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Die Arbeitslosenkassen scheinen derzeit überfordert zu sein. Bild: sda

«Ich warte seit sechs Monaten auf Geld» – Arbeitslosenkassen laufen auf dem Zahnfleisch

Anna K. ist seit Mitte März arbeitslos. Peter S. seit Februar. Auf Geld von der Arbeitslosenkasse warten beide bis heute. Beim Kanton Zürich spricht man von «Kapazitätsengpässen» und gibt den Antragsstellern eine Mitschuld.

Publiziert: 18.09.20, 11:36 Aktualisiert: 19.09.20, 09:09

Es ist ein Schicksal, wie es tausenden diesen Frühling widerfahren ist: Die 27-jährige Anna K. arbeitete in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel in der Küche. Bis Mitte März. Dann wurden die Mitarbeiter informiert, dass das Hotel bis auf weiteres geschlossen wird. Die Touristen blieben aus, die Geschäftsreisenden auch. Anna K. verlor von einem Tag auf den nächsten ihren Job. Zumindest theoretisch, auf Papier ist sie immer noch angestellt.

Doppelt bitter: Da sie erst seit vier Monaten im Hotel angestellt war und auf Stundenlohnbasis arbeitete, hat sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung. Dafür müssen Stundenlöhner nämlich mindestens seit sechs Monaten an einem Ort angestellt sein.

«Mir blieb also keine Wahl, als mich beim RAV zu melden.» Anna K. reicht alle Unterlagen ein, fristgerecht. Lohnauszüge der letzten zwei Jahre, Arbeitszeugnisse und Nachweise von mindestens zwölf Bewerbungen im Monat. Aber ein Job in der Gastrobranche ist in diesen Zeiten unmöglich zu finden.

Mittlerweile ist Mitte September und Anna K. wartet noch immer auf Geld. Die 27-Jährige ist verbittert. «Ich rufe die Arbeitslosenkasse jede zweite Woche an und frage nach dem Stand der Dinge. Mal heisst es, in den nächsten zwei Wochen sollte etwas kommen, mal heisst es, ich soll in einem Monat nochmals anrufen, meistens aber weiss einfach niemand, was genau vor sich geht.»

Anna K. nervt es, dass von ihr immer verlangt wird, jeden Monat fristgerecht ihre Unterlagen einzureichen. Die für ihre Auszahlungen zuständige Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich lässt sich aber monatelang Zeit. Geld hat sie schon lange keines mehr, Freunde und Familie unterstützen sie. Zum Sozialamt will sie trotzdem nicht.

Kapazitätsengpässe sind schuld

Auch andere berichten von ähnlichen Strapazen. Peter S. zum Beispiel. Der 40-Jährige aus Zürich wartet seit Februar auf Geld der Arbeitslosenkasse. Vorher hat er im Einkauf für ein grosses Pharmaunternehmen gearbeitet.

Seine Schilderungen decken sich mit jenen von Anna K.. Auch er reicht seine Unterlagen jeden Monat fristgerecht ein, trotzdem wartet er seit über einem halben Jahr auf Geld. Bei ihm reichen die Reserven zwar noch, genervt ist er trotzdem.

Auf Anfrage sagt Lucie Hribal, Kommunikationsleiterin beim Amt für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zürich, dass die kantonale Arbeitslosenkasse «seit März 2020 mit einem stark angestiegenen Antragsvolumen konfrontiert» sei. Auch gibt sie den Antragsstellern eine Mitschuld: «Der Zusatzaufwand hat erheblich zugenommen, weil bei unvollständigen Anträgen die notwendigen Unterlagen eingefordert werden müssen.»

Arbeitslosenzahl massiv erhöht

Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist im August auf 3,3 Prozent von 3,2 Prozent im Juli gestiegen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Mittwoch mitteilte. Gegenüber August 2019 erhöhte sich die Quote massiv, damals hatte sie bei 2,1 Prozent gelegen. Insgesamt waren in der Schweiz im August 151'111 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) als arbeitslos gemeldet. Das sind 51'559 Personen mehr als noch im Vorjahresmonat.

Für Anna K. sind diese Aussagen ein Hohn. Zweimal wurden von ihr eingeschickte Unterlagen verloren, «mir wurde gesagt, sie seien nie angekommen». Auch als sie umgezogen ist und ihre Adresse wechseln wollte, brauchte es sechs Anläufe. «Zuerst per Brief, dieser sei aber anscheinend nie angekommen, wurde mir ein paar Wochen später am Telefon gesagt.» Daraufhin schickte sie ein E-Mail, doch nichts passierte. Sie rief an, aber auch das E-Mail war nicht auffindbar. Also schickte sie einen weiteren schriftlichen Brief. Es geschah weiterhin nichts. Erst beim letzten Anruf klappte es. «Lustigerweise fand man dann den Brief, den ich zuerst geschickt habe. Und das E-Mail auch.»

