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Arsenal-Star Pierre-Emerick Aubameyang posiert mit seinem neuen Luxus-Auto. bild: instagram

Liebe Fussballer, ihr taugt nicht als Vorbilder

Verwöhnt, abgehoben, überbezahlt. Das Image der Fussballer hat in der Coronakrise stark gelitten. Zu recht? Oder büssen die Schweizer Kicker nur für die Exzesse internationaler Superstars? Eine Annäherung an ein viel diskutiertes Thema.

Publiziert: 27.05.20, 19:30 Aktualisiert: 28.05.20, 08:13
François Schmid-Bechtel / ch media

Make money not friends. Zdravko Kuzmanovic posaunte auf Instagram ungeniert, was er vom Leben erwartet: mach Geld, nicht Freunde. Der Spieler des FC Basel ist eher die Regel als die Ausnahme. Auch wenn andere Kicker etwas defensiver kommunizieren. Dafür lassen sie Bilder sprechen und neigen dazu, in den sozialen Medien zu prahlen. Mit ihren Protz-Karossen, ihren Model-Freundinnen, ihren Designer-Klamotten, ihren Tattoos, ihren Luxusuhren, ihren Urlaubsbildern aus dem Highend-Beach-Ressort.

Verwöhnt, abgehoben, dekadent, überbezahlt. Die Coronakrise und der damit verbundene Hilferuf der Fussballer und Eishockeyaner nach Staatshilfe befeuert die Image- und Lohndiskussion. So sehr, dass selbst unsere Sportministerin Viola Amherd Position bezieht: «Wir haben nicht die Zustände wie im Ausland. Es gibt kaum Fussball-Millionäre.» Gewiss. Aber Posts wie jene von Zdravko Kuzmanovic führen nicht dazu, das Bild des Fussballers aufzuhübschen.

Mach Geld, nicht Freunde. Möglich, dass Kuzmanovic den Satz von irgendeinem Gangster-Rapper abgekupfert hat. Es macht die Sache nicht erträglicher. Der Rapper muss das Image des bösen Buben kultivieren, andernfalls kann er seine Karriere-Pläne gleich schreddern. Ausserdem ist kaum ein Gangster-Rapper so vermessen, etwas von Vorbildfunktion zu schwafeln. Schliesslich ist ihm bewusst, dass die meisten, die seine Musik und seine Texte gut finden, ein gutbürgerliches Leben führen.

«Wir haben eine Vorbildfunktion.» Egal ob Fussballer, Manager, Trainer oder Funktionär. Mantraartig bemühen sie den Satz mit der Vorbildfunktion. Und wenn mal etwas schiefläuft, ein Spieler auf dem Platz austickt, haucht er auf Drängen des Pressechefs mit Dackelblick in die Mikrophone: «Sorry, ich war mir meiner Vorbildfunktion nicht bewusst.» Hört auf mit diesem Mist. Ihr schneidet euch ins eigene Fleisch. Vorbildfunktion, von wegen! Niemand mit gesundem Menschenverstand kann von euch erwarten, Vorbild zu sein. Ihr seid begabte, ehrgeizige, privilegierte, verwöhnte und hochbezahlte Sportler. Idole, ja. Aber keine Vorbilder. Wie der Gangster-Rapper.

Man kann sich fragen, warum Yvon Mvogo im Urlaub in Beverly Hills auf einem Ferrari hocken und dieses Bild auf Instagram posten muss. Hat er ihn gemietet? Gekauft? Spielt keine Rolle. Er kann es sich leisten. Auch wenn er in Leipzig nur auf der Ersatzbank sitzt. Viele klopfen ihm für den Post mit dem Ferrari auf die Schultern. Vielleicht sogar mehr, als wenn er einen Ball aus dem Lattenkreuz fischt. Das sollte den Protagonisten zu denken geben.

In der Schweiz haben wir traditionell Mühe damit, wenn Leute ihren Reichtum zur Schau stellen. Mvogo und viele andere Fussballstars tun es. Es befremdet. Aber wohl eher die ältere Generation. Viele Kids hingegen finden: «Scharfe Karre, coole Sneakers, vollgeile Uhr.» Oder so ähnlich. Und sind wir ehrlich: Hätten wir mit Mitte 20 und Millionen im Gepäck dem Luxus abgeschworen? Hätten wir all unsere Träume und Sehnsüchte, und seien sie noch so unvernünftig wie sinnlos, mir nichts dir nichts ignoriert?

