Michel Mayor glaubt an ausserirdisches Leben. Aber nicht gerade an E.T.
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«Wir können nicht auf Planeten auswandern»: Schweizer Nobel-Preisträger redet Klartext
Im persönlichen Gespräch erklärt der 77-Jährige Michel Mayor den Nutzen seiner Forschung, spricht über seine persönlichen Ziele und kontert Kritik an der einseitigen Nobel-Preisverteilung an weisse Männer.
Herr Mayor, Sie haben diese Woche den Physik-Nobelpreis erhalten - herzliche Gratulation. Für wie viele Selfies mussten Sie schon posiert?
Michel Mayor: Sehr viele! Ich habe sie nicht gezählt. Am so genannten «Dies Academicus» am Freitag an der Universität Genf, wo ich einen Auftritt hatte, waren es aber bestimmt 100.
Was bedeutet Ihre Auszeichnung für die Hochschullandschaft Schweiz?
Sie zeigt, dass wir in der Schweiz sehr gute Bedingungen haben für eine hochwertige, wissenschaftliche Forschung. Der Preis ist auch Ausdruck unserer Stabilität, die wir hier seit 1952 dank dem Nationalfonds haben, der unsere Forschung finanziell ermöglicht. Zudem gibt so ein Preis natürlich Zuversicht und Vertrauen, dass wir in der Schweiz für grosse Entdeckungen fähig sind. Ich bin dem Schweizer System enorm dankbar. Der Nationalfonds ist zwar vom Staat finanziert, die Regierung hat aber keinen Einfluss auf die Verteilung. Das Parlament spricht das Geld aus und hat Vertrauen in den Nationalfonds, dass dieser das Geld richtig verteilt.
Und die Studiengebühren sind im Vergleich zum Ausland noch immer tief.
Genau, unser System funktioniert wirklich sehr, sehr gut.
Es ist der dritte Nobelpreis in den letzten zwei Jahren für die Romandie. 2017 gewann Jacques Dubochet von der ETH Lausanne den Preis für Chemie. Die Deutschschweiz wartet hingegen seit 17 Jahren auf einen Nobelpreis. Sind die Welschen Hochschulen einfach besser?
Nein, das sind statistische Fluktuationen. Langfristig wird sich das wieder einpendeln. Die ETH Zürich und die Chemiker in Basel haben insgesamt mehr Nobelpreise gewonnen als die Romands. Das Mikroskop wurde in Zürich entwickelt, und so weiter. Die Deutschschweizer müssen sich keine Sorgen machen.
Jacques Dubochet sagte zuletzt an einer Tagung in Lausanne mit der Klima-Aktivistin Greta Thunberg, die Öffentlichkeit würde ihm seit dem Gewinn des Nobelpreises mehr Gehör schenken. Dies wolle er ausnutzen, um sich für politische Themen einzusetzen, insbesondere die Klimaerwärmung. Sie auch?
Jacques Dubochet war schon früher politisch aktiv. Aber jetzt noch mehr, das stimmt. Ich will aufpassen, dass ich nicht in Kämpfe verwickelt werde, mit denen ich nichts zu tun habe. Ich werde mich also nicht zu jedem Thema äussern. Was die Klimadebatte anbelangt sehe ich aber durchaus Parallelen zu meiner Forschung, da fühle ich mich kompetent. Und dieses Thema beschäftigt mich sehr. Ich will die stupide Idee aus der Welt schaffen, dass wir irgendwann auf einen anderen Planeten auswandern können.
Aber genau solche erdähnlichen Planeten suchen Sie doch mit Ihrer Forschung, und die Wissenschaftler haben schon über 4000 Exoplaneten gefunden!
Ja, aber die potenziell bewohnbaren Exoplaneten sind für uns viel zu weit entfernt. Mit dem «Apollo 11»-Raumschiff würde die Reise zu einem Exoplaneten mindestens eine Milliarde Tage dauern. Es gibt Optimisten, die bei solchen Einwänden sagen, man könne den Antrieb beschleunigen. Ok, dann beschleunigen wir halt doppelt so schnell, und dann? Auch dann dauert die Reise noch viel zu lange. Es gibt keinen Plan B, wir haben nur diesen einen Planeten! Diese Botschaft ist mir wichtig. Alles andere ist Science-Fiction.
Inwiefern hilft dann Ihre Forschung der Menschheit heute mit ihren aktuellen Problemen wie der Klimaerwärmung?
Auch wir erforschen die Zerbrechlichkeit und die Evolution des Klimas, aber halt etwas weiter entfernt als in unserem Sonnensystem. Aber wenn Sie nach dem direkten Nutzen fragen, dann ist es im Prinzip die Befriedigung eines Traumes der Menschheit. Unsere Forschung stimuliert die Neugier in uns.
Zuletzt wurde vermehrt Kritik laut gegenüber der Nobelpreis-Vergabe. Rund 90 Prozent aller bisherigen Gewinner waren weisse Männer. Verstehen Sie die Kritiker?
Wenn Sie schauen, wo heute die grossen Forschungszentren sind, dann ist es nun mal nicht Afrika. Sie sind im Norden, vor allem in Europa und in den USA. Bis zu einem gewissen Grad ist dieses Resultat also normal. Und was den Abstand zu den Frauen anbelangt, so hoffe ich sehr, dass sich die Situation bald verbessern wird. Denn es gibt immer mehr Frauen in den Labors.
Wir machen uns bald sesshaft auf dem Mond
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Also finden Sie, die Kritiker haben nicht Recht?
Nein, ich finde nicht. Aber man muss die Leute auf diese Themen durchaus aufmerksam machen. Und man muss den Frauen erlauben, sich in die Forschung einzubringen. Und das passiert momentan auch. Deshalb bin ich sicher, dass es in einigen Jahren mehr weibliche Preisträger geben wird. International ist es schwierig vorauszusehen, wie sich die Forschung entwickeln wird. China wird garantiert wichtiger werden. China hat heute schon einige Nobelpreisträger. Aber heute findet die Forschung nun mal vorwiegend in den USA und Europa statt.
Mit seinem Kollegen Didier Queloz habe er diese Woche nur via E-Mail Kontakt gehabt, sagt Mayor. Denn der 77-Jährige besitzt selber kein Handy. «Ich mag die Dinger nicht.» Lieber telefoniere er via Computer, wo man die Leute auch sehen könne. Den Anruf aus Schweden nahm denn auch seine Frau entgegen, die sich darüber genervt habe, dass das Nobel-Komitee ihre Handynummer habe, sagt Mayor schmunzelnd.
Sie haben die höchste wissenschaftliche Auszeichnung erhalten, die es gibt. Welche Ziele haben Sie noch?
Ich würde gerne alt genug werden, um zu erfahren, ob wir ausserirdisches Leben im Universum finden werden.
E.T.?
Nein. Das Leben im Universum beginnt für mich bei kleinen Bakterien. Zuerst werden wir einfache Organismen finden. Und danach – wer weiss. (aargauerzeitung.ch)
Schweizer Nobelpreisträger
Jacques Dubochet erhielt 2017 den Nobelpreis für Chemie. Der Romand – er war jahrelang an der Universität Lausanne als Professor aktiv – wurde gemeinsam mit dem Deutsch-Amerikaner Joachim Frank und dem Briten Richard Henderson für eine neuartige Mikroskop-Technologie geehrt, mit der Moleküle dreidimensional beobachtet werden können, ohne sie dabei zu verändern. EPA/KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Kurt Wüthrich ist der Gewinner des Nobelpreis für Chemie im Jahr 2002. Zusammen mit dem Amerikaner John B. Fenn und dem Japaner Koichi Tanaker erhielt er den Preis für seine Arbeiten zur Proteinstruktur. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Die internationale Organisation mit Sitz in Genf, Médecins Sans Frontières, erhielt den Friedensnobelpreis 1999 für die humanitäre Arbeit auf mehreren Kontinenten. EPA / STRINGER
Rolf M. Zinkernagel erhielt 1996 den Medizin-Nobelpreis. Er entdeckte mit dem Australier Peter Doherty 1973, wie das Immunsystem virusinfizierte Zellen erkennt. KEYSTONE / PETER LAUTH
Der in China geborene Schweizer Edmond Henri Fischer erhielt 1992 zusammen mit Edwin Krebs den Medizin-Nobelpreis. Das Nobelpreiskomitee ehrte ihre Arbeit für die Entdeckung der Mechanismen, welche die Stoffwechselvorgänge in Organismen steuern. KEYSTONE / STR
Der ETH-Professor Richard Ernst erhielt 1992 den Chemie-Nobelpreis für seine Beiträge zur Entwicklung der hochauflösenden magnetischen Kernresonanz-Spektroskopie. KEYSTONE / GAETAN BALLY
Der Schweizer Dr. Karl Alex Mueller, rechts, und der deutsche Dr. Johannes Georg Bednorz, links, erhielten 1987 den Nobelpreis für die Entdeckung von Supraleitungen in keramischen Materialien. KEYSTONE / STR
Heinrich Rohrer (links) erhielt 1986 zusammen mit Ernst Ruska und Gerd Binnig (rechts) den Physik-Nobelpreis für Forschung in der Entwicklung des Rastertunnelmikroskops. KEYSTONE / STR
Werner Arber erhielt 1978 den Medizin-Nobelpreis. Zusammen mit seinen Mit-Preisträgern Daniel Nathans und Hamilton Smith entdeckte er die Restriktionsenzyme und ihre Anwendung in der Molekulargenetik. KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Daniel Bovet erhielt 1957 den Medizin-Nobelpreis für seine Entdeckungen im Zusammenhang mit synthetischen Verbindungen, die die Aktivität gewisser Substanzen im Körper hemmen, und speziell für Untersuchungen von deren Wirkung auf das Gefässsystem und die Skelettmuskulatur.
Felix Bloch, Nobelpreisträger für Physik, hält 1966 am Dies Accademicus in der Universität Zürich, Schweiz, eine Rede. KEYSTONE / STR
Tadeus Reichstein erhielt 1950 den Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der Hormonen der Nebennierenrinde, ihrer Struktur und ihrer biologischen Wirkungen. Seiner Forschung wegen wurde ein Verfahren entwickelt, wie man industriell Vitamin-C produzieren kann. KEYSTONE / MICHAEL KUPFERSCHMIDT
Walter Rudolf Hess erhielt zusammen mit António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz 1949 den Psychologie-Nobelpreis für die Entdeckung des therapeutischen Wertes der präfrontalen Leukotomie bei gewissen Psychosen.
Paul Hermann Müller erhielt 1948 den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der starken Wirkung von DDT als Kontaktgift gegen mehrere Arthropoden. Es war das erste Mal, dass dieser Preis an einen Nichtmediziner vergeben wurde.
Der in Deutschland geborene Schriftsteller Hermann Hesse erhielt 1946 den Literatur-Nobelpreis.
Der schweizerisch-kroatische Chemiker Leopold Ružička erhielt zusammen mit Adolf Butenandt den Chemie-Nobelpreis für seine Arbeiten über Polymethylene und höhere Terpenverbindungen.
1937 erhielt Karrer für seine Forschungen über den Aufbau der Carotinoide, der Flavine und der Vitamine A und B zusammen mit Walter Norman Haworth den Nobelpreis für Chemie.
Für seine Verdienste um die theoretische Physik, besonders für seine Entdeckung des Gesetzes des photoelektrischen Effekts erhielt Albert Einstein 1922 den Nobelpreis.
Charles Édouard Guillaume erhielt 1920 den Physik-Nobelpreis für seine Arbeiten in der Präzisionsmessung und für seine Entdeckung der Eigenheiten der Stahl-Nickelverbindung.
Für seinen Epos «Olympischer Frühling» erhielt der Schriftsteller Carl Spitteler 1920 den Literatur-Nobelpreis.
1913 erhielt Alfred Werner den Chemie-Nobelpreis.
Theodor Kocher erhielt 1909 den Medizin-Nobelpreis.
Charles Albert Gobat erhielt 1902 ebenfalls den Friedensnobelpreis.
Henry Dunant erhielt 1901 den Friedensnobelpreis.
Nobelpreisträger Jacques Dubochet am Smile for future
Video: watson / Roberto Krone
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