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Einsamer nackter Sänger auf dem Times Square in New York. Bild: AP

Warum das Schicksal von New York auch für uns wichtig ist

Verdichtetes Wohnen, dicht gedrängte Einkaufsstrassen, überfüllte Untergrundzüge: Nirgends hat das Coronavirus härter zugeschlagen als in New York. Der «big apple» wird zum Testfall für uns alle.

Publiziert: 26.05.20, 18:57 Aktualisiert: 27.05.20, 12:42

Eine meiner Cousinen lebte lange in Brooklyn. In den Achtzigerjahren hätte sie für rund 10’000 Dollar das Haus kaufen können, in dem sie zur Miete wohnte. Es lag gegenüber einem Crack-House in einer Gegend mit hoher Kriminalität. Kein anständiger Mensch wollte sich damals dort blicken lassen.

Als ehemaliges Hippie-Mädchen ist meine Cousine an materiellen Dingen wenig interessiert. Weil sie Pferde liebt, war es ihr wichtig, dass sie im nahen Prospect Park als Parkwächterin arbeiten konnte. Sie hatte keine Lust, Hausbesitzerin zu werden. Heute ist das Haus im inzwischen mega-schicken Quartier zehn Millionen Dollar wert. Meine Cousine kümmert dies kaum. Sie ist zurück an ihren Geburtsort gezogen, nach Ames, einer kleinen Universitätsstadt im Bundesstaat Iowa.

Drogenelend in New York. bild: shutterstock.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren drohte New York in Dreck und Kriminalität zu versinken. Die Stadt war pleite und beinahe unregierbar geworden. Dann geschah, was Richard Florida die Entstehung der «kreativen Klasse» nennt. Junge Menschen kehrten in die Stadt zurück, fanden in alten Fabrikhallen günstige Büros vor, trafen sich in Bars und Clubs. Die Kriminalität verschwand. New York wurde wieder angesagt und erlebte einen Boom.

Nach wie vor ist New York die Trend-Stadt schlechthin. Nicht von ungefähr sang Frank Sinatra einst: «Wenn du es dort schaffst, dann schaffst du es überall.» Oft kopieren andere Städte das Schicksal New Yorks, wenn auch in abgeschwächter Form. Mit Verzögerung und natürlich weniger ausgeprägt machte beispielsweise auch Zürich die Wandlung von der drogengeplagten Stadt – Stichwort Platzspitz – zur Boomtown für die kreative Klasse mit.

Keine Stadt hat das Coronavirus härter getroffen als New York. Das ist kein Zufall. «Mehr als andere grosse Städte ist New York der Inbegriff von urbanen Eigenschaften, welche das Virus in Gefahren verwandelt hat – hohe Bevölkerungsdichte, extrem hohe Lebenskosten, Abhängigkeit von Shops, Kultur und Tourismus und überfüllten öffentlichen Transportmitteln», stellt die «Financial Times» fest.

9/11 und die Finanzkrise hat New York weggesteckt. Ob die Stadt dies auch mit der Coronakrise tun wird, ist noch keineswegs sicher. «Sollte es je einen Wendepunkt in der Geschichte der Stadt gegeben haben, dann ist er da», erklärt Bürgermeister Bill de Blasio. «Wir müssen alles hinterfragen und abklären, was funktioniert, und was nicht.»

Lichtermeer zum Andenken an die Corona-Opfer in New York. Bild: EPA

Eine rasche Lösung wird es kaum geben. Das Virus beeinträchtig nicht nur das soziale und das kulturelle Leben der New Yorker, es trifft auch die wirtschaftliche Basis der kreativen Klasse. Künstler, Grafiker, Musiker und Szenenbeizer leiden speziell unter dem schlagartigen Lockdown. Sie sind meist selbstständig und schlecht abgesichert.

Homeoffice und Videokonferenzen werden vielleicht teure Büros überflüssig machen. Kommt dazu, dass viele Menschen nun die chronisch überfüllten Wagen der Untergrundbahn meiden werden, auch wenn sie nun täglich desinfiziert werden.

Die Reichen haben sich wie einst der Adel zu Zeiten der Pest auf ihre Zweitsitze zurückgezogen, sei es in Aspen oder in Palm Beach. Bis es einen zuverlässigen Impfstoff gibt, werden sie kaum zurückkehren, und das kann noch dauern. «Es wird definitiv zu einer Stadtflucht kommen», sagt der Immobilienunternehmer Winston Fisher.

Wegen seiner Lage ist New York extrem verdichtet. Doch Verdichtung ist angesichts der wachsenden Bevölkerung das Gebot der Stunde. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt inzwischen in Städten. Dieser Anteil wird noch wachsen. So erklärt der Soziologe Richard Sennett im «Guardian»: «Aus guten Gründen versuchen wir derzeit, die Verdichtung zu reduzieren. Aber grundsätzlich ist Verdichtung eine gute Sache. Verdichtete Städte sind energieeffizienter. Langfristig steuern wir daher auf einen Konflikt zwischen Gesundheit und Umwelt zu.»

Werden täglich desinfiziert: New Yorks U-Bahn-Wagen. Bild: AP

Dieser Konflikt manifestiert sich idealtypisch in New York. Der «big apple» ist so eine Art Versuchskaninchen für alle Grossstädte dieser Welt. Auch ein Hoffnungsträger. Gerade weil New York so hart von der Coronakrise getroffen worden ist, werden dort möglicherweise auch Techniken entwickelt, die uns helfen, künftig mit Epidemien besser umgehen zu können.

