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Rauchende Kamine in Chur im Jahr 1987. Damals hatte die Schweiz ihr CO2-Konto massiv überzogen. Bild: KEYSTONE

Das CO2-Gesetz und die historische Emissionsschuld der Schweiz

Der Anteil der Schweiz an den globalen Emissionen sei verschwindend klein, behaupten die Gegner des CO2-Gesetzes. Ein Blick auf die Geschichte zeigt ein ziemlich anderes Bild.

Publiziert: 12.05.21, 08:48

Ab Dienstag lebt die Schweiz auf Pump. Am Swiss Overshoot Day hat sie ihr natürliches Ressourcenkonto für das Jahr 2021 geplündert. «Würden alle so leben wie die Schweizer Bevölkerung, wären die Ressourcen von drei Planenten notwendig», schreibt der WWF. Als «Gegenmittel» empfiehlt er unter anderem ein Ja zum CO2-Gesetz am 13. Juni.

Für die Gegner der Vorlage sind die Treibhausgasemissionen der Schweiz hingegen nicht der Rede wert. Es ist neben den Kosten ihr Lieblingsargument: Die Schweiz sei für das weltweite Klima «unbedeutend», weil sie nur 0,1 Prozent zum globalen CO2-Ausstoss beitrage. Rein rechnerisch und auf die inländischen Emissionen bezogen ist die Rechnung korrekt.

Die Emissionsschuld der Schweiz seit 1858, berechnet von Reto Schleiniger.

Die jährlich 41 Millionen Tonnen entsprechen rund einem Promille der globalen Emissionen. Doch die Gegner blenden dabei zwei Aspekte aus: Ein grosser Teil des schweizerischen CO2-Ausstosses entfällt auf das Ausland, durch den internationalen Luftverkehr sowie die Produktion und den Transport von Gütern, die in unser Land importiert werden.

Grösser als der Bevölkerungsanteil

Das CO2-Gesetz wirkt sich darauf nur punktuell aus, doch hier kommt ein weiterer Punkt ins Spiel: Die Schweiz hat ihr CO2-Konto in der Vergangenheit überzogen. Sie hat eine eigentliche «Emissionsschuld» auf sich geladen. Von Mitte der 1950er Jahre bis und mit 2013 war der Emissionsanteil der Schweiz grösser als ihr Anteil an der Weltbevölkerung.

Errechnet hat dies der Umweltökonom Reto Schleiniger, Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Publiziert hat er seine Erkenntnisse im Magazin «Die Volkswirtschaft» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Seine Zahlen stammen aus der Datenbank Our World in Data der britischen Universität Oxford.

«Ausreisser» im Zweiten Weltkrieg

Damit konnte Schleiniger die Emissionsschuld der Schweiz bis 1858 berechnen. Die meiste Zeit war sie teilweise deutlich im Minus. Eine bemerkenswerte Ausnahme war der Zweite Weltkrieg, «da die Schweiz damals als nicht Krieg führendes Land vergleichsweise wenig Emissionen verursachte». Seit 2014 befindet sie sich ebenfalls im positiven Bereich.

Der CO2-Fussabdruck von Herr und Frau Schweizer ist massiv

Video: srf/Roberto Krone

Deshalb wagt Reto Schleiniger auch einen Blick nach vorne. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 hat das Ziel, den globalen Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad, höchstens aber 2 Grad Celsius zu begrenzen. Dieses Ziel könnte die Schweiz erreichen, das amitioniertere aber verfehlen, hält der Winterthurer Ökonom fest.

Budget von 715 Millionen Tonnen

Voraussetzung dafür ist die Klimastrategie des Bundesrats. Sie strebt ein Netto-Null-Ziel bis 2050 an. Vieles ist noch offen. «Gesetzlich fixiert ist nur das Ziel, den CO2-Ausstoss bis 2030 zu halbieren», sagt Schleiniger im Gespräch mit watson. Damit erfülle die Schweiz die Pariser Verpflichtung, sofern das CO2-Gesetz im Juni angenommen wird.

