Aktuelle Themen:

Coronavirus: Schweizer Intensivstationen wappnen sich für das schlimmste Szenario

In Schweizer Spitälern gibt es 82 Intensivstationen mit gegen 1000 Betten. Wenn die Zahl der schwer erkrankten Coronavirus-Infizierten drastisch ansteigt, müssen die Stationsleiter entscheiden, für wen sich die Intensivtherapie noch lohnt und für wen nicht.

Publiziert: 12.03.20, 06:18 Aktualisiert: 12.03.20, 06:34
Lorenz Honegger / ch media

Bei einer schnellen Ausbreitung des Virus drohen Personal-Engpässe: Eine Krankenschwester kümmert sich um einen Patienten auf der Intensivstation. bild: Helmut Fohringer/Keystone

Wer nach der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus an einer schweren Lungenentzündung erkrankt, hat oft nur noch eine Hoffnung: die Intensivpflegestation. Oder einfach «IPS», wie man in den Spitälern sagt. Diese Abteilungen sind auf die Behandlung von Patienten spezialisiert, die sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden. Der Platz für Patienten ist aber beschränkt.

Das Beispiel Norditaliens zeigt eindrücklich, wie schnell das Gesundheitswesen an seine Grenzen stossen kann. Es mangelt an Betten, Personal und Infrastruktur. Im globalen Vergleich sterben überdurchschnittlich viele Patienten mit einem positiven Testbefund.

In diesen Tagen stellen sich auch Schweizer Behörden, Spitäler und Ärzte die Frage: Wie gut sind die Spitäler für die anrollende Ansteckungswelle gewappnet? Verfügt das Land über genügend Kapazitäten auf den Intensivstationen für den Fall, dass sich die Zahl der Ansteckungen exponentiell vervielfacht?

>> Hier gehts es zum Liveticker mit allen aktuellen News

Ein Beatmungsgerät reicht nicht, es braucht Personal

Aktuell verfügt die Eidgenossenschaft gemäss einer Liste der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin über 82 zertifizierte und anerkannte Intensivstationen mit 950 bis 1000 Betten. Eine Zahl, die sich in Krisensituationen erhöhen lässt, aber nicht unbeschränkt. Denn auf Intensivstationen braucht es nicht nur Infrastruktur wie Beatmungsgeräte, sondern vor allem auch Pflegefachpersonen und Ärzte, welche die Patienten rund um die Uhr überwachen und pflegen.

Beispielsweise müssen die Pflegenden bei beatmeten Menschen permanent darauf achten, dass der Schlauch in der Luftröhre bleibt und sich nicht zu fest bewegt. Zusätzlich zu den Intensivstationen gibt es seit etwa 20 Jahren sogenannte Intermediate Care Units – eine Mischform zwischen gewöhnlicher Betten- und Intensivstation für weniger gravierende Fälle –, die noch einmal Platz für 400 bis 450 Patienten bieten.

Ob diese Kapazitäten ausreichen, ist selbst unter Fachleuten unklar. «Wir wissen nicht, wie viele spitalbedürftige Patienten es in der Schweiz in den nächsten Wochen geben wird. Das hängt auch von der Effektivität der Eindämmungsmassnahmen ab», sagt Thierry Fumeaux, Präsident der Gesellschaft für Intensivmedizin, im Gespräch mit CH Media. Fumeaux leitet selbst eine Intensivstation in der Romandie.

Er rechnet damit, dass von 1000 Infizierten 75 bis 100 in kritischem Zustand ins Spital kommen. Die Covid-19-Patienten müssen von den restlichen Patienten getrennt in designierten Zimmern oder sogar eigenen Stationen behandelt werden. Auch das Pflegepersonal darf nicht durchmischt werden.

Trotzdem seien die verfügbaren Intensivbetten nicht nur für Covid-19-Infizierte vorgesehen, sondern auch für alle anderen Patienten in Lebensgefahr wie zum Beispiel Opfer von Verkehrsunfällen. Bei einer grossen Ausbreitung Covid-19-Fälle müssten die Spitäler deshalb planbare, nicht lebensnotwendige Operationen verschieben, bis die Ansteckungswelle abebbt.

Ein Beispiel für verschiebbare Operationen sind Bypass- oder Herzklappeneingriffe. «Die meisten Herzoperationen stellen keine Notfalleingriffe dar und können gut verschoben werden», sagt Daniel Scheidegger, Präsident der Akademie der Medizinischen Wissenschaften und bis 2013 als Departementsvorsteher verantwortlich für die Intensivmedizin am Universitätsspital Basel.

Auch Operationen im Bauchbereich seien oft um einige Wochen verschiebbar. «Natürlich ist es nicht schön, wenn man einen Tumor erst drei vier Wochen später entfernen kann. Doch die aussergewöhnliche Situation lässt möglicherweise keine Alternativen zu.» Der Platz auf den Intensivstationen sei aufgrund der hohen Kosten nicht so ausgelegt, damit die Spitäler eine Pandemie spielend bewältigen könnten.

Operationen müssten teils verschoben werden. bild: Gaetan Bally / KEYSTONE

Schwere Entscheidungen stehen an, wenn auch nach der Verschiebung von planbaren Eingriffen zu wenig Intensivbetten für kritisch erkrankte Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen. Für das Szenario der «absoluten Ressourcenknappheit» hat die Akademie der Medizinischen Wissenschaften schon vor sieben Jahren ethische Richtlinien herausgeben. Es gilt der Grundsatz: «Jene Patienten haben höchste Priorität, deren Prognose mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig ist.»

Niemand dürfe wegen seines Alters, Geschlechts, Versicherungsstatus, Wohnkantons oder seiner Nationalität diskriminiert werden. Eine Altersgrenze für Intensivstationen, wie sie in Italien laut NZZ diskutiert wird, ist also nicht vorgesehen. Die verwendeten Triagekriterien müssen laut der Akademie «sachlich begründet und transparent» sein.

Jüngere Patienten werden nicht automatisch bevorzugt

Dennoch wird es im Worst-Case-Szenario in der Schweiz Covid-19-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf geben, die keine Intensivpflege erhalten, sagt Akademiepräsident Daniel Scheidegger.

Wenn die betroffene Person aufgrund von Vorerkrankungen sehr schlechte Überlebensprognosen aufweise, sei eine Intensivtherapie kaum zielführend – was im Umkehrschluss aber nicht bedeute, dass ältere Patienten automatisch abgewiesen würden: «Ich mache Ihnen ein Beispiel anhand von zwei schwer erkrankten Covid-19-Patienten: Einen älteren, der nach einer Intensivbehandlung wahrscheinlich wieder gesund würde. Und einen jüngeren, der schon Vorerkrankungen hat und selbst im Fall einer Intensivtherapie schlechte Prognosen hat. Dann wird der Stationsleiter den älteren Patienten aufnehmen.»

Für die Intensivstationen sei die Triage nichts Aussergewöhnliches, sie gehöre zum Alltagsgeschäft. «Ich musste in meiner Zeit sehr oft Operationen mit anschliessender Intensivbehandlung absagen, weil es in der Nacht schwere Verkehrsunfälle gegeben hat. Die Kapazität ist immer beschränkt.»

Wichtig sei, dass die Regeln und Abläufe für das Worst-Case-Szenario jetzt festgelegt würden. Es gebe nichts Schlimmeres, als wenn die Abläufe alle zwei Tage neu definiert würden.

Selbst-Isolation: Bund appelliert an Eigenverantwortung

Nicht alle, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, brauchen medizinische Hilfe. Wer jünger als 65 ist und nicht zur Risikogruppe gehört, muss grundsätzlich nicht zum Arzt. Er soll aber zu Hause bleiben, wenn er Symptome wie Husten und Fieber hat. Der Bund spricht von Selbst-Isolierung oder Selbst-Isolation.

Diese wird nicht von den Behörden angeordnet, sondern liegt in der Eigenverantwortung jedes einzelnen. Die Betroffenen sollen den Kontakt mit anderen Personen, soweit möglich, vermeiden. Der Bund rät daher, sich allein in einem Zimmer aufzuhalten und dieses nur wenn nötig zu verlassen. Neben der Selbst-Isolation gibt es auch die Selbst-Quarantäne. Dabei handelt es sich um eine vorsorgliche Massnahme: Wer mit einer Person Kontakt hatte, die erwiesenermassen am Coronavirus erkrankt ist, soll für fünf Tage ab der Diagnose daheim bleiben.

Beide Massnahmen – Isolation und Quarantäne – sollen die Verbreitung des Virus verlangsamen. Gleichzeitig soll das Gesundheitssystem nicht durch leichte Fälle belastet werden. Weiterhin gilt aber: Einen Arzt rufen sollen all jene, die Symptome haben und zu einer Risikogruppe gehören – also alle über 65-Jährigen sowie Personen, die an Erkrankungen wie Diabetes leiden. Medizinische Hilfe braucht es auch, wenn sich die Symptome verschlimmern. (mjb/bzbasel.ch)

Grippe und Covid-19 im Vergleich

Bei der Diskussion um den Coronavirus wird oft die Grippe zum Vergleich herangezogen. Die WHO nennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede: EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ähnlich ist demnach die Ausprägung der Infektionskrankheiten: Beide sind von einem Virus verursachte Atemwegserkrankungen, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann - von symptomlos oder mild bis hin zu sehr schwer, mitunter gar tödlich. EPA / IGOR KUPLJENIK
Beide Erreger werden vorwiegend über Tröpfchen etwa beim Sprechen oder Husten oder auch direkten Kontakt übertragen. Darum greifen bei beiden auch die gleichen Vorsichtsmassnahmen: gute Handhygiene, in den Ellbogen oder ein Taschentuch husten, Kontakt zu Infizierten vermeiden. KEYSTONE/TI-PRESS / Alessandro Crinari
Unterschiede gibt es laut WHO bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Influenza habe eine kürzere Inkubationszeit zwischen Ansteckung und der Ausbildung erster Symptome, zudem erfolgten die Ansteckungen in den Infektionsketten rascher aufeinander. Bei Covid-19 liege dieses Intervall bei etwa 5 bis 6 Tagen, bei Influenza bei 3 Tagen. Das bedeute, dass sich Influenza rascher verbreiten kann als Covid-19. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Hinzu komme, dass bei Influenza oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt würden. Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Ansteckungsrate. Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben - und damit an mehr als bei Influenza. Wegen der unsicheren Datenlage und verschiedenen den Wert beeinflussenden Effekten sei ein Vergleich bei diesem Aspekt aber nur eingeschränkt möglich, heisst es von der WHO. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Erhebliche Unterschiede gibt es im Bezug auf Kinder: «Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft», so die WHO. Für den Covid-19-Erreger zeigten erste Auswertungen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene und nur selten deutliche Symptome entwickeln. Vorläufige Daten lassen demnach zudem annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Schwere bis lebensbedrohliche Verläufe gibt es nach bisherigen Auswertungen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe. Der WHO zufolge ist der Verlauf bei 15 Prozent der Infizierten so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff nötig wird. EPA / JALIL REZAYEE
Bei 5 Prozent der Infizierten ist demnach künstliche Beatmung nötig. Auch die Todesrate liegt wohl höher als bei der normalen saisonalen Grippewelle - exakte Angaben lassen sich dazu aber derzeit kaum machen. AP / Sakchai Lalit
Als besonders von schweren Verläufen betroffene Risikogruppen gelten bei Influenza Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei Covid-19 gehören Kinder und Schwangere nach derzeitigem Wissensstand nicht zu den Risikogruppen. EPA / NICOLA FOSSELLA
Zu beachten ist auch der Unterschied bei den Möglichkeiten für Behandlung und Vorsorge. «Zwar gibt es bereits eine Reihe klinischer Tests von Medikamenten in China, und es sind mehr als 20 Impfstoffe gegen Covid-19 in der Entwicklung, bisher aber gibt es keine zugelassenen Impfstoffe oder Therapien für Covid-19», so die WHO. Bei Influenza hingegen gebe es sowohl schützende Impfungen als auch zugelassene antivirale Medikamente. EPA / ALEX PLAVEVSKI

Wir beantworten eure Fragen zum Coronavirus

Video: watson / Lino Haltinner

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben