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«Lieber Herr Berset – hoffentlich reicht das ...»

Der Bundesrat ergreift in Sachen Corona-Bekämpfung ein drastisches Massnahmen-Paket. Die letzte Konsequenz in Sachen Social Distancing überlässt er aber weiterhin den Kantonen und der Bevölkerung.

Publiziert: 13.03.20, 17:38 Aktualisiert: 13.03.20, 19:07

Lieber Herr Berset

Es heisst ja, dass Magistraten ein eher angenehmes Leben haben. Zwar ist der Kalender übervoll, aber hauptsächlich belegt mit Repräsentationsaufgaben, während die eigentliche Arbeit andere machen.

Und dann gibt es diese Phasen, in denen das hohe Gehalt verdient werden muss. Diese Krisenlagen, in denen man als Dossierverantwortlicher unverschuldet unter hohem Druck unpopuläre Entscheidungen treffen und bei Fehlentscheidungen im schlimmsten Fall die Karriere beenden muss.

Nun haben Sie zusammen mit Ihren Bundesratskolleginnen und -kollegen entschieden, im Corona-Dossier einschneidende Massnahmen zu treffen: rigide Grenzkontrollen, Schulen und Unis geschlossen, Nachtleben, Gastronomie und Kultur de facto lahmgelegt, Skigebiete und andere Sportzentren auch.

Das ist zwar ein Hammer, ein massiver Eingriff in die Freiheit und das wirtschaftliche, soziale und private Leben im Land. Aber es ist nicht so konsequent, wie andere Länder mittlerweile gegen die Ausbreitung der Epidemie vorgehen müssen.

Wenn man die obgenannten Einrichtungen nicht zwangsschliesst und Veranstaltungen bis 100 Personen weiterhin erlaubt, dann überlässt man es in letzter Konsequenz den Kantonen und der Bevölkerung, dass soziale Kontakte so weit eingeschränkt werden, dass die Ausbreitung des Virus gestoppt werden kann.

Und das ist – wie man am Beispiel von China gesehen hat – mehr oder weniger komplett.

Nun hoffen Sie, dass Sie dieser Message genügend Nachdruck verschafft haben. Und ich hoffe es auch.

Denn noch haben zu viele nicht verstanden, was auf uns zukommt, wenn wir uns nicht so weit wie möglich von Menschenansammlungen fernhalten. Und das trotz der absolut alarmierenden hiesigen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus mit einer Verdoppelung der Fallzahlen alle zwei Tage.

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Was mich hoffen lässt? Unmöglich ist es nicht, dass Ihre Corona-Massnahmenverschärfung von der Bevölkerung konsequent zu Ende praktiziert wird. Jedenfalls wahrscheinlicher als auch schon.

Hätten Sie vor zwei Wochen verordnet, dass ab sofort landesweit Selbstquarantäne für alle gilt, hätte das nichts gebracht ausser einem nicht zu beendenden Vollzugsnotstand und einer völlig unübersichtlichen Lage.

Nun sieht die Situation ein wenig anders aus. Neben abstrakten Tabellen, Grafiken und Berichten aus dem fernen China gibt es nun täglich Corona-Anschauungs-Unterricht aus unserem Urlaubsland und Sehnsuchtsort Italien. Die Situation dort ist so beängstigend wie eines westlichen Industrielandes unwürdig. Aber vergleichbar mit unserer.

Es sind zwar noch nicht so viele, wie es sein sollten, aber ich hoffe, es sind ab heute genug Leute, die begriffen haben: Wir sind Italien. Einfach ein paar Tage hintendrein.

Ob Sie und der Bundesrat noch schärfer und einen oder zwei Tage früher hätten reagieren können und müssen, darüber wird erst hinterher Klarheit herrschen. Ich hoffe es nicht.

Damit Sie so bald wie möglich wieder Ihr gewohntes Magistratenleben mit Apéros und Einweihungen und Reden führen können.

Hochachtungsvoll

Ihr Maurice Thiriet

Das Coronavirus legt ganz Italien lahm

Der Petersplatz in Rom: Hier stehen sich normalerweise die Touristen auf den Füssen. Am 11. März 2020 ist er praktisch leer. EPA/Massimo Percossi EPA / Massimo Percossi
Gähnende Leere auch in diesem Einkaufsviertel von Rom. Bis gestern schlossen die Läden um 18 Uhr, jetzt müssen sie ganz zu bleiben. EPA / MASSIMO PERCOSSI
Rom ist das beliebtestes Reiseziel in Italien. 15,2 Millionen Ankünfte und 36,6 Millionen Übernachtungen wurden 2018 gemeldet. Jetzt sieht es dort so aus. EPA / MASSIMO PERCOSSI
Der Verkehr auf den Autobahnen rund um Mailand ist normalerweise berüchtigt für sein Verkehrsaufkommen. Nicht so seit dem Lockdown. EPA / ANDREA FASANI
Auch hier in einer Strasse in Mailand ist kein Mensch. AP / Luca Bruno
Viel Platz und freie Sicht auf den Vesuv hat dieser Jogger in Neapel. AP / Alessandro Pone
Die San Gregorio Armeno ist eine berühmte Einkaufsstrasse in Neapel. Am 11. März war sie komplett ausgestorben. AP / Alessandro Pone
Die 89-jährige Albina Pascucci, 89, posiert für ein Foto aus dem Fenster ihrer Wohnung in Rom. AP / Alessandra Tarantino
Die Via della Conciliazione führt zum Petersplatz in Rom. Tausende Menschen passieren hier an normalen Tagen. Aber am 12. März 2020 ist nichts normal in Italien. EPA / RICCARDO ANTIMIANI
Die Via delle Medaglie d'Oro, ist eine von Roms meistbefahrenen Strassen. Sie führt zum Vatikan. Am 12. März ist sie leergefegt. EPA / ALESSANDRO DI MEO
Noch ein Blick in eine Strasse Roms. Kein Mensch weit und breit. EPA / MASSIMO PERCOSSI
Ein Marktplatz in Rom am 12. März 2020. Das Restaurant bleibt zu, der Markt wartet auf Kundschaft. EPA / Alessandro Di Meo

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