Diese Aufnahme stammt aus der holländischen Stadt Leidschendam. Facebook will Fotos von Menschen mit schwarzer Schminke verbannen – mit Ausnahmen ...
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Facebook geht neu gegen «Blackfacing» vor – das musst du wissen
Der US-Konzern ändert seine Hausregeln und will angeblich verstärkt gegen Rassismus und Antisemitismus vorgehen.
Was ist passiert?
Facebook verschärft laut Ankündigung die Gangart gegen rassistische und antisemitische Stereotypen und will deshalb Fotos von Weissen mit schwarzer Schminke im Gesicht sowie Behauptungen, dass Juden die Welt kontrollierten, von der Plattform verbannen. «Solche Inhalte verstiessen schon immer gegen den Geist unserer Regeln», betonte die zuständige Facebook-Managerin Monika Bickert am Dienstag.
Eine Folge ist nun, dass der umstrittene niederländische Nikolaushelfer «Zwarte Piet» künftig nicht mehr mit dicker schwarzer Schminke auf Facebook und Instagram gezeigt werden soll.
Was versteht Facebook unter «Blackface»?
Zu den «Blackface»-Stereotypen zählt Facebook schwarze Schminke, dicke Lippen und eine Kraushaar-Perücke. Fotos, Zeichnungen oder Videos von den stereotypen Pieten können nach Hinweisen von Nutzern von den Plattformen entfernt werden.
«Facebook findet es nicht hinnehmbar, dass Menschen sich durch bestimmte Beiträge diskriminiert und nicht sicher fühlen», erklärte die Facebook-Managerin. «Sinterklaas ist ein Fest für alle.» Sinterklaas heisst der Nikolaus in den Niederlanden und Belgien, der von den schwarz-geschminkten Helfern bei seinen Auftritten begleitet wird.
Der «Zwarte Piet» ist in den Niederlanden und Flandern der Helfer des Sinterklaas, des Heiligen Nikolaus, wie Wikipedia weiss. Zur umstrittenen Tradition gehört, dass sich weisse Menschen den Kopf braun oder schwarz schminken.
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Bei der neuen Regelung spiele auch der Kontext eine Rolle, betonte die Facebook-Managerin Bickert. Wenn jemand etwa durch die Veröffentlichung eines «Blackface»-Fotos auf das Verhalten eines Politikers hinweisen wolle, sei das etwas anderes.
Es könne auch andere Situationen geben, in denen Leute Fotos mit «Blackface» auf der Plattform ohne beleidigende Absicht veröffentlichten, schränkte die Facebook-Managerin ein. Facebook wolle bei der Umsetzung auch solche «Nuancen» wie im Fall der Niederlande berücksichtigen. Die Regelung sei neu und werde noch nicht angewendet.
Wie reagiert die Bevölkerung?
In den sozialen Netzwerken wurde zum Teil heftig auf die Regelung reagiert. Anhänger der niederländischen Pieten-Tradition sprechen von einem «Angriff auf die Meinungsfreiheit». Anti-Rassismusorganisationen loben dagegen das «positive und ermutigende Signal».
In den Niederlanden wird bereits seit Jahren heftig um den «Zwarte Piet» gestritten. Für viele Niederländer, vor allem schwarze, ist die Darstellung des Piet rassistisch. Auch international werden die Niederlande dafür heftig kritisiert.
Warum tut Facebook das?
Die Juristin und Facebook-Managerin Monika Bickert trägt den Titel Head of Global Policy Management.
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Facebook machte die Ankündigung bei der vierteljährlichen Vorstellung von Zahlen zur Durchsetzung seiner Hausregeln. Dabei hiess es auch, dass von April bis Juni mehr als sieben Millionen Beiträge mit Informationen zum Coronavirus gelöscht wurden, die dem Online-Netzwerk zufolge die Gesundheit von Menschen gefährden könnten. Rund 98 Millionen weniger gefährliche Inhalte mit zweifelhaften Informationen seien mit Warnhinweisen versehen worden.
Facebook fährt seit einiger Zeit einen härteren Kurs gegenüber potenziell gefährlichen Informationen, etwa zu angeblichen Corona-Behandlungen. Dabei geriet der Konzern auch mit US-Präsident Donald Trump aneinander.
