Mutiger Protest von Frauen in Kabul gegen die Taliban.
Bild: keystone
Frauen demonstrieren in Kabul für ihre Rechte – Taliban antworten mit Gewalt und Tränengas
In Afghanistan regt sich Widerstand gegen die Herrschaft der militant-islamistischen Taliban. Bei einer Demonstration für Frauenrechte in der afghanischen Hauptstadt Kabul kam es zu Zusammenstössen. Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten am Samstag. In der einzigen von den Taliban noch nicht eroberten Provinz Pandschir dauern die Kämpfe an.
Dieses Video wurde von einem lokalen Journalisten in Kabul auf Twitter veröffentlicht.
Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zufolge kam es bei der Demonstration zu chaotischen Szenen. Rund zwei Dutzend Frauen hatten zunächst friedlich in der Nähe des Präsidentenpalastes demonstriert, wie auf Bildern, die in sozialen Medien geteilt wurden, zu sehen war. Sie hielten Schilder in der Hand, auf denen etwa stand: «Wir sind nicht die Frauen von vor 20 Jahren» oder «Gleichheit – Gerechtigkeit – Demokratie!».
Schreiduelle mit Taliban
Auf Videos ist zu sehen, wie die Frauen von 50 oder mehr Sicherheitskräften der Taliban umzingelt sind und sich Schreiduelle mit Taliban liefern. Mehrere von ihnen husten. Ein Taliban-Kommandeur fragt über einen Lautsprecher «... wartet, was ist das Problem, was wollt ihr, es gibt kein Problem, Mädchen, okay?», während im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: «Warum schlagt ihr uns?» Lokale Journalisten teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf läuft.
In einem Video von Aktivistinnen, etwas abseits der Demo aufgenommen, sagt eine Frau, Frauen hätten sich gebildet, um in hochrangigen Regierungspositionen zu arbeiten. «Was ist unsere Schuld, dass sie uns heute ins Abseits drängen?», fragt sie.
Die Frau, die das Video aufnimmt, sagt weiter, der friedliche Protest von Frauen sei wieder von den Taliban unterdrückt worden. Diese hätten Warnschüsse abgegeben und Tränengas eingesetzt.
Die Videos und Angaben konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden. Auch der Sender CNN berichete über den Frauenprotest. Zuvor hatten bereits am Freitag mehrere Frauen in Kabul für Frauenrechte demonstriert. Eine Teilnehmerin, Taranum Sajidi, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Samstag, sie seien angesichts der Situation gezwungen, auf die Strasse zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Sie habe drei Universitätsabschlüsse und nun wolle man von ihr, dass sie zuhause bleibe. Die Taliban wollten Frauen nur in niedrigen Positionen.
Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan
Kabul 1972: Studentinnen in Miniröcken sind im Neubauviertel Shar-e-Naü unterwegs. Eine dünne städtische Oberschicht in Afghanistan übernahm westlichen Lebensstil und westliche Kleidung. Laurence BRUN /Gamma-Rapho via Getty Images
Ebenfalls Kabul im Jahr 1972: Diese Frauen tragen die Burka, die traditionelle afghanische Ganzkörperverschleierung. Laurence BRUN/Gamma-Rapho via Getty Images
Afghanische Frauen 1967 in westlicher Kleidung vor dem Flughafen Kabul. Dieser Aufzug war nicht ungefährlich; es kam vor, dass religiöse Fanatiker Säure auf die nackten Beine der Frauen spritzten. Getty Images
Westlich gekleidete Frauen 1968 in Afghanistan. Twitter
Nicht alle westlich Gekleideten waren Einheimische: In den 60er- und 70er-Jahren kamen jedes Jahr zehntausende von Hippies nach Kabul – wie diese Hippie-Familie 1971. Die Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt auf dem sogenannten Hippie-Trail von Europa nach Südasien. A family of hippies in Afghanistan, 1971. (Photo by Anwar Hussein/Getty Images)
Strassenszene in Kabul 1979. In diesem Jahr marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, um das kommunistische Regime an der Macht zu halten. Twitter/SeyranAtes
Kabul im selben Jahr: Frauen in Burka vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei. Francois LOCHON/Gamma-Rapho via Getty Images
Junge Leute beider Geschlechter flanieren im Park, Kabul 1988. In diesem Jahr begann der Abzug der sowjetischen Truppen; ein Jahr später herrschte Bürgerkrieg. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Kabul im selben Jahr: Eine Frau in Burka geht an Friseuren vorbei, die ihrem Geschäft auf der Strasse nachgehen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Bewaffnete Frau an einer Demonstration der Kommunistischen Partei Afghanistans während des sowjetischen Truppenabzugs 1989. Das kommunistische Regime konnte sich noch bis 1992 halten, dann fiel Kabul an die Mudschaheddin – die sich sofort in einem nächsten Bürgerkrieg zerfleischten, bis schliesslich die Taliban 1996 die Macht übernahmen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Nach der Machtübernahme der Taliban war es endgültig vorbei mit westlicher Kleidung für Frauen. Und nicht nur damit: Frauen wurde die Erwerbsarbeit verboten und Mädchenschulen wurden geschlossen. Robert Nickelsberg/Getty Images
Während des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. In der Öffentlichkeit war für sie lautes Sprechen oder Lachen verboten. Mädchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befürchten seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten, dass diese wieder ähnliche Regeln für sie einführen werden.
