Aktuelle Themen:

Der Naked Cowboy auf dem Times Square trägt ebenfalls eine Maske. Bild: EPA

«Alle tragen jetzt eine Maske»: So kämpft sich New York aus der Krise

Das Coronavirus hat in der Stadt New York rund 20'000 Todesopfer gefordert. Eine Lockerung des Lockdown ist frühestens ab Juni möglich. Und Normalität wird noch lange ein Fremdwort bleiben.

Publiziert: 17.05.20, 15:02 Aktualisiert: 17.05.20, 15:47

New York war eine Stadt, in der das Leben pulsierte, während 24 Stunden. «The City that doesn't sleep» heisst es im durch Frank Sinatras Version unsterblich gewordenen Song «New York, New York». Eine harte Stadt, die dich verschlingen und zermalmen, aber auch mit Energie aufladen konnte. Stets faszinierend und inspirierend, und sicher niemals langweilig.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Die Vergangenheitsform ist nötig, denn seit Andrew Cuomo, der Gouverneur des Bundesstaats New York, am 20. März den Lockdown verordnet hat, steht die Stadt still. Die sonst tagsüber permanent überfüllten Strassen in Manhattan sind wie leergefegt. Die Broadway-Theater mussten erstmals in ihrer Geschichte schliessen und die Subway den 24-Stunden-Betrieb einstellen.

Die Subway ist seit zwei Wochen nachts zwecks Reinigung geschlossen. Gouverneur Andrew Cuomo legte selber Hand an. Bild: AP

Das Coronavirus hat keine Region der USA so hart getroffen wie New York, eine Stadt, die in den vergangenen Jahrzehnten vieles durchmachen musste. In den 1970er Jahren war sie so gut wie pleite, schmutzig und von Kriminalität und Drogen gebeutelt. In den 90ern folgte die Wiedergeburt, ehe der 11. September 2001 ihr einen Stich ins Herz versetzte. Es folgte die Finanzkrise von 2008.

Nichts aber lässt sich vergleichen mit Corona. New York ist wieder Ground Zero, nur viel heftiger als vor 19 Jahren. Die derzeitige Bilanz: Rund 200'000 positiv getestete Fälle und mindestens 20'000 Tote. Die Dunkelziffer dürfte in beiden Fällen höher sein. Zeitweise musste die Stadt Kühllaster mieten, um alle Leichen unterbringen zu können. Im Central Park entstand ein Lazarett.

«Über Ostern war es besonders schlimm, da hatten wir rund 800 Todesfälle pro Tag. Jetzt sind es weniger als 200», berichtet Barbara Leifer. Ende März hatte watson erstmals mit der Sängerin und Dirigentin gesprochen, die den Diplomatic Choir of Berlin leitet und eigentlich nur kurz in die USA reisen wollte, seit dem Lockdown jedoch in ihrem Appartement in Midtown West festsitzt.

Das Lazarett im Central Park wurde zur Entlastung der New Yorker Spitäler errichtet. Bild: EPA

Damals wirkte Leifer nervös, teilweise verängstigt. Manche Leute kümmerten sich «überhaupt nicht um die Aufforderung, sich und andere zu schützen, sei es im Laden oder auf der Strasse», klagte sie im Skype-Gespräch. Die allgemeine Lage in New York hat sich seither nicht verändert, aber gerade dieser Punkt habe sich wesentlich gebessert: «Die Leute sind vorsichtiger geworden.»

Sie befolgten nun die Regeln, so Leifer: «Alle tragen jetzt eine Maske.» Ohne dürfe man sowieso nicht in die Geschäfte hinein, und auch in ihrem Wohnblock bestehe Maskenpflicht. Dazu trägt sicher auch die Tatsache bei, dass die Polizei das Social Distancing konsequent durchsetzt. Dennoch ist dieses Verhalten der oft widerspenstigen New Yorker bemerkenswert.

