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Gemeinsam verkünden Angela Merkel und Emmanuel Macron das Hilfsprogramm. Bild: EPA

Einigt das Coronavirus das zerstrittene Europa?

Der deutsch-französische Hilfsfonds ist ein Zeichen, dass die europäische Solidarität mehr ist als ein Schlagwort. Der Nationalstaat kann es nicht mehr alleine richten.

Publiziert: 25.05.20, 16:18 Aktualisiert: 25.05.20, 16:34

Was ist mit den Deutschen los? Jahrelang haben sie sich als die Geizkragen Europas profiliert, haben den von Schulden gebeutelten Südstaaten eine unsinnige Austeritätspolitik aufgezwungen und fürchteten vor allem einen Begriff wie der Teufel das Weihwasser: Eurobonds.

Und nun das: Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete letzte Woche gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron die Absicht, einen 500-Milliarden-Euro-Hilfsfonds auf die Beine zu stellen. Es handelt sich dabei um eine Art Marshall-Plan, ein Hilfsprogramm für die am Boden liegende europäische Wirtschaft.

Dank den 500 Milliarden Euro ist dieses Hilfsprogramm mehr als eine symbolische Geste. Aber nicht nur das macht es aussergewöhnlich: Erstmals ist es nicht ein einzelner Staat, der die Anleihen emittiert, es ist die EU. Etwas überspitzt kann man daher sagen: Es ist ein erster Schritt hin in Richtung Eurobonds. Und das Geld soll nicht als Darlehen verteilt werden, sondern es handelt sich um Zuschüsse, die nicht zurückbezahlt werden müssen.

Das Hilfsprogramm trifft auf erstaunlich breite Unterstützung, auch in Kreisen, wo man es nicht erwartet hätte. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder spricht in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» von einem unter den gegebenen Umständen «vertretbaren Mittel» und davon, dass es eine «europäische Lösung» brauche.

Unterstützt das Hilfsprogramm: Wolfgang Schäuble. Bild: kaltura://1789921/178992100/94000/1_ag5tfl52

Der einst als beinharter Sparonkel verschriene ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte derweil in der «Welt»: «Wenn Europa noch eine Chance haben will, dann muss es jetzt Solidarität zeigen und beweisen, dass es fähig ist, zu handeln. Deutsche müssen ein überwältigendes Interesse daran haben, dass Europa wieder auf die Beine kommt.»

Olaf Scholz, Schäubles Nachfolger, spricht gar von einem «Hamilton-Moment». Was meint der deutsche Finanzminister damit?

Nach dem Krieg gegen die Engländer waren die damals 13 Staaten in Amerika hoch verschuldet. Alexander Hamilton, dem ersten Finanzminister des jungen Staates, gelang es 1790, die beiden misstrauischen Südstaatler Thomas Jefferson und James Madison zu überzeugen, gemeinsame, vom Bund gezeichnete Staatsanleihen zu emittieren.

Hamilton hat damit zwei Dinge erreicht: Er hat verhindert, dass die einzelnen Bundesstaaten, die sich spinnefeind waren, wieder auseinanderdrifteten. Und er hat die Basis für einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung gelegt.

Ziert heute noch die 10-Dollar-Note: Alexander Hamilton.

Davon ist das deutsch-französische Hilfsprogramm noch weit entfernt, doch die Richtung stimmt. Wie ist es zu diesem erstaunlichen Meinungsumschwung in Deutschland gekommen?

Bisher war es die Europäische Zentralbank (EZB), welche die Südstaaten über Wasser hielt. Gemäss dem legendären Motto des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi «whatever it takes» verhinderte sie Staatspleiten oder gar Austritte aus Euroland mit finanztechnischen Tricks. Die EZB sorgte so dafür, dass die Politiker nie wirklich handeln mussten.

Weil Draghi dabei jedoch nach Meinung vieler deutscher Konservativer die Grenzen seiner Kompetenzen nicht nur streifte, sondern überschritt, klagten sie ihn mehrmals ein.

Am 5. Mai nun hat das deutsche Verfassungsgericht einer dieser Klagen teilweise stattgegeben. In der Sache ist es nicht wirklich relevant – es bezieht sich auf einen Vorfall im Jahr 2015 –, aber der Wink der Verfassungsrichter war überdeutlich: Deutschland wird die Tricks der EZB nicht mehr länger dulden.

Hat die Politik entlastet: Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank. Bild: AP/AP

Diese Botschaft ist auch bei Angela Merkel angekommen. Gegenüber der «Financial Times» spricht ein hoher deutscher Beamter von einem «Moment der Wahrheit». Es sei nun damit vorbei, dass die EZB stets die Drecksarbeit verrichte und zum Dank als Sündenbock dastehe, ergänzte er.

Nach dem 5. Mai war der Kanzlerin klar, dass sie sich dem französischen Begehren nach einem engeren Schulterschluss nicht mehr länger verweigern konnte. Deshalb schluckte Merkel die Kröte, trat gemeinsam mit Macron vor die Kameras und sprach den vielleicht historischen Satz aus: «Allein hat der Nationalstaat keine Zukunft.»

Es geht jedoch um mehr als nur um Solidarität und europäische Werte. Es besteht auch ein enormer wirtschaftlicher Leidensdruck. Europa wird in eine schwere Rezession schlittern. Für Deutschland prognostizieren die Ökonomen ein Schrumpfen des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 8 Prozent, für Frankreich 10, für Spanien 15 und für Italien gar 18 Prozent.

Einst haben die Italiener der EU mit mehr als 80 Prozent zugestimmt. Heute wird in Rom und Mailand laut über einen Austritt aus Euroland nachgedacht. Italien ist nicht nur die drittgrösste Volkswirtschaft der EU, es ist auch Mitglied von Euroland. Hält man sich vor Augen, was für enorme Schwierigkeiten der Brexit bietet, wäre ein Austritt der Italiener die reinste Katastrophe.

Dazu kommt, dass man einige Lehren aus dem Griechenland-Debakel gezogen hat. Damals hat man die Regierung gezwungen, das Tafelsilber zu verhökern, um so den Schuldenberg abzutragen. Die Chinesen liessen sich nicht zweimal bitten und rissen sich beispielsweise die griechischen Häfen unter den Nagel. Das sei ein «strategischer Fehler» gewesen, räumt Macron heute ein.

In Europa wächst das Bewusstsein, dass man sich nur gemeinsam gegen die beiden Supermächte USA und China behaupten kann. Zumindest teilweise. Die «geizigen vier» – Österreich, die Niederlande, Dänemark und Schweden – wehren sich gegen das Hilfsprogramm. Sollten Deutschland und Frankreich standhaft bleiben – und danach sieht es aus –, dann dürfte dieser Widerstand jedoch zusammenbrechen.

26 Küsse, die nichts gebracht haben – die EU steckt in der Krise

Die offensive Küsserei des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker hat nichts genützt, der EU geht es schlecht: Brexit, Flüchtlingskrise, Schuldenkrise. Hier küsst er gerade Dora Bakoyannis von der griechischen Oppositionspartei Nea Dimokratia. X01164 / FRANCOIS LENOIR
Not amused: Polens Premierministerin Beata Szydlo. X80003 / POOL
Und Tschüss: Nach dem Brexit-Votum seiner Landsleute hat der britische EU-Finanzkommissar Jonathan Hill (rechts) seinen Rücktritt erklärt. X01164 / FRANCOIS LENOIR
Keine Regel ohne Ausnahme: Dieser Kuss mit der kroatischen Präsidentin, Kolinda Grabar-Kitarovic, war erfolgreich. Kroatien wurde jüngst in die EU aufgenommen. X01164 / FRANCOIS LENOIR
Dieser aber gar nicht: Brexit-Wortführer Nigel Farage. AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP), möchte die Briten möglichst schnell loswerden. EPA/EPA / CUGNOT MATHIEU
Auch die vielen Küsse mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel haben keine Lösung der dringenden Probleme der EU gebracht. AP/Pool AFP / Johannes Eisele
Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Obwohl die EU-Staaten die Russland-Sanktionen verlängert hat, bleibt die Ukraine eine blutige Baustelle. AP/AP / Virginia Mayo
Auch dieser Kuss mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga zeigte keine Wirkung, die Schweiz und die EU sind weiterhin im Clinch. X01164 / FRANCOIS LENOIR
Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Der Euro konnte die Schuldenkrise einzelner EU-Mitgliedstaaten nicht lösen. EPA/EPA / PATRICK SEEGER
Ja, hier ebenfalls: Ausser Spesen nichts gewesen. Auch die frühere Bundespräsidentin Doris Leuthard konnte die Probleme der Schweiz mit der EU nicht lösen. KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Der albanische Premierminister Edi Rama Prime bei einem Treffen zur Flüchtlingskrise. Auch hier ist immer noch keine Lösung in Sicht. AP/AP / Francois Walschaerts
Die EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager. Sie legt sich mit Google an, ob sie Erfolg hat, wird sich zeigen. AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Der belgische Premierminister Charles Michel. Belgien ist bei der Terrorbekämpfung arg unter Beschuss geraten, nachdem die Paris-Attentäter aus Belgien eingereist waren. EPA/PAP / RADEK PIETRUSZKA
Die lettische Premierministerin Laimdota Straujuma. In Lettland findet sich viel Begeisterung für die EU. Verschiedene Krisen geben aber EU-Skeptikern und Rechtspopulisten Auftrieb. EPA/EPA / PATRICK SEEGER
Der grönländische Premier, Kim Kielsen. Grönland ist bereits 1982 aus der EU, damals noch EWG, ausgetreten. EPA/EPA / STEPHANIE LECOCQ
Und jetzt noch weitere Küsse ohne Kommentar: Wir beginnen mit der Co-Chefin der Grünen-Fraktion im EU-Parlament, Rebecca Harms. EPA/EPA / PATRICK SEEGER
Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates. X00380 / YVES HERMAN
EU-Chefdiplomatin Federica Mogherini. AP/AP / Geert Vanden Wijngaert
Alexis Tsipras, griechischer Premier. X00380 / YVES HERMAN
Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds. EPA / NICOLAS BOUVY
Mariano Rajoy, spanischer Premier Minister. AP/AP / Daniel Ochoa de Olza
Christian Wulff, ehemlaliger Bundespräsident Deutschlands. EPA/EPA / OLIVIER HOSLET
Sigmar Gabriel, deutscher Vizekanzeler. EPA/DPA / RALF HIRSCHBERGER
Guy Verhofstadt, Chef der Liberalen im EU-Parlament. EPA/EPA / JULIEN WARNAND
Oha, Entschuldigung, das ist ja gar kein Kuss: Trotzdem es ist Luis de Guindos, spanischer Wirtschaftsminister. AP / Virginia Mayo

Corona-Auswirkungen auf Europas Flugverkehr

Video: watson

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