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Wie steht es um die Zukunft des Zertifikats? Im Abstimmungskampf herrscht Flaute

Den Parteien fehlen die Kriegskasse und die Motivation, um die Massnahme zu verteidigen. Ohne die Unterstützung der Wirtschaft wird eine grosse Kampagne schwierig.

Publiziert: 18.09.21, 21:34
Anna Wanner / ch media

Ob Restaurant, Fitnesscenter oder Zoo: Seit dieser Woche gilt in der Schweiz die Zertifikatspflicht. Bild: keystone

Wie gut die Gegner der Covid-Massnahmen mobilisieren können, sucht in der Geschichte der direkten Demokratie seinesgleichen. Im Nu hatten die «Freunde der Verfassung» 187'433 Unterschriften für das Referendum gegen das Covid-Gesetz gesammelt. Können die Impf- und Massnahmengegner auch Ende November gegen das Covid-Gesetz so gut mobil machen? Können sie es bodigen?

Jedenfalls steht ihnen ein derzeit schwacher Kontrahent gegenüber. Die Befürworter der Zertifikatspflicht stehen noch am Anfang. Niemand übernehme das Lead bei der Abstimmung, heisst es von verschiedenen Seiten. SP, GLP, FDP und die Mitte werden sich engagieren. Doch eine grosse Kampagne stemmen? SP-Co-Präsident Cédric Wermuth sagt, die Partei habe sich klar positioniert und sie habe einen Bundesrat, der im Dossier federführend sei. Die Kampagne müsse aus der bürgerlichen Mitte hervorgehen. Wermuth: «Aber es scheint - wenn überhaupt - sehr zögerlich vorwärtszugehen.»

Kein Kernthema und keine Ressourcen

Die Parteien sehen Handlungsbedarf. «Wir müssen alle einen Beitrag leisten und können das Feld nicht einfach den anderen Gegnern überlassen», sagt GLP-Chef Jürg Grossen stellvertretend. Nur: «Wir haben nicht die Mittel für eine grössere Kampagne.» Nationalrätin Ruth Humbel (Mitte/AG) sagt, es fehle das Geld und die Unterstützung der Wirtschaftsverbände.

Tatsächlich wollen sich diese nicht im Abstimmungskampf engagieren, wie Michael Wiesner von Economiesuisse bestätigt:

«Wir haben keine Kampa­gne vorgesehen. Das Covid-Zertifikat gehört nicht zu unseren Kernthemen.»

Ausserdem sei es auch eine Frage der Ressourcen. Auch die Gewerkschaften sehen keinen Grund, Geld in die Abstimmung zu investieren. «Das Covid-Gesetz hat für uns keine Priorität», sagt Adrian Wüthrich von Travailsuisse. «Das Zertifikat ist ein Element, das wir im Kampf gegen die Pandemie unterstützen. Aber wir hoffen vor allem, dass wir es möglichst bald wieder abschaffen können.»

Kampf um eine Massnahme, die keiner will

Klar, das Zertifikat ist nicht sexy, niemand will die Einschränkungen im Privat- und Wirtschaftsleben eigentlich. FDP-Vizepräsident Andrea Caroni (AR) sagt dazu: «Auch wir würden gerne auf diese Pflicht verzichten, aber es ist das kleinere Übel im Vergleich zu den anderen Massnahmen.»

Die FDP hat als einzige Partei bereits finanzielle Mittel gesprochen. «Wir haben die Abstimmung in der zweithöchsten Kategorie von vier eingestuft und werden uns dafür einsetzen», sagt Caroni. Er erwarte aber, dass andere Parteien auch mitziehen.

Aufgeheizte Stimmung führt zu Zurückhaltung

Die Politiker sehen der Abstimmung durchaus optimistisch entgegen – fast 70 Prozent der impffähigen Bevölkerung sind geimpft. Trotzdem schätzen sie die Folgen eines Absturzes als fatal ein. Caroni: «Das Zertifikat ist die Garantie gegen Schliessungen.» Es erstaune ihn daher, dass sich die Wirtschaft nicht engagiere. Ohne sie wird eine grosse Kampagne schwierig.

Die Zurückhaltung unter Politikern hat einen weiteren Grund: «Die gereizte Stimmung macht es momentan etwas schwerer, öffentlich anzutreten. Darum ist die Motivation wohl bei einigen etwas geschmälert», sagt Grossen. Das sehen auch Caroni, Wermuth und Humbel so. Die verbreitete Hoffnung: Dass mit der häufigen Anwendung des Zertifikats nun auch dessen Akzeptanz steigt. (aargauerzeitung.ch)

Das Schweizer Covid-Zertifikat auf dem Smartphone

Die Pilotphase für das Schweizer Covid-Zertifikat hat begonnen. In dieser Bildstrecke erfährst du alles Wichtige ... KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Dirk Lindemann, Direktor des Bundesamts für Informatik und Telekommunikation (BIT), und Bundesrat Ueli Maurer präsentierten am 4. Juni 2021 das Covid-Zertifikat. Seit Montag ist die App verfügbar... keystone / ANTHONY ANEX
Die iPhone-Version der Schweizer Covid-Zertifikats-App kann seit dem 7. Juni im App Store von Apple heruntergeladen und installiert werden. Die Android-Version tauchte wenig später im Google Play Store auf. watson
Ebenfalls neu im App Store ist die iPhone-App «COVID Certificate Check». Mit dieser App sollen sich die vom Staat ausgestellten Covid-Zertifikate überprüfen lassen. Der Einsatzbereich ist noch nicht gesetzlich geregelt. watson
Wo die Zertifikate innerhalb der Schweiz überall eingesetzt werden sollen, wird zwischen dem Bund und den Kantonen geklärt. Was bereits sicher ist: Schweizerinnen und Schweizer sollen dank der Zertifikate (in der App oder auf Papier) einfacher ins europäische Ausland reisen können. keystone / Karl A.Ritter
Doch zurück zur Schweizer Zertifikats-App: Das bekommen iPhone-Nutzer beim erstmaligen Öffnen der App zu Gesicht. watson
Die App ermöglicht es, vom Staat ausgestellte und mit einer Signatur geschützte Covid-Zertifikate (in Form eines QR-Codes) auf dem Smartphone zu speichern. watson
Und man kann ein Covid-Zertifikat in Form eines QR-Codes vorweisen. Zum Beispiel bei Grenzkontrollen, wenn man ins Ausland reisen will. watson
Noch ist das aber Zukunftsmusik. Die Pilotphase hat erst begonnen. Und auch in der EU sind die politischen Prozesse noch am Laufen. Bis Ende Juni soll die App dann offiziell starten und in ganz Europa verwendet werden können. watson
Vorläufig kann man nur an der Pilotphase teilnehmen, wenn man ein entsprechendes Zertifikat erhalten hat und dieses mit der App einscannt. Wobei sich der Nutzen sehr in Grenzen hält, weil ja damit im Inland bislang keine Erleichterungen/Vorteile verbunden sind. watson
Offizielle Herausgeberin der App ist – wie bei SwissCovid – das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Für die Entwicklung und den Betrieb ist das Bundesamt für Informatik und Technologie (BIT) verantwortlich. watson
Um ein Zertifikat (auf Papier) einlesen zu können, muss man der App den Zugriff auf die Kamera gestatten. watson
In der App gibt es auch (offizielle) Antworten auf die wichtigsten Fragen. Dort erfährt man auch, dass man per Knopfdruck herausfinden kann, ob ein eingescanntes Zertifikat (noch) gültig ist. watson
Die Pilotphase ist öffentlich, und das Interesse seitens der Kantone sei riesig, sagten Vertreter des Bundesamts für Informatik und und Technologie (BIT) am Montag. Das BIT ist für die technische Umsetzung verantwortlich und betreibt auch die sichere Server-Infrastruktur für die digitale Signatur.
Der QR-Code, den man mit der App einscannt oder zu einem späteren Zeitpunkt gleich in digitaler Form erhält, wird durch eine elektronische Signatur geschützt. Dadurch gelten die Zertifikate als praktisch fälschungssicher. keystone / GIAN EHRENZELLER
In der «COVID Certificate App», so der offizielle Name, lassen sich mehrere Zertifikate speichern, wie zum Beispiel auch die von Familienmitgliedern, die ebenfalls geimpft wurden. Jedes Zertifikat sei aber nur in Kombination mit einem Ausweisdokument (des Zertifikatinhabers) gültig, heisst es. keystone / MARCEL BIERI
In der App selbst wird angezeigt, wann ein bestimmtes Covid-Zertifikat in der Schweiz abläuft, bzw. bis wann es gültig ist. Per Knopfdruck kann man laut BIT überprüfen, ob es aktuell noch gültig sei. keystone / GEORGIOS KEFALAS
Ob geimpft, genesen oder mit negativem PCR-Test: Die persönlichen Daten der App-Nutzer bleiben lokal auf dem Smartphone gespeichert und werden nicht an einen Server des Bundes übermittelt. keystone / PETER KLAUNZER
Die Schweizer Zertifikats-App wird man auch im europäischen Ausland verwenden können. Diese Woche wird ein erster Testlauf durchgeführt mit der Europäischen Union (EU), wie das BIT am Montag sagte. keystone / ALESSANDRO DELLA VALLE
Ab Ende Juni soll das Schweizer Zertifikat in praktisch allen EU-Mitgliedstaaten verwenden werden können. Die Details definieren die einzelnen Länder. keystone / Stephanie Lecocq
So sieht die Schweizer «COVID Certificate Check» fürs iPhone aus. Noch Fragen? Dann schreib watson via Kommentarfunktion oder per E-Mail. watson

Bundesrat Maurer zum Covid-Zertifikat

Video: watson / parlamentsdienste

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