Aktuelle Themen:

Der römisch-katholische Seelsorger Meinrad Furrer hat öffentlich queere Paare gesegnet Bild: watson

Zürcher Kirchen stellen sich gegen den Vatikan: Seelsorger segnet homosexuelle Paare

Kirchen haben europaweit heute gleichgeschlechtliche Paare gesegnet – aus Protest gegen den Vatikan. Auch Zürichs Katholiken machten mit.

Publiziert: 10.05.21, 18:44 Aktualisiert: 11.05.21, 12:48

Wenn die katholische Kirche in einer moralisch-politischen Frage Zweifel hat, dann entscheidet nicht alleine der Papst, was die kirchliche Lehre ist – sondern die Glaubenskongregation. Sie wurde im Februar dieses Jahres aktiv, als es in einer sogenannten Responsum ad dubium (Antwort auf einen Zweifel) klarstellte: Homosexuelle Paare werden nicht gesegnet!

Die kirchliche Basis will diese Einschätzung aber nicht überall mittragen. Die Bistümer von St. Gallen und Basel haben sich deutlich vom Vatikan-Papier distanziert. In der Stadt Zürich geht man noch weiter: Am Montagabend lud der Seelsorger Meinrad Furrer «alle Liebenden» zur Segnung auf dem Zürcher Platzspitz ein. Und mit «alle» meinte er alle: Den Segen verteilte er auch gleichgeschlechtlichen Paaren.

Seelsorger fordert Revision der kirchlichen Lehre

Meinrad Furrer bestätigt, dass sich die Aktion der katholischen Pfarreien der Stadt Zürich gegen die Auffassung des Vatikans richtet. «Es ist eine Stellungnahme gegen die Aussage, gleichgeschlechtliche Liebe sei sündig.» Er sei der Überzeugung, dass die kirchliche Lehre zu Themen über Beziehungen und Sexualität revidiert werden müsse. Doch das sei zweitrangig. «Ich tue öffentlich, was ich schon immer getan habe, zum Beispiel in Segensfeiern für Liebende aller Art», sagt Furrer.

Dass es nun eine besondere Aktion für «queere Liebende» gebe, liege auch an den «Verletzungen», die solche Menschen erleben würden. Der Seelsorger erklärt: «Die jahrhundertealte Verurteilung sitzt tief. In religiösen Kreisen ist diese Tendenz noch stärker.» Mit der Segnung wolle er ein «heilsames Zeichen» setzen, indem er die Paare gutheisst und bei Gott um seine «Kraft und Liebe» bitte.

«Die jahrhundertealte Verurteilung sitzt tief. In religiösen Kreisen ist diese Tendenz noch stärker.»

Meinrad Furrer, Seelsorger der katholischen Kirchen in Zürich

Es geht nicht um «Ehe für alle», aber …

Die Zürcher Kirchen schliessen sich mit dieser Aktion einer Reihe anderer Institutionen an, die dem Schreiben aus dem Vatikan widersprechen wollen. In Deutschland hat sich etwa eine Reihe von katholischen Pfarreien zur Bewegung «Liebe gewinnt» zusammengeschlossen, um wie in Zürich am 10. Mai «Segensgottesdienste für Liebende» anzubieten.

Insofern wirkt es glaubhaft, wenn Meinrad Furrer die Ansicht dementiert, es handle sich dabei nur um eine «PR-Aktion». Der Zürcher Seelsorger sieht aber auf Nachfrage ein, dass eine Verbindung zur «Ehe für alle»-Referendumsabstimmung nicht von der Hand zu weisen sei: «Mit der Ehe für alle hat das insofern zu tun, dass man weiss, dass in Ländern mit einer Öffnung der Ehe die psychische Gesundheit von queeren Menschen sich verbessert hat.»