Das Unternehmen räumte zugleich ein, dass es die Corona-Krise schwieriger mache, bei Beiträgen einzugreifen, die darauf hinweisen, dass Nutzer sich Schaden zufügen wollen. Das gelte auch für Inhalte mit Kindesmissbrauch. Während zur Erkennung etwa von Hassrede automatisierte Software eingesetzt werde, sei in diesen Fällen immer noch die Rolle menschlicher Prüfer sehr gross. Die Verlagerung aus den Büros ins Homeoffice habe deren Arbeit erschwert, da zuhause oft das Umfeld zum Ansehen solcher Beiträge nicht gegeben sei, erklärte Facebook-Manager Guy Rosen.
(dsc/sda/dpa)
Facebook erklärt seine Spielregeln
Facebook schreibt in den Spielregeln: «Wir entfernen Fotos von Personen, auf denen Genitalien oder vollständig entblösste Pobacken zu sehen sind.» EPA/DPA / MAURIZIO GAMBARINI
Was darf rein, was nicht? Nachdem Facebook oft für seinen Umgang mit unerwünschten Inhalten kritisiert wurde, erklärt das soziale Netzwerk jetzt ausführlich sein Regelwerk. Shutterstock
Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Statt eines einzelnen Textes mit elf Kapiteln gibt es nun eine Website mit Links zu verschiedenen Themen und mehr Beispielen als bisher. Getty Images Europe / David Ramos Neu sind Abschnitte über sexuelle Ausbeutung und Inhalte terroristischer Organisationen. AP Raqqa Media Center of the Islamic State group / UNCREDITED
Ein Team von mehreren 100 Mitarbeitern ist dafür zuständig, verbotene Inhalte aus dem sozialen Netzwerk zu entfernen. Dabei geht es nicht nur um explizite Gewalt, sondern auch um Fälle von Mobbing. KEYSTONE / LUIS BERG
Selbst ein Foto aus der Schule, unter dem einfach nur «Nettes Kleid» steht, könne unter Umständen als Mobbing gemeint sein, sagt die zuständige Facebook-Managerin.
Facebook war in der Vergangenheit immer wieder wegen Entscheidungen zu einzelnen Inhalten kritisiert worden, etwa wenn Bilder von Protesten oder Fotos von Kunstwerken mit Nacktheit entfernt wurden. X90065 / JIM YOUNG
Facebook verlasse sich weitgehend darauf, dass die Nutzer problematische Inhalte selbst melden. X02714 / © Dado Ruvic / Reuters
Nur in einigen Bereichen, vor allem, wenn es um die Sicherheit von Kindern gehe, setze Facebook eine Software ein, die aktiv nach Inhalten (wie zum Beispiel Pornografie) sucht. KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI
Facebook hat nahezu 1,4 Milliarden Nutzer. Zum Umgang mit Nacktheit gibt das Unternehmen ausführliche Erklärungen. APA / DPA/PETER ENDIG
Eine 149 Jahre alte Vagina Vulva, «l'Origine du Monde» des Malers Gustave Courbet, steht im Mittelpunkt eines Rechtsstreits zwischen Facebook und einem französischen Lehrer. Flickr / Michele M. F.
Fotos von Frauen beim Stillen oder Vernarbungen nach Brustamputationen seien jedoch in jedem Fall erlaubt. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
«Hate Speech» bei Facebook – was toleriert wird, und was nicht
Dürfen Facebook-Nutzer «Asylanten raus» fordern und Flüchtlinge als «faule Räuber und Diebe» bezeichnen, «die unser Land überschwemmen»? Die Antwort lautet ... EPA/EPA / KOCA SULEJMANOVIC
... Ja. Zwar bilden Flüchtlinge für Facebook eine «quasi geschützte Gruppe». Doch geniessen sie weniger Schutz als andere, vollständig geschützte Gruppen wie etwa «Rasse» (Race), Ethnie oder nationale Herkunft. EPA/EPA / MOHAMMED BADRA
Facebook hält das Grundrecht der freien Meinungsäusserung auch für verächtliche Postings hoch. Demnach ist erlaubt zu schreiben, dass man Migranten für faul und für dreckige Diebe und Räuber hält, die nur nach Europa kommen, um die Sozialsysteme auszubeuten. AP/AP / Ferdinand Ostrop
Facebook hält in der internen Definition zu der «Quasi Protected Category (QPC)» der Migranten fest, dass es nicht auf deren Motivation ankomme.
