Der rot gefärbte Fluss in Norilsk ist nur eine der vielen Folgen des Permafrostes.
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«Zombie-Bakterien» aus dem ewigen Eis? Das Tauen von Sibiriens Böden ist eine Katastrophe
Durch rot gefärbtes Flusswasser sah es aus, als würde Sibiriens Natur bluten: Doch ein riesiges Dieselleck ist Symptom eines viel schlimmeren Leidens.
Zuerst war nur ein Brand gemeldet worden um 12.45 Uhr Ortszeit aus der Stadt Norilsk in Sibirien. Ein Auto war in eine Kraftstofflache gefahren. Auf der Fahrbahn stand Diesel, weil dort aus einem instabil gewordenen Tank gerade 21'000 Tonnen ausgelaufen waren, die umliegende Flüsse rot färbten und immer noch Richtung Arktisches Meer schwappen.
Doch der Brand und die schlimmste Ölpest Russlands sind die Folge eines noch viel gewaltigeren Problems: Der Permafrostboden taut auf und lässt nicht nur Tanklager abrutschen. Für Russland bedeutet das Kosten von 100 Milliarden Dollar in den nächsten Jahren, für die Welt heisst es, dass der Klimawandel angeheizt und im Eis konservierte Krankheiten ausbrechen könnten.
Feuer am Lager: In der ersten Mitteilung ging es "nur" um einen Brand. Ein Auto war in den ausgelaufenen Treibstoff neben dem Tanklager gefahren, was ein Feuer ausgelöst hatte.
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Es gibt ein verwackeltes Video der ersten Minuten der Kraftstoff-Katastrophe. Ein Wasserfall ist zu sehen, aber was da schäumt und spritzt, ist der Diesel aus einem der Tanks an einem Kraftwerk in der sibirischen Stadt Norilsk.
Ein anderes Video zeigt, wie jemand einen Becher mit Flüssigkeit aus dem Fluss Ambarnaya schöpft. 15'000 Tonnen Treibstoff sollen es bis in den Strom geschafft haben und nicht vorher im Erdreich versickert sein. Der Mann in dem Video taucht ein Stück Papier in den Becher und hält ein Feuerzeug daran. Das nasse Papier brennt gut. Die Fracht auf dem Fluss abzufackeln, wurde auch als Lösung diskutiert, aber dann doch verworfen.
Jetzt dürfte es Jahre oder Jahrzehnte dauern, die Rückstände des Dieselunfalls aus dem Wasser zu bekommen. Fotos mit blutrotem Wasser gab es schon in der Vergangenheit aus der Gegend der 180'000-Einwohner-Stadt Norilsk, wo durch Schwefeldioxid auch die Luft so schlecht ist, wie kaum sonst wo in der Welt. Aber Hunderte Kilometer flussabwärts, hinter dem Pjassinosee, beginnt das Grosse Arktische Schutzgebiet, das grösste Naturschutzreservat Eurasiens.
Kraftwerksmanager in Untersuchungshaft
Norilsk Nickel, der Mutterkonzern des Kraftwerks, sieht die giftige Fracht im Fluss schon vor dem See gestoppt und belegt das mit Luftbildern, die ein Ende der Verfärbung an Barrieren zeigen. Die oberste Fischereibehörde erklärte dagegen der Zeitung «Kommersant», die Sperren hätten den grössten Teil des Diesels nicht aufhalten können. Die giftigsten Bestandteile Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol seien ohnehin in Wasser löslich und könnten nicht in Auslegern gesammelt werden, so Alexej Knischnikow vom russischen WWF.
Während die Helfer an den Ölsperren arbeiten, präsentierten die Behörden in einer Art Käfig einen möglichen Verantwortlichen. Der Kraftwerksmanager bleibt zunächst bis zum 31. Juli wegen möglicher Umweltdelikte in Haft. Doch Schlamperei als Erklärung ist zu einfach. Russland hat es mit einem Gegner zu tun, der sich nicht hinter Gitter bringen lässt: dem Klimawandel.
Eine Festnahme: Ein technischer Leiter des Kraftwerks sitzt zumindest bis zum 31. Juli in Untersuchungshaft, weil eines der Tanklager mit 21.000 Tonnen ausgelaufen ist.
