George Floyd wird von einem Polizisten zu Tode gewürgt.
bild: Screeshot youtube.
Warum in den USA Schwarze nicht mehr atmen können
Wieder töten Polizisten Schwarze. Auch bald 160 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges ist der Rassismus noch allgegenwärtig.
Die erste Szene scheint harmlos genug zu sein: Im New Yorker Central Park bittet ein Schwarzer eine weisse Frau, doch bitte ihren Hund an die Leine zu nehmen, wie es gesetzlich vorgeschrieben sei. Die junge Frau flippt aus und droht, die Polizei zu rufen. Der schwarze Mann bleibt ruhig und beginnt, die Szene mit seinem iPhone zu filmen.
Die Polizisten erscheinen und stellen fest, dass die junge Frau zu keinem Zeitpunkt bedroht war, und ziehen wieder ab. Der schwarze Mann stellt das Video ins Internet. Es geht sofort viral und wird mehr als 30 Millionen Mal angeklickt.
Das Video aus dem Central Park.
«So what?», wird sich nun der Durchschnitts-Europäer fragen. Warum das Geschrei? Den Grund erläutert die Anwältin Eliza Orlins in der «Washington Post». Sie war lange in Manhattan als Verteidigerin tätig.
«Eine weisse Person ruft die Polizei wegen eines schwarzen Mannes. Die Polizisten kommen und schlagen sich auf die Seite des weissen Anklägers. Der schwarze Mann wird verhaftet und abgeführt. Dann setzt der Richter eine hohe Kaution fest. Die Familie des schwarzen Mannes kann diese Summe nicht aufbringen. Daraufhin wird der schwarze Mann nach Rikers Island (ein berüchtigtes Gefängnis in New York) geschickt. Dort muss er Tage, Monate, manchmal Jahre ausharren. Irgendwann wird sein Fall verhandelt – entweder wird die Klage fallen gelassen, oder der schwarze Mann bekennt sich eines kleineren Vergehens schuldig. In der Zwischenzeit hat er wahrscheinlich seinen Job, sein Haus, seine Kinder oder eine Kombination dieser drei Dinge verloren.»
In Zeiten des Coronavirus kann dieser scheinbar harmlose Zwischenfall gar einem Todesurteil für den schwarzen Mann gleichkommen. Rikers Island ist ein Corona-Seuchenherd. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Beschuldigte sich ansteckt und im schlimmsten Fall an Covid-19 stirbt, ist ziemlich hoch.
Der jüngste Fall im Central Park ist ganz anders verlaufen. Die weisse Frau ist an den falschen schwarzen Mann geraten. Es handelt sich um einen Absolventen der Harvard University, der im Park seinem Hobby, dem Beobachten von Vögeln, nachgegangen ist. Er behielt die Nerven. Das Video zeigt auf, wie die weisse Frau ihre Privilegien gegen Schwarze ausspielen wollte. Damit löste sie einen Shitstorm in den sozialen Medien aus. Sie wurde von ihrem gut bezahlten Job in der Finanzindustrie gefeuert.
Dieses Video zeigt den Vorfall in Minneapolis.
Gar kein Happy End hatte hingegen der zweite Fall, der sich in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota ereignet hat. Die Polizei verhaftete dort am vergangenen Montag George Floyd, einen 46-jährigen schwarzen Restaurant-Angestellten. Grund war ein Verdacht auf Fälschung. Floyd war nicht bewaffnet.
Vier Polizisten warfen Floyd zu Boden und legten ihm Handschellen an. Einer der Polizisten kniete auf seinem Hals. «Ich kann nicht mehr atmen», keuchte der Verhaftete mehrmals. Vergebens. Obwohl der Polizist damit gegen die Polizeiregeln verstiess – Verhaftete sollen möglichst kurz auf dem Bauch liegen –, drückte er dem Schwarzen das Knie mehr als fünf Minuten auf den Hals. Bewusstlos wurde der Verhaftete daraufhin auf einer Bahre abtransportiert. Wenig später war er tot.
Auch dieser Vorfall ist mit einem Smartphone aufgenommen worden. Das Video ist derart krass und eindeutig, dass die Polizisten fristlos entlassen worden sind. Inzwischen hat sich das FBI eingeschaltet und untersucht den Fall. Er hat landesweite Empörung ausgelöst. Politiker, Sportler und Showstars haben sich eingeschaltet. Selbst Präsident Trump fordert Aufklärung. In Minneapolis kommt es derweil zu heftigen Protesten.
Heftige Proteste in Minneapolis
Minneapolis brennt: Nach dem Tod von George Floyd sind in den ganzen USA Proteste ausgebrochen. keystone / John Minchillo
Hunderte versammelten sich in der Nacht auf Freitag, den 29.5., in Minneapolis, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. keystone / John Minchillo
Dabei wurde unter anderem eine Polizeistation gestürmt und ein Alkoholladen in Brand gesteckt. keystone / John Minchillo
Die Proteste finden im ganzen Land statt. Hier sehen wir Demonstrantinnen in New York. keystone / JUSTIN LANE
Auch in Louisville, Kentucky, gibt es Demonstrationen. keystone / Michael Clevenger
«Bitte, ich kann nicht atmen», sagte Floyd immer wieder. Auch nach mehrmaligem Flehen hörte der Polizist nicht auf. Ganze sieben Minuten drückt er das Knie auf Floyds Hals. AP / Richard Tsong-Taatarii
Bereits am Dienstag, 26.5., protestierten hunderte Menschen nach dem Tod von George Floyd in Minneapolis. Dem Afro-Amerikaner wurde bei einer Verhaftung von einem Polizisten so lange das Knie auf den Hals gedrückt, bis er sich wenige Momente später nicht mehr bewegte. AP / Carlos Gonzalez
Die Polizei ging mit Tränengas und Gummischrot gegen die Demonstranten vor. Vier Polizisten wurden nach dem Tod von Floyd entlassen. AP / Carlos Gonzalez
Der Tod von George Floyd hat viele Wunden aufgerissen, wie die folgenden Bilder zeigen ... AP / Richard Tsong-Taatarii
AP / Richard Tsong-Taatarii
AP / Richard Tsong-Taatarii
keystone / Christine T. Nguyen
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keystone / Carlos Gonzalez
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keystone / Carlos Gonzalez
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Floyds Tod erinnert fatal an einen ähnlichen Vorfall in New York im Jahr 2014. Damals warfen ebenfalls mehrere Polizisten Eric Garner, einen Schwarzen, der Zigaretten verkaufte, zu Boden und würgten ihn zu Tode. Auch er keuchte wie Floyd «Ich kann nicht mehr atmen». Vergebens.
In jüngster Zeit hat sich rassistische Polizei-Gewalt gegen Schwarze gehäuft. In Brunswick (Bundesstaat Georgia) wurde Ahmaud Arbery von einem Ex-Polizisten und dessen Sohn erschossen. Sein Verbrechen: Er joggte durch ein weisses Quartier. In der kalifornischen Hauptstadt Sacramento wurde ein Polizist dabei gefilmt, wie er einen 14-jährigen Schwarzen bei einer Verhaftung mehrmals ins Gesicht geschlagen hat.
Inzwischen sind Schwarze nicht einmal mehr zuhause sicher. «Washington-Post»-Kolumnist Eugene Robinson schildert zwei Fälle, in denen Polizisten grundlos Schwarze in den eigenen vier Wänden abgeknallt haben.
Wenn Robinson daher die folgende Frage stellt, ist sie keineswegs rhetorisch gemeint: «Was muss ein Schwarzer in diesem Land tun, um nicht von der Polizei umgebracht zu werden?»
Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA: Die Fälle seit Ferguson
4.4.2015: Walter Scott wird auf der Flucht erschossen. Es ist der aktuellste Fall, in einer Reihe von Schwarzen, die in den USA bei Einsätzen der Polizei durch den Einsatz von Schusswaffen starben. X80001 / HANDOUT
Der Beamte schiesst Scott in den Rücken. Der Getötete war unbewaffnet. Er wurde wegen eines defekten Blinklichts angehalten, befürchtete aber möglicherweise, wegen ausstehenden Unterhaltszahlungen verhaftet zu werden. Insgesamt ereigneten sich in den vergangenen 9 Monaten 8 Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA. X80001 / HANDOUT
9. August 2014: Michael Brown. Der 18-jährige afroamerikanische Schüler wird nach Tätlichkeiten gegenüber einem weissen Polizisten von diesem erschossen. Der Fall ereignete sich in der Kleinstadt Ferguson im US-Staat Missouri. AP/St. Louis Post-Dispatch Pool / Robert Cohen
Der Teenager ging mit einem Freund mitten auf der Strasse, weshalb er von der Polizei angehalten wurde. Der Polizist handelte nach eigener Aussage nach einem Handgemenge in Notwehr. Allerdings war der Jugendliche unbewaffnet. Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass Brown von insgesamt 6 Kugeln aus der Waffe des Polizisten getroffen wurde. X03323 / MARK KAUZLARICH
Am 24. November entschied eine Grand Jury, dass es zu keinem Verfahren gegen den Polizisten, der Brown erschossen hatte, kommen soll. X90065 / JIM YOUNG