Langfristig kann der Rückzug ins Homeoffice und aufs Land keine Lösung sein. Die Verkehrsprobleme würden unlösbar, die Zersiedlung unerträglich. Das Coronavirus ist so gesehen auch ein Weckruf. «Die Stadtbewohner entdecken einen Wunsch, den sie bisher gar nicht realisiert haben», sagt Richard Sennett. «Den Wunsch nach dem Kontakt mit Menschen, die anders sind als wir.»

Coronavirus in den USA

Die Coronakrise hat die USA voll erwischt und die Schwachstellen des vermeintlich mächtigsten Landes der Welt schonungslos aufgedeckt. EPA / EUGENE GARCIA
Die Basketballliga NBA schickt während des All-Star-Weekends am 14. Februar eine Solidaritätsbotschaft nach Wuhan. Zu jenem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, wie schlimm es die USA treffen wird. EPA / NUCCIO DINUZZO
Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta. Er hatte das Coronavirus lange verniedlicht und die Krise heruntergespielt. AP / Alex Brandon
Am 7. März verhängt Gouverneur Andrew Cuomo den Notstand über den Bundesstaat New York. Die Metropole New York City wird schrittweise in den Stillstand versetzt. AP / John Minchillo
Die «City that never sleeps» wirkt wie ausgestorben. Selbst auf dem Times Square ist nichts los. AP / Seth Wenig
In der sonst so geschäftigen Grand Central Station herrscht gähnende Leere. AP / Frank Franklin II
Die Theater am Broadway müssen zum ersten Mal in ihrer Geschichte schliessen. AP / Kathy Willens
Am 11. März teilt Hollywoodstar Tom Hanks mit, er und seine Frau Rita Wilson seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. AP / Jordan Strauss
Die Zahl der Corona-Tests ist von Anfang an ein grosses Problem. Ein erster selbst entwickelter Test erweist sich als fehlerhaft. Mit der Zeit entstehen überall mobile Testzentren, wie hier in Bolinas (Kalifornien). EPA / JOHN G. MABANGLO
Eine Motorradfahrerin mit Maske am südlichsten Punkt der USA in Key West (Florida). Noch im März vergnügten sich zahlreiche Jugendliche am Spring Break an den Stränden im Sunshine State. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Ein Wandbild in Seattle mahnt zum Abstandhalten. Die Wirtschaftsmetropole an der Westküste ist einer der ersten Corona-Hotspots in den USA. AP / Elaine Thompson
Ein grosses Problem ist der Mangel an Schutzmaterial. Eine aus Freiwilligen bestehende Organisation in Alameda (Kalifornien) sammelt unter anderem T-Shirts, um daraus Schutzkleidung zu fabrizieren. EPA / JOHN G. MABANGLO
Etwas Humor darf auch sein: Ein Bäcker in Chicago kreiert eine Torte in Gestalt einer Rolle Toilettenpapier. AP / Nam Y. Huh
Der Immunologe Anthony Fauci wird in der Coronakrise zur Stimme der Vernunft und bildet damit den Kontrast zum irrlichternden Präsidenten. AP / Evan Vucci
Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus schickt die Börsenkurse weltweit auf Talfahrt. Inzwischen haben sie in der Hoffnung auf eine rasche Erholung einen grossen Teil der Verluste wettgemacht. AP / Richard Drew
Dagegen spricht der rasante Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit März haben 33 Millionen Amerikaner den Job verloren. Und die Arbeitsämter kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. EPA / CRISTOBAL HERRERA
Mit der Arbeitslosigkeit nimmt die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe stark zu. Vor den Food Banks wie hier in San Antonio (Texas) warten selbst schicke Autos im Stau. EPA / LARRY W. SMITH
Am schlimmsten von der Krise getroffen bleibt New York. Teilweise müssen die Körper toter Covid-Patienten in Kühllastern gelagert werden, weil in den Leichenhallen nicht genug Platz ist. EPA / JUSTIN LANE
Im Central Park wird ein notfallmässiges Feldspital mit Zelten errichtet. EPA / JUSTIN LANE
Zur Entlastung der Spitäler schickt die Navy das Lazarettschiff «Comfort» nach New York. EPA / Peter Foley
Trauerfeier mit Masken und Sicherheitsabstand für ein Covid-19-Opfer in New Orleans. Schwarze sind von der Pandemie überdurchschnittlich stark betroffen. AP / Gerald Herbert
Mit zunehmender Dauer der Krise verlangen immer mehr Menschen ein Ende des Lockdown. Besonders heftig sind die Proteste im Bundesstaat Michigan gegen Gouverneurin Gretchen Whitmer. AP / Paul Sancya
Unter den Demonstranten wie hier in Maryland sind viele Fans von Donald Trump. Der um seine Wiederwahl fürchtende Präsident schürt die Proteste via Twitter. EPA / MICHAEL REYNOLDS
Einige von der Republikanern regierte Bundesstaaten beginnen Ende April mit der Lockerung. Ein besonders forsches Tempo legt Georgia vor, wo auch Restaurants wieder öffnen dürfen. EPA / ERIK S. LESSER
Ein Wandgemälde in Los Angeles dankt dem Spitalpersonal. Bis Anfang Mai sind mehr als 70'000 Personen in den USA an Covid-19 gestorben, und eine interne Prognose der Regierung rechnet mit 135'000 Toten bis August. EPA / ETIENNE LAURENT

Riesen Subway- Chaos in New York

Video: SRF / Roberto Krone

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