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Demonstranten vor einem brennenden Polizeigebäude in Minneapolis. Bild: keystone

Das amerikanische Gemetzel

Mehr als 100’000 Corona-Tote, Massenarbeitslosigkeit – und jetzt gewalttätige Rassenunruhen. So hat Trump die USA wieder gross gemacht.

Publiziert: 29.05.20, 16:19 Aktualisiert: 29.05.20, 16:55

Bei seiner Antrittsrede im Januar 2017 malte der frisch inthronisierte Präsident ein düsteres Bild. Amerika habe in den letzten Jahren ein «Gemetzel» erlebt, so Trump. Doch das werde sich nun ändern. Er werde Amerika «wieder gross» machen.

Zunächst lief alles nach Plan. Trumps Vorgänger Barack Obama hatte ein gemachtes Haus hinterlassen. Die Wirtschaft brummte, die Arbeitslosenzahlen sanken auf ein Rekordtief, die Aktienkurse stiegen auf ein Rekordhoch. Trump konnte sich an seinen Rallys und auf Fox News feiern lassen.

Die Welt begann, sich an den seltsamen Mann im Weissen Haus zu gewöhnen. Sicher, er höhlte die eigene Verwaltung aus, und ja, er stiess die langjährigen Verbündeten vor den Kopf und entwickelte eine perverse Zuneigung zu Nordkoreas Diktator Kim Jong Un und Russlands Autokraten Wladimir Putin. So what! Wirklich ernsthafte Krisen gab es keine, und etwas konnte man nicht abstreiten: Trump hatte grossen Unterhaltungswert.

Kleinkrieg gegen Twitter: Trump verkündet Massnahmen gegen soziale Medien. Bild: keystone

Dann kam das Coronavirus. Was das Impeachment nicht schaffte, traf nun ein: Der Präsident geriet in einen perfekten Sturm. Mehr als 100’000 Tote hat Covid-19 inzwischen gefordert, mehr als 30’000 sind wegen Trumps Führungsversagen gestorben. Das hat eine Studie der Columbia University kürzlich festgestellt.

Auch wenn gesamthaft die Zahl der Infizierten und Toten langsam sinkt, ist die Epidemie noch längst nicht überwunden. In verschiedenen Staaten steigen die Zahlen nach wie vor. Typisches Beispiel ist der Bundesstaat Wisconsin. Der demokratische Gouverneur wollte die Lockdown-Regeln verlängern, ein republikanisch dominierter Oberster Gerichtshof hob sie auf.

Die Quittung folgt auf den Fuss: In Wisconsin nehmen die Corona-Fallzahlen wieder zu. Das gilt auch für verschiedene Bundesstaaten wie Alabama, Arkansas, Kalifornien und North Carolina.

Mit einem Lichterherz werden in New York die Corona-Toten geehrt. Bild: EPA

Anstatt die Menschen hinter sich zu vereinen, spaltet der Präsident das Land. Obwohl er von «Krieg» und einem «unsichtbaren Feind» schwafelt, ist er nicht in der Lage, eine landesweite Strategie gegen die Epidemie zu entwickeln. Stattdessen müssen sich die Gouverneure um Schutzmasken und Beatmungsgeräte streiten.

Weil Trump sich bis heute weigert, eine Schutzmaske zu tragen, sind diese Masken zu einem Symbol eines erbitterten Kulturkrieges geworden. Inzwischen kann es lebensgefährlich sein, in gewissen Gegenden eine, respektive keine Schutzmaske zu tragen.

Dabei ist der wirtschaftliche Schaden immens. Über 40 Millionen Amerikaner sind inzwischen arbeitslos. Eine schwere Rezession, wenn nicht gar eine Depression, zeichnet sich ab. Genau weiss man es nicht, da die Regierung sich weigert, die sonst übliche Wirtschaftsprognose für das zweite Halbjahr zu veröffentlichen.

Ein eilig von Kongress und Präsident verabschiedetes Zwei-Billionen-Dollar-Hilfsprogramm hat bisher das Schlimmste verhindert. Doch im Juli laufen die 1200-Dollar-Schecks und die 600-Dollar-Arbeitslosenunterstützung aus. Die Fortsetzung des Hilfsprogramms ist ungewiss. Der republikanisch beherrschte Senat und der Präsident lehnen einen von den Demokraten im Abgeordnetenhaus ausgearbeiteten Vorschlag ab.

Bürgerkriegsähnliche Zustände in Minneapolis. Bild: keystone

Und nun noch die Rassenunruhen. Ausgelöst durch einen unglaublich brutalen Polizistenmord an einem Schwarzen in Minneapolis sind nicht nur im Bundesstaat Minnesota, sondern im ganzen Land heftige Demonstrationen im Gang. Polizeigebäude und -autos brennen, Läden werden geplündert, Tränengas und Gummigeschosse werden verschossen. Die National Guard – Militär, das für die innere Sicherheit zuständig ist – musste aufgeboten werden.

Trump wäre nicht Trump, würde er nicht Öl ins Feuer giessen. «Bei den geringsten Schwierigkeiten werden wir die Kontrolle übernehmen», tweetete er. «Wenn geplündert wird, werden wir schiessen. Danke!»

Zu den innenpolitischen Unruhen gesellt sich ein aussenpolitisches Desaster. Der ursprüngliche Handelskrieg mit China ist inzwischen zu einem veritablen neuen Kalten Krieg mutiert. Dank Trumps ungeschicktem Vorgehen haben die USA dabei schlechte Karten. Peking nützt die Situation aus und geht energisch gegen die Demokratiebewegung in Hongkong vor. Den Amerikanern bleibt nichts ausser verbalen Protesten.

Auch Kim Jong Un dreht dem US-Präsidenten eine lange Nase. Anstatt die versprochene Abrüstung nuklearer Waffen voranzutreiben, kündigt Nordkoreas Diktator neue Tests mit Langstreckenraketen an. Derweil wartet Europa bloss noch auf einen Nachfolger im Weissen Haus und hofft, dass Trump bis dann nicht zu viel geopolitisches Geschirr zerschlägt.

Kündigt neue Raketentests an: Kim Jong Un. Bild: AP

Die befürchtete amerikanische Führungskrise ist Tatsache geworden. Trump ist unfähig, mit einer ernsthaften Krise umzugehen. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, lenkt er ab und eröffnet stattdessen Nebenschauplätze. Derzeit führt er einen idiotischen Kleinkrieg gegen Twitter.

So viel zu «Amerika wieder gross machen». Weil der pathologische Narzisst Trump unfähig ist, Empathie zu zeigen, sät er Zwietracht und Hass. Die USA und die Welt stehen vor einem sehr schwierigen Sommer.

Coronavirus in den USA

Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
Am schlimmsten von der Krise getroffen bleibt New York. Teilweise müssen die Körper toter Covid-Patienten in Kühllastern gelagert werden, weil in den Leichenhallen nicht genug Platz ist. EPA / JUSTIN LANE
Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
Trauerfeier mit Masken und Sicherheitsabstand für ein Covid-19-Opfer in New Orleans. Schwarze sind von der Pandemie überdurchschnittlich stark betroffen. AP / Gerald Herbert
Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
Unter den Demonstranten wie hier in Maryland sind viele Fans von Donald Trump. Der um seine Wiederwahl fürchtende Präsident schürt die Proteste via Twitter. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT

Dieses Video zeigt die Ausschreitungen in den Strassen von Minneapolis

Video: watson / Lino Haltinner

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