20. November 2014: Akai Gurley wird in New York von einem Polizisten bei einer Routine-Kontrolle erschossen.
Gurley und seine Freundin hatten bisherigen Ermittlungen zufolge am 20. November eine Tür zu einem Treppenaufgang eines Hochhauses geöffnet. Ein Polizeianfänger kam während seiner Patrouille mit gezogener Waffe von einem Stockwerk weiter oberhalb hinunter. Er schoss auf Gurley. X90066 / LUCAS JACKSON
Der Chef-Ermittler William Bratton sagte, die Schüsse seien offenbar ein Unfall gewesen, der ein «total unschuldiges» Leben gefordert habe. Die Gerichtsmedizin kam zum Schluss, dass es sich eindeutig um einen Tötungsdelikt gehandelt habe. X90052 / SHANNON STAPLETON
23. November 2014: Tamir Rice. Der Vorfall wird von einer Überwachungskamera augezeichnet. Das Video zeigt den 12-jährigen Tamir, der auf einem Gehweg in Cleveland (Ohio) läuft und mit einer Waffenattrappe spielt. Er wird von einem weissen Polizisten erschossen. AP/Richardson & Kucharski Co., L.P.A.
Der Beamte hielt eine Waffenattrappe, die der Junge in den Händen hielt, für echt. EPA/CLEVELAND OHIO POLICE DEPARTMENT / CLEVELAND OHIO POLICE DEPARTMENT
3. Dezember 2014: Rumain Brisbon wird in Phoenix (Arizona) von einem weissen Polizisten erschossen. EPA/ARIZONA DEPARTMENT OF CORRECTION / ARIZONA DEPARTMENT OF CORRECTIONS / HANDOUT
Offiziellen Angaben zufolge war der Beamte wegen vermuteter Drogendelikte vor einem Geschäft im Einsatz. Ein Polizist feuert zwei Schüsse auf Brisbon ab. Der Grund: Er vermutete eine Waffe in der Tasche des Mannes. Dort befand sich jedoch lediglich eine Packung mit Medikamenten, die auch als Aufputschmittel benutzt werden können. AP/The Arizona Republic / Nick Oza
23. Dezember 2014: Antonio Martin wird bei einer Routinekontrolle in Missouri erschossen. Der 18-Jährige soll mit einer weiteren Person zusammen auf den Polizeiwagen zugekommen sein. Als einer der beiden eine Pistole auf den weissen Beamten gerichtet habe, habe dieser keine Wahl gehabt und drei Schüsse abgegeben. Martin stirbt. EPA/ST. LOUIS COUNTY POLICE VIDEO / ST. LOUIS COUNTY POLICE VIDEO / HANDOUT
«Wir glauben nicht, dass der Verdächtige seine Pistole benutzt hat», sagte der Polizeichef von St.Louis, Jon Belmar. Vor Ort fanden die Ermittler nach Angaben Belmars eine Neun-Millimeter-Pistole, deren Seriennummer entfernt worden sei. X03493 / KATE MUNSCH
2. März 2015: Charly Leundeu Keunang wird in Los Angeles nach einem Streit mit Polizisten erschossen. Der obdachlose Schwarze war unbewaffnet. Die Beamten wurden wegen eines Raubüberfalls in die Nähe eines Obdachlosenheims gerufen.
In Videos von Augenzeugen, die kurz darauf im Internet auftauchten, hört man beim Handgemenge Schreie und sieht, wie der Obdachlose zu Boden geht. Schliesslich fallen fünf Schüsse. Ein auf Facebook veröffentlichtes Video des Vorfalls löst grosse Empörung aus. X90050 / LUCY NICHOLSON
7. März 2015: Tony Robinson wird in Wisconsin erschossen. Ein Beamter habe auf den 19-Jährigen gefeuert, nachdem er von ihm attackiert worden sei, sagte der örtliche Polizeichef von Madison. X03065 / TOM LYNN
Der Polizist ging zu dem Jugendlichen nach Hause, weil dieser verdächtigt wurde, den Strassenverkehr gestört und jemanden geschlagen zu haben. Der Beamte habe sich gewaltsam Zugang zur Wohnung verschafft, weil er von drinnen Lärm gehört habe. Dort habe der Jugendliche den Polizisten angegriffen, «der seine Pistole gezogen und geschossen hat», so der örtliche Polizeichef. Der Jugendliche habe keine Waffe gehabt. Getty Images North America / Scott Olson
11. März 2015: Weisser Polizist erschiesst schwarzen, verwirrten Mann. Der Schwarze war nackt in einem Vorort von Atlanta unterwegs, als Anwohner die Polizei riefen. Als der Beamte den 27-jährigen Schwarzen auf einem Parkplatz zur Rede stellen wollte, sei dieser auf ihn losgestürmt. AP/AP / David Goldman
Der Polizist habe zwei Schüsse abgegeben. Der 27-Jährige verstarb noch vor Ort. Weil der Mann nicht bewaffnet gewesen sei, leiteten die Behörden eine Untersuchung ein. Der Polizist wurde suspendiert. X00052 / TAMI CHAPPELL
Polizist bei Verkehrskontrolle: «Wir töten nur Schwarze»
Video: Roberto Krone
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