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Nun sind alle grösseren Lager in der Arktis ausserplanmässig zu überprüfen, «um eine ähnliche Situation bei besonders gefährlichen Strukturen in Gebieten zu verhindern, die zum Schmelzen von Permafrost neigen», wie der Generalstaatsanwaltschaft erklärte. Der Tank in Norilsk, zuletzt 2018 überprüft, war offenbar leicht gekippt und deshalb aufgerissen, weil Pfahlgründungen im aufweichenden Boden unstabil geworden waren.
Ein paar Tage vor dem Unglück war es am 23. Mai in Norilsk mit 23 Grad wärmer als im deutschen Freiburg. Die Durchschnittstemperatur der vergangenen 30 Jahre liegt in diesem Teil Sibiriens eigentlich bei minus 4.8 Grad. In diesem Mai fiel das Thermometer nur stundenweise überhaupt mal unter null Grad.
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Der Boden taut immer tiefer auf
Der Monat war weltweit der wärmste Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, in Teilen Sibiriens lag die Temperatur sogar zehn Grad zu hoch. Und das nach dem Jahr 2019, welches das wärmste Jahr in Russland war. In Norilsk war der Boden im vergangenen Jahr an einer Messstelle bis in 113 Zentimeter Tiefe aufgetaut, 2005 nur bis in 81 Zentimeter Tiefe.
Der Klimawandel macht sich im Polarkreis doppelt so stark bemerkbar wie im weltweiten Mittel. Und Russland ist auf schmelzendem Untergrund gebaut. Permafrostboden macht fast zwei Drittel der Fläche des Landes aus. In diesen Landesteilen lebt zwar nur jeder 20. Russe, aber jeder sechste Rubel für Gebäude, Fabriken und Strassen ist dort investiert. In den Permafrostgebieten liegen 80 Prozent der Gasförderstätten, viele Ölquellen und weitere Bodenschätze. Um diese Standorte und Industrien sind Städte entstanden.
Alarmstufe Rot in Sibiriens Arktis: Die Temperatur lag dort in den vergangenen Monaten oft sehr deutlich über dem Mittel der vergangenen Jahrzehnte. Der Klimawandel macht sich besonders stark dort bemerkbar, wo viel Kohlenstoff im Eisboden festgehalten ist.
Bild: Copernikus/t-online.de
Russlands Präsident Wladimir Putin hat das Problem im Dezember in nie gekannter Deutlichkeit eingeräumt. Es war in Moskau mit rund 5 Grad so warm wie nie in einem Dezember seit Beginn der Aufzeichnung, als er das Thema bei seiner jährlichen Pressekonferenz vor fast 2'000 Journalisten ansprach. «Wenn die Permafrostböden auftauen, können Sie sich vorstellen, welche Folgen das haben kann. Das kann zur Verwüstung einiger Regionen führen, das betrifft uns alle», sagte er.
Fast zeitgleich kam eine Studie heraus, die die Folgen berechnet: Auf 106 Milliarden Dollar (94 Milliarden Euro) belaufen sich demnach die zu erwartenden Schäden an Infrastruktur bis zu den 2050er-Jahren, in einem mittleren Szenario. Für die Berechnung hat ein amerikanisch-russisches Forscherteam um Dimitri Streletzki von der George-Washington-Universität in Washington aus mehreren Klimamodellen den Mittelwert eines Szenarios genommen, das für Sibirien einen Anstieg der Temperatur um 3.8 Grad prognostiziert.
Der aufweichende Boden hat Schäden an Häusern zur Folge
Und schon 1.5 Grad können in der Stadt Jakutsk die Gründungen sämtlicher Gebäude verformen, so die Wissenschaftler. 1'000 Gebäude sind dort bereits beschädigt, sagte Bürgermeisterin Sardana Avksentieva, die Strassen und Bürgersteige ständig reparieren lassen muss.