Natürlich würden wir gerne Bilder sehen – und sie stünden den Fussballern gut an – wie sie als Helden des Alltags einer alten Nachbarin den Einkauf besorgen. Oder wie sie auch mal den öffentlichen Verkehr anstelle des Luxusmobils benutzten. Sie sich weiterbildeten. Sich in einer Arbeiterkneipe statt im In-Schuppen verköstigten. Oder einfach nur mal Gartenarbeit oder sonst so einen unsexy Kram erledigten. Dann könnten wir ernsthaft über Vorbildfunktion diskutieren. Andererseits ist es halt schon eher die Regel, dass sich Jugendlichkeit und Vernunft spinnefeind sind.

Gefangen in der Blase, beschränkt sich der Ausbruch meist auf ein Tattoo, einen Brillanten am Ohrläppchen, oder ein Goldsteak in Dubai. Dass wir das mitkriegen, liegt daran, dass die Fussballer gerne demonstrieren: Schaut her, ich hab’s geschafft. Aber auch daran, dass sie, ständig in ein taktisches Korsett gezwängt, ständig sich dem Kollektiv unterordnend, ihre Individualität, ihre Einzigartigkeit hervorheben möchten. Freizeit - und das haben sie nicht zu wenig - da mach ich, was mir passt. Aber hat der erste sein Goldsteak verspeist, wartet schon der nächste auf einen freien Tisch. Also doch Herdentier.

So lange die Fussballer auf Instragram protzen, brauchen sie sich um ihren Ruf nicht zu kümmern. Das ist schade für jene Fussballer, denen das Geld für den Protz fehlt. Und davon gibt es in der Schweiz etliche. Den Protzern kann das aber egal sein. In der Blase der Glückseligkeit lebt es sich ziemlich behaglich.

Aber so ein Fussballerleben dauert nicht ewig. Irgendwann kommt der Punkt, da sagen sie: «Ich will dem Fussball etwas zurückgeben.» Nein, natürlich nicht als ehrenamtlicher Juniorentrainer. Wäre ja noch schöner. Wenn es zum Trainer, Manager oder Sportchef nicht reicht, werden sie Spielerberater.

Apropos Spielerberater. Würde man wie im Tennis eine Weltrangliste erstellen, könnte es für Josip Drmic, Ergänzungsspieler bei Norwich City, eng werden, in den Top 1000 Unterschlupf zu finden. In kaum einer anderen Sportart wird die Nummer 1000 Millionen verdienen. Geschweige denn, Berater für einen Transfer seines Klienten eine Provision von 615'000 Euro einfordern, wie im Fall Drmic. Für die Nummer 950 oder 988 der Welt! Das ist der absolute Irrsinn.

Es ist schwierig, als kickender Jungmillionär in diesem abgehobenen Milieu die Bodenständigkeit zu bewahren. Deshalb sollten wir die Bedeutung der Fussballer nicht überhöhen. Und, ganz wichtig: Wir sollten keine Vorbildfunktion erwarten. Sie sind Fussballer und wenn sie nicht mehr Fussballer sind, interessiert es die Öffentlichkeit nicht mehr, welche Partei sie wählen, was sie von einer Klimasteuer auf Flugtickets halten, ob sie den Müll trennen oder welches Auto sie fahren.

