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Wegwerfgesellschaft der Herzen? Die Liebe in Zeiten der Freiheit

Am letzten Sonntag diskutierte ich in der Arena/Reporter-Sendung die ewige Liebe. Basis war der aktuelle Reporter-Film, welcher zwei Paare im hohen Alter begleitete (bitte vor allem den Film unbedingt anschauen, er ist unheimlich berührend).  

Aus Debatten im Studio und danach mit Gästen der Sendung und mit Zuschauern kam hervor: «Wir sind oberflächlicher geworden in der Liebe.»  

Aha. Ist das so?  

Schon einmal habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass die grosse Liebe in meinen Augen nicht die ewige Liebe sein muss. Wenn man das Glück hat, sie zu finden: grossartig. Trennungen jedoch halte ich für nichts, das bei jeder Unsicherheit unüberlegt vollzogen oder aber um jeden Preis verhindert werden muss.  

Ich glaube nicht an Pauschallösungen. Ich glaube nicht an den generellen Rat, sich aufgrund von Selbstverwirklichungszielen bei etwas schwierigem Klima in der Beziehung sofort zu trennen. Ich glaube jedoch auch nicht daran, dass man ewig an etwas festhalten sollte, was nicht mehr ist.  

Die Scheidungsraten, die Scheidungsraten. Ja, die sind hoch. Manch einer leitet daraus eine Art Wegwerfgesellschaft auf emotionaler Ebene ab. Mag sein, dass sich dieser Tenor vielleicht ein wenig in unseren Beziehungsbegriff geschlichen hat.  

Eine weitere Erklärung für die höhere Trennungsrate wäre: Because we can. Viele von uns (leider noch immer nicht alle) haben heute weder den gesellschaftlichen noch den religiösen Druck, bei einem Partner zu bleiben. Viel eher noch den finanziellen oder den emotionalen, gerade, wenn Kinder im Spiel sind. Aber grundsätzlich können wir uns heute viel leichter trennen als noch vor einigen Dekaden.   

Stellt sich also die Frage: Sind wir tatsächlich egozentrischer geworden oder freier? Werfen wir fahrlässig weg oder trennen sich heute einfach all die Paare, die das früher auch getan hätten, wenn sie gekonnt hätten?  

Fakt ist: Wir leben heute die Liebe in Zeiten der Freiheit.  

Freiheit, sich lösen zu können/dürfen, aber auch Freiheit, was Alternativen angeht. In Zeiten von Tinder und Parship und Facebook und Clubbing und Speed Dating. Wir sind Kinder im Süsswarenladen des Herzens.

Früher gabs mit knapp 20 einen Stängel Süssholz und ein «Voilà, darauf musst du jetzt für immer und ewig rumkauen, auch wenn kein Geschmack mehr drin ist und das Ding sich in einen faserig-glibbringen Strang aus Speichel und Zellulose verwandelt hat»; heute ist das Buffet riesig und à discretion.  

Da ist es schwierig, sich auf ewig auf nur eine Leckerei festzulegen, und sei sie eine noch so grosse Delikatesse. Nach einer Weile mit Fleur de Sel-Luxemburgerli lacht einen der Foifermocke halt doch irgendwann sehr reizvoll an.  

Das wäre an sich nicht tragisch. Das ist das grosse Konzept der Autonomie. Das Ich und seine Wünsche im Vordergrund. Hier mal bitz Cocifröschli, da mal bitz grüne Nudeln. Zuckersüsse Autonomie – alles easy.  

Wäre da nicht das ebenso grosse Konzept der Intimität. Denn wir sind ja am Ende doch (zumindest die meisten von uns) gesellige Wesen und der Grossteil wünscht sich irgendwann einmal so etwas wie Verbindlichkeit.  

Voilà: Balanceakt. Verbindung von Autonomie und Intimität. Schwierig. 

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass zu unterschiedliche Vorstellungen in dieser heiklen Frage unweigerlich zu Unglück und/oder Trennung führen. Ich kenne lediglich zwei Paare, die seit Jahren erfolgreich offene Beziehungen führen und glücklich damit sind. Grossartig, wenn das klappt. Ansonsten höre ich den Begriff der «freien Liebe» doch meist gegen Ende einer Beziehung, wenn man versucht, den Wunsch nach mehr Autonomie des einen mit demjenigen nach weiter bestehender Intimität des anderen zu kombinieren. Das Resultat ist oft Hass, denn hinter «Dann leb dich halt aus» steckt oft ein «Ich hoffe, dass diese Freiheit dich zurück zur frei gewählten Treue zu mir führt», was selten bis nie der Fall ist.  

(Freie) Liebe, die anhält, ist also eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Autonomie und Intimität. Treue, aber kein Zwang. Freiheit, aber nicht für alles. Was darf man? Gedanken okay, Taten nicht? Flirten okay, Vögeln nicht? Bitz Verknallen okay, Verlieben nicht?  

Natürlich kann man sich sagen: Sowas passiert in der wahren Liebe nicht.  

Ich persönlich halte das für Humbug. Man kann so tun, ja, aber das heisst nicht, dass es nicht passiert, irgendwann. Grade das oben beschriebene, 24/7 zugängliche Süsswarenbuffet an Alternativen zeigt: Man kann nicht für immer der interessanteste Mensch im Leben seines Partners sein. Nicht über Jahre. Dazu kommt: Der noch nie zuvor gekostete Schoggipudding erscheint einem ach so süss, wenn man sein Luxemburgerli seit Jahren jeden Tag morgens unfrisiert und mit Mundgeruch neben sich liegen hat. So ist der Schoggipudding zwar auch, aber das blendet man gekonnt aus.  

Wir sind also nicht für immer und ewig das Nonplusultra an Attraktivität.  

Fragt sich: Müssen wir das?  

Ich sage nein. Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen dem, was attraktiv ist und dem, was intim ist. Zwischen dem, was die Geschlechtsteile und dem, was das Herz berührt. Es werden unweigerlich andere interessante Menschen in das eigene oder das Leben des Partners treten. Die Frage ist dann diejenige nach dem Umgang mit dieser Tatsache.

Und das ist wahre Intimität. Das ist wahre freie Liebe. Uns bei allen Alternativen, Tikki und Bazooka und Schaumpilzli, bei aller Freiheit, die in der Natur der heutigen Zeit liegt, bei allen Signalen, die uns unsere Geschlechtsteile senden, trotzdem für unser Luxemburgerli zu entscheiden. Auch wenn’s da und dort einen Tätsch weg hat und wir uns manchmal eine andere Geschmacksrichtung wünschen würden. Dass wir uns besinnen, warum wir es uns ursprünglich (haha, ur-sprüngli-ch, no Sponsoring, nur en Wortwitz, ich schwör) ausgesucht haben. Dass wir uns, solange wir können, jeden Tag erneut für es entscheiden, auch wenn es uns bisweilen schwer fällt.  

Ist also die Liebe oberflächlicher geworden?

Mitnichten. Denn wenn man sich in Zeiten der Freiheit für die Intimität zu einem Menschen entscheidet, dann ist das fürwahr eine Liebeserklärung mit Substanz.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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