Gefechte zwischen Taliban und der Nationalen Widerstandsfront
Der Anführer einer Widerstandsfraktion gegen die Taliban erklärte am Samstag, er wolle weiter kämpfen. «Wir werden den Kampf für Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben», teilte Achmad Massud auf seiner Facebook-Seite mit. Seit mittlerweile fünf Tagen gibt es Gefechte zwischen Taliban und Kämpfern der Nationalen Widerstandsfront um Pandschir, die einzige Provinz im Land, die die Taliban bisher nicht kontrollieren.
Ursprünglich hatte es von beiden Seiten geheissen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Ein Sprecher der Nationalen Widerstandsfront schrieb diese Woche auf Twitter, die Taliban hätten Massud einen Posten in der künftigen Regierung angeboten und den Schutz seines Eigentums. Dieser habe aber abgelehnt und dies damit begründet, dass er keine persönlichen Interessen verfolge. Von Taliban gab es dazu bisher keine Aussagen.
In den vergangenen Tagen dürften sich die Gefechte um Pandschir verstärkt haben. Beide Seiten gaben an, dass sie der jeweils anderen Seite heftige Verluste zugefügt hätten. Pandschir konnte von den Taliban auch während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage – der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.
Wohl nach falschen Gerüchten in der Nacht zu Freitag, Pandschir sei gefallen, hatten Taliban-Kämpfer in der Hauptstadt Kabul minutenlang Freudenschüsse abgefeuert. Dadurch wurden offenbar mehrere Menschen getötet oder verletzt. Das Krankenhaus der Nichtregierungsorganisation Emergency teilte am Samstag mit, es habe seit Freitagabend mindestens zehn Verletzte mit Schusswunden behandelt. Zwei Personen mit Schusswunden seien bereits tot in das Krankenhaus eingeliefert worden.
(oli/sda/dpa)
Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
Am 15. August 2021 haben die Taliban ihr Ziel erreicht: Sie sind in der Hauptstadt Kabul einmarschiert und haben den Präsidentenpalast in ihrer Kontrolle. keystone / Zabi Karimi
Präsident Aschraf Ghani war zuvor geflüchtet und hat das Land verlassen. (Archivaufnahme).
keystone / Rahmat Gul
Diese Männer waren mit einem der letzten Linienflüge aus Kabul nach Neu-Delhi geflogen. Unterdessen ist der zivile Teil des Flughafens geschlossen. www.imago-images.de / Hindustan Times
In Kabul und am Flughafen spielten sich chaotische Szenen ab: Hunderte Menschen waren auf dem Flugfeld unterwegs und versuchten, in einen Flieger zu kommen. keystone / STRINGER
Taliban-Kämpfer haben sich vor dem Flughafen postiert. keystone / STRINGER
Vor einer Bank in Kabul haben sich lange Schlangen gebildet. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben und Lebensmittel zu kaufen. keystone / Rahmat Gul
Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt. www.imago-images.de / Bashir Darwish
Ein einsamer Joe Biden bespricht sich am Sonntag in Camp David mit seinen Beratern über die Lage in Kabul. keystone
Die US-Botschaft wurde geräumt. Es sind Bilder, die an das Ende des Vietnam-Krieges erinnern. keystone / Rahmat Gul
Vor dem Weissen Haus protestieren Menschen. keystone / MICHAEL REYNOLDS
Die Taliban wollen ein «Islamisches Emirat Afghanistan» errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001. Damals setzten sie mit drakonischen Strafen ihre Vorstellung eines «Gottesstaats» durch: Frauen und Mädchen wurden systematisch unterdrückt, Künstler und Medien zensiert, Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. keystone / Rahmat Gul
Die Taliban hatten in den vergangenen knapp eineinhalb Wochen fast alle Provinzhauptstädte eingenommen. Viele waren kampflos an sie gefallen. keystone / Rahmat Gul
Am Samstagabend (Ortszeit) hatten sie Masar-i-Scharif im Norden (im Bild) und am Sonntagmorgen Dschalalabad im Osten erobert. keystone / STRINGER
Die Taliban versuchten, die Furcht der Bevölkerung vor Chaos und Gewalt zu zerstreuen. keystone / STRINGER
Suhail Schahin, ein Unterhändler bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Katar, sagte der BBC: «Wir versichern den Menschen [...] in der Stadt Kabul, dass ihr Hab und Gut und ihre Leben sicher sind.» Es werde «keine Rache an irgendjemandem» geben. keystone / STRINGER
Taliban-Kämpfer hissen ihre Flagge im Gouverneurs-Palast in der Provinzhauptstadt Ghazni. keystone / Gulabuddin Amiri
«Ich habe meine Mutter begraben» – Noori musste wegen den Taliban in die Schweiz flüchten
Video: watson / Aya Baalbaki
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