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Tristesse in den Beizen, Schlange bei Louis Vuitton – so war Tag 1 der Lockdown-Lockerung

Nach langen acht Wochen durften heute Bibliotheken, Läden und Restaurants ihre Tore wieder öffnen. Wo die Kunden Schlange standen und wo immer noch Tristesse pur herrscht, zeigt ein Streifzug durch Zürich und Bern.

Publiziert: 11.05.20, 17:16 Aktualisiert: 12.05.20, 11:24

Run auf Louis Vuitton – Augenschein in Zürich

Es herrscht rege Geschäftigkeit in den noch geschlossenen Läden an der Zürcher Europaallee am frühen Montagmorgen. Die Mitarbeitenden putzen Vitrinen, rücken Schaufensterpuppen zurecht und zupfen an den zur Verfügung gestellten Masken und Desinfektionsmitteln im Eingangsbereich herum.

Anstehen vor dem Louis Vuitton Store. bild: watson

Nach acht Wochen Ausnahmezustand kehrt in der Schweiz heute ein Stückchen Normalität zurück. Kleiderläden laden wieder zum Shoppen ein, Restaurants dürfen wieder Gäste bedienen.

Menschenschlange vor dem Luxusladen

Ein paar hundert Meter weiter an der Bahnhofstrasse ist die Stimmung ruhig. Vor Globus, Zara und dem Louis Vuitton Store warten zahlreiche Personen geduldig und mit genügend Abstand auf den Einlass.

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In den H&M gelangt man hingegen ohne Anstehen. Aber auch da wird man beinahe alle fünf Meter an das Virus erinnert. Überall stehen Schilder, die auf Hygiene- und Distanzregeln aufmerksam machen. Das Personal hinter den Kassen trägt Schutzmasken.

Die Kleiderständer sind im H&M weiter auseinander gestellt, damit die Store-Besucher den Mindestabstand einhalten können. bild: wtason

Plexiglas und XXL-Cordons-bleus im Niederdörfli

Auf der anderen Flussseite, im Zürcher Niederdörfli, wuseln die Beizenbetreiber geschäftig herum, wischen den Boden und platzieren die letzten Gartentische auf dem Pflaster. Die frisch geputzten Schiefertafeln buhlen mit XXL-Cordons-bleus und Pommes Frites um die ersten Gäste.

Eine Mitarbeiterin des N-68 desinfiziert eifrig Stuhllehne um Stuhllehne. In der Rheinfelder Bierhalle links daneben sind bereits zwei Tische besetzt. Die Gäste trinken, paffen und unterhalten sich über die Tische hinweg miteinander. «Wetsch nomal es Grosses?», ruft die Kellnerin aus dem Innern der Kneipe.

Plexiglas und Paletten schirmen die Gäste voneinander ab. bild: watson

Wo die Tische nicht zwei Meter auseinander stehen, wurde kreativ getüftelt. So etwa in der Cana-Bar. Paletten mit bunten Plexiglasscheiben trennen die Vierertische voneinander. Ein Dutzend Personen schlendert durch die Gassen, blickt neugierig in die Kleider- und Schuhläden.

Etwas weiter in Richtung Süden wartet ein Securitas-Mitarbeiter vor der Zentralbibliothek Zürich. Er grüsst freundlich. Drinnen sticht das Rot-Weiss des Absperrbandes in die Augen. Lernplätze und Lesesäle sind weiterhin geschlossen. Eine Handvoll Menschen stöbert mit frisch desinfizierten Bücherkörben durch die Katakomben im Untergeschoss.

In der Zentralbibliothek dominiert das Absperrband. bild: watson

Ein Spuckschutz für das Servicepersonal

Im halbvollen 4er Tram geht es an die Hardbrücke. Dort begrüsst auch das Restaurant Rosso das erste Mal seit acht Wochen wieder Gäste im Lokal. Die Serviceangestellten tragen einen Spuckschutz. Beinahe wähnt man sich in einer dystopischen Netflix-Serie à la «Black Mirror». Die Speisekarte ist aus Papier und wird nach Gebrauch weggeworfen. «Nach jedem Besuch wird der Tisch gereinigt und desinfiziert», so der Kellner.

Desinfektionsmittel zur Begrüssung und Trennwände für die nötige Distanz: Das Rosso in Zürich kann nur noch die Hälfte der Gäste empfangen. bild: watson

Grüne und weisse Platten trennen die Gäste, wo die Tische zu lang sind. Langsam tröpfeln die ersten Gäste herein. Ausnahmslos alle bestellen Pizza. Wäre es ein normaler Montagmittag, wäre der Geräuschpegel hoch, die Serviceangestellten würden durch das vollbesetzte Lokal hetzen. Doch nichts dergleichen passiert. Es scheint fast so, als hätten die acht Wochen Shutdown die Welt etwas entschleunigt.

Freude und Tristesse in Bern

Video: watson

Mit ausgestreckten Armen steht Mohammed auf dem Berner Waisenhausplatz. Der Somalier strahlt über das ganze Gesicht. «Das Leben kommt zurück. Endlich ist Bern wieder das Bern, wie ich es kenne.» Ganz so weit ist es aber noch nicht.

«Das Leben kommt zurück. Endlich ist Bern wieder das Bern, wie ich es kenne.»

Besonders die Beizen sind am Tag eins der Lockdown-Lockerung weit von der Normalität entfernt. Das Personal im sonst betont locker-legeren Kultlokal «Pyri» achtet penibel darauf, dass die Abstände eingehalten werden. Die Stammgäste Wale und Pole gönnen sich einen frühen Weissen. «Ändlich chöimer wieder zäme liire», sagen sie und prosten sich zu.

Wale und Pole gönnen sich im Pyri ein frühes Gläschen Weisswein. bild: watson

Die Stammkundschaft muss sich aber umgewöhnen. Sich spontan an einen Tisch setzen und losquatschen – was die Seele des Lokals ausmacht – ist tabu. Es ist trotzdem ein Freudentag. «Wir sind einfach froh, können wir wieder in unserer Beiz sitzen», so Wale.

Vor dem Mittag füllen sich die Gassen der Innenstadt. Im Gegensatz zu Zürich bilden sich in Bern aber keine Schlangen vor den Läden. «Der heutige Tag ist ein wichtiger Richtung Normalität. Ich freue mich mega. Und bin froh, dass nicht alle Leute Masken tragen. Dann sieht es nicht so komisch aus», sagt Gymnasiastin Aisha, als sie an ihrem Kafi nippt.

Tristesse im Migros-Restaurant

Im Migros-Restaurant herrscht zur Mittagszeit eine beklemmende Stille. bild. watson

Tristesse pur herrscht im normalerweise proppenvollen Migros-Restaurant in der Marktgasse. Im Speisesaal herrscht eine beklemmende Stille, einzelne Gäste sitzen an Vierertischen und tippen auf ihrem Smartphone herum. Die bescheidene Menuauswahl – es gibt nur Cordon bleu oder Ragout – passt zum Ambiente. Einzig das Lachen der Kassiererin ist zu hören: «Schön, seid Ihr wieder da. Ä Guete», sagt sie zu jedem einzelnen Gast.

Gähnende Leere herrscht im Berner Szenelokal Du Nord am ersten Mittag der Lockdown-Lockerung. bild: watson

Ennet der Lorrainebrücke – im Szenelokal Du Nord – trägt das Personal Schutzmasken. Während der Mittagszeit verirren sich nur wenige Kunden in die sonst immer bestens frequentierte Szenebeiz. «Wir hoffen, dass bald wieder mehr Leute kommen», sagt eine Angestellte. Was neben den vielen Bodenmarkierungen auffällt: Die Speisekarte können die Kundinnen per QR-Code einsehen. Nur auf Wunsch wird eine gedruckte Version ausgehändigt.

«Waldmensch» hofft auf höhere Bettel-Einnahmen

Zurück in der Innenstadt. Dort sitzt ein Berner «Waldmensch» unter den Lauben am Boden und bettelt. Witold lebt mit fünf weiteren Männern seit rund fünf Jahren im Forst und ist auf kleine Spenden angewiesen. «Wenn es wieder mehr Leute in den Gassen hat, muss ich weniger lang betteln. In den letzten Wochen lief es schon sehr harzig», sagt er. Am heutigen Tag läuft es nicht schlecht: Innert einer Stunde hat er knapp 20 Franken erhalten.

Coronavirus in den USA

Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
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Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
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Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
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Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT

Masken und Desinfektionsmittel am Selecta-Automat

Video: SRF / SDA SRF

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