Die Hälfte des russischen Permafrostbodens werde ihre Tragfähigkeit 2050 bis 2059 verloren haben, so die Forscher. In dem Szenario sind 54 Prozent aller Wohngebäude im Permafrostgebiet betroffen mit Schäden von 20.7 Milliarden Dollar. Bei einem Fünftel der Gewerbebauten wird es durch das Auftauen Schäden geben. Ebenso bei einem ähnlich hohen Anteil an Strassen, Leitungen und sonstiger Infrastruktur, zusammen 84.4 Milliarden Dollar.
Die Rechnung ist noch unvollständig, sagen die Wissenschaftler: Man habe zwar einen schlechten Fall mit einer starken Erwärmung angenommen. Zunehmende Erosion an der Küste ist nicht eingerechnet, grosse Brände, Überflutungen und Dürre mit der Folge nicht beschiffbarer Flüsse ebenso nicht. «Die kombinierten wirtschaftlichen Kosten können die in dieser Studie vorgelegten Schätzungen erheblich erhöhen.» Reinigungskosten in Höhe von vielleicht Hunderten Millionen Dollar wie nach dem Dieselunfall von Norilsk dürften in der Rechnung auch nicht enthalten sein.
Ein Fluss verschlingt die Häuser der Yupik
Russland ist besonders, aber es ist nicht allein betroffen. Davon können etwa in Alaska die 380 Menschen des indigenen Volkes der Yupik ein Klagelied singen. Sie sind die Bewohner eines 1949 um eine neue Schule gegründeten Dorfes, das bald verschwunden sein wird. Sie werden umgesiedelt, weil sich dort ein immer breiterer Fluss bildet, wo ihre Häuser stehen.
Ihr Schicksal bekam weltweit Aufmerksamkeit, als beim World Press Photo Award 2020 eine Serie mit Bildern von dort mit einem dritten Platz geehrt wurde. Die Fotografin Katie Orlinsky dokumentiert in der Nordpolarregion Folgen des Klimawandels.
Kinder vom indigenen Volk der Yupik: Ihr Dorf in Alaska droht im steigenden Wasser zu versinken.
In Russland hat sie eines der eindrucksvollsten Bilder am Batagaika-Krater machen können. Seit den 1960er-Jahren tut sich hier ein immer grösseres Loch im Boden auf. Thermokarst nennt sich das Phänomen, wenn im Untergrund Eis schmilzt, das Wasser abfliesst und durch den Volumenverlust die Erde einbricht. Das setzt dann auch in tiefer liegenden Schichten Tau- und Zersetzungsprozesse in Gang, Zerstörungsprozesse verstärken sich selbst.
Am Batagaika-Krater hat das 2018 die vollständig erhaltene Eismumie eines Fohlens einer ausgestorbenen Wildpferdeart ans Licht gebracht. Wissenschaftler der Universität in Jakutsk schätzten ihr Alter auf 30'000 bis 40'000 Jahre. Ein Glücksfall für die Wissenschaft, und in Sibirien leben manche Glücksritter inzwischen von dem illegalen Handel mit Mammuts, die vor 10'000 Jahren in einem gemässigten Nordsibirien unterwegs waren und jetzt vielerorts auftauchen.
«Zombie-Bakterien» aus dem ewigen Eis
Doch der riesige Eisschrank gibt auch weit gefährlichere Grüsse aus der Vergangenheit frei. 2016 starben ein Zwölfjähriger und seine Grossmutter an Milzbrand. Von «Zombie-Bakterien» war die Rede, denn als Auslöser gelten Rentiere, die vor fast 80 Jahren daran gestorben sind. 7'000 Kadaver sollen damals im eisigen Boden begraben worden sein.
Junger Krater: Nach Abholzungen hatte sich in den 1960er-Jahren der Batagaika-Krater gebildet. Seither ist er durch das Schmelzen des Permaforstbodens auf knapp einen Kilometer Länge und 86 Meter Tiefe gewachsen und vergrößert sich rapide weiter. Fotografin Katie Orlisnky gewann mit dem Bild zur Serie "The Carbon Threat" den dritten Platz der Kategorie Fotostory Umwelt beim World Press Photo Award.
