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Die brisanten Zahlen aus dem TV-Beitrag. bild: twitter/paulcolgan

Virus mit «Herdenimmunität» ausrotten? Britische Regierung bestreitet fragwürdigen Plan

Publiziert: 15.03.20, 10:07 Aktualisiert: 15.03.20, 10:07

Der Inhalt eines Corona-Videos, das derzeit die Runde macht, ist brisant. Wie der irische TV-Sender «Virgin Media News» berichtet, überlege sich die britische Regierung das Prinzip der «Herd Immunity», übersetzt der «Herdenimmunität».

Einfach zusammengefasst: Seien genügend Menschen mit dem Coronavirus infiziert, könne man dieses mittelfristig ausrotten. Eine steile These und höchst umstritten, wie auch der Moderator mehrfach betont.

Dafür notwendig sei eine Infiziertenquote von 60 Prozent der britischen Bevölkerung, also rund 39,6 Millionen Menschen. Wiederum 14 Prozent von diesen hätten «ernsthafte Symptome», die Anzahl an «kritischen Fällen» würde zwei Millionen Menschen betreffen.

Am heftigsten fährt die letzte Zahl ein, die im kurzen TV-Beitrag angetönt wird. Ausgehend von der Mortalitätsrate in China und Südkorea, würden rund 277'000 Britinnen und Briten am Coronavirus sterben.

Forscher warnen vor «Strategie»

Fast 250 Wissenschaftler haben der britischen Regierung vorgeworfen, nicht genug gegen die Coronavirus-Pandemie zu tun und unnötig Leben zu gefährden. Mit einfachen Massnahmen könnten Tausende Menschen gerettet werden, schreiben die Wissenschaftler aus Grossbritannien in einem offenen Brief vom späten Samstagabend.

Es sei möglich, die Geschwindigkeit der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus «dramatisch» zu bremsen, heisst es darin. Unkontrolliert könnten sich aber in den nächsten Wochen Millionen Briten mit dem Erreger anstecken.

Regierungsberater Patrick Vallance hatte die bislang zurückhaltenden Massnahmen in Grossbritannien unter anderem damit begründet, dass eine «Herdenimmunität» gegen das Virus aufgebaut werden müsse. Infizierten sich etwa 60 Prozent der Bevölkerung, dann könnte Schutz für die ganze Gemeinschaft durch Immunität aufgebaut werden, sagte der Gesundheitsexperte kürzlich bei der Vorstellung eines Massnahmenkatalogs der Regierung mit Premierminister Boris Johnson.

Zum Thema: Was du über das Coronaviruswissen musst

Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 geht um die Welt. Was du darüber wissen musst. AP / Zoltan Balogh
Sars-CoV-2 gehört zur gleichen Erregergruppe wie das Sars- und Mers-Virus. EPA / CENTERS FOR DISEASE CONTROL AND
Das neue Virus ist zwar deutlich ansteckender, die Sterberate ist jedoch deutlich tiefer als bei Sars und Mers. EPA / NIAID- RML/NATIONAL INSTITUTES O
Ende 2019 waren vier Fälle bekannt, am 1. März waren es weltweit rund 90'000. EPA / MARK R. CRISTINO
Das erste Opfer in Europa starb am 21. Februar in Norditalien. EPA / JAN HETFLEISCH
Das grösste Risiko, an Covid-19 – so heisst die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit – zu sterben, haben Menschen über 80 Jahre. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Mortalitätsrate in dieser Altersgruppe bei 14,8 Prozent. EPA / JEROME FAVRE
Patienten mit Herzkrankheiten sind besonders gefährdet, vor den Diabetikern und Personen mit Atemwegserkrankungen und hohem Blutdruck. EPA / TOLGA BOZOGLU
Anzeichen für eine Infektion sind gemäss WHO grippeähnliche Symptome, Atembeschwerden, Atemlosigkeit, Fieber und Husten. AP
Vier von fünf der von der Krankheit betroffenen Patienten leiden an einer gutartigen Ausprägung, wie eine chinesische Studie an 72'000 Personen zeigte. AP / Kerstin Joensson
In schweren Fällen kann das Virus zu Lungenentzündungen, akuten Atembeschwerden, Nierenversagen oder zum Tod führen. EPA / Tamas Soki
Zur Vorbeugung wird empfohlen, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, sich regelmässig die Hände zu waschen, Mund und Nase zu bedecken, wenn man hustet und niest, respektive in die Ellenbeuge zu husten und zu niesen. EPA / MOURAD BALTI TOUATI
Einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gibt es noch nicht. Und das dürfte auch noch dauern. Für das Mers-Virus, das 2012 auf der Arabischen Halbinsel entdeckt wurde und das auch zu den Coronaviren gehört, wird ein Impfstoff erst seit 2018 klinisch geprüft. EPA / NICOLA FOSSELLA
Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben – und damit an mehr als bei einer Grippe (Influenza). Hier ist die Datenlage aber noch unsicher. AP / Piero Cruciatti

Diesen Ansatz stellte auch die Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Harris, am Samstag infrage. Man wisse noch zu wenig über das Virus. «Es ist noch nicht lange genug in unserer Bevölkerung, um zu wissen, was es immunologisch macht», sagte sie dem Nachrichtensender BBC. «Wir können über Theorien reden, aber im Moment stehen wir wirklich vor einer Situation, in der wir uns mit Taten beschäftigen müssen.»

Regierung rudert zurück

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte in der Nacht zum Sonntag, dass der Regierungsberater Vallance falsch verstanden worden sei. «Herdenimmunität ist nicht Teil des Aktionsplans, sondern das natürliche Beiprodukt einer Epidemie». Ziel sei es, Leben zu retten und den staatlichen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) zu entlasten.

Der NHS gilt als chronisch überlastet und marode. Die Mängel im Gesundheitsdienst waren auch zentrales Thema im Wahlkampf.

So reagiert das Netz

«Dies ist das Ergebnis der Wahl von Idioten und Clowns in führende Positionen. Johnson sieht nicht nur aus wie Trump, er teilt auch seine Intelligenz.»

«Nicht mal Trump behandelt Corona so dümmlich.»

«Nun, die Tory-Regierung tut seit einigen Jahren ihr Bestes, um die Kranken und Schwachen durch Vernachlässigung und ein erniedrigendes Leistungssystem zu töten. Das Corona-Virus könnte den Prozess beschleunigen.»

«Ich dachte, das Konzept der Herdenimmunität beziehe sich auf Impfungen und nicht auf Infektionen? Also so: Die Immunität, die die Herde hat, schützt die Schwächeren. Würde man das, was sie anstreben, nicht eher als weitverbreitete Infektion bezeichnen?»

(rst/sda/dpa)

Coronavirus: Was du wissen musst

Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 geht um die Welt. Was du darüber wissen musst. AP / Zoltan Balogh
Sars-CoV-2 gehört zur gleichen Erregergruppe wie das Sars- und Mers-Virus. EPA / CENTERS FOR DISEASE CONTROL AND
Das neue Virus ist zwar deutlich ansteckender, die Sterberate ist jedoch deutlich tiefer als bei Sars und Mers. EPA / NIAID- RML/NATIONAL INSTITUTES O
Ende 2019 waren vier Fälle bekannt, am 1. März waren es weltweit rund 90'000. EPA / MARK R. CRISTINO
Das erste Opfer in Europa starb am 21. Februar in Norditalien. EPA / JAN HETFLEISCH
Das grösste Risiko, an Covid-19 – so heisst die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit – zu sterben, haben Menschen über 80 Jahre. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Mortalitätsrate in dieser Altersgruppe bei 14,8 Prozent. EPA / JEROME FAVRE
Patienten mit Herzkrankheiten sind besonders gefährdet, vor den Diabetikern und Personen mit Atemwegserkrankungen und hohem Blutdruck. EPA / TOLGA BOZOGLU
Anzeichen für eine Infektion sind gemäss WHO grippeähnliche Symptome, Atembeschwerden, Atemlosigkeit, Fieber und Husten. AP
Vier von fünf der von der Krankheit betroffenen Patienten leiden an einer gutartigen Ausprägung, wie eine chinesische Studie an 72'000 Personen zeigte. AP / Kerstin Joensson
In schweren Fällen kann das Virus zu Lungenentzündungen, akuten Atembeschwerden, Nierenversagen oder zum Tod führen. EPA / Tamas Soki
Zur Vorbeugung wird empfohlen, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, sich regelmässig die Hände zu waschen, Mund und Nase zu bedecken, wenn man hustet und niest, respektive in die Ellenbeuge zu husten und zu niesen. EPA / MOURAD BALTI TOUATI
Einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gibt es noch nicht. Und das dürfte auch noch dauern. Für das Mers-Virus, das 2012 auf der Arabischen Halbinsel entdeckt wurde und das auch zu den Coronaviren gehört, wird ein Impfstoff erst seit 2018 klinisch geprüft. EPA / NICOLA FOSSELLA
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