane, die bei Barcelona und Real Madrid den selben Weg gingen und später die Champions League gewinnen konnten. «Natürlich würden alle gerne diesen Weg gehen», sagte Pirlo damals und ergänzte: «Aber man muss sich das verdienen. Mit der Zeit und mit Erfahrung.»

Zinédine Zidane wurde vom U23-Trainer zum Champions-League-Sieger. Bild: EPA/EFE

Nicht einmal zehn Tage später ist diese erste Etappe bereits Geschichte. Nach der Entlassung von Maurizio Sarri wurde Pirlo am Samstag zum neuen Cheftrainer ernannt. Ohne zuvor ein einziges Training mit der U23 geleitet zu haben. Ohne zuvor je ein Team betreut zu haben.

Nicht viele Alternativen

Dennoch hat es eine gewisse Logik, dass Juve nach der Entlassung Sarris sich für eine interne Lösung entschieden hat. Es fehlte schlicht an Alternativen: Aufgrund der kurzen Sommerpause wäre es schwierig gewesen, einen der beiden Wunschkandidaten Zinédine Zidane oder Simone Inzaghi aus aus Madrid oder Rom wegzulotsen. Antonio Conte, bei dem zuletzt über ein Abgang von Inter spekuliert wurde, soll nach seinem Abgang aus Turin 2014 kein gutes Verhältnis zu Andrea Agnelli haben.

Antonio Conte wurde mit Juve drei Mal italienischer Meister. Bild: AP/AP

Und die drei grossen Namen, welche derzeit vereinslos sind, konnten auch nicht restlos überzeugen: Mauricio Pochettino hat keinerlei Erfahrung im italienischen Fussball und soll mindestens 10 Millionen Euro pro Jahr fordern, Luciano Spalletti war zuletzt mit Inter nur mässig erfolgreich gewesen und mit einer Rückkehr von Massimiliano Allegri hätte die Vereinsführung einen grossen Fehler eingestehen müssen.

Weltklasse-Spieler und vielversprechende Trainer-Ausbildung

Nun also Pirlo. Ein Mann, der für die Wiederauferstehung von Juventus steht. Mit seinem Wechsel nach Turin 2011 kehrte der Erfolg zurück. Neun Titel gewann die «Alte Dame» seither in Serie, bei den ersten vier gehörte Pirlo als Spieler zu den prägenden Figuren. Aufgrund seiner Juve-Vergangenheit sei er eine logische Lösung als Cheftrainer, erklärte Sportchef Fabio Paratici: «Wir kennen ihn, er hat für uns gespielt und wir standen seither immer in Kontakt. Wir denken, dass er prädestiniert ist. Er war es als Spieler und wir sind überzeugt, dass er es auch als Trainer sein kann.»

Während seiner Aktivkarriere gehörte Andrea Pirlo zu den besten Mittelfeldspielern der Welt. Bild: keystone

Tatsächlich scheint Pirlo auch als Trainer viel Potential zu haben. Renzo Ulivieri, der als Direktor des Trainer-Ausbildungszentrum Pirlos Weg zuletzt genau verfolgte, ist von dessen Qualitäten überzeugt: «Wenn wir über Wissen sprechen, gehört Pirlo zu den besten der Welt. Das ist so, weil er sich vorbereitet hat. Er ist überzeugt, aussergewöhnlich. Er ist nicht beim Fussball seiner Zeit geblieben. Er hat etwas davon behalten und ging dann weiter, immer weiter.»

Ein Umbruch steht an

Wie Pirlos Idee von Fussball aussieht, weiss aufgrund seiner fehlenden Erfahrungen noch niemand so genau. Er möge das 4-3-3-System mit viel Ballbesitz, sagte der einstige Weltklasse-Mittelfeldspieler vor einigen Wochen – damit also genau die Formation, mit der Juve zuletzt unter Sarri auflief. Zudem berichten italienische Medien, Pirlo wolle die Verjüngung des in die Jahre geratenen Kaders vorantreiben. Altgediente Spieler wie Gonzalo Higuain, Blaise Matuidi und Sami Khedira werden Turin wohl verlassen, an ihrer Stelle sollen Talente wie etwa Nicolo Zaniolo oder Sandro Tonali kommen.

Brescias Sandro Tonali gilt als «neuer Pirlo» – wird er bald vom richtigen trainiert? Bild: EPA

Zudem dürfte Pirlo von Beginn weg auf die beiden Neuzugänge Arthur und Dejan Kulusevski setzen. Und nach wie vor zentral wird Superstar Cristiano Ronaldo sein. «Wenn Juve die Champions League gewinnen will, braucht sie gute Flügelspieler. Es kann nicht sein, dass Ronaldo so wenige Bälle erhält», analysierte Pirlo vor einem guten Jahr die Probleme Juves.

«Wer mal ein grosser Spieler war, muss genau das zuerst ablegen.»

