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bild: universalpictures

«Wie kriege ich einen Sugar Daddy?» – 111 Fragen, die sich Post-Teenies stellen

Porträt einer Altersgruppe in 111 unbeantworteten Fragen – für alle desorientierten Post-Teenies und für alle verständnislosen Post-Post-Teenies!

Ihr natürliches Umfeld ist durch Algorithmen bestimmt. Fernsehapparate sind für sie schon fast ein bisschen retro und obwohl sie einem alles zu einer bestimmten Thematik, sagen wir beispielsweise postmoderner Widerstandspoesie herunterbeten können, stocken sie dafür, wenn sie jemandem erklären müssen, was denn genau die zweite Säule ist. Geschweige den die Dritte. Und die Erste.

Die Rede ist von den Post-Teenies, den Menschen, die gerade die Pubertät hinter sich gelassen haben und euphorisch und hoffnungslos zugleich ihre 20er durchleben. Manche nenne sie auch die Twentysomethings. Und das ist gar nicht mal so blöd. Denn something – also irgendetwas – trifft recht gut auf diese Altersgruppe zu.

Die älteren 20er gehören nämlich noch zu den letzten Sauriern der Generation Y, die Latzhosen noch unironisch trugen und mit Tamagotchis zu spielen wirklich geil fanden. Die jungen 20er hingegen sind im Morast zwischen instagramösem Körpernormwahn und hyggeligem Entschleunigungsimperativ sozialisiert worden. Doch die zeitlichen Hintergründe sind egal. Alle Twentysomethings leben im dauerhaften Stress, den das unglaubliche Privileg der unzähligen Möglichkeiten so mit sich bringt.  

«Angst ist der Schwindel der Freiheit.»

Søren Aabye Kierkegaard, dänischer Philosoph

Und weil Fragen manchmal wichtiger sind als Antworten, skizzieren wir das Dasein der Twentysomethings in ... 

111 unbeantworteten Fragen*:

*Woher stammen die Fragen?
Wir haben alle unsere (Facebook-)Freunde, Twitter-, und Instagram-Follower im Alter von 20 bis 30 Jahren dazu aufgefordert, uns die Fragen zu nennen, die sie momentan beschäftigen. Ihre Antworten folgen hier:

1. Wie kann ich 8 Stunden Schlaf in 3 Stunden schaffen?

2. Wie viele Vorlesungsaufzeichnungen (Studiumspodcasts) kann ich hintereinander schauen, wenn ich die Hälfte der Woche geschlafen habe?

3. Ist halb vier Uhr morgens zu früh, um schlafen zu gehen?

4. Wie kann ich mir eine 55-minütige Episode von Game of Thrones in 15 Minuten reinziehen?

5. Kann man in meinem Alter noch löchrige Strumpfis tragen?

6. Werd ich je lernen, mit fremden Menschen zu telefonieren?

7. Meine Eltern werden alt. Was mach ich, wenn sie nicht mehr da sind?

8. Sind Paul und Olga nicht eigentlich schöne Kindernamen?

9. Wie viel kostet eine Katze?

10. Muss ich meiner Katze dann den Anus putzen, wenn sie Durchfall hat?

11. Warum hab ich Nietzsches Werk noch immer nicht ganz gelesen? Er hasst doch alles? So wie ich.

12. Was? Ich brauche eine dritte Säule, wenn ich jetzt schon gerne in Pension gehen würde? Mist.

13. Was ist eigentlich eine dritte Säule?

14. Und brauche ich eine Hausratsversicherung?

15. Kann ich dem Dude von Swiss Life vertrauen?

16. Wie überlebt man die letzten drei Wochen vom Monat mit 100 Franken auf dem Konto und einer gefährlichen Leere im Kühlschrank?

17. Warum kostet frisches Gemüse so viel?

18. Wie kann man günstig etwas Anständiges essen?

19. Ist Essen wichtiger als Klamotten?

Aus der Mysterie-Serie «Stranger Things», 2016. screenshot: netflix

20. Soll ich kochen lernen, damit ich nach einem halben Jahr Alleinwohnens mal wieder etwas Warmes und Hausgemachtes esse?

21. Wie spare ich am Essen damit ich mehr Geld für Zigaretten übrig habe?

22. Hatten meine Eltern doch Recht?

23. Wieso geben wir alle so viele Fucks?

24. Wie finde ich einen Sugar Daddy, der mir Geld gibt aber ich ihm keinen Sugar geben muss?

25. Wo liegt der Sinn in diesem klassischen heterosexuellen, familienzentrischen Lifestyle?

26. Will ich überhaupt eine Familie gründen?

27. Ist «Fuck the System!» schreien lächerlich?

28. Wieso klebt «Cementit» eigentlich nicht an der Innenseite der Tube?

29. Werden Geschlechter einmal nicht mehr relevant sein?

30. Wird das Patriarchat zurückschlagen?

Aus dem Film «Tiger Girl», 2017. bild: constantin film

31. Werde ich irgendwann mit meinem Körper klar kommen?

32. Wie oft soll ich den Karton rausstellen und muss man den auch so blöd bündeln wie das Altpapier? 

33. Muss ich mich schämen, wenn ich nicht recycle?

34. Warum habe ich nicht mehr gekocht? Ich habe immer noch Hunger.

35. Wann habe ich Zeit, um meine Mutter zu besuchen, damit sie mich bekocht?

36. Wo stehe ich momentan, was ist noch machbar, bevor es zu spät ist?

37. Was will ich überhaupt erreichen?

38. Warum hat noch niemand eine App entwickelt, die mir sagt, wo es überall Steckdosen gibt, um mein Handy aufzuladen? Vor allem für die ÖV!

39. Soll ich diese App programmieren?

40. Gibt es ein YouTube-Video, das mir beibringt, wie man programmiert?

41. Braucht das mehr als 20 Minuten?

42. Wieso mögen mich andere Menschen?

43. Will ich das, was ich jetzt mache, wirklich bis 65 machen?

44. Will ich mal selber ein Häuschen bauen?

45. Bin ich jetzt schon bieder?

46. Was macht mich wirklich glücklich?

Aus dem Film «Tiger Girl», 2017.  Bild: constantin film

47. Geht Familie und Karriere überhaupt nebeneinander?

48. Wird mein Geld reichen, um meine Zweitlehre zu finanzieren?

49. Wie viel muss ich nächstes Jahr wohl Steuern bezahlen?

50. Was, wenn ich während meiner Zweitlehre jemanden kennenlerne? Würde ich alles unter einen Hut bringen?

51. Wann kommt der Moment, wo die Menschen merken, was der Kapitalismus alles anrichtet?

52. Sollte ich selber Geld verdienen oder weiterhin von den Alimenten meines Vaters leben?

53. Wann kommt endlich dieses verdammte Grundeinkommen(!)?

54. Sind wir nicht eh alles AusbeuterInnen?

55. Ist eine Peperoni, die noch nicht angeschnitten wurde innen eigentlich luftleer?

56. Soll ich in meinen nächsten Ferien Postkarten schreiben?

57. Ist das jetzt wieder in?

58. Kann man Anker-Tattoos schon ironisch tragen?

59. Wieso dauert eine Banküberweisung immer noch bis zu drei Tagen, obwohl wir schon vor 48 Jahren auf dem Mond waren?

60. Ich will meinen Traum verwirklichen, aber was ist eigentlich mein Traum?

61. Gibt es spezielle Pflaster für schwarze Menschen und People of Colour?

62. Welche random Vorlesung kann ich noch belegen, damit ich genügend Kreditpunkte erreiche?

63. Wie viele Stunden Schlaf bleiben mir noch, wenn ich jetzt ins Bett gehe?

64. Wie kann ein ganzer Tag rum sein, ich hab doch gerade erst diese neue Serie angefangen?

65. Wie viel Geld brauche ich eigentlich wirklich zum Leben?

66. Starren mich die Menschen an oder bilde ich mir das ein?

67. Gibt es eigentlich irgendwas, in dem ich wirklich gut bin?

68. Wie funktioniert das mit den Steuern eigentlich genau, ich mach das bisher immer nur Handgelenk mal Pi?

69. Wie Scheisse ist es eigentlich, junge Menschen als Praktikanten einzustellen, ihnen kaum was zu bezahlen und es ihnen als «Arbeitserfahrung» zu verkaufen?

70. Wie viel Kaffee hatte ich heute eigentlich schon?

71. Werden mir irgendwann die Ideen ausgehen?

72. Ist es okay, für zwei Wochen nach Thailand zu reisen?

Weihnachten in Goa,1978. bild: flickr

73. Was ist «Gluten»?

74. Gehöre ich zu den Erwachsenen, auch wenn ich mich nicht so fühle?

75. Warum interessiert das die Erwachsenen eigentlich nicht, dass wir oft quasi gratis arbeiten?

76. Warum weiss der Drucker immer, wenn ich etwas mega dringend brauche und funktioniert dann nicht?

77. Wie kann ich meinem Chef sagen, dass er mir endlich meine Überstunden ausbezahlen soll?

78. Warum gibt es in der Schweiz keine Katzencafés, das ist doch eine riesige Marktlücke?

79. Wie kann ich mich verlieben?

80. Wird mir Pizza jemals verleiden?

81. Wie viele Katzen sind zu viele Katzen oder anders gefragt: Kann man überhaupt zu viele Katzen haben?

bild: imgur

82. Werde ich oder meine Kinder den Untergang der Menschheit miterleben?

83. Wäre es nicht besser, wir würden einen Winterschlaf halten?

84. Soll ich eher mal genug Geld verdienen wollen oder etwas tun, bei dem ich mich «unter meinem Wert verkaufe», aber dafür einen Sinn darin sehe, was ich tue? 

85. Warum hat man uns erzählt, Geld mache nicht glücklich, wenn es die Lösung all meiner momentanen Probleme wäre?

86. Auswandern?

87. Wann muss ich Whatsapp-Nachrichten endlich nicht mehr Tippen, sondern kann mir vom Smartphone meine Gedanken lesen lassen?

88. Hiesse das dann Smarterphone?

89. Wer bin ich?

bild: cindy sherman, courtsey of the artist and Metro Pictures, New York

90. Soll ich nun tatsächlich schon wieder auf «Bestellung bestätigen» klicken?

91. Wie lange kann ich so tun, als hätte ich alles im Griff, bevor alles zusammenfällt?

92. Werde ich einmal das Gefühl haben, dass ich den Durchblick habe?

93. Soll ich ein Fitnessabo lösen?

94. Gehört das jetzt zum Zwanzigsein dazu?

95. Werde ich mal mit dem Rauchen aufhören?

96. Sollte ich mal mit dem Trinken aufhören?

97. Will ich alt werden?

98. Wenn ja, wie wird das sein?

99. Ich sollte gesünder leben, oder?

100. Hört dieses Teeniegedünse mit Verliebtheit und Schwärmerei irgendwann einmal auf?

101. Will ich mich verändern?

102. Was macht mich aus?

103. Gibt es sowas wie eine «Existenzberechtigung»?

104. Was sendet es für Signale aus, wenn ich *insert name of a kind of friend* in diesem oder jenem Meme markiere?

Bild: constantin film

105. Kann ich mir irgendwann sicher sein, dass ich nicht adoptiert oder ein Kuckuckskind bin? 

106. Wie nimmt man im Gesicht ab?

107. Darf ich meinen Eltern (noch) Vorwürfe machen?

108. Sollte ich mich mehr für meine Eltern interessieren?

109. Sollte ich aufhören, mein Anderssein allen aufzudrängen und das dann noch politisch zu rechtfertigen?

110. Ist es okay, sich in meiner Position zu beklagen?

111. Ist das kindisch?

Zum Abschluss ein Zitat:

«Unsere Jugendlichen sind unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen!»

Es könnte von einer x-beliebigen Person über 30 stammen, die sich ab obigem Desorientierungskatalog mächtig befremdet fühlt. Weil sie die Sorgen anderer, jüngerer, intelligenterer oder dümmerer Menschen nicht versteht. Oder gar dämlich findet. Aber das Zitat stammt nicht von einem Sepp Odermatt aus Madiswil. Es kommt von Aristoteles. Ja, dem Philosophen. Und ist schon meeega alt. Genauso alt, wie das Unverständnis zwischen verschiedenen Generationen.

Das nächste Mal dann: Die Leiden des Sepp Odermatts aus Madiswil!

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