Die Bestimmungen zu Hassreden («Hate Speech») gelten für Menschen, die vor Kriegen und Naturkatastrophen flüchten, aber auch für Wirtschaftsflüchtlinge. kaltura://1789921/178992100/71000/1_4yjt7uy2 / reuters-video
Interessant sei die Fussnote zum internen Facebook-Dokument, hält die «Süddeutsche Zeitung» fest. Darin heisse es: «Flüchtlinge sind eine verletzliche Gruppe, und wir wollen entwürdigende Kommentare entfernen, die sich gegen sie richten. Gleichzeitig wollen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über Migration ermöglichen, ein wichtiges Thema in den kommenden Wahlkämpfen.» EPA DPA / MARTIN SCHUTT Unangetastet bleiben sollen gemäss den internen Facebook-Richtlinien auch andere erniedrigende Postings, wenn sie sich gegen Migranten richten ... ap/ap / MOHAME BEN KHALIFA
... und nicht gegen Engländer, US-Amerikaner oder Schweizer. Denn die nationale Herkunft gehört zu einer von acht geschützten Facebook-Kategorien (im Gegensatz zu den Ländern selbst).
Geschützt werden sollen die Migranten aber bei eindeutigen Drohungen. Solche Äusserungen sollen die Facebook-Moderatoren löschen. EPA/EFE / MIGUEL PAQUET
Gelöscht werden sollen auch entmenschlichende Zuschreibungen, wie zum Beispiel: «Migranten sind dreckige Kakerlaken, die unser Land überschwemmen.»
Dürfen Facebook-Nutzer dazu aufrufen, dicke Menschen umzubringen? shutterstock / shutterstock
Das wird in der Tat toleriert. Da das Körpergewicht ein veränderliches Merkmal sei, zählt Facebook Hass-Postings gegen Fettleibige nicht als Hassrede, die gelöscht werden muss. Gleiches gilt für Alter, Beruf, Haarfarbe und viele andere Eigenschaften.
Vor Hassrede geschützt sind weder Reiche und Arme ...
... noch US-Demokraten, Kommunisten oder Grüne.
Die anderen sieben geschützten Kategorien sind: Geschlecht (Gender), sexuelle Orientierung, Rasse, Ethnie sowie schwerwiegende und dauerhafte Behinderungen oder Krankheiten.
Wenn eine der genannten Gruppen bedroht, beleidigt, herabgesetzt oder ausgegrenzt wird, soll der entsprechende Beitrag von den zuständigen Moderatoren entfernt werden. Allerdings muss der Beitrag von einem Facebook-User «gemeldet» worden sein.
Kompliziert wird es, sobald unterschiedliche Kategorien zusammenfallen. Was ist mit «Bringt alle Muslime um»? Laut Facebook-Regelung ... AP / OSMAN ORSAL
... ein klarer Fall: Religiöse Überzeugung zählt zu den geschützten Kategorien, solche Äusserungen werden nicht toleriert. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Gelöscht werden muss auch: «Bringt alle muslimischen Flüchtlinge um!» Hingegen ... AP/AP / Bernat Armangue
... erlaubt ist «Bringt alle muslimischen Lehrer um», ebenso Gewaltaufrufe gegen muslimische Arbeitslose, Teenager, Dunkelhaarige, Reiche oder Fettleibige. AP/AP / Bernat Armangue
Was ist mit «Alle Terroristen sind Muslime»? Gemäss Facebook-Regelung ... AP/AP / Bernat Armangue
... ist dies eine zulässige Aussage, da Terroristen keine geschützte Gruppe sind. AP/AP / Giannis Papanikos
Gelöscht werden müsste dagegen: «Alle Muslime sind Terroristen». EPA/EFE / Quique Garcia
Elend kompliziert, ja! Dieses Flussdiagramm soll Facebook-Moderatoren instruieren, wie sie vorgehen müssen, wenn geschützte Gruppen bedroht oder beleidigt werden.
Die Mehrheit der Facebook-User bleibt im Unklaren. Vage formuliert finden sich die Regeln auch in den öffentlichen «Gemeinschaftsstandards» von Facebook.
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Video: watson / Knackeboul, Lya Saxer
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