Gennaro Gattuso

Ein Trainer-Talent, das mutigen Offensiv-Fussball spielen lassen und auf die Jungen setzen will – auf dem Papier tönt das Experiment Pirlo verlockend. Trotzdem sind viele Kenner skeptisch. Die fehlende Erfahrung könnte zum Verhängnis werden, befürchten viele, zudem dürfe man nicht erwarten, dass ein ehemaliger Weltklasse-Fussballer zwingend ein Weltklasse-Trainer wird.

So meinte etwa der heutige Napoli-Trainer Gennaro Gattuso, ein langjähriger Weggefährte Pirlos: «Wer mal ein grosser Spieler war, muss genau das zuerst ablegen. Trainer ist ein schwieriger Job, man muss lernen, arbeiten und schläft wenig. Es reicht nicht, wenn man eine grosse Karriere hatte. Aber ich wünsche Andrea viel Glück dabei.»

Auch bei den Fans sind nicht alle von der Beförderung Pirlos begeistert. Auch ihnen bereitet die fehlende Erfahrung Sorgen. Denn noch ist es nicht lange her, dass letztmals ein grosses italienisches Team mit einem ähnlichen Experiment scheiterte: Im Sommer 2014 sollte Vereinslegende Filippo Inzaghi, zuvor erst Trainer der U19, die AC Milan zurück zu alter Grösse führen. Es sollte nicht gelingen, im Gegenteil: Nach nur 14 Siegen in 40 Spielen endete Inzaghis Abenteuer auf der Milan-Bank vorzeitig.

Die besten Zitate und Geschichten von Andrea Pirlo

Die besten Zitate und Geschichten von Pirlo: Pirlo über persönliche Ziele im Fussball. «Der so häufig bemühte Satz, wonach die Erfolge der Mannschaft zählen, nicht die Leistung eines Einzelnen, ist nichts als ein kläglicher Hymnus, wie ihn nur Leute anstimmen können, die keine persönlichen Ziele verfolgen – sei es aus Mangel an Klasse oder an Charakter.» EPA / DANIEL DAL ZENNARO
Pirlos Gedanken vor seinem Elfmeter im WM-Finale gegen Frankreich 2006: «Ich hob die Augen zum Himmel und bat um Unterstützung, denn wenn es Gott wirklich gibt, dann konnte er doch wohl kein Franzose sein.» Getty Images Europe / Michael Steele
Andrea Pirlo über das Aufwärmen vor dem Spiel: «Das Ganze ist nicht mehr als die Masturbation von Konditionstrainern, ihre Art, sich auf unsere Kosten zu amüsieren. X00458 / JASON REED
Pirlo, der zusammen mit Nesta und Co. regelmässig Gennaro Gattuso Streiche spielte: «Mehr als einmal hat einer von uns ein Spiel verpasst, weil er von Gattuso mit der Gabel gestochen wurde. In der offiziellen Verlautbarung hiess es dann immer: Muss wegen Muskelermüdung pausieren.» AP / MICHEL EULER
Unter anderem hat Pirlo mit Daniele de Rossi den armen Gattuso mitten in der Nacht mit einem Feuerlöscher vollgespritzt: «Ich versuchte abzuhauen, aber ich wusste, dass ich jetzt fällig war. Wenn Gattuso hinter dir her ist und dir eine Abreibung verpassen will, dann kannst du rennen, so viel du willst, am Ende kriegt er dich.» EPA / GERRY PENNY
Pirlo über den Aberglauben von Gilardino: «Er trug immer ein uraltes Paar Fussballschuhe bei sich – ein archäologisches Fundstück, noch aus seiner Jugendzeit. Er putze sie regelmässig, streichelte sie, redete mit ihnen, küsste sie ... Wenn er die Schuhe mal zu Hause vergass, bat er der Trainer, ihn auf die Bank zu setzen, da ihm sowieso nichts gelinge.» AP / LUCA BRUNO
Pirlo über das Ritual von Pippo Inzaghi, mit dem Kommentar «Das bringt Glück, Jungs!», innerhalb von zehn Minuten vor den Spielen drei- bis viermal aufs Klo zu gehen: «Ihm hat das vielleicht Glück gebracht, uns nicht. Das stank jeweils so fürchterlich, als hätte Pippo eine Leiche gefressen.» AP / LUCA BRUNO
Die zweite Marotte von Inzaghi betrifft dessen Kinderkekse, die er zu jeder Tages- und Nachtzeit ass und immer exakt zwei Stück in der Packung liess – weil sonst das kosmische Gleichgewicht gestört werde. Und er teilte die Keske mit niemandem, genau so, wie er nie einen Ball abgab, mit der einfachen Erklärung: «Ich tue das zu eurem Besten. Ihr braucht meine Tore.» AP / Thanassis Stavrakis
Weinliebhaber Pirlo: «Auch heute noch kommt es vor, dass ich nach dem Training nach Hause komme, Feuer im Kamin mache und mir ein Glas Wein eingiesse.»

So würden sich deine Fussball-Stars in der Badi verhalten

Video: Angelina Graf

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