Wie Donald Trump die Wissenschaftler mundtot machen will
Der US-Präsident will einen Impfstoff um jeden Preis – auch um den Preis der Wahrheit.
In seinem Roman «The Second Sleep» schildert Robert Harris eine zukünftige Welt, in der die Errungenschaften der Aufklärung wieder zunichte gemacht werden. Die Wissenschaft wird als Ketzerei verurteilt, die Religion ist wieder allmächtig.
So absurd wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist diese Dystopie keineswegs. In den USA werden Wissenschaftler derzeit immer häufiger das Opfer von Attacken des Präsidenten und seiner Anhänger.
So schrieb Holden Thorp, der Chefredaktor der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Zeitschrift «Science», kürzlich in seinem Editorial, sein Land befinde sich «wohl im beschämendsten Moment in der Geschichte der US-Wissenschaftspolitik».
Thorp bezieht sich dabei auf die inzwischen legendären Tonbänder des Journalisten Bob Woodward. Aus ihnen geht klar hervor, dass sich der Präsident schon sehr früh bewusst war, wie gefährlich das Coronavirus sei. In einem Interview mit der Zeitschrift «Wired» erklärt Thorp deshalb:
«Das in seiner eigenen Stimme zu hören, ist etwas vom Niederschmetterndsten, das der Wissenschaft passieren konnte. Nicht niederschmetternd im Sinne von was die Wissenschaft leisten kann, sondern psychisch niederschmetternd. (…) All die Dinge, die Trump und seine Anhänger erklärt haben, erweisen sich nun nicht nur als falsch. Sie haben dies auch gewusst. All den Mist, mit dem sich die Wissenschaftler befassen musste, sei es von den News oder ihren Familien, die Fox schauen – all diese Dinge, dass wir angeblich die Welt sabotieren wollen und all die Lügen: Sie wurden vom Präsident der Vereinigten Staaten persönlich verbreitet.»
Im Visier des Präsidenten stehen derzeit vor allem die Wissenschaftler des Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Dieses Institut galt bis anhin als wissenschaftlicher Goldstandard in Fragen der Krankheitsbekämpfung und Pandemien.
Trump weiss, dass das Coronavirus zu seinem schlimmsten Gegner bezüglich der Wiederwahl im November geworden ist. Er will deshalb weniger Tests und weniger Fallzahlen, und er will Wirtschaft und Schulen öffnen, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.
Stellt den Präsidenten bloss: «Rage», das neue Buch von Bob Woodward.
Bild: keystone
Diese Ziele lassen sich nicht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen unter einen Hut bringen. Das CDC hat sich bereits mehrmals gegen die politischen Interessen des Präsidenten gestellt. Deshalb hat das Weisse Haus nun einen Tabubruch begangen, wie er bisher unvorstellbar war. Die «New York Times» hat enthüllt, dass Angestellte des Department of Health und Human Services (HHS) eigenmächtig die CDC-Website verfälscht haben.
Mit anderen Worten: Politkommissare des Präsidenten haben ohne Wissen der Wissenschaftler an deren Forschung herumgefummelt und sie in ihr Gegenteil verkehrt. Ebenso haben sie ohne Erlaubnis der Wissenschaftler einen Text auf die CDC-Webside geladen, der die sofortige Öffnung der Schulen empfiehlt.
«Die Vorstellung, dass jemand vom HHS Richtlinien schreibt und sie unter dem Banner des CDCs veröffentlicht, ist zutiefst erschreckend», erklärt dazu der ehemalige CDC-Direktor Richard Besser.
Robert Redfield, der aktuelle CDC-Direktor, ist eine schwache Persönlichkeit und versucht, einem Konflikt mit Trump möglichst aus dem Weg zu gehen. Doch selbst dieser Redfield ist nun ein Opfer des präsidialen Zorns geworden. Grund: Er hat es gewagt, in einem Hearing vor dem Senat auszusagen, dass ein Impfstoff für die Massen wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres verfügbar sein werde.
Das widerspricht der frohen Botschaft, die Trump täglich in die Welt hinausposaunt: Noch vor den Wahlen werde dieser Impfstoff zur Verfügung stehen, und zwar massenhaft. Der Präsident will offenbar so eine sogenannte «Oktober-Überraschung» erzwingen, ein Ereignis, das im letzten Moment die Wahlen noch zu seinen Gunsten kippen lässt. Deshalb hat Trump Redfield in aller Öffentlichkeit wie einen Schulbuben abgekanzelt.
Geht Konflikten mit dem Präsidenten aus dem Weg: CDC-Direktor Robert Redfield.
Bild: keystone
Auch in der Frage eines möglichen Impfstoffes lässt sich Trump nicht von wissenschaftlichen Bedenken stoppen. Unter dem Code-Wort «Operation Warp Speed» hat er ein Programm auf die Beine gestellt, das einen solchen Impfstoff auf Biegen und Brechen erzwingen will.
Ein gefährliches Unterfangen: Impfstoffe werden in gesunde Menschen gespritzt. Ein Panne kann daher unabsehbare Folgen haben, und die Testverfahren lassen sich kaum beschleunigen.
Allmählich wächst jedoch Widerstand gegen Trumps Kriegszug gegen die Wissenschaft. Olivia Troye, eine Mitarbeiterin des Stabes von Vizepräsident Mike Pence, ist soeben zurückgetreten. Sie war Mitglied der Taskforce gegen das Coronavirus und hat dort eine wichtige Stellung eingenommen.
Troye ist nicht nur zurückgetreten, sie hat auch schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten erhoben. Er sei kaum je an den Sitzungen der Taskforce erschienen, und wenn, dann habe er sich vor allem über seine schlechte Behandlung durch die Medien beklagt. Zudem habe er erklärt, er sei froh, dass er wegen des Virus nun nicht mehr die Hände seiner Fans schütteln müsse. Diese Fans habe er übrigens als «schreckliche Menschen» bezeichnet.
Vor allem ist es Troye, einer lebenslangen Republikanerin, um die Sache gegangen. Gegenüber der «Washington Post» erklärte sie:
«Die Rhetorik des Präsidenten und seine Angriffe gegen die Leute in den eigenen Reihen, welche die Arbeit verrichten, und die Verbreitung von falschen Narrativen und nicht korrekten Informationen bezüglich des Virus haben seinen Kampf gegen dieses Virus zu einem Fehlschlag werden lassen.»
Coronavirus in den USA
Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
Am schlimmsten von der Krise getroffen bleibt New York. Teilweise müssen die Körper toter Covid-Patienten in Kühllastern gelagert werden, weil in den Leichenhallen nicht genug Platz ist. EPA / JUSTIN LANE
Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
Trauerfeier mit Masken und Sicherheitsabstand für ein Covid-19-Opfer in New Orleans. Schwarze sind von der Pandemie überdurchschnittlich stark betroffen. AP / Gerald Herbert
Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
Unter den Demonstranten wie hier in Maryland sind viele Fans von Donald Trump. Der um seine Wiederwahl fürchtende Präsident schürt die Proteste via Twitter. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT
«Alternative Fakten» – so sorgte Trumps Ex-Beraterin für Schlagzeilen
Video: watson / lea bloch
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