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Gwyneth Paltrow, Harvey Weinstein und Cameron Diaz: Wenn vor der Kamera weit mehr als nur das Gegenteil von hinter den Kulissen ist. Bild: Ascot Elite

Vergewaltigt, gebrochen, erneut vergewaltigt. Harvey Weinsteins sadistisches System

Ich wollte noch nie während eines Interviews in Tränen ausbrechen. Bis jetzt, im Gespräch mit der britischen Regisseurin Ursula Macfarlane über ihren Harvey-Weinstein-Dokfilm «Untouchable».

Publiziert: 14.10.19, 19:01 Aktualisiert: 04.11.19, 12:09

Harvey Weinsteins Kernzitat lautet: «I'm glad I'm the fucking sheriff of this shit ass fucking town.» Zum Glück bin ich der Sheriff dieser beschissenen Scheissstadt. Also von Los Angeles. So lange er dort als visionärer Produzent die Filmindustrie regierte, machte er seine Gesetze selbst. Nahm sich, was und wen er wollte. Sorgte mit einem bedrohlichen Mafia-System dafür, das jahrelang niemand gegen ihn vorging, auch die Medien nicht. Und missbrauchte unzählige hoffnungsvolle junge Frauen. Bis im Herbst 2017 durch zwei Aufsehen erregende Recherchen im «New Yorker» und in der «New York Times» alles aufflog und MeToo in Hollywood Einzug hielt.

Ursula Macfarlane hält in ihrem scheinbar unspektakulären, im Nachhall jedoch äusserts schmerzhaften Film eine Lupe auf mehrere Jahrzehnte der Weinstein-Diktatur. Ich traf sie während des Zurich Film Festivals, es war ein ausnehmend schöner, lieblicher Sonntagnachmittag. Unser Gesprächsthema war es nicht.

Sie arbeiten seit gut zwanzig Jahren als Filmemacherin. Was wussten Sie vor den MeToo-Enthüllungen im Herbst 2017 über Harvey Weinstein?
Ursula Macfarlane: Ich wusste, dass er ungehobelt, aggressiv und sehr laut war. Einer, der sich für den Sheriff hält. Eine Freundin von mir, eine Übersetzerin, war bei einem Treffen von ihm und dem italienischen Regisseur Nanni Moretti in London dabei. Sie sassen im Sitzungszimmer eines Hotels, Harvey bestellte Sushi aus einem richtig teuren Restaurant, nahm einen Bissen, sagte: «Oh, this is fucking shit!» Und spie den Bissen mitten auf den Tisch.

Trailer «Untouchable»

Video: YouTube/Hulu

In Ihrem Film hören wir, wie Weinstein auf einer Aufnahme sagt: «Das ist normal. Alle machen das.» Also, Frauen zu bedrängen.
Als MeToo geschah, war ich nicht überrascht, aber geschockt. Ich meine, wir kennen alle den Mythos «Casting-Couch», den gibt es seit Jahrzehnten. Schauspielerinnen schlafen mit Produzenten oder Regisseuren für einen Job. Wir bildeten uns ein, dass die Casting-Couch einvernehmlich geschah. Beide Seiten hatten etwas davon. Es gehörte irgendwie dazu. Seit MeToo wissen wir, dass viele dieser Frauen gezwungen, ja regelrecht angegriffen wurden.

Bei Weinstein geschah dies mit einem sadistischen System.
Er suchte sich gezielt schwache, unsichere Frauen aus, die er mit aller Macht zu zerstören versuchte. Eine seiner grössten Waffen war Gwyneth Paltrow. Er prahlte bei jeder möglichen Gelegenheit damit, dass er mehrfach mit ihr Sex gehabt habe, und machte sich damit junge Frauen gefügig. In Wirklichkeit hat er sie einmal attackiert, sie rannte davon und Brad Pitt drohte ihm.

Ursula Macfarlane vor wenigen Wochen in Zürich. Bild: Getty Images Europe

Wieso wollten Sie überhaupt einen Film über ihn machen? Wieso wollten Sie so viel Zeit mit ihm verbringen?
Mir wurde dies als Auftrag angeboten und ich zögerte keine Sekunde. Für mich als Frau und als Mensch ist dies eine der wichtigsten Geschichten unserer Zeit. Ich redete mit meiner Familie, meinen Freunden, und jede Frau – auch ein paar Männer – hatten solche Geschichten in verschiedenen Schattierungen erlebt. Vielleicht nicht gerade Vergewaltigung, aber sexuelle Belästigung und Sexismus. Plötzlich wurde der Stoff zu meiner Geschichte, zu der meiner Schwester, zu der meiner Freundinnen. Wir teilen das alles.

War es sehr schwierig, die Betroffenen vor die Kamera zu kriegen?
Es brauchte viel Feingefühl. Einige fanden wir, weil sie irgendwo kleine Interviews gegeben hatten, andere über Empfehlungen von Dritten. Ich redete viel mit ihnen, skypte, wir mussten in erster Linie Vertrauen schaffen. Natürlich half es da, dass die BBC mit an Bord war und nicht irgendein Boulevardformat. Es war ein sehr diffiziler Prozess: Wir redeten und redeten, es war traurig und verstörend, irgendwann fragte ich: «Bist du jetzt bereit, vor die Kamera zu treten?»

Und dann erzählten sie, wie sie erniedrigt oder gar vergewaltigt wurden.
Eine hatte ihrem Mann nichts davon erzählt. Eine andere, die Weinstein vor gut vierzig Jahren kennen lernte, hatte seit vierzig Jahren nicht darüber gesprochen. Sie waren beschämt und traumatisiert. Und jetzt waren sie bereit, vor einer Kamera zu reden. Wir bauten einen kleinen Raum, in dem sie nur mir und der Kamera gegenüber sassen, alle anderen befanden sich hinter schwarzen Vorhängen. Ich hoffte, dass sie sich entspannen konnten, aber es war trotzdem erneut traumatisch.

Am Ende hatten Sie Berge von sensiblem Material gesammelt.
Mit dem wir sehr vorsichtig umgehen mussten, nichts durfte geleaked werden, auch aus juristischen Gründen. Alle unsere Dokumente waren mehrfach passwortverschlüsselt, wir benutzten immer neue Telefonnummern und Kommunikationsplattformen.

Die Schauspielerin Nannette Klatt erzählt, wie er verlangte, dass sie ihm ihre Brüste zeige. Sie weigert sich und rennt davon. Er hat das ganze Stockwerk verriegeln lassen. Ihr einziger Ausweg ist ein stockdunkles Treppenhaus. Nannette Klatt ist nachtblind, sie sieht bei Dunkelheit nichts. Dass sie sich während der Flucht nicht das Genick bricht, ist ein Wunder.

Weinstein und Paz de la Huerta, ca. 2011 während ihrer Zeit bei der Serie «Boardwalk Empire». Der öffentliche Auftritt als Behauptung und Performance. Bild: Ascot Elite

Am meisten erschüttert hat mich Paz de la Huerta. Sie beschreibt ja nicht nur, sie analysiert auch. Als würde sie über sich selbst schweben. Was es noch trauriger macht. Als hätte Weinsteins sie ganz existenziell gebrochen.
Ja, das sehe ich auch so. Ihre Geschichte ist irrsinnig traurig. Sie ist sehr zerbrechlich und es gibt noch mehr in ihrem Leben, was schief läuft. Aber sie hatte im Grunde eine gute Karriere, sie arbeitete in «Boardwalk Empire» – und kurz darauf wurde sie vergewaltigt.

Von Weinstein.
Ja.​

Also nach «Boardwalk Empire»?
Nein, während. Und dann ist sie ausgestiegen.

Wegen der Vergewaltigung?
Ja. Weil sie deshalb zur Alkoholikerin wurde. Was sie noch verletzlicher machte. Sie konnte damit überhaupt nicht umgehen. Und dann vergewaltigte er sie wieder.

Weinstein. Zwei Mal?
Zwei Mal.

Im Film ist «nur» von einem Mal die Rede.
Im Film durften wir aus juristischen Gründen erst über das erste Mal sprechen. Es gibt heute ja diese Tendenz, den Opfern die Schuld zu geben. Weil sie vielleicht schwach sind, weil sie nicht gesellschaftskonformes Verhalten zeigen, weil sie trinken oder Drogen nehmen und man sie deswegen als instabil abstempelt. Natürlich sind sie instabil! Sie sind ja vollkommen traumatisiert!

«Du hast ein glückliches Gesicht gemacht. Aber innerlich stirbst du. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Sexualität wieder zurückgewinnen musste, also wollte ich Fotos machen, auf denen ich mich schön fühle. Ich wollte es rückgängig machen. Ich wollte mich wieder begehrenswert fühlen», sagt Paz de la Huerta.

Paz de la Huerta 2015. Eine gezeichnete Frau. Bild: Omar Vega/Invision/AP/Invision

Was ich vor Ihrem Film nicht wusste, war, welche ungeheuren Aufwand Weinstein im Vorfeld der Enthüllungen im «New Yorker» und in der «New York Times» betrieb, um die Frauen, die gegen ihn aussagten, in der Öffentlichkeit noch mehr zu diskreditieren. Dass er dafür mit ehemaligen Mossad-Agenten zusammenarbeitete, gezielt Gerüchte lancierte, sie ausspionierte. Und alles, um den Skandal zu vermeiden.
Ich wundere mich, dass er in dieser Zeit überhaupt irgendeine Art von Arbeit zustande brachte. Er brauchte diese Taktik ja auch Journalisten gegenüber, er setzte mehrere Spione auf Rose McGowan und Rosanna Arquette an. Man muss sich das vorstellen: Da hat man schon das Trauma des Angriffs hinter sich und erfährt dann, dass einem der gleiche Mann auch noch Spione auf den Hals hetzt. Ich hätte an ihrer Stelle das Haus nicht mehr verlassen, ich wäre so terrorisiert gewesen.

Welchen neuen Aspekt wollten Sie mit Ihrem Film eigentlich in die Debatte bringen?
Wir wollten so viel wie möglich über die Komplizenschaft erzählen. Was ungeheuer schwierig war. Wir fanden fast niemanden, der sagen wollte: Ja, ich habe es gewusst, ich habe weggesehen, ich bin mitschuldig.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Hätten wir mehr Zeit gehabt, so hätten wir sicher mehr Leute dazu bringen können, Agenten, Anwälte, Mitarbeiter. Das Problem ist, dass diese zwar in der «New York Times» zitiert werden konnten, weil man im Print mit anonymen Quellen arbeiten darf, aber vor einer Kamera ist man nicht anonym. Die Leute hatten Angst. Weinstein hatte ein gut funktionierendes Mafia-System aufgebaut.

Und noch ein «happy face» an Weinsteins Seite: Rose McGowan, die als eine der Ersten gegen ihn aussagte. Bild: Ascot Elite

Weinsteins Ex-Assistentin Zelda Perkins erzählt, wie sie ihren Boss massieren musste. Wie er in seinem Hotelzimmer nackt telefonierte. Und wie er nicht sie, aber ihre Freundin vergewaltigte. Beiden Frauen gab er je 250'000 Dollar Schweigegeld. Gegen eine Geheimhaltungsvertrag. Hätten sie auf die Idee kommen sollen, mit einem Therapeuten über das Geschehene sprechen zu wollen, so hätte auch dieser einen Geheimhaltungsvertrag unterzeichnen müssen. Und so weiter.

Er und ein paar andere sind gefallen. Was ist Ihre Hoffnung?
Dass sich Leute den Film anschauen und sich sagen: Okay, das ist nicht nur Hollywood, das ist eine universelle Geschichte. Dass sie sich in ihren Familien, Freundeskreisen und Firmen umsehen und aufstehen, wenn eine Unrecht geschieht. Ich bin mir sicher, dass es durch den Fall von Weinstein einfacher geworden ist, darüber zu reden.

Trump, der Mächtigste von allen, sitzt immer noch im Weissen Haus.
Trump macht mich irrsinnig wütend. Es gab Frauen, die langsam bereit waren, gegen ihn auszusagen, das weiss ich. Und dann sind sie wieder verstummt, wurden mundtot gemacht. Was ist die Botschaft von Trump im Weissen Haus? Dass du alles tun kannst und damit durchkommst! Und was ich am wenigsten verstehe, sind all die Frauen, die ihn gewählt haben.

«Untouchable» läuft ab 17. Oktober im Kino.

#MeToo: Diese Frauen belasten Harvey Weinstein

Schauspielerin Asia Argento: «Der Missbrauch, als ich 21 war, hat all meine Träume zerstört und mein Selbstverständnis verändert». Invision/Invision / Joel Ryan
Model und Schauspielerin Cara Delevingne schrieb auf Instagram, dass sie widerstrebend Harvey Weinstein in einem Hotelzimmer traf und entdeckte, dass noch eine andere Frau dort war. Er bat sie, zu küssen. Richard Shotwell/Invision/AP/Invision / Richard Shotwell
Jessica Barth traf Harvey Weinstein 2011 in seinem Hotelzimmer um über ihre Karriere zu sprechen. Er wollte von ihr nackt massiert werden. Sie lehnte ab und verliess das Zimmer. Weinstein rief ihr nach, sie müsse abnehmen. Evan Agostini/Invision/AP/Invision / Evan Agostini
Die französische Schauspielerin Judith Godreche. Chris Pizzello/Invision/AP/Invision / Chris Pizzello
Romola Garai traf Weinstein als sie 18 Jahre alt war im Savoy Hotel in London. Er begrüsste sie im Morgenmantel. AP/AP / Joel Ryan
Schauspielerin Heather Graham. GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Stephen Lovekin
Die französische Schauspielerin Emma de Caunes erzählte dem «New Yorker Magazin», dass sie 2010 Harvey Weinstein in einem Hotel in Paris getroffen habe. Er trat nackt aus dem Badezimmer und verlangte, dass sie sich auf das Bett legen solle. Sie verliess das Zimmer und knallte die Tür zu. AP/AP / LUCA BRUNO
Rosanna Arquette erzählte der New York Times, dass Harvey Weinstein sie Anfang der 90er Jahre bat, in seinem Hotel vorbeizuschauen, um ein Drehbuch abzuholen. Als sie ankam, bat er sie um eine Massage. Sie empfahl ihm eine professionelle Masseurin, doch Weinstein ergriff ihre Hand und drückte sie in seinen Schritt. Richard Shotwell/Invision/AP/Invision / Richard Shotwell
Schauspielerin Angelina Jolie. AP/AP / Mary Altaffer
Kate Beckinsale schrieb auf Instagram, dass sie Harvey Weinstein, als sie 17 Jahre alt war, im Savoy Hotel in London traf. Er öffnete die Tür in seinem Bademantel. Sie lehnte sein Alkoholangebot ab und sagte, sie müsse nachher noch in die Schule. Evan Agostini/Invision/AP/Invision / Evan Agostini
Katherine Kendall erzählte der New York Times, dass sie 1993, als sie 23 Jahre alt war, zu einem Geschäftstreffen in die New Yorker Wohnung des Produzenten Harvey Weinstein ging. Er bat um eine Massage. Sie weigerte sich. Später jagte er sie nackt durch das Zimmer und bat sie, ihre Brüste zu sehen. AP/AP / Damian Dovarganes
Schauspielerin Rose McGowan erhielt nach einem Vorfall in einem Hotelzimmer von Weinstein eine finanzielle Abfindung. AP/R-STEINBERG / Dan Steinberg
Schauspielerin Ashley Judd. AP/Invision / Jordan Strauss
Schauspielerin Seydoux sagte dem «Guardian», dass sie sich mit Harvey Weinstein in einem Hotelzimmer traf. Er sprang auf sie und versuchte sie zu küssen. Sie widerstand ihm und verliess den Raum. Vianney Le Caer/Invision/AP/Invision / Vianney Le Caer
Schauspielerin Mira Sorvino. Chris Pizzello/Invision/AP/Invision / Chris Pizzello
Schauspielerin Dominique Huett. Weinstein zwang sie gegen ihren Willen zu Oralsex. AP/AP / Reed Saxon
Schauspielerin Natassia Malthe. AP/AP / Richard Drew
Schauspielerin Mimi Haleyi. EPA/EPA / JUSTIN LANE
Schauspielerin Heather Kerr. EPA/EPA / MIKE NELSON

Vier Beweise, dass Weinsteins Verhalten kein Geheimnis war

Video: Angelina Graf

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