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Ein Jahr vor den Parlamentswahlen in Bern: Droht den Frauen ein Rückschritt um 30 Jahre?

Bundesrätinnen, Lohngleichheit, #MeToo-Bewegung. Das Frauen-Thema ist für die eidgenössischen Wahlen 2019 gesetzt. Dennoch werden die Politikerinnen nicht einfach durchmarschieren – besonders im Ständerat nicht.

Publiziert: 13.10.18, 06:53 Aktualisiert: 13.10.18, 08:41
Doris Kleck / Schweiz am Wochenende

Der Countdown läuft: In ziemlich genau einem Jahr werden National- und Ständerat neu bestellt. Die wichtigen Weichen werden aber bereits jetzt gestellt. Wer in der Schweiz künftig das Sagen hat, hängt wesentlich davon ab, wer überhaupt zur Wahl antreten wird; wie die Parteien ihre Listen für die Nationalratswahlen gestalten; mit welchen Kandidaten sie in die Ständeratswahlen ziehen. Und dabei spielen die Frauen eine Rolle.

Exemplarisch dafür steht die parteiinterne Ausmarchung der SP Aargau für den Ständeratswahlkampf, die schweizweit hohe Wellen geworfen hat. Nationalrat Cédric Wermuth wurde als Kandidat nominiert – er setzte sich deutlich gegen Yvonne Feri durch. Die Nomination verlief allerdings nicht geräuschfrei. Sie zeigte, wie virulent das Frauenthema ist. Für die Wahlen 2019 ist es gesetzt.

Cédric Wermuth. Bild: KEYSTONE

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da ist die internationale Grosswetterlage. In den USA treten bei den Zwischenwahlen vom November so viele Frauen für den Kongress an wie noch nie. Dabei spielt Präsident Donald Trump sicher eine Rolle. Doch ebenso die #MeToo-Bewegung: Sie ist nicht nur eine Stimme gegen sexuelle Gewalt, sondern längst zu einem Motor für die Emanzipation geworden.

Auch in der Schweiz. Frauen drücken ihre Unzufriedenheit aus. Die Demo für Lohngleichheit mit rund 20 000 Teilnehmenden in Bern vor ein paar Wochen ist Ausdruck davon. Die Dominanz der Frauenfrage bei den Bundesratswahlen vom Dezember ein weiterer.

Gestern haben sich die Freisinnigen Ständeräte Martin Schmid und Ruedi Noser aus dem Bundesratsrennen genommen. Beide mit dem Hinweis darauf, dass die Zeit reif sei für eine Frau. Für Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F, ist das ein Beleg dafür, dass die Forderung nach einer stärkeren Beteiligung der Frauen in der Politik in breiten Kreisen angekommen ist. «Ich bin zuversichtlich, dass die Frauenfrage zu einem dominanten Thema im Wahljahr 2019 wird», sagt die Bernerin.

Kathrin Bertschy. Bild: KEYSTONE

Selbst die FDP hat ein Ziel

Fraglich ist allerdings, ob sie deswegen ihren Anteil im Parlament wesentlich erhöhen können. Derzeit stehen 64 Nationalrätinnen 136 männlichen Kollegen gegenüber. Im Ständerat ist das Verhältnis 7 zu 39. Bertschy dämpft die Erwartungen. An Bisherigen würden Frauen kaum vorbeikommen – und alle frei werdenden Sitze werden sie nicht gewinnen.

Bertschy geht von fünf bis sieben zusätzlichen Sitzen aus, welche die Frauen in der grossen Kammer erobern könnten. Voraussetzung dafür ist aber, dass mehr Frauen für die Wahlen kandidieren. Alliance F hat dazu mit Operation Libero die Kampagne «Helvetia ruft» lanciert.

Ziel der Kampagne ist es, dass 500 bis 600 Frauen mehr kandidieren als noch 2015. Denn wissenschaftlich erhärtet ist: Frauen haben die gleichen Wahlchancen wie Männer. Ergo braucht es mehr Kandidatinnen, um die Männerdominanz zu brechen. Bertschy hofft zudem auf den Effekt, dass Frauen mehr Ersatzplätze holen und so im Laufe der nächsten Legislatur den Sprung nach Bern schaffen.

Hört man der grünliberalen Nationalrätin zu, merkt man, dass die Steigerung des Frauenanteils eine mühselige Arbeit ist. Schritt für Schritt. Bertschy rechnet vor, dass wohl 35 Jahre notwendig sind, um Geschlechter-Parität im Nationalrat zu erreichen.

Halbe-halbe, das fordert auch die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen. Sie hat im März die Kampagne für mehr Frauen in der Politik lanciert. Teil davon sind Gespräche mit den Parteispitzen und den Verantwortlichen in den Kantonen. Ein Treffen sei noch ausstehend, sagt EFK-Vizepräsidentin Simone Curau.

Offiziell Bilanz will sie deshalb erst im Januar ziehen. Sie hält aber fest, dass auch bei bürgerlichen Parteien die Bereitschaft da sei, Frauen stärker zu fördern. Klare Vorgaben für die Listengestaltung hat etwa die FDP Schweiz ihren Kantonalparteien gemacht. In den Wahlzielen, die nicht öffentlich sind, wird eine ausgewogene Vertretung der Frauen auf den Listen verlangt. Das ist bemerkenswert.

Denn offiziell sieht die FDP von einer speziellen Frauenförderung ab und verweist auf das Leistungsprinzip. Offensichtlich ist man sich in der Partei jedoch bewusst, dass Männernetzwerke Männer fördern. Und dass diese Dominanz durchbrochen werden muss.

Problemzone Ständerat

Die Kampagne «Helvetia ruft» will die Listen prüfen und öffentlich bewerten. Parteien mit zu wenig Frauen sollen an den Pranger gestellt werden. Die Kampagne fokussiert also auf die Nationalratswahlen. Das Frauenthema lässt sich hier einfacher bewirtschaften als bei den Wahlen in die kleine Kammer.

Karin Keller-Sutter. Bild: KEYSTONE

Allerdings ist die eigentliche Problemzone der Ständerat. Seit 2003 nimmt der Frauenanteil nicht zu, sondern ab. Absehbar ist, dass mit der wahrscheinlichen Wahl von Karin Keller-Sutter in den Bundesrat nur noch sechs Frauen im Ständerat vertreten sein werden. Und von diesen treten drei mit Sicherheit nicht mehr an – Anita Fetz (SP/BS), Pascale Bruderer (SP/AG) und Anne Seydoux (CVP/JU).

Auch mit Liliane Maury Pasquier (SP/GE) wird nicht mehr gerechnet. In den Polepositions für deren Nachfolge stehen vorwiegend Männer. Diesen vier potenziellen Sitzverlusten der Frauen steht nur ein potenzieller Sitzgewinn gegenüber: In Luzern könnte eine CVP-Frau die Nachfolgerin von Konrad Graber werden. Bertschy sagt deshalb: «Wir sind alarmiert. Wenn die Frauenvertretung im Ständerat noch kleiner wird, wird die Öffentlichkeit an einer Diskussion nicht mehr vorbeikommen.»

Ständeräte werden im Majorzverfahren gewählt. Politologe Fabrizio Gilardi schreibt in einer Studie, dass Frauen in Majorzwahlen schlechtere Chancen haben. Es setze sich meist durch, was als Norm gilt. Und gerade in Bürgerlichen Parteien sind dies Männer.

Lukas Golder, Co-Leiter des GFS Bern, sagt, dass Ständeratswahlen Personenwahlen seien: «Daraus lässt sich nur schwer eine Geschlechterfrage machen.» Das Beispiel der SP Aargau und Wermuth zeige, dass andere Faktoren wichtiger seien: Allen voran die Wahlchancen und die Mobilisierungskraft.

Den Frauen droht im Ständerat eine empfindliche Niederlage, wieder auf das Niveau von 1991 zurückgeworfen zu werden. Damals gab es vier Ständerätinnen. Die Nicht-Wahl von Christiane Brunner in den Bundesrat gab den Frauen einen Schub. Die Ständeratswahlen 2019 könnten zu einem ähnlichen Erweckungserlebnis werden.

