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Präsident Joe Biden erklärt seinen Rückzug aus Afghanistan. Bild: keystone

Warum Joe Biden kein neuer Jimmy Carter, sondern ein Staatsmann ist

Ex-Präsident Jimmy Carter gilt als Sinnbild amerikanischer Schwäche. Kein Wunder, wollen die Republikaner Biden zu einem zweiten Carter abstempeln.

Publiziert: 01.09.21, 14:40 Aktualisiert: 01.09.21, 16:22

Am 4. November 1979 stürmten iranische Studenten die US-Botschaft in Teheran und nahmen 52 Amerikaner in Geiselhaft. 444 Tage lang musste Washington zusehen, wie sie von den iranischen Geiselnehmern beschimpft und verspottet wurden. Am 24. April 1980 wollten amerikanische Spezialtruppen die Geiseln befreien. Das Unterfangen scheiterte, weil die Helikopter in einen Sandsturm gerieten und abstürzten.

Die Geiselnahme in Teheran und die missglückte Befreiungsaktion wurden bald zum Symbol für die Ohnmacht der Supermacht USA. Jimmy Carter, der damalige demokratische Präsident, wurde zum Sinnbild eines schwachen Führers. Folgerichtig verlor er im November 1980 die Wahl gegen Ronald Reagan.

Sinnbild eines Losers: Ex-Präsident Jimmy Carter. Bild: keystone

Mehr als vier Jahrzehnte später wollen nun die Republikaner und die konservativen Medien Joe Biden zu einem neuen Jimmy Carter stempeln. Anlass dazu gibt ihnen der chaotische Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan. Bei Fox News hat Sean Hannity bereits eine Art Geisel-Kalender für angebliche amerikanische Gefangene in Afghanistan eingerichtet. Zwischen 100 und 200 Amerikaner stecken noch im Hindukusch fest. Ob freiwillig oder nicht, ist unklar.

Joe Biden habe es nicht nur verpasst, alle Amerikaner rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, so der konservative Chor der Kritiker. Er habe mit seinem missglückten Abzug die USA vor aller Welt blossgestellt, die Schwäche der Supermacht aufgezeigt und die afghanischen Verbündeten verraten. China sei ermutigt worden, Taiwan zu überfallen, Russland sehe sich in seiner feindseligen Haltung gegenüber dem Westen bestärkt, und Afghanistan werde sich bald wieder zu einem Hort für muslimische Terroristen verwandeln.

Selbstverständlich heult Donald Trump im Kritiker-Chor kräftig mit. In einer Mitteilung verlangte er jüngst: «Alle militärischen Ausrüstungen müssen umgehend den Vereinigten Staaten zurückgegeben werden. Das gilt für den letzten Penny der 85 Milliarden Dollar, die wir für die afghanischen Truppen ausgegeben haben.»

Und natürlich ist das eine Lüge. Auch wenn die Amerikaner viele Waffen und Humvees im Hindukusch zurücklassen, ist die Zahl masslos übertrieben. Gemäss Berechnungen der «Washington Post» beträgt die Summe rund 24 Milliarden Dollar. Hi-Tech-Kriegsmaterial wie Jets und Helikopter ist zudem gemäss Angaben des Pentagons untauglich gemacht worden.

Kaum wiederzuerkennen: Taliban in amerikanischer Ausrüstung. Bild: keystone

Angesicht der Bilder der letzten Tage – Menschen, die sich verzweifelt an startende Flugzeuge geklammert haben; Babys, die über Stachelzäune geworfen wurden – hat der Vergleich mit dem amerikanischen Desaster im Iran eine gewisse Glaubwürdigkeit. Doch schon ein Tag nachdem der letzte US-Soldat Kabul verlassen hat, scheint eine neue Sicht der Dinge am Horizont auf.

Bidens Prioritätenliste sieht wie folgt aus: Covid, Klima und China. Deshalb war Afghanistan für ihn stets eine sinnlose und sehr teure Ablenkung. Zudem war dieser Krieg erstens ohne eine erneute massive Aufstockung der Truppen nicht aufrechtzuerhalten – und zweitens bei den Amerikanern äusserst unbeliebt. Mehr als 70 Prozent von ihnen sprachen sich in Umfragen regelmässig für einen Rückzug der Soldaten aus.

Einen Krieg in Würde zu verlieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das war auch Biden bewusst. Den Vorwurf, überhastet und voreilig gehandelt zu haben, will er deshalb nicht gelten lassen: «Stellt euch vor, wir hätten mit den Evakuationen schon im Juni und Juli begonnen und 120’000 Menschen mitten in einem Bürgerkrieg herausgeflogen», erklärte er in seiner Rede vom Dienstag. «Es hätte trotzdem zu einem Chaos am Flughafen, zu einem Zusammenbruch des Vertrauens und zu einer äusserst gefährlichen Rettungsaktion geführt.»

Als letzter US-Soldat verlässt Major General Chris Donahue Kabul. Bild: keystone

Die geopolitischen Folgen des Rückzugs aus Afghanistan sind wahrscheinlich zu verkraften. Weder China noch Russland dürften erpicht darauf sein, das Vakuum zu füllen, das die Amerikaner hinterlassen. Die Taliban ihrerseits haben ebenfalls gute Gründe, keine Wiederholung des «Afghanistan als Terror-Ausbildungslager»-Szenarios zuzulassen.

Sie müssen nun in einem der ärmsten Länder der Welt gegen 40 Millionen Menschen ernähren und ihnen Jobs verschaffen. Deshalb sind sie auf Hilfe von aussen angewiesen, auch auf amerikanische Hilfe. Die USA haben vorsorglich für Afghanistan bestimmte Hilfsgelder von rund neun Milliarden Dollar eingefroren, ein wichtiger Anreiz für die Taliban, Washington nicht zu reizen.

Biden spielt das «lange Spiel», wie sich Politologen ausdrücken. Er setzt darauf, dass die Bilder der letzten Wochen bald vergessen sein werden und die Amerikaner ihn als das sehen, was er ist: Ein Präsident, der sein Wahlkampfversprechen einhält und das tut, was seine Vorgänger nicht gewagt haben, nämlich den end- und sinnlosen Krieg in Afghanistan zu beenden. Kurz: Er handelt wie ein entschlossener Staatsmann, der auch eine stürmische Phase in Kauf nimmt, um seine gesteckten Ziele zu erreichen.

Dem lächerlichen Carter-Vergleich wird bald eine neue Sicht weichen. Der demokratische Senator Chris Murphy umschreibt sie wie folgt: «Afghanistan zu verlassen, ist vor allem ein Gewinn für das Land, aber auch ein politischer Trumpf für die Demokraten. Letztendlich wollen die Amerikaner, dass ihr Präsident ihre Interessen verfolgt, nicht diejenigen der Taliban.»

Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

Kabul 1972: Studentinnen in Miniröcken sind im Neubauviertel Shar-e-Naü unterwegs. Eine dünne städtische Oberschicht in Afghanistan übernahm westlichen Lebensstil und westliche Kleidung. Laurence BRUN /Gamma-Rapho via Getty Images
Ebenfalls Kabul im Jahr 1972: Diese Frauen tragen die Burka, die traditionelle afghanische Ganzkörperverschleierung. Laurence BRUN/Gamma-Rapho via Getty Images
Afghanische Frauen 1967 in westlicher Kleidung vor dem Flughafen Kabul. Dieser Aufzug war nicht ungefährlich; es kam vor, dass religiöse Fanatiker Säure auf die nackten Beine der Frauen spritzten. Getty Images
Westlich gekleidete Frauen 1968 in Afghanistan. Twitter
Nicht alle westlich Gekleideten waren Einheimische: In den 60er- und 70er-Jahren kamen jedes Jahr zehntausende von Hippies nach Kabul – wie diese Hippie-Familie 1971. Die Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt auf dem sogenannten Hippie-Trail von Europa nach Südasien. A family of hippies in Afghanistan, 1971. (Photo by Anwar Hussein/Getty Images)
Strassenszene in Kabul 1979. In diesem Jahr marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, um das kommunistische Regime an der Macht zu halten. Twitter/SeyranAtes
Kabul im selben Jahr: Frauen in Burka vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei. Francois LOCHON/Gamma-Rapho via Getty Images
Junge Leute beider Geschlechter flanieren im Park, Kabul 1988. In diesem Jahr begann der Abzug der sowjetischen Truppen; ein Jahr später herrschte Bürgerkrieg. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Kabul im selben Jahr: Eine Frau in Burka geht an Friseuren vorbei, die ihrem Geschäft auf der Strasse nachgehen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Bewaffnete Frau an einer Demonstration der Kommunistischen Partei Afghanistans während des sowjetischen Truppenabzugs 1989. Das kommunistische Regime konnte sich noch bis 1992 halten, dann fiel Kabul an die Mudschaheddin – die sich sofort in einem nächsten Bürgerkrieg zerfleischten, bis schliesslich die Taliban 1996 die Macht übernahmen. Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images
Nach der Machtübernahme der Taliban war es endgültig vorbei mit westlicher Kleidung für Frauen. Und nicht nur damit: Frauen wurde die Erwerbsarbeit verboten und Mädchenschulen wurden geschlossen. Robert Nickelsberg/Getty Images

«Bitte helft uns» – zwei Betroffene aus Kabul schildern uns ihre Ängste

Video: watson / leb, aya

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