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Wie ein polnischer Politiker in die Schweizer Roaming-Falle tappt

Ex-Aussenminister Radoslaw Sikorski erhielt nach WEF-Aufenthalt Telefonrechnung von 1300 Franken.

Publiziert: 08.11.19, 06:15 Aktualisiert: 08.11.19, 06:16
Remo Hess, Brüssel / ch media

Die Schweiz ist eine Roaming-Insel. Das hat auch der ehemalige polnische Aussenminister und heutige EU-Parlamentarier Radoslaw Sikorski zu spüren bekommen.

Nach seinem eintägigen Aufenthalt am Weltwirtschaftsforum in Davos von 2018 erhielt er eine Telefonrechnung von insgesamt 1388 Franken. Knapp 1100 Franken gingen allein für den Datenverkehr drauf.

Hat wenig Grund zum Lachen. Der ehemalige polnische Aussenminister tappte in eine Roaming-Falle. Bild: EPA

Er habe zwar eine SMS-Warnung erhalten, dass sein Datenvolumen aufgebraucht war, so Sikorski. Dass seine Rechnung innert 24 Stunden von den üblichen 100 auf über 1000 Franken ansteigen werde, das habe er aber nicht realisiert.

Sikorski ist in die Roaming-Falle getappt. Es sei «eine Schande», dass die Schweiz im Gegensatz zu den EWR-Staaten beim grenzenlosen Roaming nicht dabei sei, empört sich Sikorski.

«Eine solch hohe Rechnung kann einem den schönen Aufenthalt in der Schweiz schnell vermiesen», so der Pole. Es könne ausserdem gefährlich sein: «Skifahrer oder Autofahrer sind auf ihr GPS angewiesen.»

Dabei betont Sikorski, dass es ihm keineswegs nur um EU-Touristen in der Schweiz gehe. Die Abschaffung des Roamings sei ebenso im Interesse der Schweizer, welche in die EU reisen. Ohnehin sei er ein grosser Bewunderer der Schweiz.

«Komplettabzocke»

Am Mittwoch sah der Parteikollege von EU-Ratspräsident Donald Tusk die Gelegenheit gekommen, um auf sein Ärgernis aufmerksam zu machen. Bei der Aussprache zur Schweiz im Auswärtigen Ausschuss des EU-Parlaments fragte Sikorski, was man gegen die «Komplettabzocke» tun könne. «Aufgrund der aktuellen bilateralen Abkommen würden wir riskieren, in einen WTO-Streit zu geraten», lautete die Antwort des EU-Chefverhandlers für die Schweiz.

Konkret geht es darum, dass andere Nicht-EU-Länder ebenfalls eine Roaming-Befreiung fordern könnten. Das will Sikorski nicht gelten lassen: «Ich weiss, dass mit dem Westbalkan entsprechende Verhandlungen am Laufen sind. Und die Schweiz steht dem Westbalkan sicher nicht in irgendetwas nach.» Man habe schon über 100 bilaterale Abkommen abgeschlossen, da könne man auch noch ein weiteres abschliessen.

Dass es in der Schweiz am politischen Willen für die Abschaffung der Roaming-Gebühren fehlt, weiss auch Sikorski. Lockerlassen wolle er trotzdem nicht und habe schon mit der für Konsumentenfragen zuständigen EU-Abgeordneten im Binnenmarktausschuss gesprochen. Bald werde er der EU-Kommission schriftliche Fragen vorlegen. Falls alles nichts nützt, will er die Sache vor die Plenarversammlung des EU-Parlaments bringen. (aargauerzeitung.ch)

Die turbulente Geschichte des Schweizer Mobilfunks

«Wo biiisch!?» watson präsentiert Meilensteine der Schweizer Mobilfunk-Geschichte. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1978 geht in der Schweiz das erste öffentliche Mobilfunknetz in Betrieb: NATEL A. Das ist die Abkürzung für Nationales Autotelefon ... und wird zum Synonym für Mobiltelefon. KEYSTONE / STR
Der Begriff «Handy» setzt sich in der Schweiz erst viel später durch, weil er seit den 1960ern durch das Geschirrspülmittel der Migros belegt ist. PS: Die Romands sagen «Mobile» und die Tessiner «Telefonino».
Alleiniger Netzbetreiber ist lange Zeit der Bund, oder besser die schweizerische PTT, die Behörde für Post, Telefon und Telefax. KEYSTONE / STR
1983 lancieren die PTT mit NATEL B ein zweites zusätzliches Mobilfunknetz, um die grosse Nachfrage zu befriedigen. (Und in Zürich startet das «Nonstop»-Sexkino Cinebref) KEYSTONE / STR
1984 stellen die PTT das schnurlose Funktelefon «Radiotel» vor. Es ist für eine monatliche Gebühr von 26 Franken erhältlich, eignet sich jedoch ausschliesslich für den hausinternen Gebrauch. KEYSTONE / STR
1987 ist das Jahr, in dem der Mobilfunk technische Fortschritte macht ... KEYSTONE / STR
Im September 1987 geht in der Region Zürich das erste NATEL-C-Netz in Betrieb. Nun werden die Mobiltelefone kompakter und auch langsam günstiger. KEYSTONE / STR
1991: Mit NATEL D lancieren die PTT das erste digitale Mobilfunknetz, das zudem mit ausländischen Netzen verbunden werden kann. Das Foto zeigt ein Mobiltelefon des Schweizer Herstellers Ascom. KEYSTONE / PATRICK AVIOLAT
April 1996: SBB, UBS und Migros gründen die Newtelco AG, die 1997 – nach Einstieg von British Telecom und Tele Danmark – den Markennamen «Sunrise» lanciert. KEYSTONE
1992 bis 1998: Der Schweizer Telekommunikationsmarkt wird liberalisiert, die PTT verlieren ihr Monopol. Der Fernmeldebereich wird 1993 zur Telecom PTT und 1997 zur selbständigen Swisscom. KEYSTONE / STR
Juni 1994: Das Bundesgericht verbietet in einem Grundsatzurteil das Telefonieren während dem Autofahren. Wer von der Polizei erwischt wird, bezahlt 40 Franken. Per September 1996 wird die Busse auf 100 Franken erhöht. APA FILES / GEORGES SCHNEIDER
1997: Miss-World-Finalistin Tanja Gutmann posiert am Strand mit Handy und die «Sonntagszeitung» bringt einen der ersten kritischen Artikel zum Thema Roaming-Gebühren. Titel: «Tarif-Chaos im weltweiten Handy-Netz». Die Swisscom versucht zu beschwichtigen. AP / ADIL BRADLOW
1998: Der Mobilfunk boomt, in der Schweiz gibt es 1,3 Millionen Handy-Besitzer. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
April 1998: Der Bund vergibt die zwei neuen Mobilfunklizenzen an die Unternehmen Diax und Orange Communications. Die drei Mitbewerber Sunrise, Fortel SA und Unlimitel gehen leer aus. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
August 1998: Obwohl sich die Mehrheit der Bündner Jäger für die Zulassung von Mobiltelefonen auf der Jagd ausgesprochen hat, lehnt die Kantonsregierung das Begehren ab. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
Dezember 1998: Das Swisscom-Monopol fällt. An Heiligabend schaltet Diax sein Mobilfunknetz auf, das allerdings nur Teile der Schweiz abdeckt. Bild: Hans Rudolf Wittmer, Diax-Chef. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1999: Natel-Antennen sorgen vermehrt wegen Gesundheitsrisiken und Klagen von Anwohnern für Schlagzeilen. Die Fachleute sind sich uneins, was die Auswirkungen des Elektrosmogs betrifft, und die Strahlungs-Grenzwerte sind umstritten. KEYSTONE / MICHELE LIMINA
Februar 2000: Die EU-Kommission nimmt die Roaming-Tarife der europäischen Mobilfunk-Anbieter ins Visier. Die Preisunterschiede bei internationalen Anrufen mit und ohne Roaming betragen laut Untersuchungen bis zu 500 Prozent. AP / EDGAR R.SCHOEPAL
2001: Die Schweizer Telekom-Firmen Diax und Sunrise fusionieren, der Markenname «diAx» verschwindet. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
2002: Sunrise lanciert das Multimedia Messaging-System MMS. Und über die Weihnachtstage werden mehrere Millionen von SMS-Botschaften verschickt, so viel wie noch nie. KEYSTONE / WALTER BIERI
Ende 2012: Die Swisscom lanciert als erster Schweizer Provider ein LTE-Netz, das ist praktisch der Schweizer Startschuss ins 4G-Zeitalter. KEYSTONE / GAETAN BALLY
2015: Orange (Schweiz) ändert den Namen und heisst neu Salt. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Juni 2017: In der EU werden die Roaming-Gebühren abgeschafft. AP/AP / Francois Mori
Schweizer Mobilfunkanbieter dürfen von ihren Kunden weiterhin happige Zuschläge verlangen, wenn diese im Ausland telefonieren und mobil surfen – das Parlament sträubt sich bislang gegen eine Einschränkung. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Die Parlamentarier dürfen im Ausland täglich pauschal 50 Franken fürs Roaming abrechnen – unabhängig davon, ob sie diesen Betrag effektiv benötigen. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
April 2019: Swisscom gibt die Inbetriebnahme des ersten 5G-Netzes in der Schweiz bekannt – in vorerst 54 Ortschaften, darunter Chur, Davos, Genf, Lausanne und Zürich. Gleichzeitig nimmt der politische Widerstand gegen den Bau neuer Antennen in einzelnen Kantonen zu. KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI
April 2019: Während die Provider den neuen Mobilfunk-Standard propagieren, legt der Jura den Antennenbau auf Eis: Und auch die Kantonsregierungen von Genf und Waadt haben wegen Gesundheitsbedenken ein provisorisches 5G-Moratorium beschlossen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
März 2020: Die Swisscom stellt dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) Standortdaten aus ihrem Mobilfunknetz zur Verfügung, um die Mobilität der Bevölkerung in der Corona-Krise zu überwachen. Bild: Ein geschlossener Spielplatz auf einer Autobahn-Raststätte in Maienfeld GR. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
November 2020: Die Schweizer Teleko-Anbieter UPC und Sunrise sind keine Konkurrenten mehr, sondern Tochterunternehmen der Muttergesellschaft Liberty Global. Erklärtes Ziel ist es, der Marktführerin Swisscom beim ultraschnellen Internet (Glasfaser und 5G-Mobilfunk) Kundinnen und Kunden abzujagen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
2021: Das 2G-Netz von Swisscom wird Anfang Jahr endgültig abgeschaltet. Seit diesem Zeitpunkt kann kein Gerät mehr darauf zugreifen. Im Bild: Urs Schaeppi, CEO von Swisscom. KEYSTONE / ENNIO LEANZA

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