Gruppenbild ohne Dame – so männlich sind Kantonsregierungen

Frauen haben es bis heute schwer, in der Schweiz in politische Ämter gewählt zu werden. Insgesamt stellen sie in den Kantonen bloss 25 Prozent aller Regierungsmitglieder. Sechs Kantone werden derzeit vollständig von Männern regiert. So ist etwa der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden seit dem Rücktritt von Marianne Koller (FDP) im März 2017 frauenfreie Zone. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Seit dem 8. März 2020 ist auch Uri wieder rein männlich. Ausgerechnet am internationalen Tag der Frau wird ein rein männlicher Regierungsrat gewählt. Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP). KEYSTONE / URS FLUEELER
Der (rein bürgerlichen) Luzerner Regierung gehört sogar seit 2015 keine Frau mehr angehört. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Frühjahr 2019 änderten die Wählerinnen und Wähler sich an diesem Umstand nichts. Kanton Luzern / Emanuel Ammon
Nessuna donna: Der Kanton Tessin wird seit dem Rücktritt von Laura Sadis (FDP) 2015 ausschliesslich von Männern regiert. Daran änderte sich auch nach den Gesamterneuerungswahlen im März 2019 nichts.
Und auch im Kanton Graubünden ist die weibliche Bevölkerungshälfte seit dem Rücktritt der BDP-Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner nicht mehr in der Regierung vertreten. Der amtierende Regierungsrat besteht nur aus Männern. staatskanzlei obwalden / Sibylle Kathriner
Der Normalfall in Schweizer Kantonen ist bloss eine Frau in der Regierung. Das ist in 12 Kantonen der Fall. So etwa im Kanton Zug, wo mit Silvia Thalmann-Gut (CVP, 2.v.r.) eine einzige Frau in der Regierung sitzt. Kanton Zug / Michael Würtenberg
Auch im Kanton Freiburg sitzt mit Gesundheitsdirektorin Anne-Claude Demierre (SP, 3.v.r.) nur eine Frau in der Regierung. Staatskanzlerin Danielle Gagnaux (ganz links) ist nicht Mitglied der Exekutive. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Der Kanton Neuenburg hat ebenfalls nur ein einziges weibliches Regierungsmitglied und zwar Monika Maire-Heft (SP, 3.vl.l.) Immerhin leistet ihr Staarsschreiberin Séverine Despland (ganz links) Gesellschaft.
Gleiches Bild im Wallis: Esther Waeber-Kalbermatten (SP) ist die einzige Frau im Staatsrat. Immerhin lassen die Männer sie im offiziellen Regierungsfoto sitzen, wie es sich für echte Gentlemen gehört. PHOTO-GENIC.CH / OLIVIER MAIRE
Nathalie Barthoulot (SP, 3.v.r.) ist die einzige Frau in der Regierung des Kantons Jura. Immerhin auf dem offiziellen Foto erhält sie weiblichen Support – von Staatskanzlerin Gladys Winkler Docourt (ganz rechts). Kanton Jura / Géraud Siegenthaler
In Obwalden muss sich Maya Buechi-Kaiser (FDP, 3.v.r.) mit vier männlichen Regierungskollegen herumschlagen. Weiblichen Support gibt es von Landschreiberin Nicole Frunz Wallimann (ganz rechts) und Landweibelin Hanna Mäder (ganz links). (KEYSTONE/Alexandra Wey) Kanton Obwalden / SIBYLLE KATHRINER
Nicht nur in der Porträtgalerie aller ehemaligen Regierungsräte des Kantons Schwyz dominieren die Männer. Im siebenköpfigen Gremium ist Petra Steimen-Rickenbacher (FDP, 3.v.l.) die einzige Frau. Mit Mathias Brun (ganz rechts) ist auch der Staatsschreiber ein Mann. Kanton Schwyz
Franziska Roth (SVP, ganz rechts) war die einzige Frau im Aargauer Regierungsrat. Sie hat aber ihren Rücktritt bekannt gegeben und ist seit dem Sommer 2019 krankgeschrieben. Am 20. Oktober wird Roths Nachfolge gewählt. Dieser wird unterstützt von Staatsschreiberin Vincenza Trivigno (ganz links). Kanton Aargau
Cornelia Stamm Hutter (SVP) vertritt als einzige Frau die weibliche Hälfte der Bevölkerung im fünfköpfigen Regierungsrat des Kantons Schaffhausen. Kanton Schaffhausen / Michael Kessler
In Appenzell Innerrhoden ist die Regierung als Standeskommission bekannt. Antonia Fässler (CVP) ist die einzige Frau. Ob sie deshalb keinen Säbel fürs offizielle Regierungsfoto bekommen hat? Kanton Appenzell Innerrhoden
Auch in St.Gallen ist Heidi Hanselmann (SP, 3.v.l.) als Frau alleine auf weiter Flur. Der siebenköpfige Regierungsrat wird von Staatssekretär Canisius Braun (3.v.r.) unterstützt. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Auch in Glarus sitzt mit Marianne Lienhard (SVP, 2.v.r.) bloss eine Frau in der fünfköpfigen Regierung. Auch aufs Gruppenfoto durfte Ratsschreiber Hansjoerg Dürst (ganz rechts). (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) kanton glaurs
Aus Frauensicht gibt es zum Glück einige wenige Lichtblicke. Im fünfköpfigen Thurgauer Regierungsrat gibt es seit den letzten Wahlen im Februar 2016 erstmals in der Geschichte eine Frauenmehrheit. Sie besteht aus Cornelia Komposch (SP, ganz links), Monika Knill (SVP, 2.v.l.) und Carmen Haag (CVP, 2.v.r.). (KEYSTONE/Walter Bieri) KEYSTONE / WALTER BIERI
Auch der Kanton Zürich wird seit den letzten Wahlen im März 2019 weiblich regiert: Nebst Staatsschreiberin Kathrin Arioli posieren v.l.n.r. die Regierungsrätinnen Natalie Rickli (SVP), Silvia Steiner (CVP), Carmen Walker Späh (FDP) und Jacqueline Fehr (SP) fürs regierungsrätliche Foto. Staatskanzlei Kanton Zürich / André Springer
Auch im Kanton Waadt sind die Frauen in der Mehrheit: Fürs Siegerfoto nach den Wahlen im Mai 2017 posieren von links nach rechts Nuria Gorrite (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro (FDP) sowie Cesla Amarelle (SP, ganz rechts). In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Eine noch deutlichere Frauenmehrheit gibt es in der Regierung des Kantons Waadt: Mit Cesla Amarelle (SP), Béatrice Métraux (Grüne), Jacqueline de Quattro, Nuria Gortte (SP) und Rebecca Ruiz (SP) besetzen die Frauen seit Ruiz' Wahl im März 2019 fünf der sieben Sitze im Staatsrat. In insgesamt 8 Kantonen sitzen zwei oder drei Frauen in der Regierung, ohne damit in der Mehrheit zu sein. (SP) Canton de Vaud / Jean-Bernard Sieber

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