Dieses Bild wird zum Symbol der Corona-Krise und zeigt, wie hart das Virus die Pflegenden und Ärzte trifft.
bild: nurse times
«Wir sind am Ende»: Ärztin schildert prekäre Zustände in italienischem Spital
Italien ist im Ausnahmezustand. Wegen des Coronavirus arbeiten Ärzte und Pflegende seit Tagen am Limit oder darüber hinaus. Ein Foto aus der Stadt Cremona in der Region Lombardei* geht derzeit viral und wird zum Symbol der Corona-Krise in Italien.
Es zeigt, wie eine Pflegerin den Kopf auf den Tisch legt, um sich kurz auszuruhen. Gemäss der Nurse Times handelt es sich bei der erschöpften Frau um Elena Pagliarini, welche gerade eine lange Nachtschicht hinter sich gebracht hat. Aufgenommen wurde das Foto von der Ärztin Francesca Mangiatordi, die in der Notaufnahme des Krankenhauses Maggiore in Cremona arbeitet.
Hat das Foto geschossen: Francesca Mangiatordi.
bild: nurse Times
Mangiatordi erzählt der «Nurse Times», wie es zum Foto gekommen ist:
«Wir begannen um 20 Uhr. Wir arbeiteten über zehn Stunden ohne Unterbruch. Wir behandelten mehr als 50 Patienten. Auf Betten in den Gängen oder auf Stühlen. Wir mussten sie mit Sauerstoff zu versorgen [...].»
«Ich sah, wie Elena nach stundenlangem Laufen von einem Patienten zum anderen 5 Minuten lang ruhte, um einem weiteren Patienten zu helfen, der mit Fieber und Atemversagen ankam. Ich schaute sie an und wollte sie umarmen, aber ich zog es vor, diesen Moment der Ruhe zu verewigen ... Mit Maskenhandschuhen und Einwegkleid. Ein Moment der Ruhe.»
«Zwischen den Patienten hatte Elena Tränen in den Augen. Und das hat mich dazu bewogen, dieses Bild zu machen. Sie haben die Mittel für das Gesundheitswesen gekürzt. Sie haben die Betten gekürzt, und jetzt stehen wir vor dieser grossen Herausforderung.»
Weiter berichtet Mangiatordi, welchem Druck das Spitalpersonal standhalten muss:
«Pflegende wurden im Gesundheitswesen schon immer schlecht behandelt, aber jetzt erweisen sie sich als die Säulen, das Rückgrat des Systems.»
«Einige Ärzte und Pflegende befinden sich in Quarantäne. Ein ärztlicher Kollege befindet sich wegen einer Lungenentzündung in Brescia in der Wiederbelebung, er wurde positiv auf das neue Coronavirus getestet.»
«Nun hat die Unternehmensleitung 12-Stunden-Schichten oder Morgen- und Nachtschichten gefordert. Nur sehr wenige Ärzte von ausserhalb sind gekommen, um uns zu helfen. Es wurden zwar zusätzliche Pflegende eingestellt. Aber viele befinden sich in ihrer ersten Arbeitserfahrung und befinden sich in einer Situation, mit der sie nicht umgehen können.»
Auf RAI hat Mangiatordi am Dienstag ein emotionales Interview gegeben. Sie erzählt davon, wie sie soeben einen 23-Jährigen behandeln musste, der starke Atembeschwerden hat. Sie schliesst mit einer Bitte an die Bevölkerung:
«Wir sind am Ende unserer Kräfte, sowohl körperlich als auch geistig. Helfen Sie uns, denn die Krankenhäuser sind jetzt voll, wir haben keine Möglichkeit, auf alle Bedürfnisse zu reagieren, wir befinden uns in grosser Not. Helfen Sie uns also, bleiben Sie zu Hause, versuchen Sie, sich zu schützen und vermeiden Sie eine weitere Verbreitung dieses Virus, denn sonst kommt es zum Kollaps, wenn es nicht schon so weit ist.»
(cma)
* In einer früheren Fassung dieses Artikels war von der «Provinz Lombardei» die Rede. Dies ist nicht korrekt; die Lombardei ist eine Region Italiens, die aus verschiedenen Provinzen besteht.
Ärzte und Pflegende schildern Situation in Italien:
Grippe und Covid-19 im Vergleich
Bei der Diskussion um den Coronavirus wird oft die Grippe zum Vergleich herangezogen. Die WHO nennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede:
EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ähnlich ist demnach die Ausprägung der Infektionskrankheiten: Beide sind von einem Virus verursachte Atemwegserkrankungen, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann - von symptomlos oder mild bis hin zu sehr schwer, mitunter gar tödlich. EPA / IGOR KUPLJENIK
Beide Erreger werden vorwiegend über Tröpfchen etwa beim Sprechen oder Husten oder auch direkten Kontakt übertragen. Darum greifen bei beiden auch die gleichen Vorsichtsmassnahmen: gute Handhygiene, in den Ellbogen oder ein Taschentuch husten, Kontakt zu Infizierten vermeiden. KEYSTONE/TI-PRESS / Alessandro Crinari
Unterschiede gibt es laut WHO bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Influenza habe eine kürzere Inkubationszeit zwischen Ansteckung und der Ausbildung erster Symptome, zudem erfolgten die Ansteckungen in den Infektionsketten rascher aufeinander. Bei Covid-19 liege dieses Intervall bei etwa 5 bis 6 Tagen, bei Influenza bei 3 Tagen. Das bedeute, dass sich Influenza rascher verbreiten kann als Covid-19. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Hinzu komme, dass bei Influenza oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt würden. Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Ansteckungsrate. Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben - und damit an mehr als bei Influenza. Wegen der unsicheren Datenlage und verschiedenen den Wert beeinflussenden Effekten sei ein Vergleich bei diesem Aspekt aber nur eingeschränkt möglich, heisst es von der WHO. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Erhebliche Unterschiede gibt es im Bezug auf Kinder: «Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft», so die WHO. Für den Covid-19-Erreger zeigten erste Auswertungen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene und nur selten deutliche Symptome entwickeln. Vorläufige Daten lassen demnach zudem annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Schwere bis lebensbedrohliche Verläufe gibt es nach bisherigen Auswertungen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe. Der WHO zufolge ist der Verlauf bei 15 Prozent der Infizierten so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff nötig wird. EPA / JALIL REZAYEE
Bei 5 Prozent der Infizierten ist demnach künstliche Beatmung nötig. Auch die Todesrate liegt wohl höher als bei der normalen saisonalen Grippewelle - exakte Angaben lassen sich dazu aber derzeit kaum machen. AP / Sakchai Lalit
Als besonders von schweren Verläufen betroffene Risikogruppen gelten bei Influenza Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei Covid-19 gehören Kinder und Schwangere nach derzeitigem Wissensstand nicht zu den Risikogruppen. EPA / NICOLA FOSSELLA
Zu beachten ist auch der Unterschied bei den Möglichkeiten für Behandlung und Vorsorge. «Zwar gibt es bereits eine Reihe klinischer Tests von Medikamenten in China, und es sind mehr als 20 Impfstoffe gegen Covid-19 in der Entwicklung, bisher aber gibt es keine zugelassenen Impfstoffe oder Therapien für Covid-19», so die WHO. Bei Influenza hingegen gebe es sowohl schützende Impfungen als auch zugelassene antivirale Medikamente. EPA / ALEX PLAVEVSKI
So wäscht du dir die Hände richtig
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