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5700 Zuschauer auf 5700 Sitzplätzen: So will der CEO des EV Zug die Hockey-Saison starten

Maskenpflicht, keine Stehplätze, keine Gästefans und personalisierte Sitzplätze: Mit diesen Massnahmen möchte Patrick Lengwiler, CEO des EV Zug, die Saison im September beginnen.

Publiziert: 10.08.20, 07:36
Othmar von Matt / ch media

Patrick Lengwiler (41) ist seit 2012 CEO des EV Zug. Er machte den Klub zum Wirtschaftsunternehmen und gilt als wichtige Stimme im Eishockey.

Wie dramatisch ist die Situation der Eishockeyklubs?
Patrick Lengwiler:
Die Sport-, Event- und Kulturbranche mit Veranstaltungen über 1000 Zuschauern kann mit der 1000er-Regel nicht überleben. Die Wirtschaftlichkeit ist nicht gegeben.

Patrick Lengwiler: «Wir können uns diese Schockstarre nicht länger leisten.» Bild: KEYSTONE

Was würde es für den EV Zug bedeuten, wenn bis Ende Jahr nur 1000 Zuschauer erlaubt wären?
Dann fragt sich, ob die Meisterschaft ab Januar beginnen kann. Zuschauer, Sponsoren und Gastronomie an den Heimspielen machen für uns heute 80 Prozent der Einnahmen aus. Jedes Spiel ohne Zuschauer kostet uns 600'000 Franken, jedes Spiel mit 1000 Zuschauern etwa 500'000 Franken.

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Gäbe es im Eishockey Konkurse?
Das ist sehr wohl möglich. Beim EVZ ist nicht die Liquidität das Problem. Saisonkartenbesitzer und Sponsoren blieben zum grossen Teil an Bord. Das Geld ist also auf dem Konto, möglicherweise können wir dafür aber keine Leistung erbringen. Dann müssen wird dies zurückzahlen und sind überschuldet.

Was ist, wenn die 1000er-Regel bis am 31. März besteht?
Dann gibt es gar keine Eishockeysaison. Kein Klub überlebt es, wenn er eine ganze Saison mit nur 1000 Zuschauern spielen muss.

Die Eishockeyklubs wollen keine Spiele vor leeren Rängen mehr. Bild: KEYSTONE

Die Klubs gingen in Konkurs?
Entscheidend ist: Gäbe es dann Bundesgelder à fonds perdu, damit die Klubs nach der Krise wieder aufstarten könnten? Wenn nicht, wäre der Spitzensport tot.

Wie viel Bundesgeld à fonds perdu würde ein Klub benötigen?
Das dürften im Schnitt zwischen 10 bis 15 Millionen Franken sein.

«Dank unserem Ticketsystems wissen wir genau, wer auf welchem Platz sitzt. Da sind wir viel weiter, als man es etwa auf Bahnhöfen oder in Zügen ist.»

Die Bossard-Arena hat 7200 Plätze, davon 4500 Sitzplätze. Wie sieht das Schutzkonzept des EVZ aus?
Die Eishockey-Liga gibt die Stossrichtung für die Schweiz vor: Jeder im Stadion muss eine Maske tragen, es gibt keine Stehplätze und keine Gästefans.

Was heisst das für den EVZ?
Wir würden unsere 2400 Stehplätze in etwa 850 Sitzplätze umfunktionieren und kämen damit auf eine Gesamtkapazität von 5700 Zuschauern.

Und wie viele wären in der Arena?
Unser Schutzkonzept besagt: Alle Sitzplätze sind besetzt. Wir hätten 5700 Zuschauer, alle mit Masken. Sie holen Würste und Bier an den Verpflegungsständen, essen aber auf ihren Sitzen. Dank unserem Ticketsystem wissen wir genau, wer auf welchem Platz sitzt. Da sind wir viel weiter, als man es etwa auf Bahnhöfen oder in Zügen ist.

So voll wird die Bossard-Arena des EV Zug lange nicht mehr sein. Stehplätze gibt es keine mehr. Sie werden zu Sitzplätzen umfunktioniert. Bild: KEYSTONE

Und wenn jemand infiziert ist?
Dann wissen wir, wen man in Quarantäne nehmen muss. Daniel Koch sagt, es betrifft nur Personen in der direkten Umgebung.

«Es braucht mehr Eigenverantwortung statt Bevormundung. Jeder kann selbst entscheiden, ob er an eine Grossveranstaltung gehen will.»

Geht es nicht zu weit, alle 5700 Sitzplätze zu besetzen?
Eine starre Zahl von 1000 Zuschauern macht keinen Sinn. Es kommt doch auf die Grösse einer Anlage an. Und warum nicht alle Plätze? Auch in einem Flieger sind alle Plätze belegt. Wenn man mit Maske in einer A-380 mit 600 Personen sechs Stunden reisen darf, ist auch ein Eishockeyspiel mit Maske möglich, das zweieinhalb Stunden dauert. Aber es geht noch um etwas anderes.

Um was?
Wir vertreten die Haltung, dass Panikmacherei fehl am Platz ist, wie sie heute in der Schweiz betrieben wird. Wir müssen noch lange mit dem Virus leben und lernen, mit ihm umzugehen. Es soll Normalität in den Alltag kommen. Wir können uns diese wirtschaftliche und gesellschaftliche Schockstarre nicht länger leisten. Das bedeutet nicht, dass wir fahrlässig sein sollen. Schutzkonzepte und Maskenpflicht sind richtig. Es braucht aber mehr Eigenverantwortung statt Bevormundung. Jeder kann selber entscheiden, ob er an eine Grossveranstaltung gehen will.

Der SC Bern hätte 10'500 Sitzplätze zur Verfügung

Dass alle Sitzplätze besetzt werden, ist auch eine von drei Varianten im Schutzkonzept des SC Bern. Es wurde mit Unterstützung von Daniel Koch erstellt, dem ehemaligen Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit. «Das wäre die optimale Variante», sagt CEO Marc Lüthi. Sie sei nicht so problematisch. «Entscheidend bei einem Spiel sind Einlass, Auslass und Bewegungsströme», sagt er. Diese seien im Schutzkonzept geregelt. Die zwei anderen Varianten betreffen mögliche Entscheide des Bundesrats zur 1000er-Regel. Die Postfinance Arena bietet normalerweise 17031 Zuschauern Platz. Voll auf Sitzplätze umgerüstet wären es ungefähr 10'500 Plätze, wie Lüthi sagt.

Sie kritisierten, dass Politiker die Situation des Sports verkennen.
Gesundheitsdirektoren sagten, es sei ja nicht so schlimm, wenn Sportklubs mit ihren überbezahlten Stars eine Zeit lang nicht spielen könnten. Das ist Stammtischgeplapper. Diese Politiker verkennen, was an einem Sportklub hängt. Wir haben beim EVZ 120 Festangestellte und 220 Teilzeitangestellte, betreiben eine Nachwuchsorganisation mit 300 Kindern und Jugendlichen. Das ist alles EVZ, alle sind betroffen.

Was ist der höchste Lohn eines Spielers?
Wir haben ein paar wenige Spieler, die zwischen einer halben und dreiviertel Million Franken verdienen.

«Das Bundesamt für Sport hat für mich auf der ganzen Linie versagt. Dieses Bundesamt sollte sich für den Sport einsetzen.»

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Sportministerin Viola Amherd?
Wenn man ein Hilfspaket macht, aber kein Klub trotz der misslichen Lage davon Gebrauch macht, dann ist vielleicht das Paket falsch. Die Konkurse würden einfach aufgeschoben.

Bundesrätin Amherd hat nicht verstanden, was passiert?
Meine Kritik geht weniger an Bundesrätin Amherd, als vielmehr an das Bundesamt für Sport. Es hat für mich auf der ganzen Linie versagt. Dieses Bundesamt sollte sich für den Sport und all die damit verbundenen Arbeitsplätze und auch dessen Stellenwert einsetzen.

Wie geht es nun weiter?
Der Entscheid vom Mittwoch wird die Situation nochmals akzentuieren. Sollte uns – nach über einem halben Jahr – weiterhin verboten werden, die notwendigen Erträge selber zu erwirtschaften, braucht es staatliche Hilfe in Form von Beiträgen à fonds perdu. Wir haben schon einen sehr grossen Schaden erlitten und tragen diesen selber. Wir haben einen Investitions- und Einstellungsstopp verhängt. Und ich habe beim EVZ alle Spieler und Angestellten sensibilisiert, dass der Tag X kommen wird, an dem wir festlegen, wem man den Lohn um wie viele Prozente kürzt. Schon heute stundet der Klub jenen Geld, die viel verdienen.

Wann kommt dieser Tag X?
Sobald wir wissen, ob und mit wie vielen Zuschauern wir spielen dürfen. Dann wissen wir, wie viele Millionen wir brauchen.

Auch die Hockeyklubs machten Fehler. Sie liessen die Transparenz zu den Schutzkonzepten vermissen.
Solange die 1000er-Regel besteht, braucht es kein Schutzkonzept, denn wir können gar nicht spielen. Zudem gibt es viele widersprüchliche Verordnungen, die es nicht einfacher machen. Wir haben ein Schutzkonzept entwickelt, in welchem wir die notwendigen Vorgaben sicherstellen. Die 1000er-Regel muss fallen. Wir haben die Situation rund um Corona viel besser im Griff als Ende März. Obwohl uns die Medien Tag für Tag nur eine einzige Zahl an den Kopf werfen: die Zahl der Infizierten.

«Was würde in Zug fehlen, gäbe es den EVZ nicht mehr? Enorm viel, gerade im gesellschaftlichen Leben. Aber ich will jetzt nicht schwarzmalen.»

Über welche Zahl würden Sie gerne lesen?
Ende März hatten wir 800 bis 1000 Leute mit schweren Erkrankungen auf Covid-19-Basis in den Spitälern. Seit Anfang Mai sind noch maximal 45 Leute pro Woche wegen Covid-19 im Spital. Das zeigen die Statistiken des Bundesamts für Gesundheit. Der Lockdown wurde verhängt, um ein Kollabieren des Gesundheitssystems zu vermeiden. Dieser war notwendig und richtig. Heute sind wir aber weit davon weg.

Hätte der Sport intensiver für sich lobbyieren müssen?
Der Sport hat definitiv viel zu wenig Lobbying-Power. Das hat man deutlich gesehen. Das müssen wir langfristig angehen. Arbeiten müssen wir auch am Standing des Sports. Was würde in Zug fehlen, gäbe es den EVZ nicht mehr? Enorm viel, gerade im gesellschaftlichen Leben. Aber ich will jetzt nicht schwarzmalen.

Der EVZ hat Glück, weil er mit Hans-Peter Strebel einen Mäzen als Präsident hat. Strebel würde wohl, wenn nötig, Gelder einschiessen.
Das ist eine Behauptung. Die lasse ich mal so stehen.

Der EVZ ist also gar nicht bessergestellt als andere Klubs?
Für mich ist es befremdend, dass man glaubt, jemand bezahle einfach, und alles gehe weiter wie bisher. Herr Strebel zahlt verdankenswerterweise in die Nachwuchsorganisation, aber nicht in den Spitzensport. Wir wollen unsere Ausgaben selber finanzieren können. Ausserdem sind wir im Spitzensport auch davon abhängig, dass 10-12 Klubs in der Liga verbleiben und überleben. Eine Meisterschaft mit nur 6 Teams wird es nicht geben.

Der 1000er-Klub des Schweizer Eishockeys

Bislang 15 Eishockeyspieler (Stand: 18.9.2021) schafften es auf 1000 oder mehr Spiele in der höchsten Schweizer Spielklasse. Das sind sie:
Rang 15: Beat Forster (2000 bis heute) – 1000 NLA-Spiele für den HC Davos, die ZSC Lions und den EHC Biel. keystone / PETER KLAUNZER
Rang 14: Reto von Arx (1995 bis 2015) – 1004 NLA-Spiele für den HC Davos.
Rang 13: Marc Reichert (1996 bis 2017) – 1022 NLA-Spiele für Bern, Biel, Kloten und Ambri. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Rang 12: Martin Steinegger (1990 bis 2012) – 1025 NLA-Spiele für Biel und Bern. KEYSTONE PHOTOPRESS / YOSHIKO KUSANO
Rang 11: Fabian Sutter (1999 bis 2018) – 1026 NLA-Spiele für Bern, Davos, die SCL Tigers, Zug und Biel. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Rang 10: Gil Montandon (1984 bis 2009) – 1032 NLA-Spiele für Fribourg und Bern. KEYSTONE / LUKAS LEHMANN
Rang 9: Sven Lindemann (1997 bis 2019) – 1034 NLA-Spiele für Kloten, Zug, die SCL Tigers und Rapperswil-Jona. KEYSTONE / MARCEL BIERI
Rang 8: Sebastien Reuille (1998 bis 2019) – 1037 NLA-Spiele für Lugano, Kloten und Rapperswil. TI-PRESS / GABRIELE PUTZU
Rang 7: Michael Ngoy (2001 bis 2021) – 1042 Spiele für Lausanne, Fribourg und Ambri. TI-PRESS / SAMUEL GOLAY
Rang 6: Ivo Rüthemann (1994 bis 2014) – 1072 NLA-Spiele für Davos und Bern. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Rang 5: Ryan Gardner (1997 bis 2017) – 1076 NLA-Spiele für Ambri, Lugano, ZSC Lions, Bern und Fribourg. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Rang 4: Ronnie Rüeger (1990 bis 2013) – 1085 NLA-Spiele für Kloten, Davos, Ambrì, Herisau, Lausanne, Zug und Lugano (inkl. Partien als Ersatzgoalie). KEYSTONE / PATRICK B. KRAEMER
Rang 3: Andres Ambühl (seit 2000) – 1087 NLA-Spiele für den HC Davos und die ZSC Lions.
Rang 2: Mathias Seger (1996 bis 2018) – 1167 NLA-Spiele für den SC Rapperswil-Jona und die ZSC Lions. KEYSTONE / URS FLUEELER
Rang 1: Beat Gerber (seit 1999) – 1169 NLA-Spiele für die SCL Tigers und den SC Bern. keystone / PETER KLAUNZER

Dinge, die Hockey-Fans niemals sagen würden

Video: Angelina Graf

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