Wie aber sieht die Rechnung konkret aus? Basierend auf Schätzungen des Weltklimarats IPCC verfügt die Schweiz für das 2-Grad-Ziel über ein Emissionsbudget von 1205 Millionen Tonnen CO2 ab 2018. Beim 1,5-Grad-Ziel sind es nur 437 Millionen Tonnen. Mit dem bundesrätlichen Klimaziel käme die Schweiz laut Schleiniger auf 715 Millionen Tonnen.

Defizit beim 1,5-Grad-Ziel

Darin enthalten sind die direkten Inland-Emissionen sowie jene aus dem Luftverkehr. Diese seien statistisch erfasst und könnten etwa anhand des verkauften Treibstoffs berechnet werden, sagt Schleiniger. Die Rechnung ist simpel: Das 2-Grad-Ziel würde die Schweiz locker erreichen. Sie könnte sogar einen Teil ihrer historischen Schuld tilgen.

Das 1,5-Grad-Ziel, das nach Ansicht vieler Wissenschaftler zur Vermeidung einer Klimakatastrophe notwendig ist, würde die Schweiz hingegen auch mit der Netto-Null-Strategie des Bundesrats klar verfehlen. Mit einem «Defizit» von 277 Millionen Tonnen würde sie ihr Budget erneut überschreiten und ihre Emissionsschuld erhöhen.

Eine Gerechtigkeitsfrage

Die meisten der im Ausland verursachen Emissionen sind dabei ausgeklammert. «Wenn das CO2 einen Preis bekäme, müssten wir als Konsumenten auch für die Emissionen im Ausland bezahlen», sagt Reto Schleiniger. Die Schweiz bliebe «nicht ungeschoren». Möglich wären Zertifikate oder eine globale CO2-Steuer, die jedoch unrealistisch erscheint.

Schleiniger ist sich bewusst, dass seine Berechnungen angreifbar sind. So verweisen Kritiker auf die positive Leistung der Schweiz etwa im Bereich Innovation. Nicht widerlegen lässt sich, dass die Schweiz lange über ihre Verhältnisse gelebt hat. «Letztlich ist es eine Gerechtigkeitsfrage», meint der Ökonom. Diese müsse politisch beantwortet werden.

Die nächste Gelegenheit dazu hat das Schweizer Stimmvolk in knapp fünf Wochen.

Wer will was beim Klimagipfel in Paris?

China: Der weltweit grösste CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als grosser Verweigerer. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Bild: EPA/HOW HWEE YOUNG EPA/EPA / HOW HWEE YOUNG
Bis 2030 sollen in China 20 Prozent des Energiebedarfs aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem will die Regierung die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduzieren. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Grossstädten zu lösen. Das Problem ... Bild: REUTERS/Aly Song X01793 / ALY SONG
... China stösst in der Realität laut neuer Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt. Bild: EPA/HOW HWEE YOUNG EPA/EPA / HOW HWEE YOUNG
USA: Die grösste Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Bild: Mark Wilson/Getty Images Getty Images North America / Mark Wilson
Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Das Problem ... Bild: EPA/MIKE NELSON EPA/EPA / MIKE NELSON
... US-Aussenminister John Kerry hat in Europa Verärgerung ausgelöst. Er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde «definitiv» nicht den Status eines Vertrages haben. Einen rechtlich verbindlichen Vertrag aber müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen. Bild: AP Photo/Evan Vucci AP/AP / Evan Vucci
Die EU: Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Bild: REUTERS/Francois Lenoir X01164 / FRANCOIS LENOIR
Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoss bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Bild: REUTERS/Wolfgang Rattay/Files X00227 / WOLFGANG RATTAY
Entwicklungsländer (G77): Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Bild: AP Photo/Hasan Jamali AP/AP / Hasan Jamali
Die Industrienationen hatten den G77-Ländern unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu. Bild: EPA/ABIR ABDULLAH EPA/EPA / ABIR ABDULLAH
Indien: Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstossen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohle-Steuer gelingen. Bild: AP Photo/Mustafa Quraishi AP/AP / Mustafa Quraishi
Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Bild: REUTERS/Amit Dave X01413 / AMIT DAVE
Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen. Bild: REUTERS/Mansi Thapliyal X02790 / MANSI THAPLIYAL

Die Auswirkungen des CO2-Ausstosses

Video: SRF / SDA SRF

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