Aktuelle Themen:

Im Mai 2019 fehlte noch ein ganze Stück des Dammes. Jetzt will Äthiopien mit dem Füllen des Sees beginnen. Bild: Bloomberg via getty images

Wem gehört der Nil? Der erbitterte Streit um einen Staudamm in Äthiopien

Publiziert: 28.06.20, 16:05
Gioia Forster und Johannes Schmitt-Tegge / dpa

Rund 52'600 Millionen Kubikmeter Wasser fliessen im Durchschnitt jährlich aus Äthiopiens Hochland den Blauen Nil runter. Äthiopien will die Fluten im künftig grössten Staudamm Afrikas durch Turbinen jagen lassen.

Für das Land ist der erzeugte Strom der Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung. Doch für Ägypten flussabwärts ist der Staudamm eine existenzielle Bedrohung. Der jahrelange Streit beider Länder um das Projekt hat nun einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Im Juli will Äthiopien beginnen, den Stausee des Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) zu füllen – mit oder ohne Einigung mit den Regionalnachbarn Sudan und Ägypten. Die drei Staaten sitzen derzeit wieder am Verhandlungstisch, und die Zeit läuft davon.

«Für Ägypten ist die Nil-Frage eine Frage über Leben und Tod.»

Ägyptens Aussenminister Samih Schukri

Die Bedeutung des Nils und des Renaissance-Staudamms ist für die drei Länder kaum zu überschätzen. Der Wüstenstaat Ägypten deckt bis zu 97 Prozent seines Wasserbedarf aus dem Nil, der schon in der Antike als «Strom des Lebens» verstanden und der mit einer eigenen Göttin namens Anukis gewürdigt wurde.

Landwirtschaft, Industrie und Haushalte sind von dem Fluss abhängig. Ägyptens Aussenminister Samih Schukri hatte es vergangenen September so formuliert: «Für Ägypten ist die Nil-Frage eine Frage über Leben und Tod.»

Ein Abkommen aus dem Kolonialismus

Viele Ägypter sehen auch die Geschichte auf ihrer Seite. Abkommen zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft und danach erteilten Kairo das Recht auf einen Grossteil des Nilwassers, der Rest ging an den Sudan – Äthiopien und andere Nil-Länder wurden nicht berücksichtigt.

«Addis Abeba ignoriert das historische Recht Ägyptens auf das Nilwasser», sagt Ruschdi Arunut, ein 70 Jahre alter Bauer aus der Nähe von Luxor. In dem sonst trockenen Wüstenstaat wachsen entlang des Nils etwa Mais, Reis und Zuckerrohr sowie Obst und Gemüse.

Äthiopien sieht sich aber ebenso im Recht, den Strom zu nutzen. Addis Abeba will dringend seine rund 110 Millionen Einwohner aus der Armut heben und das Land in das Produktionszentrum Afrikas verwandeln.

Doch es fehlt an Strom. Nur etwa 45 Prozent der Bevölkerung hat laut der Weltbank Zugang zu Elektrizität. Der seit 2011 erbaute 4,6 Milliarden Dollar teure Staudamm soll bis zu 6450 Megawatt Strom erzeugen und so zum Herzstück von Äthiopiens Modernisierungsplänen werden.

Zugleich ist der Damm ein hoch emotionales – und hoch politisches – Projekt. Für die Äthiopier symbolisiert er den Nationalstolz und die Unabhängigkeit des Staates. Er wird komplett aus äthiopischen Geldern finanziert, zeitweise mussten Mitarbeiter staatlicher Unternehmen ein Teil ihres Gehalts abgeben.

Kann sich keine Schwäche gegenüber Ägypten leisten: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed. Bild: EPA

Und für Ministerpräsident Abiy Ahmed steht viel auf dem Spiel. Der junge Regierungschef erhielt jüngst zwar den Friedensnobelpreis für Friedensbemühungen in der Region, hat aber mit ethnischen Konflikten und politischem Gegenwind zu kämpfen. Er braucht einen erfolgreichen Abschluss des Staudamm-Projekts. Schwäche gegenüber Ägypten kann sich Abiy nicht leisten.

Die schwierige Lage des Sudans

Der Sudan steht zwischen den Stühlen. Nach dem Militärputsch gegen Präsident Omar al-Baschir 2019 ist das Land noch wirtschaftlich schwach und fragil. Die saisonalen Nil-Überschwemmungen werden durch den Damm im Sudan aber reduziert. Der regelmässige Wasserfluss wird der Landwirtschaft zugute kommen und Khartum wird günstigen Strom kaufen können.

Die Baustelle des Grand Ethiopian Renaissance Dam am 28. Mai 2020. Bild: keystone

Doch sollte es Probleme mit dem GERD geben, wird als allererstes Sudan leiden. Khartum «sieht viele Vorteile, möchte aber Zusicherungen wegen der Risiken bekommen», erklärt William Davison von der Denkfabrik International Crisis Group (ICG).

Vor allem das Füllen des Stausees ist umstritten: Je schneller gefüllt wird, desto weniger Wasser kommt flussabwärts an. Anfang des Jahres standen die drei Staaten mithilfe der USA kurz vor einer Einigung, diese zerplatzte aber. «Wir werden nächsten Monat beginnen, den Stausee zu füllen, auch wenn es kein Abkommen zwischen den drei Ländern gibt», ermahnte Äthiopiens Aussenminister Gedu Andargachew im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

«Wir haben jetzt ein kurzes Zeitfenster, in dem es ein Risiko der steigenden Eskalation gibt, aber auch eine erneute Chance, eine Einigung zu erzielen», sagt Davison.

Einer der letzten grossen Streitpunkte ist die Frage, wie viel Wasser Äthiopien in Dürreperioden durchlassen wird. Kairo will im Falle von Trockenzeiten eine Garantie, dass Addis Abeba den Wassermangel flussabwärts gutmacht. Doch aus Sicht von Äthiopien hat Ägypten keinen Anspruch auf einen bestimmten Anteil des Nilwassers. Die Ägypter «wollen alles kontrollieren», kritisiert Aussenminister Gedu.

Eine Einigung, bevor Äthiopien den Stausee zu füllen beginnt, wäre ein Sieg mit viel Symbolkraft für die Region. Und Kooperation ist bitternötig. Denn das Problem der Wasserknappheit dürfte sich weiter verschärfen: In Ägypten werden im Jahr 2050 nach UN-Schätzungen 160 Millionen Menschen leben, in Äthiopien 205 Millionen und im Sudan 81 Millionen. Experten warnen zudem, dass ein Betrieb des GERDs ohne enge Koordinierung mit den Staudämmen flussabwärts sehr riskant wäre.

Säbelrasseln in Ägypten

Kairo will nicht nachgeben und hat den UN-Sicherheitsrat gebeten, in dem Streit zu vermitteln. Eine ernsthafte militärische Konfrontation wegen des Staudamms ist zwar unwahrscheinlich – Drohungen von beiden Seiten gab es aber trotzdem.

Der milliardenschwere ägyptische Unternehmer Naguib Sawiris warnte jüngst gar vor einem Wasser-Krieg: «Wir werden nie zulassen, dass ein Land uns aushungert», schrieb er auf Twitter. «Wenn Äthiopien nicht zur Vernunft kommt, werden wir, das ägyptische Volk, als Erstes zum Krieg aufrufen.» (sda/dpa)

Mega-Wasserprojekt in Indien

Dorf in Westindien: Kinder waschen sich die Hände in einem Wasserspeicher. In Indien sollen in den kommenden Jahren Flüsse miteinander verbunden werden. In bislang trockene Gebiete soll so mehr Wasser gelangen. X90061 / AHMAD MASOOD
Karte mit neuen Verbindungen: Geplant sind fast 15'000 Kilometer neue Wasserstrassen. Zum Vergleich: Das ist deutlich länger als das gesamte deutsche Autobahnnetz. 3000 teils riesige Staudämme und 30 Kanäle sind vorgesehen. (Bild: spon)
Tiger im Zoo von Hyderabad: Experten warnen vor immensen Schäden für die Umwelt und die Bevölkerung. Das Wasserprojekt gefährde beispielsweise die Tiger im Panna-Nationalpark. AP / Mahesh Kumar A
Staudamm im indischen Ahmedabad: «Es gab eine Zeit als Dämme als die Tempel des modernen Indiens gefeiert wurden», sagt der Ingenieur Himanshu Thakkar. Doch die Idee, Wasser aus Überflussgebieten in Mangelgebiete umzuleiten und dadurch die Wasserknappheit zu bekämpfen, zeuge heute von ökologischer Ignoranz. X01413 / AMIT DAVE
Blick auf Drei-Schluchten-Staudamm in China: Der Stausee ist mehr als 600 Kilometer lang, Millionen Chinesen mussten zwangsweise umgesiedelt werden. Das Mega-Wasserprojekt in Indien könne noch weitaus schlimmere Folgen haben, warnt Wasserbauexperte Thakkar. Xinhua / Du Huaju
Überschwemmung im indischen Chennai: Das weitreichende Kanalsystem soll überschüssiges Wasser besser im Land verteilen. X03223 / ANINDITO MUKHERJEE
Badende Elefanten im Fluss Yamuna in Neu Delhi: «Es ist ein Plan, der die Nation spalten wird, von dem nicht der kleine Mann sondern allein Grossunternehmen profitieren werden», sagt der Experte für Regenwassernutzung, Rajendra Singh. X03223 / ANINDITO MUKHERJEE
Premierminister Narendra Modi: Der Staatschef steht hinter dem Mammutprojekt. «Gebt unseren Bauern Wasser und seht, welche Wunder sie vollbringen können», fordert er. POOL / IAN LANGSDON
Fischer unweit der Stadt Bhopal: 3000 teils riesige Staudämme und 30 Kanäle sind vorgesehen. EPA / Sajneev Gupta
Libelle und stark bedrohtes Krokodil der Art Gavialis gangeticus im Fluss Chambal (Nordindien): An den Staudämmen, die für das Projekt gebaut werden sollen, könnten laut Plan 34 Gigawatt Strom produziert werden.
Die Gesamtkosten werden mit mehr als 163 Milliarden Franken veranschlagt. Geier über einem Fluss in Udhampur im Norden Indiens: Umweltschützer haben die zuständigen Gerichte mit Petitionen überzogen, das Projekt liegt vorerst auf Eis.
Touristen baden im Fluss Betwa nahe des Orchha Palace: Durch die geplanten Stauseen würden bis zu eine halbe Millionen Menschen vertrieben, warnen Aktivisten.
Fischer auf dem Anchar See in Srinagar (Nordindien): Besonders indigene Völker, die in und von den Urwäldern Indiens leben, seien bedroht, sagt Sushmita Sengupta vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt (CSE) in Neu-Delhi. X01584 / DANISH ISMAIL
Drei Mädchen am Fluss Ken in Panna (Zentralindien): Etwa 10 Millionen Inder leben von der Flussfischerei und der Flussschifffahrt. dpa / Friederike Heine

Kulturstätte muss wegen Staudamms weichen

Video: SRF / SDA SRF

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben