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Österreich identifiziert Demonstrierende neuerdings mittels Software. symbolbild: shutterstock

Österreich identifiziert Demonstranten neu mit Gesichtserkennung – das plant die Schweiz

Im Nachbarland setzt die Polizei grossflächig eine Software ein, um Aufnahmen von Überwachungskameras abzugleichen. In der Schweiz gleicht das Fedpol Daten ebenfalls ab. Aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen.

Publiziert: 16.09.20, 15:55 Aktualisiert: 17.09.20, 08:08

Drohnen, Verbrechensprognose und Gesichtserkennung: Die österreichische Polizei greift immer mehr zu Mitteln, die man vor wenigen Jahren nur aus Hollywood-Blockbustern kannte.

Im August hat das Innenministerium in Österreich eine Software in Betrieb genommen, die die Identifikation von Demonstranten und Demonstrantinnen möglich macht. Dies berichtete der Standard am Dienstag.

Die Software gleicht Bilder von Überwachungskameras oder aus anderen Quellen mit Fotodatenbanken der Polizei ab. Laut Informationen der Zeitung wurde die Gesichtserkennung etwa genutzt, um antifaschistische Aktivisten zu identifizieren. Pikant: Als das System vorgestellt wurde, hiess es, dass der Fokus auf der Aufklärung schwerer Straftaten liege. Eine Beschränkung auf Delikte mit einer gewissen Strafhöhe ist nun jedoch explizit nicht vorgesehen.

Die neue Fedpol-Zentrale in Bern. Bild: KEYSTONE

Fedpol entwickelte eigene Fotoerkennungs-Software

In der Schweiz steckt die staatliche Nutzung von Gesichtserkennung noch in den Kinderschuhen. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) etwa benützt eigene Software für forensische Bildabgleiche in Ermittlungen, wie Fedpol-Sprecher Florian Näf gegenüber watson erklärt.

Er illustriert das Vorgehen an einem Beispiel. «Wenn wir bei einer Hausdurchsuchung im Bereich Terror grosse Datenmengen beschlagnahmen, können wir die Bilder beispielsweise nach IS-Flaggen scannen.»

Gesichtserkennungs-Suchmaschine im Zwielicht

Jüngst hat die Suchmaschine «Clearview» für Schlagzeilen gesorgt. Die Betreiber sollen mehr als drei Milliarden Fotos im Netz gesammelt und biometrisch ausgewertet haben, wie die «New York Times» Anfang des Jahres enthüllte. Heruntergeladen hatte das Unternehmen die Aufnahmen demnach unter anderem bei Facebook, Instagram und Twitter. Die Software richtet sich an Sicherheitsbehörden und soll diesen helfen, Menschen anhand von Fotos zu identifizieren. Sie kommt laut dem Unternehmen in den USA bei 2400 Polizeibehörden zum Einsatz.

Nicht benutzt wird die Software demnach, um grossflächige Fotoabgleiche durchzuführen. Grosse Datenbanken gäbe es in der Schweiz genug. Es bestehen umfassende Register, die man für Bildabgleiche anzapfen könnte. Das grösste davon ist die Ausweisdatenbank mit den biometrischen Daten. Aber auch Bilder, die im Rahmen von polizeilichen Ermittlungen anfallen, könnten zur Gesichtserkennung verwendet werden. Dazu kommen sämtliche Datenbanken aus den sozialen Medien, die bereits heute auch durch private Firmen genutzt werden (siehe Box unten).

Die grossen Schweizer Polizeikorps verwenden nach eigenen Aussagen keine derartige Software für Bildabgleiche. «Das ist kein Thema», heisst es beispielsweise bei der Kapo Zürich auf Anfrage.

Martin Steiger, Spezialist im digitalen Recht. Bild: KEYSTONE

Dies nicht zuletzt, weil es dazu in der Schweiz keine rechtliche Grundlage gibt. Das könnte sich aber ändern. «Die Erfahrung zeigt aber, dass Sicherheitsbehörden kreativ sind oder darauf zählen, dass Rechtsgrundlagen auch nachträglich noch geschaffen werden können», sagt Rechtsanwalt Martin Steiger zu watson. Die Rechtsprechung sei in der Tendenz überwachungsfreundlich, wie beispielsweise die Verfahren der Digitalen Gesellschaft gegen die Massenüberwachung in der Schweiz zeigten, so der Anwalt, der sich auf digitales Recht spezialisiert hat.

«Die Erfahrung zeigt aber, dass Sicherheitsbehörden kreativ sind oder darauf zählen, dass Rechtsgrundlagen auch nachträglich noch geschaffen werden können.»

Martin Steiger

In Österreich regt sich nun Widerstand gegen die Überwachung. Kritiker befürchten Verwechslungen und betonen, dass Algorithmen fehlerhaft sind. «Gesichtserkennung ist deshalb so gefährlich, weil damit die Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum eingeschränkt wird», sagt Thomas Lohninger, Geschäftsführer der Datenschutz-NGO Epicenter Works, dem «Standard» weiter. Er kritisiert auch die «schleichende Einführung» der Technologie. Das Vorgehen sei zu hinterfragen, weil es auch in Österreich keine explizite Rechtsgrundlage für Gesichtserkennung gebe.