«Der Prozess der Arbeitslosenentschädigung ist komplex.»

Lucie Hribal, Kommunikationsleiterin Amt für Wirtschaft und Arbeit Kanton Zürich

Dass die Fälle von Anna K. und Peter S. keine Einzelfälle sind, will die Arbeitslosenkasse nicht direkt bestätigen. Aber auch nicht ausschliessen. Sie gibt jedoch zu, dass es zu Kapazitätsengpässen gekommen sei aufgrund von zu wenig Personal. «Wir können nicht ausschliessen, dass weitere Versicherte von einem mehrmonatigen Auszahlungsrückstand betroffen sind».

Um den Rückstand wett zu machen, sei das Personal schrittweise aufgestockt worden. «Zu Beginn stand die Auszahlung der Kurzarbeitsentschädigung stark im Vordergrund», heisst es vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit weiter. Seit Mitte Jahr seien 105 zusätzliche Personen befristet angestellt worden, ein Teil davon wird immer noch für die Auszahlung von Arbeitslosenentschädigung ausgebildet. Denn: «Der Prozess der Arbeitslosenentschädigung ist komplex.»

Auch andere Kantone mussten ihr Personal aufstocken, um der Flut an Anträgen Herr zu werden. So berichtet die Arbeitslosenkassen der Kantone Basel-Stadt und Bern von einer «Ressourcenanpassung». Ob es aufgrund der erhöhten Arbeitslosenzahlen zu Verzögerungen gekommen ist, möchte keine der beiden Kassen kommentieren. Nur so viel: «Die Gesuche werden laufend und in der Regel innert Monatsfrist bearbeitet.»

Für Anna K. und Peter S. ein schwacher Trost. Die Nachweisformulare für Bewerbungen sind für den Monat September bereits abgeschickt. Grosse Hoffnungen, Ende Monat Geld auf ihrem Konto zu sehen, haben sie keine.

100 symbolische «Gräber» am Strand von Copacabana

Mit der symbolischen Aushebung von 100 «Gräbern» am Strand von Copacabana haben Aktivisten gegen den Umgang der brasilianischen Regierung mit der Corona-Pandemie protestiert. keystone / Leo Correa
Am Strandabschnitt direkt vor dem berühmten Hotel «Copacabana Palace» schaufelten sie am Donnerstag Reihen von rechteckigen Löchern. keystone / Leo Correa
Darauf steckten die Aktivisten schwarze Kreuze mit kleinen brasilianischen Fahnen. keystone / ANTONIO LACERDA
Mit der Aktion solle der brasilianischen Opfer der Pandemie gedacht und zugleich die «Inkompetenz» der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro in ihrer Reaktion auf die Ausbreitung des Coronavirus angeprangert werden, erklärten die Aktivisten. keystone / Leo Correa
Die Reihen von Löchern im Copacabana-Strand erinnern an die hastig geschaufelten Gräber in besonders hart von der Pandemie betroffenen brasilianischen Gegenden wie etwa der Amazonasmetropole Manaus. keystone / ANTONIO LACERDA
Vor der Ansichtskarten-Kulisse sei mit der Aktion reproduziert worden, «was wir auf unseren Friedhöfen sehen», sagte der Vorsitzende der Organisation Rio de Paz, Antônio Carlos Costa, der Nachrichtenagentur AFP. keystone / ANTONIO LACERDA
Costa appellierte an Bolsonaro, seine Haltung zu der Pandemie zu ändern. Der Staatschef müsse verstehen, dass «unsere Nation mit dem schwierigsten Moment ihrer Geschichte konfrontiert ist». keystone / ANTONIO LACERDA
Bolsonaro hatte in der Vergangenheit die vom Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 als blosse «kleine Grippe» bezeichnet. keystone / ANTONIO LACERDA
Die von brasilianischen Bundesstaaten verhängten Corona-Restriktionen prangert er wegen ihres drosselnden Effekts auf die Wirtschaft an. keystone / Leo Correa
Die Zahl der verzeichneten Todesfälle durch Covid-19 überschritt am 11. Juni in Brasilien die Schwelle von 40'000. Die Zahl der registrierten Infektionen lag bei etwa 802'800. sda / Leo Correa

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