Konsequenzen hat Furrer, der selber offen homosexuell lebt, für die Segnungen keine zu befürchten. Bild: watson

Er selbst scheint die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu befürworten. «Ein ‹Ja› zur ‹Ehe für alle› sollte selbstverständlich sein für Personen, die sich wünschen, dass die Menschen gesund und selbstbestimmt leben können.» Als Würdenträger der katholischen Kirche fügte er aber hinzu, dass es zwischen dem kirchlichen und zivilrechtlichen Ehe-Verständnis Unterschiede gebe. Er betont jedoch: «Darum geht es hier nicht. Hier geht es um einen Segen, der ausdrückt, dass man eine Lebensform gutheisst und ihr nur das Beste wünscht.»

Lob für «Abkehr von Homophobie»

Der leise, aber doch hörbare kirchliche Support für die «Ehe für alle» kommt beim Ja-Komittee gut an. «Es freut uns natürlich sehr, dass auch die Kirche die gleichgeschlechtliche Liebe mit einem solchen Zeichen gutheisst», sagt Jan Müller vom Pro-Lager. Er verstehe, dass die Aktion ungewöhnlich sei und zeigt Verständnis dafür, dass der Vorwurf der «Heuchelei» aufkomme. «Von der Kirche war häufig nur eine diskriminierende Deutung der Bibel zu lesen. Aber genau deshalb ist es gut, wenn sich Pfarreien wie hier in Zürich für eine Abkehr von der Homophobie aussprechen. Gerade im Hinblick auf die Abstimmung», so Müllers Begründung.

Dass das am 10. Mai passiert, kommt nicht ohne Grund. Als Gedenktag des Noah (in der orthodoxen Kirche) wird damit der Regenbogen angesprochen, der laut Bibelerzählung nach der Sintflut und der Rettung durch Noahs Arche, allen Menschen gewidmet wurde.

Bei der öffentlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare handelt es sich laut Angaben Furrers um eine Schweizer Premiere. Bisher seien diese heimlich erfolgt. Für Furore sorgte im Herbst 2014 der damalige Pfarrer von Bürglen UR, als er ein lesbisches Paar segnete. Der zuständige Churer Bischof forderte seinen Rücktritt, er behielt jedoch seinen Posten, nachdem sich der Kirchenrat und grosse Teile der Pfarrei hinter ihm stellten.

Solche Konsequenzen muss Furrer, dessen homosexuelle Orientierung öffentlich bekannt ist, nicht fürchten. Er ist als Seelsorger direkt bei der katholischen Kirchgemeinde der Stadt Zürich angestellt, eine Beauftragug durch das Bistum liegt nicht vor.

Befürwortest du die «Ehe für alle»?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Die Lesben-Segnung von Bürglen UR

Bürglen UR: Seit bekannt wurde, dass der Bischof Pfarrer Wendelin Bucheli versetzen will, ist das Dorf in Aufruhr. Im Bild: Gasthaus Adler (links), Kirche Bürglen, das Pfarrhaus (rechts).
Der Grund für den Entscheid des Bischofs: Bucheli (Bild) hat ein lesbisches Paar gesegnet. KEYSTONE / URS FLUEELER
Bürglen
Die Dorfbewohner stellen sich hinter ihren Pfarrer – und wollen für ihn Kämpfen. Im Bild: Gabi Brunner
Er hat den Entscheid, dem Paar den Segen zu erteilen, mitgetragen, und stellt sich hinter Bucheli: Peter Vorwerk, Vizepräsident des Kirchenrats.
«Dass der Bischof nicht einverstanden ist mit der Segnung, überrascht mich nicht», sagt Ulrike Müller. «Ein Ärger ist es trotzdem.»
«Das ist lächerlich», sagt S. M. (Name d. Red. bekannt), geboren und aufgewachsen in Bürglen UR. «Wir leben doch im 21. Jahrhundert!»
Feststimmung herrscht trotzdem an diesem Mittwoch: Kinderumzug in Bürglen.
Der Kirchenrat will den Bischof um ein Gespräch ersuchen. Bis dahin steht fest: Bucheli lässt sich nicht vom Bischof aus Bürglen verjagen – nur von der Presse.

Der alte Spanier zu Pfarrer Bürglen

Video: watson / Roberto Krone

Das könnte dich auch interessieren:

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität