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In Afghanistan wächst der Widerstand gegen Taliban-Herrschaft

Publiziert: 05.09.21, 17:38

In Afghanistan flammt Widerstand gegen die militant-islamistischen Taliban auf. Bei einer Demonstration für Frauenrechte in der Hauptstadt Kabul kam es zu Zusammenstössen. Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten. In der einzigen von den Taliban noch nicht eroberten Provinz Pandschir im Nordwesten Kabuls dauerten die Kämpfe am Wochenende an. Eine neue Regierung ist weiter nicht in Sicht.

Bild: keystone

Taliban gehen hart gegen demonstrierende Frauen vor

Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zeigen, wie am Samstag in Kabul Dutzende schwer bewaffnete Taliban-Sicherheitskräfte mehrere Frauen umzingeln. Viele halten sich ihr Kopftuch vors Gesicht und husten. Andere liefern sich Schreiduelle mit Taliban. Ein Kommandeur fragt über einen Lautsprecher «... was wollt Ihr, es gibt kein Problem Mädchen, okay?», während im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: «Warum schlagt ihr uns?» Kurz darauf entreisst eine Frau dem Kommandeur den Lautsprecher. Die Videos konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden.

Eine Teilnehmerin sagte der «New York Times», die Taliban hätten versucht, die Teilnehmerinnen mit Tränengas, Gewehrkolben und Metallknüppeln oder Werkzeugen auseinanderzutreiben. Sie sagte weiter, sie habe mit fünf Stichen am Kopf genäht werden müssen, nachdem sie mit einem scharfen Metallgegenstand bewusstlos geschlagen worden sei.

Taliban-Kämpfer sollen eine schwangere, ehemalige Polizistin in der zentralafghanischen Provinz Ghor getötet haben. Negarah, die vor der Machtübernahme der Islamisten ihren Dienst in einem Gefängnis in der Provinz verrichtet haben soll, sei in der Nacht am Samstag vor den Augen ihres Ehemannes und Sohnes von Taliban getötet worden, sagte Hassan Hakimi, ein aus Ghor stammender Aktivist der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Die Angaben wie auch ein Video in sozialen Netzwerken konnten nicht von unabhängiger Seite überprüft werden. Vonseiten der Taliban gab es zunächst keinen Kommentar.

Während des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. Mädchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befürchten seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten, dass diese wieder ähnliche Regeln für sie einführen werden.

Widerstand im Pandschir-Tal macht Taliban zu schaffen

Pandschir bleibt die einzige Provinz, die von den Taliban noch nicht kontrolliert wird. Viele Angaben beider Seiten widersprechen sich und können nicht unabhängig überprüft werden.

Offensichtlich drangen die Taliban weiter in das Pandschir-Tal vor. Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die ein Krankenhaus und eine Geburtenstation im Tal betreibt, teilte auf Twitter mit, dass die Islamisten das Dorf Anabah, rund 30 Minuten von der Provinzhauptstadt Basarak entfernt, erreicht hätten.

Ein Taliban-Kämpfer am Internationalen Flughafen Kabul: Die Lage am Flughafen ist weiterhin angespannt. Bild: keystone

Die Islamisten erklärten am Sonntag, sechs der sieben Bezirke seien bereits unter ihrer Kontrolle. Verteter der Widerstandskämpfer gaben dagegen am Sonntag an, der Bezirk Parjan am Talende sei vollständig von Taliban-Kämpfern befreit worden. Am Eingang zum Tal seien Taliban nach der Sprengung eines Teils eines Berges eingekesselt. Rund 1000 Angreifer seien getötet oder gefangen genommen worden.

Ein aus der Provinz stammender bisheriger Parlamentarier, Sal Mohammed Salmai Noori, sagte, es gebe Gefechte in Parjan und in Schutul - ein Bezirk, der am Talanfang liegt. Alles dazwischen sei unter Kontrolle des Widerstands.

Achmad Massud, der Anführer des Widerstands in Pandschir, erklärte am Samstag, er wolle weiterkämpfen. Dem Widerstand nahestehende Twitter-Konten berichteten von schwierigen Gefechten und fehlenden Ressourcen. Bereits in der Vergangenheit hatte Massud andere Länder dazu aufgerufen, den Widerstand zu unterstützen.

Regierungsbildung der Taliban lässt weiter auf sich warten

Wann die Taliban ihre Regierung vorstellen werden, ist weiter unklar. Es gibt Berichte, denen zufolge die Taliban-Führung erst die Pandschir-Frage gelöst haben will. Beobachter berichten aber auch von internen Querelen und Postengeschacher.

Die Zusammensetzung der Regierung ist seit Tagen Gegenstand von Gerüchten. Zuletzt hiess es immer öfter, ihr würden ausschliesslich Taliban-Mitglieder angehören. Das widerspricht Forderungen aus dem Ausland sowie Versprechen der Islamisten, auch andere Politiker einzubinden.

Sorge vor neuem Bürgerkrieg in Afghanistan

Hochrangige US-Militärs fragen sich, ob die Islamisten eine stabile Regierung aufstellen können. «Ich weiss nicht, ob die Taliban in der Lage sein werden, ihre Machtstellung zu festigen und eine Regierung zu etablieren», sagte US-Generalstabschef Mark Milley dem Sender Fox News am Samstag. «Meine militärische Einschätzung ist, dass sich die Lage wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg auswachsen wird.» Eine derartige Entwicklung könnte wiederum dazu führen, dass Terrorgruppen das Machtvakuum in Afghanistan für sich nutzen, warnte Milley. Eine Neuformierung etwa vom Terrornetzwerk Al-Kaida sei zu befürchten.

Tägliche Leben normalisiert sich etwas

Das öffentliche Leben normalisierte sich am Wochenende ein bisschen. Am Samstag wurde in Kabul der grosse Geldwechslermarkt wieder eröffnet. Im Land herrscht eine Bargeldkrise, weil die Reserven der Regierung, die im Ausland geparkt sind, eingefroren sind und somit die regelmässigen Bargeldlieferungen ins Land ausbleiben. Auch erste Inlandsflüge wurden am Wochenende wieder aufgenommen.

Papst betet für afghanische Flüchtlinge

Papst Franziskus hat für Menschen aus Afghanistan gebetet, die derzeit auf der Flucht aus dem Land sind. «Mögen alle Afghanen, sowohl in ihrem Heimatland, als auch auf der Durchreise als auch in den Aufnahmeländern in Würde, Frieden und Geschwisterlichkeit zu ihren Nächsten leben», sagte das katholischen Kirchenoberhaupt am Sonntag vor Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom.

Der Papst betet für afghanische Flüchtlinge am 5. September 2021. Bild: keystone

Der 84-Jährige betete dafür, dass viele Länder jene aufnähmen und beschützten, die ein neues Leben suchten. Den jungen afghanischen Menschen wünschte er einen Zugang zu Bildung, denn diese sei ein wesentliches Gut für die menschliche Entwicklung. (sda/dpa)

Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

Kabul 1972: Studentinnen in Miniröcken sind im Neubauviertel Shar-e-Naü unterwegs. Eine dünne städtische Oberschicht in Afghanistan übernahm westlichen Lebensstil und westliche Kleidung. Laurence BRUN /Gamma-Rapho via Getty Images
Ebenfalls Kabul im Jahr 1972: Diese Frauen tragen die Burka, die traditionelle afghanische Ganzkörperverschleierung. Laurence BRUN/Gamma-Rapho via Getty Images
Afghanische Frauen 1967 in westlicher Kleidung vor dem Flughafen Kabul. Dieser Aufzug war nicht ungefährlich; es kam vor, dass religiöse Fanatiker Säure auf die nackten Beine der Frauen spritzten. Getty Images
Westlich gekleidete Frauen 1968 in Afghanistan. Twitter
Nicht alle westlich Gekleideten waren Einheimische: In den 60er- und 70er-Jahren kamen jedes Jahr zehntausende von Hippies nach Kabul – wie diese Hippie-Familie 1971. Die Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt auf dem sogenannten Hippie-Trail von Europa nach Südasien. A family of hippies in Afghanistan, 1971. (Photo by Anwar Hussein/Getty Images)
Strassenszene in Kabul 1979. In diesem Jahr marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, um das kommunistische Regime an der Macht zu halten. Twitter/SeyranAtes
Kabul im selben Jahr: Frauen in Burka vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei. Francois LOCHON/Gamma-Rapho via Getty Images
Junge Leute beider Geschlechter flanieren im Park, Kabul 1988. In diesem Jahr begann der Abzug der sowjetischen Truppen; ein Jahr später herrschte Bürgerkrieg. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Kabul im selben Jahr: Eine Frau in Burka geht an Friseuren vorbei, die ihrem Geschäft auf der Strasse nachgehen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Bewaffnete Frau an einer Demonstration der Kommunistischen Partei Afghanistans während des sowjetischen Truppenabzugs 1989. Das kommunistische Regime konnte sich noch bis 1992 halten, dann fiel Kabul an die Mudschaheddin – die sich sofort in einem nächsten Bürgerkrieg zerfleischten, bis schliesslich die Taliban 1996 die Macht übernahmen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Nach der Machtübernahme der Taliban war es endgültig vorbei mit westlicher Kleidung für Frauen. Und nicht nur damit: Frauen wurde die Erwerbsarbeit verboten und Mädchenschulen wurden geschlossen. Robert Nickelsberg/Getty Images

«Ich habe meine Mutter begraben» – Noori musste wegen den Taliban in die Schweiz flüchten

Video: watson / Aya Baalbaki

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