In Alaskas Tundra haben Forscher in Massengräbern das Virus der Spanischen Grippe von 1918 gefunden. Auch Pockenerreger könnten nicht nur in wenigen Hochsicherheitslaboren eingefroren sein. Französische Forscher haben zudem ein vor 30'000 Jahren eingefrorenes Virus gefunden, das im Labor wieder Amöben angreift. Für den Menschen ist dieses Virus ungefährlich.
«Wir wissen nicht, was da im Eis liegt», erklärte Birgitta Evengard dem Sender NPR, Mikrobiologin der schwedischen Universität Umea, die ein Forschungsprojekt zu klimawandelbedingten Infektionen in der Arktis leitet. «Es ist die Büchse der Pandora.»
Und während der CO2-Anteil in der Atmosphäre bisher vor allem deshalb gestiegen ist, weil der Mensch den Kohlenstoff von vielen Jahrtausenden freisetzt, beginnt nun die Natur damit. In den obersten drei Metern Permafrostboden sind Tausend Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert, weil dort in der kurzen Vegetationsperiode zwar Pflanzen wuchsen, aber kaum Zersetzung stattgefunden hat.
Grosse Mengen Methan und Kohlendioxid drohen freigesetzt zu werden
Doch wenn der Permafrost schwindet, führt das dazu, dass im Boden lebende Mikroorganismen die Tier- und Pflanzenreste zersetzen, die lange Zeit durch den Frost geschützt waren. Ein folgenreicher Prozess: Es «ist zu befürchten, dass dabei grosse Mengen Kohlenstoff aus den eingelagerten Substanzen vorrangig in Form von Methan, aber auch als Kohlendioxid emittieren», schrieb etwa 2006 das Umweltbundesamt. Durch Erwärmung werden Klimagase frei, die zu einer weiteren Erwärmung führen können.
Folge des Tauens im Permafrostboden: Thermokarst-Seen in der Tundra.
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Das Problem war weithin bekannt, die genauen Ausmasse sind es bis heute noch nicht. Methan wird offenbar doch nicht in dem Ausmass freigesetzt wie zeitweise befürchtet, einen Teil des CO2-Ausstosses könnte die zunehmende Vegetation aufnehmen. Aber auch die Brände von Sibiriens Wäldern nehmen zu.
2019 erklärte das UN-Umweltprogramm UNEP das Auftauen der Permafrostböden zu einer von fünf drohenden und bisher unterschätzten Umweltgefahren. Das Kapitel dazu hat der Moorkundler und Paläoökologe Prof. Hans Joosten geschrieben. Er warnt auch vor der zusätzlich aufziehenden Gefahr gigantischer Torfbrände in trockenen Moorböden: Wo Eis im Untergrund kein isolierendes Schild mehr bildet, kann Wasser wegsickern. Wo es sich dagegen staut, beschleunigen Feuchtgebiete und Seen Tauvorgänge unter ihnen und wirken im Winter als Isolationsschicht. Der Boden darunter gefriert langsamer. Ein sich selbst verstärkender Prozess.
Wie umkippende Dominosteine
Das Auftauen der Permafrostböden gilt inzwischen als ein Kipppunkt für das Klima. Entwicklungen, die andere Effekte nach sich ziehen, wie umfallende Dominosteine. «Mit dem Fortschritt der Wissenschaft müssen wir auch feststellen, dass wir die Risiken unumkehrbarer Veränderungen bislang womöglich unterschätzt haben, die zu einer sich selbst verstärkenden globalen Erwärmung führen können», erklärte im vergangenen Jahr Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), zu einer Studie zu den Kipppunkten. «Es könnte sehr schwierig oder sogar unmöglich sein, die ganze Reihe von Dominosteinen davon abzuhalten, umzukippen.»
Auch Russlands Präsident Putin hatte in seiner Pressekonferenz appelliert: «Wir dürfen nicht untätig bleiben, wir müssen alles tun, was wir können, um den Klimawandel zu stoppen.» Er könnte auch im eigenen Land anfangen: Russland steht zwar anders als die USA unter Trump zum Pariser Klimaabkommen, die Ziele sind aber bescheiden. Im Climate Change Performance Index mehrerer NGOs steht Russland, das für sechs Prozent des globalen CO2-Ausstosses verantwortlich ist, mit «sehr niedrigen» Anstrengungen auf dem 52. von 61 Plätzen. Vielleicht ist der Dieselunfall ein neuer Weckruf.
Verwendete Quellen:
So tickt Putin – privat wie politisch
Text-Auszüge aus der Biografie «Putin – Innenansichten der Macht»: (Im Bild: Der achtjährige Wladimir 1960 auf einem Klassenfoto in Leningrad, das später St.Petersburg heissen wird.) Putins Jugend: Wohnraum ist knapp. In einer Kommunika, wie die städtischen Gemeinschaftswohnungen genannt werden, in denen mehrere Familien aufeinandersitzen, lebt auch Putin mit seiner Familie in einem Zimmer. ...
(Ein Klassenfoto, das 1964 oder 1965 aufgenommen wurde. Putin sitzt in der vordersten Reihe als Dritter von rechts.) Seine kleinen Fluchten als Jugendlicher spielen sich draussen in den Hinterhöfen ab. «Jeder lebte irgendwie in sich selbst», beschreibt er die Zeit. «Ich kann nicht behaupten, dass wir eine sehr emotionale Familie waren, dass wir uns austauschten. Sie behielten vieles für sich. Ich wundere mich noch heute, ...
... wie wir mit den Tragödien umgingen.» Die Geschichte von St.Petersburg ist einer der Gründe, warum er als Jugendlicher vom Geheimdienst träumt. «Ich war politisch interessiert, aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich im Alter von 20 Jahren tiefgründig mit Politik auseinandersetzte. Ich wusste damals nichts von Repressionen aus der Stalinzeit, die mit dem KGB verbunden waren, ... (Bild: Kremlin.ru)
... nichts von Dissidenten wie dem Physiker Andrej Sacharow beispielsweise. Mein Vater wurde als Soldat schwer verletzt und hat meine Mutter im letzten Moment vor dem Hungertod gerettet, als er aus dem Krankenhaus kam», beschreibt Putin die Leidensgeschichte seiner Eltern, als wir im Herbst 2011 zum ersten Mal zusammen in St.Petersburg sind und an dem Blockade-Denkmal am Siegesplatz. ... (Bild: Kremlin.ru)
... 871 lange Tage, vom September 1941 bis zum Januar 1944, haben deutsche Truppen die Stadt belagert und die Stadtbewohner von der Versorgung abgeschnitten. Seine beiden älteren Brüder hat Putin nie gesehen. Sie waren schon tot, als er, ein Neuankömmling, 1952 in der Stadt geboren wurde. Einer starb kurz vor dem Krieg, ein anderer während der Belagerung. Die Eltern überlebten und machten das Trauma vornehmlich mit sich selbst aus. Hulton Archive / Laski Diffusion
Putins Werdegang: Der KGB heuerte den Juristen nach seinem Examen an 1975 an und bildete ihn für die Auslandsaufklärung an. «Wer Beziehungen hatte, kam nach Bonn oder Wien, weil das Gehalt in der Landeswährung ausgezahlt wurde», erklärt er, warum er anschliessend in die DDR geschickt wurde. «Unsere Abteilung hiess Auslandsaufklärung aus dem Inland. ... (Im Bild: Putin 1970 mit Schul-Kollegin Elena).
... Für die inneren Angelegenheiten der DDR selbst waren andere Abteilungen zuständig.» Sein Job ist es, in den nächsten Jahren von Dresden aus Informationen über NATO-Länder wie die Bundesrepublik zu beschaffen und Informanten anzuwerben. Putin kramt in der Schreibtischschublade seines Büros in Nowo-Ogarjowo, zieht einen Ordner mit persönlichen Unterlagen hervor, (Im Bild: Putin beim Judo mit Wassili Schestakow 1971 in Leningrad)
... und zeigt das Schreiben des KGB, dass der Oberstleutnant Wladimir Wladimirowitsch Putin mit Wirkung zum 31. Dezember 1991 aus dem Dienst entlassen hat. «Aber einmal KGB, das wissen sie und ihre Kollegen bestens, heisst ja immer KGB», fügt er ironisch hinzu. «Da helfen mir auch keine Urkunden.» (Im Bild: Putin 1980, Foto via Kremlin.ru)
Im Bild: Mit Mama Maria und Papa Wladimir 1985, kurz vor seiner Versetzung nach München. Hulton Archive / Laski Diffusion
Sein Glaube: Putin öffnet die Tür, knipst das Licht an und bekreuzigt sich. Es ist die Privatkapelle des Präsidenten mit einer kleinen Apsis und einem Altar. An einige Wänden hängen goldfarbene Ikonen, andere bemalt mit bekannten Motiven aus der Bibel. Als er im Jahr 2010 als neuer Präsident in sein staatliches Domizil vor den Toren Moskaus einzog, ...
... liess er die damals halbverfallene Kirchenruine renovieren. Während der nächtlichen Führung outet sich Putin als russisch-orthodoxer Gläubiger. Er spricht von seinem Vater, der Fabrikarbeiter und strikter Kommunist gewesen sei – im Gegensatz zu seiner Mutter, die ihn einige Wochen nach seiner Geburt in einer Kirche in St.Petersburg heimlich taufen liess.
Das Potenzial für die Neuauflage des alten Bündnisses von Thron und Altar in Russland. Putin knipste das Licht wieder aus und zieht die Tür zu. «Ohne die Verbindung von der geschichtlichen und religiösen Erfahrungen», fasste er sein Credo zum Abschied zusammen, «gibt es für uns in Russland keine nationale Identität.»
Pater Tichon liest regelmässig die Messe in der Präsidentenkapelle. Der Abt des Sretensky-Klosters gilt als «duchownik» – als spiritueller Anleiter und Beichtvater des ersten Mannes im Staat. Ob es tatsächlich so ist oder nicht, lässt der Abt offen. Pater Tichon beantwortet derartig direkte Fragen nach seiner konkreten Funktion grundsätzlich nicht. (Im Bild: Putin mit Michael Gobatschow)
[Der Pater] hält sich an den Grundsatz, dass der Glaube Berge versetzen kann, und an die altbewährte Erkenntnis: Eine graue Eminenz bleibt nur dann eine einflussreiche Eminenz, wenn viele über ihre Beziehung zur Macht spekulieren, aber möglichst wenige über Details der Beziehung Bescheid wissen.
Dass der Präsident ein gläubiger Mensch ist, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Putin ist ein Christ, der sich nicht nur so nennt, sondern auch sein Christsein prakttiziert. «Er beichtet, nimmt an der heiligen Kommunion teil und weiss um seine Verantwortung», sagt der Priester.
Putin und Homosexualität: «Warum ist das Thema Schwule wichtig für den Staat? Ich habe nichts gegen Homosexuelle», beschreibt Putin in einer nächtlichen Diskussion im Frühjahr 2013 seine Haltung zu Schwulen und Lesben. «Der Staat soll sich auf das konzentrieren, was wichtig ist. Schwule kriegen keine Kinder. Es ist nicht Aufgabe des Staats, sexuelle Vorlieben zu alimentieren. Oder diese Vorstellung ... EPA / ROBIN UTRECHT
... auch noch als aussenpolitische Forderung an andere Staaten heranzutragen.» Putin macht eine kurze Pause und kommt dann zum Kernpunkt seiner Überzeugung, der ihn umtreibt, seit er in den Kreml eingezogen ist.«Es ist eine Entscheidung, die unsere Gesellschaft trifft und niemanden anders. ...
... Ich habe auch nichts gegen [den früheren homosexuellen deutschen Aussenminister] Herrn Westerwelle», fügt er leicht spöttisch hinzu.
[...] «Der Westen verfolgt seine Vorstellung, ob wir das mögen oder nicht», sagt Putins geistiger Berater Pater Tichon. Dann erzählt der Abt eine Geschichte, um Putins pragmatischen Umgang mit dem Thema zu beschreiben. Als sie wieder einmal zum Essen verabredet waren, berichtete die russische Presse gerade über einen [2001] anstehenden Besuch in Berlin. ...
... und auch darüber, dass der damalige regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ein bekennender Homosexueller sei. Er habe als fürsorglicher Geistlicher dem Präsidenten angeraten, einem bekennenden Schwulen öffentlich die Hand zu schütteln. Doch Putin widersprach: Zum einen sei es Wowereits Privatsache, zum anderen ... (Im Bild: Ex-Frau Ljudmilla und Tochter Mascha 1985)
... sei der Mann der Repräsentant der Stadt Berlin, argumentierte er. Als Putins damalige Frau Ljudmilla sich auf die Seite des Priesters schlug, und Tichons Forderung unterstützte, fiel Putins Antwort kurz und ironisch aus: «Liebling, kein Grund zur Eifersucht.»
Der Präsident über den Präsidenten: Putin hält Barack Obama zum einen für naiv – was er selbstverständlich nie öffentlich sagen würde. Zum anderen erklärt er den eigenen Hardlinern im Sicherheitsrat regelmässig, dass es ohne Amerika auch noch nicht geht. AP / Evan Vucci
Putin, Merkel und die Ukraine: Angela Merkel legt im Mai 2015 mit dem russischen Präsidenten Blumen am Grab des unbekannten Soldaten nieder. Der Besuch, der als Zeichen des guten Willens in schwierigen Zeiten gedacht ist, entgleist auf der Pressekonferenz. Sie sagt: «Durch die verbrecherische und völkerrechtswidrige Auseinandersetzung in der Ostukraine hat die Zusammenarbeit einen schweren Rückschlag erlitten.» AP / ALEXANDER ZEMLIANICHENKO
Das Wort Verbrechen hat Merkel nur noch in einem anderen Zusammenhang auf dem Sprechzettel stehen: als sie auf den Holocaust eingeht. Putin hat die Gleichsetzung registriert. Er übergeht die diplomatische Breitseite unkommentiert. «Sie war als einzige Regierungschefin der G-7-Runde da. Alles, was mit mit dem Krieg zusammenhängt, sorgt natürlich für emotionale und politische Erregung», formuliert er einen Monat später bei unserem Gespräch. EPA POOL / ETIENNE LAURENT / POOL
«Die Bundeskanzlerin vertritt nicht irgendein europäisches Land, sondern Deutschland. Deswegen war das ein Übergriff von ihrer Seite. Aber sie war Gast, und deshalb habe ich es vorgezogen zu schweigen. Es wäre nicht angebracht gewesen, Streit anzufangen.» EPA/RIA NOVOSTI POOL / ALEXEY NIKOLSKY /RIA NOVOSTI / KREMLIN POOL
Zum Thema Edward Snowden: «Mein Geheimdienstchef hat mich [2013] angerufen und mir gesagt, dass Edward Snowden auf dem Weg nach Moskau ist, um dort umzusteigen und weiterzufliegen», antwortet Putin auf meine Frage, wann er das erstmals von Edward Snowden gehört habe. «Wir waren erst einmal vorsichtig. Wir wussten ja, dass er für die CIA gearbeitet hat. [...] (Im Bild: Snowden im September 2013 in Moskau) AP LifeNews via Rossia 24 TV channel / UNCREDITED
Gelegentlich merkt Putin mit klammheimlicher Freude an, Snowden habe der Menschheit ja einen durchaus wertvollen Dienst erwiesen. Eine Woche nachdem Putin entschieden hat, dem Whistleblower Asyl zu gewähren, sagt Barack Obama ein für September 2013 geplantes Treffen ab. Seit dem Ende der Sowjetunion hat noch kein US-Präsident einen solchen Zweiergipfel sausen lassen. [...] AP RIA Novosti Russian Government / Dmitry Astakhov
Putin weiss: Obama kann den Konflikt im Nahen Osten nicht ohne Russland lösen. Er ist fest überzeugt, dass Amerika nicht mehr der Nabel der Welt ist, weil sich auf dem Globus langsam mehrere Machtzentren wie China, Indien oder Brasilien herauskristallisieren. AP/AP / Pavel Golovkin
Das Eis auf dem Rhonegletscher schmilzt im Rekordtempo
Video: SRF / Roberto Krone
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