Die 12 überraschendsten Fussball-Meister

Leicester City, 2015/2016: Die wohl grösste Sportsensation aller Zeiten. Leicester – vor der Saison mit einer Meisterquote von 5000:1 (gleiche Quote wie dass der heisseste Tag des Jahres auf Weihnachten fällt) – wird englischer Meister. Riyad Mahrez und Jamie Vardy sind die grossen Figuren beim Märchen, Gökhan Inler spielt als Tribünengast eine Nebenrolle. Drei Runden vor Schluss ist der Titel gesichert. Unfassbar. X01095 / Craig Brough
Nottingham Forest, 1977/78: Mit dem legendären Trainer Brian Clough düpieren die «Tricky Trees» den damaligen Serienmeister Liverpool. Dank nur drei Niederlagen in 42 Spielen distanzieren sie die «Reds» um sieben Punkte auf Rang zwei. AP PA
Hellas Verona, 1984/85: Juventus mit dem grossen Spielmacher Platini dominiert den italienischen Fussball. Inter Mailand hat Rummenigge. Und Hellas Verona? Unter Trainer Osvaldo Bagnoli besteht Verona mit bescheidenen Mitteln gegen die illustre Konkurrenz und holt den bislang einzigen «Scudetto». (Bild: Wikipedia) wikipedia
Nantes, 1994/95: Mit einer blutjungen Mannschaft gewinnen «les canaris», die Kanarienvögel, die Meisterschaft mit elf Punkten Vorsprung auf Lyon. Unter anderem sind die späteren Weltstars Christian Karembeu (damals 23-jährig) und Claude Makelele (damals 21-jährig) im Kader. (Bild: lequipe.fr) lequipe.fr
Wladikawkas, 1994/95: Mit Spartak-Alanija aus der Stadt Wladikawkas im Nordkaukasus rechnete Mitte der Neunziger in Russland niemand. Doch den Ossetiern gelang es als erste nicht aus Moskau stammende Mannschaft, die russische Premier League zu gewinnen. Sie wurden Meister mit sechs Punkten Vorsprung auf Lok Moskau. In der Tabelle folgend die weiteren Hauptstadtklubs: Spartak, Dynamo, Torpedo und ZSKA.
Kaiserslautern, 1997/98: Zum ersten und bisher einzigen Mal wird ein Bundesliga-Aufsteiger Meister. Im Mittelfeld ziehen Ciriaco Sforza und der 20-jährige Michael Ballack die Fäden. Vorne sorgen Flügel Ratinho und Knipser Olaf Marschall für Gefahr. «So etwas wird es nie wieder geben», sagt Trainer Otto Rehhagel. MICHAEL PROBST
Aarau, 1992/93: Aus Prügelknaben werden Himmelstürmer. Die Saison zuvor fast abgestiegen, spielt die Truppe von Trainer Rolf Fringer unbekümmert, variantenreich und mit aggressivem Pressing. Hinten ist Goalie Andreas Hilfiker eine Bank. Verteidiger Roberto Di Matteo, Mittelfeldspieler Ryszard Komornicki und Stürmer Petar Aleksandrov bilden eine starke Achse. KEYSTONE / WALTER BIERI
Montpellier, 2011/12: Die Südfranzosen verfügen nur über das 13.-höchste Budget. Nicht Stars kaufen, sondern Stars machen, ist das Motto. So geht in der Saison 2011/12 etwa der Stern von Olivier Giroud auf, der mit 21 Toren am bislang einzigen Meistertitel beteiligt ist. EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
St.Gallen, 1999/2000: Der FCSG startet als klarer Abstiegskandidat in die Saison, überwintert jedoch sensationell als Tabellenführer. Die Finalrunde lancieren die «Espen» mit einem denkwürdigen 4:4 gegen GC, bei dem Charles Amoah in letzter Sekunde den Ausgleich erzielt. Es ist die Initialzündung zum zweiten Meistertitel nach 1904. KEYSTONE / WALTER BIERI
Atlético Madrid, 2013/14: Nach 18 Jahren Unterbruch gewinnen «los colchoneros» wieder die Liga. Bemerkenswert: Erstmals seit zehn Jahren heisst der spanische Meister nicht Real Madrid oder Barcelona. AP / ANDRES KUDACKI
Alkmaar, 2008/09: Als «sein kleines Meisterstück» bezeichnet Louis van Gaal den unerwarteten Titel mit AZ. Die Spielzeit 2008/09 beendet Alkmaar mit elf Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Twente. EPA / MARCEL ANTONISSE
Wolfsburg, 2008/2009: Zwei Jahre zuvor wird Trainer Felix Magath bei den Bayern trotz Meistertitel vom Hof gejagt, der Coup mit Wolfsburg deshalb umso süsser. «Vielleicht haben wir nicht die beste Mannschaft, aber wir haben am besten gespielt», erklärt Magath das einfache Erfolgsrezept. EPA / MARCUS BRANDT
Deportivo La Coruña, 1999/2000: «Super Depor», ein Fussballmärchen, das dem Geldhahn von Präsident Augusto César Leondoiro entspringt. Trotzdem ist Deportivos Titel eine faustdicke Überraschung. Mit Spielern wie Roy Makaay (26 Saisontore), Pauleta, Walter Pandiani und Flavio Conceicao übertölpeln die Galicier das grosse Real Madrid. AP / DELMI ALVAREZ

So würden sich deine Fussball-Stars in der Badi verhalten

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