Nach Pariser Attentat: Politiker über Überwachung in der Schweiz

Thomas Hurter, SVP-Nationalrat (SH) und Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission (SIK): «Das Attentat hat keinen Einfluss auf meine Haltung zum neuen NDG. Aber klar: Die Anschläge zeigen eindeutig, dass der Terrorismus auch in Mitteleuropa ein Thema ist. Insofern ist es richtig, dass der Nachrichtendienst auch präventiv reagieren und dadurch vielleicht ein geplantes Verbrechen oder einen Missbrauch verhindern kann.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Matthias Aebischer (SP/BE): «Bei der Beurteilung des neuen NDG spielen internationale Terroraktionen sicher eine wichtige Rolle. Die Terroranschläge zum Beispiel in New York 2001 oder auch diejenigen 2005 in London sind allen präsent. Die Attentate in Frankreich reihen sich also in die Folge menschenverachtender Taten ein. Doch ein entscheidendes Umdenken, so glaube ich, werden sie nicht auslösen. Ich halte die Abhörkompetenzen für gleich sinnvoll wie vor diesem Attentat. Mehrere ausländische Geheimdienste arbeiten in der Schweiz schon lange mit diesen Methoden. Im Verdachtsfall finde ich diese Option deshalb auch für den Schweizer Nachrichtendienst legitim.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Balthasar Glättli (Grüne/ZH): «Wenn wir uns unsere Gesetze von Terroristen diktieren lassen, dann haben diese gewonnen. Nach 9/11 haben alle die US-amerikanische Überreaktion kritisiert, dass zum Schutze der Freiheit die Freiheit massivst eingeschränkt wurde. Wir sollten nicht ähnliche Fehler machen. Die schrecklichen Ereignisse zeigen, dass auch – hier vorhandene – weitreichende Informationen über die einzelnen Personen offenbar diese Anschläge nicht verhindern konnten.»
Bernhard Guhl (BDP/AG): «Die Anschläge haben meine bereits vorhandene Meinung, dass der NDB die notwendigen Werkzeuge benötigt, gefestigt. Ich war aber schon vorher für die Staatstrojaner. Dies auch, wenn mir klar ist, dass damit kaum alle Verbrechen verhindert werden können. Aber die Technologie hilft Verbrechen aufzuklären und Mittäter dingfest zu machen.» KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Hansjörg Walter (SVP/TG): «Ich war schon vorher für die Gesetzesänderung. Paris bestätigt aber, dass der Nachrichtendienst gestärkt werden muss.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Aline Trede (Grüne/BE): «Ich bin weiterhin gegen das NDG. Die Abhörkompetenzen sind nicht sinnvoll – im Gegenteil: Das neue NDG ist unmodern, repressiv und für die totale Überwachung angesetzt. Doch die braucht es nicht, denn auch die nützt gegen Anschläge wie in Frankreich nichts.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Susanne Leutenegger-Oberholzer (SP/BL): «Ich fühle mich in meiner Position gegen das neue Nachrichtendienstgesetz bestärkt: Die Überwachung konnte das Attentat in Paris nicht verhindern.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Geri Müller (Grüne/AG): «Ich bin vom Gesetz nie begeistert gewesen und die Anschläge von Paris haben meine Begeisterung für das Gesetz in keinster Weise vergrössert. Daten auf Vorrat zu beschaffen, wie es das neue Nachrichtendienstgesetz will, ist sinnlos.» KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Toni Bortoluzzi (SVP/ZH): «Als Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission habe ich das neue NDG in seiner beantragten Form in der abschliessenden Abstimmung unterstützt. Daran hat sich für mich aufgrund der Vorkommnisse in Paris nichts geändert.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Christophe Darbellay, (CVP/VS): «Wir unterstützen das Nachrichtendienstgesetz auch nach den Anschlägen in Paris. Wir halten es für sinnvoll, dass wir einen Nachrichtendienst haben, der alle notwendigen Kompetenzen hat, um Anschläge, wie wir sie in Paris erleben mussten, verhindern zu können.» KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Hans Fehr (SVP/ZH): «Ich halte die neuen Abhörkompetenzen für den NDB für noch dringender als vorher und hoffe, dass mit den Massakern in Paris jetzt auch noch dem letzten Parlamentarier die Augen aufgegangen sind.» KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Ida Glanzmann (CVP/LU): «Wir haben das NDG in der Sicherheitspolitischen Kommission mit dem Hintergrund der Terrorismusgefahr beraten. Der IS war schon damals sehr präsent und ich unterstütze die Version, die wir beraten haben.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
André Bugnon, (SVP/VD): «Die Kompetenzen unseres Nachrichtendienstes müssen ausgeweitet werden. Das Risiko von Attentaten ist ja seit Jahren bekannt.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Beat Flach (GLP/AG): «Ich werde an meinen Anträgen zur besseren Aufsicht des NDB festhalten. Gerade dann, wenn einzelne Politiker versuchen, Verunsicherung zu sähen, ist das notwendig. Ausserdem: Der französische Nachrichtendienst ist durch kein Gesetz genau geregelt, er darf fast alles und es gibt keine wirksame politische Kontrolle. Trotzdem konnte er das Attentat nicht verhindern.» KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Urs Gasche (BDP/BE): «Die Abhörkompetenzen sind nach wie vor richtig – und gut schweizerisch zurückhaltend. Wenn die Anschläge eine neue Beurteilung hätten auslösen können, dann höchstens die, ob wir nicht konsequenter vorangehen müssen. Ich sehe tendenziell die Gefahr, dass wir der Bedrohungslage hinterherhinken.» KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS

Überwachungskamera filmt wie Menschen von der Strasse verschluckt werden

Video: watson

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