Es scheint sich auszuzahlen. In den Spitälern der Stadt hat sich die Lage entspannt. In der schlimmsten Phase der Krise herrschten dort unhaltbare Zustände. Mangels Ausrüstung mussten Ärzte und Pflegepersonal die gleiche Maske teilweise tagelang benutzen. Viele haben sich infiziert. «Jetzt sind die Spitäler nicht mehr voll», sagt Barbara Leifer.

Auf Hart Island in der Bronx wurden Covid-19-Opfer in einem temporären Massengrab beigesetzt. Bild: AP

Von Normalität kann die Stadt vorerst aber nur träumen. Fünf der zehn Regionen des Staates New York dürfen ab Freitag erste Lockerungen vornehmen. Es handelt sich um ländliche Gebiete im Norden. Sie erfüllen alle sieben von Gouverneur Cuomo formulierten Voraussetzungen, darunter eine klar rückläufige Infektionskurve und genügend Kapazitäten für Tests und Contact Tracing.

«Ich gehe nicht ins Restaurant, ich würde mich dort nicht wohl fühlen.»

Barbara Leifer

Die Stadt New York erfüllt erst vier Kriterien. So hat es trotz Entspannung in den Spitälern noch zu wenig freie Betten auf den Intensivstationen. Bürgermeister Bill de Blasio sagte am Montag, erste Lockerungen werde es wohl erst ab Juni geben, und auch das nur, wenn die Covid-19-Indikatoren weiterhin in die richtige Richtung zeigten. Auch das Maskentragen werde weiterhin nötig sein.

Wann die Metropolitan Opera wieder spielt, steht in den Sternen. Bild: AP

Selbst in diesem Fall dürfte die Metropole noch für Monate im Zeitlupenmodus verbleiben. Am Broadway soll frühestens ab September wieder gespielt werden, wenn überhaupt. Das New York Philharmonic Orchestra und die Metropolitan Opera verkaufen Tickets für die neue Saison, doch es gibt Gerüchte, wonach ein normaler Spielbetrieb erst ab Herbst 2021 geplant ist.

«Das kulturelle Leben ist vollständig tot», sagt Barbara Leifer, die als Musikerin in der Szene gut vernetzt ist. Sie selber weiss sich zu beschäftigen: «Ich mache Gymnastik und Musik und pflege die Kontakte mit der Familie.» So hat sie ein Video produziert, in dem sie ihren Berliner Chor aus der Ferne dirigiert. Und sie macht zweimal pro Woche Freiwilligenarbeit in ihrem Wohnblock.

Eine Lockerung ab Juni sei unvermeidlich, meint sie. Selber aber will sie vorsichtig bleiben: «Ich gehe nicht ins Restaurant, ich würde mich dort nicht wohl fühlen.» Denn das Personal ist auf jeden Tagesverdienst und jedes Trinkgeld angewiesen und geht deshalb auch krank zur Arbeit. Barbara Leifer weiss, wovon sie spricht. Sie hat in jungen Jahren selber in der Gastronomie gearbeitet.

New York City wird sich ins Leben zurück kämpfen. Etwas anderes kann man sich nicht vorstellen. Aber der Weg dorthin wird lang, hart und schmerzhaft sein.

Coronavirus in den USA

Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
Am schlimmsten von der Krise getroffen bleibt New York. Teilweise müssen die Körper toter Covid-Patienten in Kühllastern gelagert werden, weil in den Leichenhallen nicht genug Platz ist. EPA / JUSTIN LANE
Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
Trauerfeier mit Masken und Sicherheitsabstand für ein Covid-19-Opfer in New Orleans. Schwarze sind von der Pandemie überdurchschnittlich stark betroffen. AP / Gerald Herbert
Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
Unter den Demonstranten wie hier in Maryland sind viele Fans von Donald Trump. Der um seine Wiederwahl fürchtende Präsident schürt die Proteste via Twitter. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT

Die verrücktesten Momente aus Trumps Corona-Pressekonferenzen

Video: watson / een

Das könnte dich auch interessieren:

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz